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Wie Ei Pie, Es Ju Wie, Arr En Bie

Von 15. März 2013 um 11:10 Uhr

Justin Timberlakes Comeback hätte das wichtigste des Jahres werden können. The 20/20 Experience klingt allerdings eher nach einem Best-Of-Album als nach progressivem R’n'B.

© Tom Munro

© Tom Munro

Es hätte bedeutungsvoll werden können: Justin Timberlake, der letzte König des Pop, der letzte männliche Star der Branche. Einer, der nach Michael Jacksons Tod und Robbie Williams’ musikalischer Frührente das Zepter in der Hand hält neben all den Königinnen, die die Ländereien des massentauglichen und doch progressiven Radiopop unter sich aufgeteilt haben. Einer, der die Teenies mit schwülem R’n'B begeistert und die Älteren mit Ausflügen in immer neue Soundwelten herausfordert.

Als Timberlake im Januar, wenige Tage nach David Bowie, ein neues Album ankündigte, freuten sich viele auf das wichtigste Comeback dieses Jahres. Es sollte perfekt werden, hatte Timberlake in der Videobotschaft versichert. Nach fast sieben Jahren Pause ist nun The 20/20 Experience, seine dritte Platte, erschienen. Und sie ist gut, aber bei Weitem nicht bedeutungsvoll.

Der einstige Boybandstar, mittlerweile umtriebiger Produzent, Talkshowgast und ab und zu Schauspieler, beherrscht das R’n'B-Handwerk wie kaum ein Zweiter. Das hat er mit den beiden Alben Justified (2002) und FutureSex/LoveSounds (2006) sowie meisterhaften Popsongs wie Cry Me A River oder Summerlove bewiesen. Mit dem Mastermind Timbaland an seiner Seite entwickelte er eine unverwechselbare Mischung aus kleinteiligen, mal klöternden, mal fettbratzigen Rhythmen, süßlichem Gesang und quäkenden Zwischenkommentaren.

Besonders das letzte Album schrammte in seiner Anzüglichkeit so scharf am Weiße-Hosen-Bartdesign-Trash vorbei, dass es ein großes Vergnügen war. “Schmutziges Mädchen, siehst Du die Handschellen? Ich bin Dein Sklave.” Zeilen wie diese aus Sexy Back hatten einen virilen Charme, der sich den Regeln des Genres einerseits anpasste und zugleich mit ihnen spielte.

Justin Timberlake ist erwachsener geworden, inzwischen 32 Jahre alt. Er trägt jetzt Suit & Tie, das hört man The 20/20 Experience an. Heute kann er sich auch in angezogene Frauen verlieben (Dress On) und muss niemandem mehr etwas beweisen. Er macht Musik, die ihm Spaß macht, die aber nichts will. Das ist der Soundtrack zum Leben zwischen Restaurant und Club, SUV und VIP, Decke und Laken. Dass der R’n'B mittlerweile gelernt hat, Geschichten zu erzählen (man höre nur Frank Ocean zu), scheint ihn nicht zu interessieren. Das ist wahrlich kein Vergehen, aber es hätte den Songs zumindest inhaltliche Relevanz verliehen.

Denn stilistisch bleibt alles beim Alten: warme Soulsamples, funky Bläser, ein paar Arabesken und Punjab-Fetzen, wippende Hip-Hop-Beats, Besuch von Jay-Z und Timbaland. Dazu Zuckerwattegeigen und Timberlakes sauber phrasierende Stimme. Es sind die bekannten Elemente in anderer Anordnung.

Einzig untypisch ist die Länge der Songs – sieben von zwölf Stücken sind länger als sieben Minuten: Daddy bastelt in seinem Hobbykeller und möchte nicht gestört werden. Was früher in kurzen Breakdowns abgehandelt wurde, darf jetzt in aller Ausführlichkeit ausgespielt werden. Immerhin bleibt dadurch das Album auch nach mehrmaligem Hören interessant, während die verschmockte Radiosingle Mirrors eher an den Hand-aufs-Herz-und-ins-Publikum-Gestus der Backstreet Boys erinnert.

Progression ist anstrengend, die Mühe möchte sich Timberlake offenbar nicht machen. So ist The 20/20 Experience nicht viel mehr als ein Best Of Justin aus neuen Songs. Schade, aber der King of Pop hat vorerst keinen Thronfolger.

“The 20/20 Experience” von Justin Timberlake ist erschienen bei Sony Music.

Kategorien: Pop, R'n'B
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Die Ansicht dass Justin Timberlake das ‘wichtigste Album des Jahres’ produzieren könne und sich in den Fußstapfen von Michael Jackson bewegt ist hoffentlich eine sehr subjektive Meinung…

  2. 2.

    Ich finde das neue Zeug auch nicht so berauschend. Der Vorgänger war allerdings grandios, durchaus ein moderner Meilenstein der R’n'B und/oder Popmusik. Man kann meinetwegen auch Superlativen wie “King of Pop” bedienen, aber ehrlich gesagt ist mir ziemlich egal wer hier wem nachfolgt. Im Gegensatz zu Michael Jackson hat Justin Timberlake nämlich sehr hörbare Alben (!) hingelegt – während bei MJ meiner Meinung nach wirklich nur ein Best-Of ausreichend ist. Bei ihm sind es die Singles, aber den Rest auf den Alben finde ich irgendwie wirklich vernachlässigbar. Von daher also sollte man JT eine Chance geben, denn die Länge der Tracks, auch auf dem Vorgänger schon, beweisen ja, dass er ja durchaus etwas von dem üblichen 3-Minuten-Popkram des Durchschnitts weggeht, oder?

    • 15. März 2013 um 13:17 Uhr
    • Dohlenmann
  3. 3.

    Mir gefällts! Weiter so Justin ;-)

  4. 4.

    @piquadrat08: Mir gefällt’s ja auch. Allein, ich hatte mehr von ihm erwartet. Viele Grüße aus der Redaktion!

    • 15. März 2013 um 14:05 Uhr
    • Rabea Weihser
  5. 5.

    Das ist Timberlakes insgesamt drittes Soloalbum, und man kommt hier mit “King of Pop”-Fantasien an? Man möge sich mal vergegenwärtigen, wieviel und vor allem was Leute wie Bowie oder Prince in Timberlakes Alter bereits veröffentlicht hatten, dann wird recht schnell klar, was für ein unsinniger Hype um diesen Ex-Boyband-Fritzen gemacht wird…

    Angeblich also jemand, der ” die Älteren mit Ausflügen in immer neue Soundwelten herausfordert” – geht es noch? Der Mann hat bisher nicht gerade das nächste “Dark Side of the Moon” auf CD gebrannt…

  6. 6.

    MJ ist unerreicht.

    • 15. März 2013 um 22:41 Uhr
    • Tina
  7. 7.

    Das Album ist eine Enttäuschung. Sehr, sehr schade – Futuresex zu übertreffen allerdings auch eine extreme Herausforderung und nach 7 Jahren Pause zu veröffentlichen ein Risiko. Man muss mit seinen Fans wachsen – und genau das ist mit dem Album meiner Ansicht nach nicht gelungen. Wer sich vor 7 Jahren noch mit bedeutungslosen Songtexten und tanzbaren Rythmen zufrieden gegeben – muss das heute nicht mehr tun. Man ist höchst wahrscheinlich erwachsener geworden und denkt sich: jemand der so eine laute Stimme hat und sie nicht nutzt um etwas damit zu erreichen, dem kann man wohl eine gewisse Oberflächlichkeit unterstellen.
    Auch musikalisch überzeugt das Album nicht. Nichts was annähernd die Qualität von Sexy Back, My Love oder What goes around hätte.
    Wirklich schade drum! Die Promotion hat mehr versprochen, das Talent und das Charisma des Künstlers sowieso.

    • 16. März 2013 um 00:14 Uhr
    • Lotte
  8. 8.

    Wenn das der neue “King of Pop” sein soll, dann bin ich Weltmeister im Schwergewichtsboxen.

    • 16. März 2013 um 16:52 Uhr
    • frillinx
  9. Kommentar zum Thema

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