Das Musik-Blog zwischen Disko und Diskurs

Mitt Romneys Nutznießer

Von 16. November 2012 um 14:30 Uhr

Mit seinem neuen Album hat sich Kid Rock wunderbar eingerichtet im Klischee des untergehenden Amerika. Sogar Obamas Herausforderer ist drauf reingefallen.

© Eric Ogden

Barack Obama darf vier weitere Jahre regieren. Zu verdanken hat er das auch dem Entertainment-Betrieb. Denn während sich für den amtierenden US-Präsidenten Popinstitutionen wie Bruce Springsteen, Jay-Z, Stevie Wonder, Eddie Vedder und Katy Perry ins Zeug legten, musste sich Mitt Romney mit Musikern wie K’Naan herumschlagen, die ihm verboten, ihre Songs bei seinen Veranstaltungen zu verwenden.

Der Herausforderer konnte nur einen einzigen einigermaßen namhaften Musiker finden, der sich für ihn engagieren wollte: Kid Rock. Nun darf man sich allerdings fragen, wer von dieser Zusammenarbeit mehr profitiert hat. Denn während Romney die Wahl bekanntlich verloren hat, gewann Kid Rock zumindest an Bekanntheit. Der nutzt nun die im Wahlkampf entstandene Medienpräsenz und veröffentlicht nicht einmal zwei Wochen nach der Niederlage seines Kandidaten sein neues Album Rebel Soul. Das nennt man dann wohl geschicktes Crossmedia-Marketing.

Kid Rock – Let’s Ride

Tatsächlich versteht es wohl niemand momentan so geschickt wie der als Robert Ritchie geborene Kid Rock, die altgedienten amerikanischen Klischees so aufzubereiten, dass sie trotzdem noch in die Zeiten passen. Auch Rebel Soul beschwört wieder ein Amerika, das entweder marginalisiert ist oder bereits lange nicht mehr existiert. Ein Amerika, in dem die Moderne lange noch nicht begonnen hat, in dem Mama kaum genießbare Krebs-Pasteten bäckt, in dem noch illegal Moonshine Whiskey gebrannt wird, aus dem Radio ein Honkytonk-Klavier schallt und ausladende Spritfresser die Straßen befahren.

Nicht zuletzt ein Amerika, in dem kräftig und politisch inkorrekt geflucht wird, weswegen auf dem neunten Studioalbum von Kid Rock wieder der berüchtigte Parental-Advisory-Sticker prangt, der auf dem Vorgänger Born Free zum ersten Mal in Kid Rocks Karriere gefehlt hatte.

Allerdings: Nicht nur im leicht melancholischen Song Redneck Paradise ist, wenn man nur will, eine vorsichtige Ironie zu erkennen. Aber vor allem musikalisch findet eine unerhörte Modernisierung statt. Auf Born Free hatte die Produzenten-Legende Rick Rubin noch versucht, Kid Rock auf seine Essenz einzukochen. Doch Rebel Soul hat der mittlerweile 41-jährige Ritchie selbst produziert.

Nun huldigt er im schluffigen Boogie God Save Rock’n’Roll zwar auch seiner allseits bekannten Verehrung für die Südstaaten-Rocker Lynyrd Skynyrd, erkundet ansonsten aber unbekanntes Terrain von der Motown-Verbeugung Detroit, Michigan bis zum luftigen Sommerpop von Midnight Ferry. Gern lässt Kid Rock auch flotte Funk-Riffs querfahren, offenbart hat er generell eine Vorliebe für modernen Hitparadenpop und jagt in letzter Konsequenz sogar seine eigene Stimme mithilfe des momentan so angesagten Autotune-Effekts in ungeahnte Höhen.

Nein, Kid Rock ist nicht mehr bereit, die ihm zugewiesenen Stereotype zu erfüllen, er ist nicht mehr bloß ein Hinterwäldler. Er spielt die alte Rolle allerdings immer noch sehr überzeugend. Zuletzt in einem kaum zehnminütigen Internetfilm namens Americans: In einer Kneipe kommt es zum Streit zwischen dem latzhosetragenden und biertrinkenden Kid Rock und Sean Penn, dem Vorzeige-Liberalen von Hollywood. Erst angesichts gefallener Soldaten in Afghanistan versöhnen sich der Schauspieler und der Musiker, die im echten Leben gut befreundet sind, und besuchen anschließend eine Schwulenhochzeit. Schließlich kauft Kid Rock sogar einen Toyota Prius, an dessen Heck er zwar sofort eine Halterung für sein Gewehr montiert, aber trotzdem wird sich Mitt Romney wohl fragen: Bin ich bloß benutzt worden?

“Rebel Soul” von Kid Rock ist erschienen bei Atlantic/Warner.

Kategorien: Rock
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Kid wer? Kleiner Scherz, aber trotzdem: brauch ich nicht.

    • 16. November 2012 um 19:35 Uhr
    • DonFuego
  2. 2.

    “Der Herausforderer konnte nur einen einzigen einigermaßen namhaften Musiker finden, …”.

    Das ist falsch. Ted Nugent hat sich für Romney engagiert; und zwar in einer Art und Weise, die mich bewogen hat, einige 33er LPs ohne Sentiment in den Müll zu werden.

  3. 3.

    Hauptsache,
    dagegen geschwätzt, sagt der Schwabe. Ist das ein bedeutend-unbedeutender Sänger. Klasse, mit Altlasten-Mis..-Romney Geld scheffeln zu können!

    Das muss ihm in Deutschland 2013 mit Steinmeier erst mal wer nachmachen.

    • 16. November 2012 um 22:02 Uhr
    • keibe
  4. 4.

    ” gewann Kid Rock zumindest an Bekanntheit”
    Was zur Hölle. KR ist seit unglaublich vielen Jahren erfolgreich im Musikgeschäft und sicher nicht nur in den USA ein Begriff. Er hatte Gastauftritte bei den Simpsons, Southpark, war mit Pam Anderson liiert etc. Da brauchte es nun sicher nicht die Unterstützung für Romney und was das schreiben eines Albums betrifft, so ist dies sicher auch nicht in ein paar Wochen erledigt.
    Und zum musikalischen Inhalt. Wenn man mal vom textlichen Inhalt absieht, gibt es wenige Künstler, die ein so vielfältiges Repertoire haben, denn über HipHop, Rock, Country, Funk, Blues, Pop, Lovesongs findet sich viel und wird vor allem auch mutig kombiniert. Erinnert sei an “The history of Rock”, oder “Devil without a cause”.

    • 17. November 2012 um 02:25 Uhr
    • lxththf
  5. 5.

    Der Kerl wahr noch nie R’N’R, eher der Tot des selbigen.
    Immerhin hat keine Hausfrauen vom putzen abgehalten ;-)

    • 17. November 2012 um 10:17 Uhr
    • Pistepirkko
  6. 6.

    “gewann Kid Rock zumindest an Bekanntheit. ” wer bei den Simpsons einen Auftritt hatte, sehr viele Alben verkauft hat und vor allem über ein unglaublich großes musikalisches Repertoire verfügt, wird das sicher nicht benötigen.
    (hatte schonmal gepostet, aber der scheint nicht mehr zu existieren)

    • 17. November 2012 um 22:22 Uhr
    • lxththf
  7. 7.

    ‘…aber trotzdem wird sich Mitt Romney wohl fragen: Bin ich bloß benutzt worden?’
    Könnte es nicht sein, dass Kid Rock beispielsweise Sie oder mögliche neue Hörer benutzt?

    • 18. November 2012 um 13:18 Uhr
    • Mike_E
  8. 8.

    Interessantes Video! Könnte es nicht sein, das die amerikanische Gesellschaft doch etwas komplexer ist, als einige “Klugsch**ßer” in Deutschland meinen? Für mich ist Kid Rock seit “Rock n Roll Jesus” ein ernstzunehmender Musiker, seine Rückgriffe auf bewährte musikalischen Wurzeln sind überzeugend!

  9. Kommentar zum Thema

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