Das Musik-Blog zwischen Disko und Diskurs

Mut zum debilen Ausrasten!

Von 25. Mai 2012 um 13:39 Uhr

Wer hat die lauteste Disco? Das Hamburger DJ-Duo Moonbootica will mit seinem neuen Album die Boxen zum Schmoren bringen. Lustiges Sägezahn-Geballer für die absolute Party.

© Four Music

Auf dem Schulhof war alles nur eine Frage der Dimension. Spielzeugautos, Haustiere, Väter – alles musste für den Kräftevergleich herhalten. Meins ist schneller, größer, reicher. Doch die Zeiten haben sich geändert. Glaubt man dem neuen Albumtitel des Hamburger Duos Moonbootica, gelten heute ganz andere Wertmaßstäbe: Wer hat die lautere Disco?

Dass mittlerweile fast jede Dance-Platte wie ein Raketenstart beginnt, daran haben wir uns gewöhnt. Our Disco Is Louder Than Yours startet jedoch mit einem besonders schubstarken Intro: monströse Achtziger-Jahre-Synthesizer schrauben sich in die Höhe, darunter schalten die Bass-Triebwerke hoch. Ein Soul-Sample sorgt für die nötige Wehmut. Maximale Spannung, größtmöglicher Knalleffekt. Diese Disziplin haben die Hamburger DJs Tobitob und KoweSix schon immer ziemlich gut beherrscht.

Geschult am feierwütigen Electro von Bands wie Justice, dem Disco House von Daft Punk und dem breitbeinigen Kumpel-Pathos des Hip-Hop, rollt ihre Musik wie eine Ladung angetrunkener Wochenendtouristen über einen hinweg. Kein Wunder, dass Moonbootica auf der aktuellen Tour den gefürchteten Diskurs-Krawallisten Deichkind als Anheizer dienen dürfen.

Tatsächlich hat der Sound von Moonbootica keinen anderen Zweck als größtmöglichen Schaden im _____________ (hier bitte den Namen einer Ihnen bekannten Großraumdiskothek einsetzen) anzurichten. Wie sonst sollte man die rücksichtslos ballernden Einwegbeats, die grell flackernden Kirmes-Effekte, meterdicken Sägezahn-Bässe und überdrehten Stop-and-Go-Mechanismen erklären? “We came here tonight to get retarded“, die symptomatische Zeile aus dem Stück Tonight ist vollkommen einleuchtend. Nur Mut zum debilen Ausrasten! Abgehen erbeten.

Leicht ist es nicht, die Diamanten unter dem groben Party-Geröll zu entdecken. Doch es gibt sie: der leider viel zu kurz geratene Funk-Schleicher Hamburg, Not Cheeseburg, der vertrackte Videospiel-Soul in Game und das laszive Ghost Machine mit dem Gastsänger Tomas Høfding von der dänischen Dance-Pop-Band WhoMadeWho sind großartige Club-Schieber. Interessanterweise sind es gerade diese Stücke, in denen Moonbootica das Tempo drosseln und so etwas wie Atmosphäre entsteht. Leider wird die kurz danach von der nächsten Basslawine verschüttet.

In seinem inszenierten Exzess fast schon hermetisch, ist Our Disco Is Louder Than Yours eine Party mit strenger Gästeliste. Alles, was nicht unmittelbar zur Abfahrt beitragen kann, wird ausgeladen. Der klebrige Kitsch-Groove auf dem finalen Winter Blossom tut daher doppelt weh. So richtig wohl fühlen sich Moonbootica offenbar nur, wenn sie einfach das Gaspedal durchtreten dürfen. Die Karre raucht, aber bis zur Tanke wird’s wohl noch reichen.

“Our Disco Is Louder Than Yours” von Moonbootica ist bei Four Music erschienen.

Kategorien: Elektronika, House
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Genau sowas habe ich gerade gesucht
    let’s PPPpppaaaarttttyyyyYYYY!

    • 25. Mai 2012 um 18:15 Uhr
    • Talan068
  2. 2.

    Sehr gute Musik. Gefällt mir. :

    • 25. Mai 2012 um 21:19 Uhr
    • 15thMD
  3. 3.

    jetzt weiß ich wieder, warum ich discos nie gemocht habe.

    • 25. Mai 2012 um 23:56 Uhr
    • frillinx
  4. 4.

    ach ja, ich hasse es, wenn grooves zerhackt werden.

    • 26. Mai 2012 um 01:44 Uhr
    • frillinx
  5. 5.

    Was ist an dem Geballer lustig? Ganz schön traurig, daß manche es nötig haben, sich so zuzudröhnen….

  6. 6.

    Laaangsam. Und billig.

  7. 7.

    “rollt ihre Musik wie eine Ladung angetrunkener Wochenendtouristen über einen hinweg.” Musik für Essex boys and girls. In der Tag.

  8. 8.

    Ohrenmüll

    • 26. Mai 2012 um 20:11 Uhr
    • Barbara Görner
  9. Kommentar zum Thema

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