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Darauf ein Glas Absinth!

 

Dirk von Lowtzow und Thies Mynther in Höchstform: Als Phantom Ghost ist den beiden ein komisches, viktorianisches, plüschiges Musikmelodram gelungen – vielleicht das beste Album des Jahres.

© Jutta Pohlmann

Sie fühlen sich schwach? Ihnen gelingt nichts mehr? Sie drehen sich im Kreis? Dann gibt es Hoffnung! Rufen Sie Dr. Schaden Freud, der Ihnen gern mit allerlei Tingeltangel und Exorzismen aushilft. Die Nummer steht auf der geheimnisvollen Karte. Hereinspaziert ins Spiegelkabinett von Phantom Ghost, willkommen auf Pardon My English, der vielleicht exzentrischsten und besten Platte des bisherigen Jahres.

Die Personen hinter dem wehenden Brokatvorhang sind übrigens der Tocotronic-Frontmann Dirk von Lowtzow und das Stella-Mitglied Thies Mynther. Die ausgeprägte Vorliebe des Duos für Schauerromantik, spiritistischen Bohei und allerlei fantastischen Spuk war auf den vorangegangenen Alben schon zu hören. Auf Pardon My English erfährt diese höchst unterhaltsame Mischung aus Kammermusik, Kunstlied und schwelgerischem Pathos einen ganz neuen Schliff.

Pardon My English
ist ein larmoyantes Musikmelodram voller Komik und schwarzer Melancholie. Und ein Lehrstück in perfekter Inszenierung. Schließlich sitzt von Lowtzow im Beirat der renommierten Zeitschrift Texte zur Kunst und stellt selbst als Künstler aus. Dieses engmaschige Netz aus Performance Art, Kunst und Musik könnte anstregend sein. Aber Phantom Ghost verfügen über genug Lust an Verstiegenheit und dramatischem Humor, um reichlich doppelte Böden einzuziehen.

Dirk von Lowtzow, der sich langsam aber sicher zu einem der besten Popsänger entwickelt, trägt jede Zeile mit großer Geste und erhobenem Absinth-Glas vor. Pardon My English? Von wegen. Man muss ihm nur einmal dabei zuhören, wie er das geniale Dr. Schaden Freud eröffnet: „Full of sadness, uninspired / Thrown off the shortlist, no brush stroke in weeks / Close to madness, always tired / you tried and you missed / you passed all your peaks„. Das ist kreativer Stillstand als hedonistischer Wahnsinn.

Diese unzähligen verschrobenen Bilder und Vexierspiele machen Pardon My Englisch zu einem Hochgenuss. In Dreams Of Plush feiern Phantom Ghost die Faulheit in Plüsch – ein kleiner Wink an die befreundete Künstlerin Cosima von Bonin, bekannt für ihre überdimensionalen Stoffskulpturen und die Plattencover von Phantom Ghost. Dazu hüpft ein House-Piano – schließlich ist man beim Label Dial zuhaus, auch wenn die elektronischen Anleihen der Vorgängeralben fehlen.

Dafür rückt Thies Mythers Klavierspiel wieder stärker in den Vordergrund: Mit Bedacht haben Phantom Ghost kleine Instrumentalstücke zwischen die Songs platziert. Mynther spielt sie ausdrucksstark und konzentriert, zwischen barocker Anmut und Minimalismus wandelnd. Dazu kratzen Kobolde an den Saiten, dreht sich leise die rostige Spieluhr.

Im Zentrum der Platte aber stehen die Duette mit der Künstlerin Michaela Meise, deren faszinierendes Album Preis dem Todesüberwinder mit Reinterpretationen katholischer Kirchenlieder als Fußnote zu diesem Album gehört werden kann. Gemeinsam mit Von Lowtzow singt sie das verwunschene In The Tittery und spielt die Hauptrolle im Mikro-Musical Phantom Of The Operette.

Weitere Gäste wie die Cellistin Boram Lie vom Brandt Brauer Frick Ensemble und Thomas Niehaus an der Posaune veredeln die Eleganz der Platte, die mit dem wunderschönen Rausschmeißer Three Limericks for Liberty schließt: „Worlds shine bright, when you ride on the wind.“ Ein großes Album viktorianischer Pop-Noblesse. Pardonnez-moi, but I insist.

„Pardon My English“ von Phantom Ghost ist bei Dial Records erschienen.


4 Kommentare

  1.   Miriam

    Toll, dass Absinth endlich wieder eine positivere Stellung in der Getränkelandschaft einnimmt!! Wer mehr zum Thema Absinth wissen möchte, hier gibt es einen informativen Blog: http://www.absinthes.com/de/absinth-blog

  2.   Zungui

    Der Albumtitel offenbart zwar Sinn für Selbstironie, das eigentliche Problem kann er aber leider nicht lösen: Seit dem ersten Album von Phantom Ghost ist der deutsche Akzent derart ausgeprägt, dass er wirklich unangenehm und störend wirkt. Natürlich merkt man das bei vielen deutschen Bands, aber z.B. bei The Notwist kann man es _fast_ ignorieren, da weniger ausgeprägt.

    Lowtzow sollte halt einfach auf Deutsch singen. Bei Toco kriegt er das doch auch hin. Dann gäbe es das Problem nicht. So muss ich auch dieses Album leider ignorieren.

  3.   frillinx

    oft ist es in der tat peinlich, wenn deutsche sänger englisch singen. in
    diesem fall kann man nur sagen: very british! musikalisch werde ich ent-
    fernt an die genialen godley/ creme erinnert. immer diese vergleiche…


  4. Das Problem ist nicht nur von Lotzows Akzent, das Problem ist, dass er eine schreckliche Stimme hat und vor allem überhaupt nicht singen kann. Die Musik hält überhaupt nicht, was die Rezension verspricht. Nach der Rezension hatte ich große Erwartungen, aber was liefert Phantom Ghost? Tausend mal gehörten Weichspül-Indietronic. Hört sich irgendwie an wie das Ergebnis eines Musikschulprojektes. Da schlafen eínem ja die Füße ein! Das bisher beste Album des Jahres? Pfff…
    Das wirkliche Album des Jahres kommt von GRAND DUCHY und heißt „Let the people speak“!