Das Musik-Blog zwischen Disko und Diskurs

Soul, wie Curtis und Marvin ihn sangen

Von 5. Dezember 2012 um 17:13 Uhr

Vom fidelen Hallodri zum gläubigen Familienvater: Der Soulsänger Cody Chesnutt ist wieder da – und ein ganz anderer.

© Jessica Long

Dass er noch mal zurückkommt, hätte kaum jemand für möglich gehalten. Vor zehn Jahren galt Cody Chesnutt als heißester Funk-Soul-Brother der Saison. “I look good in leather“, prahlte er so viril auf seinem Debütalbum, dass der Deo-Hersteller Axe damit einen Werbespot vertonte. The Headphone Masterpiece war ein im eigenen Wohnzimmer aufgenommenes Überraschungspaket – prall gefüllt mit 36 genialisch rumpelnden Songs zwischen Soul, Hip-Hop und Rock. Das schönste Stück spielte Chesnutt mit der Band The Roots noch einmal neu ein: The Seed 2.0 wurde zum weltweiten Hit, einer Popkarriere stand nichts mehr im Weg. Außer Cody Chesnutt selbst. Auf dem Höhepunkt seiner kurzen Karriere verließ er das Musikgeschäft.

Thank You von Cody ChesnuTT

Nun ist er wieder da, doch man fragt sich: Ist das immer noch der gleiche Cody Chesnutt? Landing On A Hundred, das zweite Album des 44-Jährigen, ist eine überwältigende Re-Imagination des klassischen Soul. Ein Himmel voller Geigen, Bläser und Trommeln, von peitschenden Gitarrenriffs durchzuckt. Curtis Mayfield und Norman Whitfield haben solche Soul-Symphonien in den frühen Siebzigern produziert. Auch der Gesang von Marvin Gaye war für Cody Chesnutt sicher eine Inspiration. Trotzdem ist dieses kraftstrotzende, spirituelle Album mehr als eine Retro-Fantasie. Songs wie das opulent arrangierte That’s Still Mama erzählen von alleinerziehenden Müttern, von Drogen und falschen Vorbildern – aber immer auch von Läuterung. Denn in jedem der Charaktere, die Landing On A Hundred bevölkern, steckt ein Stück von Cody Chesnutt, der sich über die Jahre vom fidelen Hallodri zum gläubigen Familienvater entwickelt hat.

That’s Still Mama von Cody ChesnuTT

Sein Album hat der Sänger auf eigene Rechnung mit einer zehnköpfigen Band in den Royal Studios in Memphis eingespielt – so wie vor ihm Al Green oder Ike & Tina Turner. Als zum Schluss kein Geld mehr übrig war, sammelte Chesnutt noch einmal 22.362 Dollar durch Crowdfunding.

Auch deshalb ist Landing On A Hundred das Manifest eines Künstlers, der seine Musik ebenso wenig aus der Hand geben mag wie sein Leben. Den in Seidenlaken verpackten Aufsteigerträumen des modernen R’n'B stellt Chesnutt die Kälte des realen Amerikas entgegen – aber auch die sinnstiftende Wärme einer intakten Community. Soul-Power klang lange nicht mehr so selbstverständlich wie hier.

“Landing On A Hundred” von Cody Chesnutt ist erschienen bei One Little Indian.

Aus der ZEIT Nr. 49/2012

Kategorien: R'n'B, Soul
Leser-Kommentare
  1. 1.

    ouh,ouh,ouh: alte zeiten von curtis mayfield u. bill withers, werden wieder zum leben erweckt. das klingt so fett!

    • 9. Dezember 2012 um 00:25 Uhr
    • frillinx
  2. Kommentar zum Thema

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