Das Musik-Blog zwischen Disko und Diskurs

Zwischen Amy und Adele

Von 23. Juli 2012 um 14:06 Uhr

Noch eine fantastische Debütantin: Lianne La Havas aus London schreibt mal ein paar fluffige Soul-Folk-Songs und landet in den britischen Top Ten. Völlig zurecht.

© Alex Lake

Das nennt man wohl Naturtalent: Seit knapp fünf Jahren spielt Lianne La Havas erst Gitarre, da bringt sie schon ein Album raus, das prompt in die britischen Top Ten einsteigt. Und als ob das nicht genug wäre, ruft auch noch Prince an, um sie zu loben und Bon Iver laden sie auf Tour ein. Wer ist diese Engländerin, die für so viel Aufsehen sorgt?

Aufgewachsen im Süden Londons als Tochter eines Griechen und einer Jamaikanerin, möchte La Havas zunächst bildende Künstlerin werden, schwenkt dann aber schnell in Richtung Musik um. Sie singt in der Band von Paloma Faith, beginnt eigene Stücke zu schreiben. Beeinflusst von Simon & Garfunkel und Joni Mitchell, aber auch von Ella Fitzgerald und Erykah Badu entsteht ihre eigene Mischung aus Folk und Soul.

Ihre gefühlvollen Songs kreisen um ihre sinnliche Stimme, ausgestattet mit einem wunderbaren Vibrato. In manchen Momenten hat sie sogar etwas vom jazzigen Timbre einer Billie Holiday oder Sade. Meist begleitet sie sich selbst auf einer fünfzig Jahre alten E-Gitarre, die sie nach ihrer verstorbenen Großmutter benannt hat. Für die wenigen anderen Instrumente ist vor allem der englische Singer-Songwriter Matt Hales – besser bekannt als Aqualung – verantwortlich. So klingt das ganze Album warm, organisch und so gut wie nie überladen.

Der Glanzpunkt ist Age, eine Ballade im Bossa-Nova-Stil über die Liebe zu einem älteren Mann. Als La Havas den Song vergangenen Herbst in der BBC-Sendung Later… with Jools Holland präsentiert, stiehlt sie fast den ebenfalls eingeladenen Bon Iver und Feist die Show. Im weißen Kleid, mit überkreuzten Beinen, die Gitarre auf Beatles-Höhe gehängt, wirkt sie so entspannt und selbstbewusst, als machte sie seit Jahrzehnten nichts Anderes.

Unter die Stücke auf Is Your Love Big Enough? mischen sich auch schnellere, beinahe tanzbare Nummern. Verzerrte Funkgitarren, Hip-Hop-Beats und im experimentellen Forget sogar ein orientalischer Refrain. Beim vorzüglichen Duett mit dem New Yorker Folksänger Willy Mason konzentriert sich wieder alles auf Gesang und Gitarre. “We all make mistakes. We do. / I learned from you“, singen sie gemeinsam im Refrain, und Mason, der klingt wie Chris Martin zu Zeiten von Parachutes, gibt dem Stück den letzten Schliff.

Eine Schwäche hat das Album jedoch. Jeder kennt Songs, die man nicht einfach nebenbei hören kann, weil sie einen im positiven Sinne aus dem Konzept bringen. Man hält inne, unterbricht, was man gerade macht. Solche besonderen Momente fehlen den Stücken von La Havas. Sie weiß stets ein Sicherheitsnetz unter sich, tritt kaum aus ihrer Komfortzone heraus. Das macht Is Your Love Big Enough? keinesfalls zu einem schlechten Album, etwas mehr Risikofreude hätte allerdings nicht geschadet.

Vielversprechend ist das Debüt der 22-Jährigen zweifellos. Wie sie in Elusive Scott Matthews’ Folkrock in verschleppten R’n’B verwandelt, ist beeindruckend. Und in manchen Songs gewährt sie ihrer Stimme deutlich mehr Raum und Weite, holt etwa in der Soulballade Gone fast alles aus sich heraus. Die neue Amy Winehouse ist Lianne La Havas wohl nicht. Aber weit mehr als Adeles Schwangerschaftsvertretung ist sie in jedem Fall.

“Is Your Love Big Enough?” von Lianne La Havas ist erschienen bei Warner.

Kategorien: Folk, Soul
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Gänsehaut :)

    • 23. Juli 2012 um 15:26 Uhr
    • TimmyS
  2. 2.

    Dem kann ich Wort für Wort zustimmen!

    Anbei noch die Solo-Liveversion von ‘No Room For Doubt’ -> https://www.youtube.com/watch?v=JJ1AR7bqB7o Nebst ‘Forget’-Video -> https://www.youtube.com/watch?v=qPrdfvBVaA8

    Bezaubernd.

  3. 3.

    Vielversprechend zum Ersten, zum Zweiten, …

    Noch eine Beitrag-Wiederverwertung

    • 23. Juli 2012 um 16:17 Uhr
    • Doppelbeitraege-Seher
  4. 4.

    Mich stört dies ewige Zitieren und Herausheben von Amy Winhouse – schon zu Lebzeiten war sie eine unter vielen und ich bin sicher, dass es ihr als Mensch nicht gut getan hat, sie so herauszuheben (und sie konnte es eigentlich auch nicht verstehen, weil sie viele andere Sängerinnen kannte und schätzte!). Dies scheint mir lediglich eine Funktion der Medien zu sein, die den Musikerinnen eigentlich nie gerecht wird.

  5. Kommentar zum Thema

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