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Gottvater des French House

 

Zum 20-jährigen Dienstjubiläum feiert sich Etienne De Crécy mit einer fünfteiligen CD-Box. Ja, er war riesig in den Neunzigern, hat Stil und Klang einer tanzenden Szene geprägt.

© Marie De Crécy

Die gute Nachricht vorweg: Norbert Röttgen wird diese Platte nicht kaufen. Als Bundesumweltminister möchte man sicherlich nicht mit einem Album gesehen werden, das My Contribution to the Global Warming heißt. An dem französischen Dance-Produzenten Etienne De Crécy wird es also nicht liegen, wenn die CDU in NRW verliert. Man kann aber auch anders feiern: Sein zwanzigjähriges Dienstjubiläum begeht De Crécy in diesen Tagen mit eben dieser opulenten Zusammenstellung. Auf nicht fünf CDs sind essenzielle Stücke, unveröffentlichtes Material und ausgewählte Remixe versammelt. Angesichts dieser Fülle an Musik muss man sich die Frage stellen, ob das wirklich notwendig war. Ist dieser Mann so wichtig? Als Antwort darauf zunächst nur drei Stichworte: French House, Super Discount, Motorbass.

Als 1996 eine gewisse Platte aus Paris in den Läden auftaucht, wissen nur die Spezialisten Bescheid. Alle anderen denken sich: Motorbass, guter Name. Musik wie auf dem Album Pansoul hat man so noch nicht gehört. Etienne de Crécy und sein Partner Phillipe Zdar verbinden tief polternde House-Bässe, Hip-Hop-geschulte Beats und clever arrangierte Funk-Samples zu glühender Tanzmusik für die Großstadt. In Stücken wie Les Ondes perfektioniert das Duo zudem den Einsatz des Filters, der Basslinien oder Loops wie aus akustischen Tiefen an die Oberfläche zieht. Dieser Effekt wird neben den funky Basslinien und dem kunstvollem Einsatz von Samples zum Synonym für French House.

Mit Pansoul ebnen Motorbass den Weg, nur wenige Monate später folgt mit Homework von Daft Punk der nächste Geniestreich. Von nun an beherrscht der French Touch die Clubmusik. Ob Cassius, Alex Gopher, Stardust, Alan Braxe, Dimitri from Paris oder St Germain – am Sound aus Frankreich führt kein Weg vorbei. Paris is burning.

Und Etienne de Crécy brennt am hellsten. Stücke wie Prix Choc und Les Patrons est devenu fou von seiner Kompilation Super Discount definieren den Stil und Klang der Szene. Seine ausgefuchsten Remixe für befreundete Gruppen wie Air erreichen sofort Klassikerstatus. Auf dieser Zusammenstellung sind sie alle zu hören. Die Stücke dieser Zeit als Essentials zu bezeichnen, ist nicht übertrieben. De Crécy hat einen Lauf, aber besser wird er danach auch nicht mehr.

Als das zweite Album Tempovision im Jahr 2000 erscheint, ist der Zeitpunkt denkbar schlecht. French House ist mittlerweile passé und die Superstar-Kollegen von Daft Punk zeigen sich nur noch in Roboterkostümen. De Crécys Singles Am I Wrong und Scratched klingen weit entfernt von dem juvenilen Hype aus Paris, sondern wie Tanzmusik für Erwachsene. Es sei es ein Blues-Album, sagt Etienne de Crécy heute.

Nach Tempovision verliert er irgendwie den Faden. Er probiert es mit Electro, produziert recht nervigen Krach-House und tastet sich wieder an seine ursprüngliche Liebe Techno heran. Aber es will nicht mehr zünden. Selbst die zweite Super-Discount-Ausgabe interessiert kaum noch jemanden. Und deshalb geht der an sich völlig berechtigten, aktuellen Jubiläumszusammenstellung bald die Puste aus.

De Crécys Schaffen ist bei Weitem nicht so kontinuierlich brillant, dass man damit fünf CDs füllen könnte. Ganz zu schweigen von unveröffentlichtem Material und mittelprächtigen Remixen, deren Existenzberechtigung rätselhaft bleiben. Selbst die unveröffentlichten Stücke aus den frühen neunziger Jahren wirken in ihrer skizzenhaften Verspieltheit kompakter und mitreißender als die lahmen Electro-House-Nummern zehn Jahre später.

Hätte er sein Können auf zwei CDs verdichtet, Etienne de Crécy hätte alles richtig gemacht. Es wäre eine glanzvolle Werkschau gewesen, ein relevantes pophistorisches Dokument. So aber bleibt nicht nur der latente Eindruck künstlerischer Fehleinschätzung, sondern auch ein Zeugnis dessen, wo tolle Clubmusik falsch abgebogen ist. Hieß es früher einfach nur „Move it, Babylon!„, fordert im Stück France eine leblose Frauenstimme „Champagne!„. Die globale Erwärmung lässt sich damit nicht kaltstellen.

Das Boxset „My Contribution to the Global Warming“ von Etienne de Crécy ist bei Pixadelic erschienen.


1 Kommentar

  1.   frillinx

    de crecy u. künstler wie daft punk, sind durchaus auch für freunde des
    blues-rock interessant, weil trotz elektronischem schnickschnack,
    eine erstaunlich bodenständige, rockige linie erkennbar ist. allerdings: ich war 1978
    einer der glücklichen, die im rahmen der WDR-rocknächte, live in der
    essener grugahalle, das konzert von dickey betts great southern, erleben
    konnten. da kommt kein electro-pop ran.