Das Musik-Blog zwischen Disko und Diskurs

Konsequente Alte-Säcke-Platte

Von 15. Oktober 2012 um 09:42 Uhr

Das Leben nach Steely Dan: Der 64-jährige Donald Fagen zeigt auf seinem vierten Soloalbum, warum sein Jazzpop so perfekt ins Manufactum-Regal passt.

© Warner Music Group

Möchte man sich einen Rockmusiker als Sleeper vorstellen? Also jenes von der Tonträgerindustrie schwer erreichbare Wesen, das weder Zeit hat noch Lust verspürt, aktuelle Veröffentlichungen käuflich zu erwerben?

Der Amerikaner Donald Fagen, mittlerweile 64, erfüllt die Kriterien eines Schläfers, er habe schon Mitte der Siebziger sein Interesse am Pop eingestellt, teilt er in Interviews mit. Er schöpfe aus einem Plattenregal, das nur 40 Alben umfasse, von Sonny Rollins bis Miles Davis. Und weil Donald Fagen sich aus Prinzip schon aus der Zeit stiehlt, darf er sich auch Zeit mit seinen Alben lassen.

Sunken Condos, sein vierter Longplayer in 30 Jahren, zielt auf ein Publikum, das weiß, dass es eigentlich gar nichts wissen muss. Es kauft das Versprechen, dass diese neue Platte an den gesetzten, elegant gewandeten Highbrow-Jazz-Rock anschließt, den Fagen mit Walter Becker unter dem Namen Steely Dan in den Siebzigern perfektioniert hat. Durchaus für eine junge Hörerschaft damals – Steely Dan waren insofern subversiv, als sie die Frechheit besaßen, uns die Musik unserer Eltern unterzujubeln.

Donald Fagen – I’m not the same without you

Heute hat der Sänger, Songwriter und Keyboarder Fagen endlich das Alter erreicht, das mit seinen Kompositionen zu korrespondieren scheint. Sunken Condos ist eine konsequente Alte-Säcke-Platte geworden, deren geschmeidige Musikalität zum Ausdruck eines Standpunktes wird: Hier steht einer, der weiß, wie’s im Leben läuft, und nun mit Ironie und Witz auf dem Tableau der Erfahrungen tanzt.

Ein Song handelt von der Chance, sich nach einer Trennung neu zu definieren, ein anderer vom Glück, mit einem “jungen, aufreizenden Ding” um die Häuser zu ziehen, das auch nur bis zum nächsten Rendezvous dauert. Später ruft er den Herrn an, “tell me what’s to be done, Lord, ’bout the weather in my head“, und Fagens fast körperloses Flehen wird vom Gezwitscher der E-Gitarre beantwortet, am Ende ist alles Wohlklang.

In dieser stets klinisch gereinigten U-Musik mit zahlreichen Funk- und Blues-Verweisen liegt auch des Künstlers Erfolgsgeheimnis, Fagens Retrobekenntnis befestigt die Komplizenschaft mit einem Publikum, das seinen Haushalt lieber mit Longlife-Produkten ausstattet, als sich den täglich neuen Narreteien des Pop auszusetzen. Das nächste Album des Sleepers sollte dann endlich bei den guten Dingen von Manufactum im Regal stehen.

“Sunken Condos” von Donald Fagen ist erschienen bei Warner.

Aus der ZEIT Nr. 41/2012

Kategorien: Jazz, Pop
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Selten so ueber eine Rezension einer Platte gelacht, werde mich in der alten Saecke
    Abteilung von Manufactum aufstellen und nach dieser Platte suchen muessen,,,,
    the mind boggles.

    • 15. Oktober 2012 um 10:23 Uhr
    • Frank Andreas Runge
  2. 2.

    Was hat der vorgestellte “klinisch gereinigten U-Musik”-Titel mit “Jazz” zu tun?
    Nix. Na, sagen wir gnädig: Wenig.
    .
    Etwas Stevie Wonder, nun ja…
    Aber den kann man sich ja mittels Stevie Wonder-Alben viel originaler anhören.

    • 15. Oktober 2012 um 10:33 Uhr
    • Jazzkenner seit 42 Jahren
  3. 3.

    Ein 2012er Popmusiker, der behauptet “er habe schon Mitte der Siebziger sein Interesse am Pop eingestellt”? Das ist hoffnungslos nostalgisch. Wer auf diese Art Vergangenes stilisiert und eine Beschäftigung mit Gegenwärtigem behindert ist zu dem noch ziemlich reaktionär. Demnächst feiern Sie, Frau Sawatzki, wohl auch Andre Rieu auf eben diese Weise. Ich habe Ihnen schon ein Stück Arbeit abgenommen und vorliegenden Text angepasst:
    “In dieser stets pompös gekleideten U-Musik mit zahlreichen Symphonie- und Waltzer-Verweisen liegt auch des Künstlers Erfolgsgeheimnis, Rieus Klassikbekenntnis befestigt die Komplizenschaft mit einem Publikum, das seinen Haushalt lieber mit Longlife-Produkten ausstattet, als sich den täglich neuen Narreteien des Pop auszusetzen”

    Und abgesehen von dem Artikel was hören wir denn da im präsentierten Song?
    Ein geschmeidig gemischtes Schlagzeug mit Disco Beat, der Bass groovt mit treibendem Rhythmus aber bewegungsarm, Rockballaden E-Piano mit pathetisch gefälligen ChordChanges. Dann kommt noch ein bisschen Bewegung mit der funky Gitarre rein. Lockern wir das noch ein bisschen durch die kleinen Bigband Brass Einlagen auf, meist sequentiell als Kontrast zum Piano Chordchange. An dem Arrangement hat man sich also schnell satt gehört und wie ist das mit dem Sound? Der klingt wie eine höchst saubere HD Version der Klassiker, und gerade das ist verhängnisvoll. Der Charakter geht verloren.
    Und der Text? Nach einer Trennung entwickelt er sich rasant weiter. Das ganze schwankt zwischen a) der Trauer des nicht mehrs, einem haltlos und verwirrt seins und b) dem heroischen ich bin stark, halte das aus und komme darüber weg. Nun ist das ja ein nachvollziehbarer Zustand, die Art und Weise wie er dies Ausdrückt ist aber eher Lieblos und bedient Klischee nach Klischee:
    a) “I’m not the same without you”
    a) “What in the world is going on? Please tell me”
    b) “Without you, I now have eyes to see some other destiny”
    b) “I feel much stronger than I have in years”

    • 15. Oktober 2012 um 13:31 Uhr
    • warum
  4. 4.

    Schon was von Ironie gehört? Long live Fagen.

    • 15. Oktober 2012 um 16:31 Uhr
    • Sebastian
  5. 5.

    Es gibt keine schlechte Musik, sondern nur schlecht gespielte – darum sind Sätze wie: “Dan waren insofern subversiv, als sie die Frechheit besaßen, uns die Musik unserer Eltern unterzujubeln.”, einfach nur Phrasen ohne Substanz! Dank an meinen Musiklehrer, der brachte mir auch die Musiker von vor zweihundert Jahren nahe…und in meinem Plattenregal steht Mozart neben 70er Jahre Rockmucke!

  6. 6.

    Ich bin gern eine alte “Säckin”.

  7. 7.

    Lieber “warum”,

    bei Ihnen steht offenbar der Spass beim Musikhören an erster Stelle, oder? Müssen Sie sich vor jedem Titel, den Sie hören wollen, erst einmal geistig aufwärmen, damit Sie sich keine Zerrung zuziehen? Sein Sie mir nicht böse, aber ich denke, man kann auch anders an Unterhaltungsmusik herangehen, Nichts anderes macht Herr Fagen ja bekanntlich seit vielen Jahren. Ansonste kann man ja auch weghören!

    • 16. Oktober 2012 um 07:19 Uhr
    • nur so
  8. 8.

    “In dieser stets klinisch gereinigten U-Musik…”
    Na dann viel Spaß mit der neuen Seed, verdient haben Sie es!
    P.S.: Aufatmen ;)… Ihr nächstes Geschwurbel, worüber auch immer, wird von mir weder gelesen noch kommentiert!

  9. Kommentar zum Thema

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