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Klänge, die wie Eiskristalle glitzern

Von 21. Mai 2012 um 17:24 Uhr

Hendrik Weber alias Pantha du Prince ist der kluge Überflieger der deutschen Technoszene. Sein neues Duett “Ursprung” mit Stephan Abry erinnert an Krautrock und Ambient.

© Dial Records

Am Anfang war das Feuer. Ursprung – ein Schriftzug in Flammen auf der Plattenhülle, dahinter ein brüchiges Eismeer. Die Künstler hinter fremdartigen Masken. Offensichtlich wird hier Geheimnisvolles, Elementares und Umwälzendes geschehen. Es geschieht dann vor allem erstmal etwas sehr Schönes.

Ursprung, das sind Stephan Abry und Hendrik Weber. Während letzterer als Pantha du Prince mit This Bliss und Black Noise zwei der schönsten Alben elektronischer Musik der vergangenen Jahre veröffentlicht hat, spielte Stephan Abry in den neunziger Jahren in der Krautrock-Experimentalband Workshop. Auch auf Black Noise war er als Instrumentalist zu hören.

Dass sich beide nun für ein gemeinsames Album zusammengefunden haben, erscheint da nur logisch, wagte sich Weber mit seinen Klangforschungen und Auftritten wie mit dem Kirchenglocken-Ensemble The Bell Laboratory doch immer weiter vor in experimentelles Fahrwasser.

Wie es Hendrik Weber für seine eigenen Platten zu tun pflegt, haben auch Ursprung für die Aufnahmen zu ihrem ersten Album den Rückzug in die naturbelassene Abgeschiedenheit geübt. In den Schweizer Voralpen entstand ein Großteil der Musik. Auch deshalb klingt Ursprung zunächst einmal ganz nach Webers typischer Handschrift.

Da ist die Vielzahl der schwebenden Klänge, die wie Eiskristalle glitzern. Da ist die melancholische Weite des Sounds, die Bilder von magischen Landschaften heraufbeschwört. Und unter allem pulsiert sanft und sacht eine elektronische Basstrommel. Dabei fehlt Ursprung jedoch alles technoide. Es ist ein vollkommen organischer Klang, den Tobias Levin reichhaltig abgemischt hat. Stimmungen entstehen wie Wolkenfelder und ziehen ebenso vorüber. Einmal führt die Musik wie auf einem verschlungenen Pfad hinab ins Dunkel, um sich kurz darauf umso klarer und heller zu weiten.

Nicht nur der Name des Duos weist in Richtung Krautrock und Kosmische Musik. Wichtige Formationen wie Cluster und Harmonia sind in Stücken wie Mummenschanz, Chrüzegg oder Seiland herauszuhören. Daneben spielen Brian Enos wegweisende Ambient-Musik und die Innovationen des Gitarristen Robert Fripp eine wichtige Rolle.

Überhaupt, diese Gitarre: Zwischen all den flüchtigen und mikroskopischen Texturen schafft Stephan Abry eine wunderbar fließende Balance und formuliert das Thema jedes Stücks. Auch das haben Ursprung von großen Krautrock-Bands wie Popol Vuh gelernt.

Anders als auf seinen penibel konstruierten Solo-Alben atmet die Musik von Ursprung eine Freiheit, die sich Hendrik Weber als Pantha du Prince nicht gönnt. So klingen besonders die ruhigen Ambient-Stücke der Platte beinahe improvisiert und ausufernd in ihrer Kreativität.

Da tut es stellenweise schon sehr gut, einen einigermaßen rund laufenden Bass wie in Lizzy zu hören. Denn streckenweise übertreiben es Weber und Abry auch einfach. Darin sind sie ihren oft endlos gniedelnden Vorbildern aus den siebziger Jahren ähnlich. Kosmische Wahrheiten sind eben nicht unter 50 Minuten zu haben.

Das gleichnamige Debütalbum von Ursprung ist bei Dial Records erschienen.

Kategorien: Elektronika, Techno
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Beliebig…Gähn….

    • 21. Mai 2012 um 20:04 Uhr
    • Knecht Ruprecht
  2. 2.

    tolle rezension!

    • 21. Mai 2012 um 21:11 Uhr
    • dëfr
  3. 3.

    Endlich mal was Vernünftiges und nicht diese gehypten magersüchtigen Gören. Wunderbar! Den Autor könnt ihr festanstellen ;)

    Danke

    • 21. Mai 2012 um 23:23 Uhr
    • Asphalt
  4. 4.

    Einfach großartig. Seit 2 Jahren ist Pantha du Prince nun mein absoluter Favorit.
    Die Platten werden nie langweilig, weil immer wieder neue Klänge hervortreten, die man nie vernommen zu haben glaubt. Minimal, kaum tanzbar in einigen Ansätzen aber durchaus technoid. Mal hell, mal düster, mal trist, mal farbenfroh – viel Raum und Tiefe. Und das in jeder Jahres- und Tageszeit und in praktisch jeder Stimmung. Traumhaft für diejenigen, die es mögen. Eiskristalle treffen es tatsächlich. Mir bringt es Ruhe und Gleichgewicht.
    Ich kann allerdings durchaus verstehen, wenn man die Tracks zu langatmig, zu flach und zu verbimmelt und verklingelt empfindet. Das ist natürlich Geschmackssache.
    Aber wer sich drauf einlässt und mit guten Kopfhörern genauer hinhört wird vielfach belohnt.
    Ursprung werde ich mir auf jeden Fall genauer anhören.

    Viel Dank für den Artikel

  5. 5.

    Großartig!

    • 22. Mai 2012 um 01:40 Uhr
    • Thomas
  6. 6.

    Ganz nett, erinnert mich an “Boards of Canada”. Aber B.o.C. gefallen mir besser.

    • 22. Mai 2012 um 01:52 Uhr
    • Klaus Miene
  7. 7.

    In den Achzigern nannte man das Baustellenmusik.

    • 23. Mai 2012 um 18:44 Uhr
    • Der wahre Jakob
  8. 8.

    “Black Noise” war in meinen Augen eines der interessantesten deutschen Alben der letzten Jahre. Wobei ich ehrlich sagen muß, daß ich die sphärisch flirrende Kälte dieses Albums hier bei diesem Projekt vermisse, die Eiskristalle machen sich rar. Es plätschert stattdessen latent beliebig dahin.
    Hat mich nun aber gerade zu bewogen, mal wieder Kammerflimmer Kollektief zu hören, die musikalisch in eine ähnliche Kerbe schlagen, aber dabei doch ein gutes Stück inspirierter zuwerke gehen.

  9. Kommentar zum Thema

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