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Das Grummeln Amerikas

 

Klarkommen war gestern. Der einstige Rapper Everlast hat nichts mehr zu feiern. Auf seinem neuen Album beklagt er den Niedergang der amerikanischen Gesellschaft.

© Long Branch Records

Falls Sie es noch nicht bemerkt haben: Die Welt gerät aus den Fugen. Die einen werden immer reicher, die anderen immer ärmer. Die einen machen Profit, die vielen anderen verlieren ihre Jobs. Häuser gehören jetzt der Bank und stehen leer, Menschen leben in ihren Autos und hungern. Andere haben gar nichts mehr, keinen Job, kein Auto, kein Leben. Die, die sich das nicht mehr gefallen lassen, gehen auf die Straße und protestieren. Wenn sie im falschen Land leben, werden sie dafür von den Mächtigen zusammengeschossen.

So weit ist es in den Vereinigten Staaten von Amerika noch nicht. Aber was die Besetzung der Wall Street war für die politische Kultur, das ist Everlast neues Album Songs of the Ungrateful Living für die Popmusik: ein undeutliches, nicht ganz einheitliches, aber doch laut zu hörendes Grummeln der Unzufriedenen.

Und Grummeln, das kann Erik Schrody. Er nennt sich Everlast, seit er nicht mehr mit House of Pain kräftig rumpelnden Hip-Hop macht, sondern irgendwie so bluesigen Country-Folk, der aber auch die Rap-Wurzeln seines Urhebers nicht ganz verleugnen mag. Mit House of Pain nahm Schrody Jump Around auf, eine Party-Hymne, die noch heute auf keiner zünftigen Sause fehlen darf. Mit Everlast entdeckte er sein soziales Gewissen und seitdem murrt und mosert er mit seiner mitgenommenen, raspeligen Stimme über den lieben Gott und die böse Welt und all das Unrecht, das dem kleinen Mann so passiert. Mit What It’s Like landete er 1999 einen Hit, ein Jahr später gewann er für einen Gastauftritt auf einem Santana-Album sogar einen Grammy.

Nun aber, zwölf Jahre später, ist die Kacke richtig am Dampfen und der mittlerweile 42-Jährige hat Grund, zu wettern wie noch nie. In Little Miss America berichtet er von den Soldaten, die aus dem Krieg zurückkehren in eine Gesellschaft, mit deren verlogenen Werten sie nicht mehr zurechtkommen, obwohl sie diese gerade im Irak verteidigt haben.

In I Get By beschreibt er, wie schwierig es ist, in den heutigen USA eben noch so mit ehrlicher Arbeit klar zu kommen. Im dazugehörigen Video sprühen Schrody und ein paar vermummte Freunde Parolen wie „Cheat Taxes“ an nächtliche Häuserwände und hängen Schilder auf, auf denen „Broke is the new Black“ steht.

In Friday the 13th schließlich bekommen die Religionen ihr Fett weg, die erklärt Schrody zu einer einzigen Lüge: „Everbody wants to go to heaven, nobody wants to die„.

The Rain

Auf seinem letzten Album, dem vor vier Jahren erschienenen Love, War and the Ghost of Whitey Ford schien es noch so, als wollte Everlast wieder näher an den Hip-Hop rücken. Auch auf Ungrateful Living finden sich Hip-Hop-Beats in I Get By, Moneymaker oder The Rain. Aber das neue Album klingt wieder so eigen und keinem Genre wirklich zuzuordnen, wie das in Everlasts besten Momenten immer war: oft akustisch, gern balladesk, aber auch rockig, voller Blues und Zorn und Wut.

Möglich ist aber auch ein Schmachtfetzen im Country-Stil wie The Crown, das davon handelt, wie sich der einsame Mann gegen die Anforderungen des Alltags und des Älterwerdens stemmt, während eine Slide-Gitarre im Hintergrund herzerbärmlich wimmert. Später dann, in Sixty-Five Roses, wird es aber noch schlimmer: Die Liebe ist vergangen, das letzte Lächeln verlogen, jeden Tag kommen neue schlechte Nachrichten und Hoffnung ist nur noch eine Droge, also geht der Sänger auf die Knie und sucht sein Heil doch wieder beim Allmächtigen.

So ausweglos die Situation auch scheint, neu ist sie nicht. Also muss Erik Schrody all die Songs, die nötig wären, nicht selbst schreiben. Ein paar sind schließlich schon gesungen worden. Von Sam Cooke zum Beispiel. Am Ende des Albums steht eine Coverversion von A Change Is Gonna Come. Eine dünne, einsame, verzweifelte Orgel pfeift sich durch Everlasts Version der Hymne der Bürgerrechtsbewegung der sechziger Jahre. Die Hoffnung auf einen wirklichen Wandel ist nur mehr schwach. Aber sie stirbt eben doch zuletzt.

„Songs of the Ungrateful Living“ von Everlast ist erschienen bei Long Branch Records/SPV.

13 Kommentare


  1. Ohne ein Wort vom Artikel gelesen zu haben. Die Einleitung enthält schon eine Fehlinformation. Er ist immer noch Rapper, nicht einstiger. In den Formationen „House of Pain“ und „Slaughter House“ gibt Everlast sein Rap/Hip Hop Talent und Können immer noch zum besten.

  2.   Ralph

    erik hat sich schon immer everlast genannt….

  3.   Betrachter

    Everlasts letztes Album ist ziemlich gut gelungen, auch wenn ich den erwähnten Vorgänger aus dem Jahr 2008 dann doch etwas gelungener fand. Everlast war übrigens auch schon immer Everlast, und er hat sich durchaus mehr in Richtung Blues und Country bewegt. Das wirkt alles manchmal alles etwas zu vermischt, aber ich glaube man kann ihm als Musiker am wenigsten den Vorwurf machen sich nicht weiter entwickelt zu haben. Oder zurück, denn bekanntlich baut die moderne Musikwelt auf dem Blues auf.
    Im Prinzip singt Everlast doch darüber, dass sich die Dinge nur teilweise wirklich verändern. Auch in der Entstehungszeit des Blues ging es vor allem um materielle Sorgen. Das Album macht das ganz gut, nur wirkt es auf die Dauer leider ein wenig ermüdend, da vieles ähnlich klingt. Anders als seine anderen Alben kann man Songs of the Ungrateful Living also ruhig auch mal zwischenzeitlich auf Pause stellen statt es an einem Stück zu genießen.


  4. Hip Hop, der neue Quell für Arbeiterlieder und Klassenbewusstsein. Ist ja lustig.

    Vermutlich machen die Amis nur auf Krise, weil sie das Vermarktungspotential erkannt haben. Die Schlawiner.

  5.   Seewespe

    Und Ihre Wertung? Wobei andererseits stellt sich die Frage, ob immer alles tatsächlich einer Bewertung bedarf… Das Album spricht für sich und hebt sich durch seinen anderen Stil in Wort, Gesang und Musik wohltuend ab, vom anderen, die ganze Woche vorherrschenden „Freitagabend-Party-Style“. Der ist zwar auch durchaus auch gut die, Woche über aber auch irgendwann zu lau und zu „abgehört“. – Dann doch zur Abwechselung lieber mal wieder was, „das ordentlich brummt“ bzw. „grummelt“…


  6. Coole Sache, Everlast hat auch mal was mit Ill Bill gemacht, der ein Teil von Non Phixion war.


  7. „Erik Schrody. Er nennt sich Everlast, seit er nicht mehr mit House of Pain kräftig rumpelnden Hip-Hop macht“, ist nicht richtig. Everlast nannte er sich schon vor seiner Zeit bei House of Pain.

  8.   Kangaroo

    Schade das der Artikel voll von nichtssagenden Sätzen und kein klares Fazit zu erkennen ist. Nur zwischendurch ein paar Spitzen, die Wortwahl wird den aufmerksamen Leser entzücken!

    Es bleibt aufgrund des letzten Absatzes zu vermuten das sich der Autor wünscht Everlast selbst hätte mehr Texte geschrieben. Fraglich ist ob es die Aussage seines Albums unterstützt hätte.

    Nach den gebotenen Hörproben behaupte ich das sein neues Album den Stil der vorangegangenen trägt. Ich freue mich darauf.

  9.   Der Geringste

    Toller long player von EVERLAST, der schon am 15.10.2011 veröffentlicht wurde! Wird dann die Rezension vom neuen Van Halen Album unter zeit.de auch noch ca. 3 Monate dauern?


  10. Nicht zu vergessen LA COKA NOSTRA