Das Musik-Blog zwischen Disko und Diskurs

Neues von Irlands Grummelmonster

Von 28. September 2012 um 08:54 Uhr

Früher beschimpfte Van Morrison das Publikum, heute setzt er seine Stimme ökonomischer ein: Sein neues Album ist ein Kommentar zur Finanzkrise.

© Exile Productions

Tourism Ireland hat’s nicht leicht. Das Land kann zwar eine überaus üppige Vegetation vorweisen, ist ansonsten aber vornehmlich bekannt für Hungersnöte, Finanzkrisen und ein torfähnliches Getränk, das die Einheimischen für Bier halten. Also hatte das irische Fremdenverkehrsbüro unlängst eine Idee, um die touristische Anziehungskraft der Insel zu vergrößern: Man wird in den Zielmärkten Frankreich, Spanien, Niederlande und Deutschland eine Verlosung ausloben, dessen erster Preis eine Reise nach Dublin ist. Höhepunkt des Trips ist der Auftritt von Van Morrison Ende Oktober. Jetzt muss nur noch jemand Morrison sagen, dass er über seinen Schatten springen sollte und freundlich sein muss zu den Fremden.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet der als extrem muffig verschrieene Van Morrison zum Botschafter seines Heimatlandes ernannt wurde. Nein, Diplomatie war noch nie die Stärke des mittlerweile 67-Jährigen, der regelmäßig Kollegen versetzte, Mitmusiker zusammenschiss und seinem Publikum schon mal Alkohol und Handys verbot, damit es sich auf ihn konzentrieren kann. Nein, seine Stärke war immer vor allem seine Stimme, die nun zum sage und schreibe 34. Mal auf einem Studioalbum erklingt. Es trägt den zweifellos passenden Namen Born To Sing: No Plan B.

Zwar singt Morrison längst nicht mehr so expressiv wie früher. Vermutlich steht seiner mit ihm gealterten Stimme einfach nicht mehr die alte Ausdrucksbreite zur Verfügung, vielleicht aber – was auch nicht ganz unwahrscheinlich ist – hat er einfach keine Lust mehr. Ein gutes Springpferd hüpft nur noch so hoch, wie es muss. Und der sauertöpfische Sänger offenbart auf Born To Sing immer noch oft genug, mit welcher Tiefe sein Organ gesegnet ist.

Perfekt beherrscht er mittlerweile die Kunst der Andeutung: In jedem der bisweilen nur sparsam gesetzten Töne liegt das Wissen, welch Größe diese Stimme einstmals besessen hat, und vor allem das Versprechen, diese Größe jederzeit wieder demonstrieren zu können. Bei Bedarf. Aber nur, wenn der Herr entsprechender Laune ist.

Diese Laune ist zuletzt auch nicht unbedingt besser geworden. Tatsächlich äußert sich Morrison gleich in mehreren Liedern des Albums zur Finanzkrise, die sein Heimatland so getroffen hat. Das darf man als Sensation bezeichnen, denn bislang hat sich der große Grummler aus allen politischen oder sozialkritischen Diskussionen herausgehalten.

Nun erklärt er bereits im Eröffnungssong Open The Door (To Your Heart), dass Geld dem Menschen keine Erfüllung bringt, sondern nur seine Rechnungen begleicht. Dazu swingt seine Band entspannt wie ein Horde Rentner auf Dauerurlaub, die Bläser mosern ein bisschen, und Morrison lässt die Stimme fast so beeindruckend knarzen wie damals, als der junge Van zeitlose Klassiker wie Brown Eyed Girl oder Moondance sang.

Das Thema zieht sich weiter durch Born To Sing und im abschließenden Educating Archie schließlich wird Morrison ganz deutlich: “You’re a slave to the capitalist system/ Which is ruled by the global elite.” Solche Weisheiten dürften zwar selbst für die längstgedienten Van-Morrison-Fans keine Neuigkeit sein. Aber erstens klingen sie sehr viel besser, wenn Van The Man sie vorträgt. Und zweitens ist es doch auch mal schön, wenn die miese Laune des Meisters zur Abwechslung mal nicht sein eigenes Publikum trifft, sondern jemanden, der es verdient hat. Auch für die künftigen Gewinner des Preisausschreibens von Tourism Ireland dürfte das eine gute Nachricht sein.

“Born To Sing: No Plan B” von Van Morrison ist erschienen bei Blue Note/EMI.

Kategorien: Blues, Soul
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Hallo Du Liebe,
    hier mal ein lustiger Artikel über die Neue von Van the Man!!!

    Deine Ina

    • 28. September 2012 um 10:42 Uhr
    • Lea Edelmann
  2. 2.

    Das schöne für Van Morrison ist, dass er niemandem mehr etwas beweisen muss. Ich habe mittlerweile fast alle der oben erwähnten 34 Alben dieses Ausnahmekümstlers. Und ob grummelig oder nicht: Gerade seine Live-Auftritte und Live-Platten sind für mich nach wie vor eine Messlatte, an die die allermeisten anderen Musiker und Bands nicht einmal annähernd herankommen.Freue mich sehr auf’s neue Album.

    • 28. September 2012 um 11:23 Uhr
    • yeti
  3. 3.

    ach, der arrogante Schnösel, der… natürlich meine ich nicht den Herrn Rezensenten Winkler, obwohl, habe mal versucht, ihn per mail anzuschreiben, no response. Würde ihm gern meine Begegnung mit dem ollen Morrison erzählen.
    Aber gut, laut Tonbeispiel, es geht ja noch. Dann darf er also nochmal nach Berlin kommen. Diese Fans hier sind schon Ausnahme.

    • 28. September 2012 um 14:54 Uhr
    • charlotte klaue
  4. 4.

    Das Konzert, das man gewinnen kann, ist in Belfast! Die Heimat von Van the Man -
    dem alten Grantler!

    • 29. September 2012 um 09:39 Uhr
    • Monika
  5. 5.

    Ich habe nach Ihrer Rezension die Aufnahme als MP3 bei Amazon direkt runtergeladen. Nach meiner Einschätzung (nach wiederholtem Hören)ist das eine der besten Platten von Van überhaupt!!!

    Auf einer Höhe zum Beispiel mit “Into the Music”.

    Stimme? Eine grosse Stimme hat “Van the Man” doch nie gehabt.

    Seine Stimme war immer Gefühl pur. Das sage ich als 1956 geborener und Fan erster Stunde und über alle 34 etc Alben und Bootlegs.

    Einer seiner Biografen hat sinngemäss mal über Morrison Konzerte gesagt:

    “Man geht immer wieder hin, 9 von 10mal wird man enttäuscht, aber das 10te Konzerte erfüllt einen mit einer unvergleichlichen Zufriedenheit darüber, dass es Perfektion doch gibt”

    PS: Irland ist ein tolles Reiseland. Und Irlands Stärken liegen in Ihren MENSCHEN.

    • 29. September 2012 um 10:39 Uhr
    • Harald Weischede
  6. 6.

    Ein Typ und ein musikalisches Genie

    Ich kenne keinen Musiker und Songwriter, der so viele Songs wie Van Morrison veröffentlicht hat! Und ich bin heilfroh, dass er immer noch schreibt und auftritt. Er ist ein großer Musiker, der Rhythm & Blues, Soul, Rock, Folk, Gospel und Jazz in seine Alben einfließen lässt. Wo andere mühsam ein Best Of Album rausbringen können, ist beim ihm die Frage, wo hört man auf!

    “Van the man” gilt als öffentlichkeitsscheu. Gerade in seinen Anfangsjahren hat er Lehrgeld gezahlt. Nicht er hat an seinen Songs verdient sondern Plattenlabels. Die Zeiten haben Van geprägt. Wahrscheinlich führte es auch dazu, dass er zum Thema Geld und materiellen Dingen mit seinem aktuellen Album Stellung bezieht.

    Sein Konzert am 13.09.2012 in Düsseldorf war eine musikalische Inszenierung. Jeder Song hatte die Qualität einer Mini-Oper. Das Orchester war perfekt auf Van Morrison fokussiert. Auf irgendwelche Ansagen und Schwätzchen mit dem Publikum kann ich bei der Qualität gerne verzichten. Stimme und Menschen werden älter, darum finde ich es ebenso spannend, dass alte Songs neu interpretiert werden. Die Eindringlichkeit ist keinen Millimeter verloren gegangen.

    Ich hoffe, “Van the man” schreibt weiter. Er ist heute schon ein Stück Musikgeschichte.

  7. 7.

    ich hatte das glück, van morrison live zu sehen, als er dr. jekyll u. nicht der muffige, launische mr. hyde war. eine stimme: einzigartig!
    sein neues album ist vielleicht nicht das beste, hält aber – nach wie vor – den hohen standard. alben, wie ” astral weeks “, ” it’s too late to
    stop ” aber auch ” beautiful vision “, haben ihn längst in den musik- olymp gehoben.

    • 29. September 2012 um 20:04 Uhr
    • frillinx
  8. 8.

    Van the Man geht immer. Auch wenn er sehr egozentrisch rüberkommt auf der Bühne.

  9. Kommentar zum Thema

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