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Verliebt nach dem ersten Hören

 

Der junge Italo-Brite Jack Savoretti verstreut funkelnde Countrypop-Perlen mit unverschämter Lässigkeit. Sein drittes Album ist großartige gesungene Literatur.

© Claire Nathan
© Claire Nathan

Eigentlich wollte er Schriftsteller werden. Damals in London, da war er acht. Wann immer sich ihm die Möglichkeit dazu bot, schlich er in den Park, setzte sich unter einen schattigen Baum und schrieb seine Gedanken auf. Poetische Miniaturen, in denen er der Welt seine Fragen stellte. „Wenn ich schrieb“, erinnert sich Jack Savoretti an den kleinen Jungen von damals, „war ich mit dem Kopf in den Wolken. Ich war glücklich.“

Doch dann schenkte seine Mutter ihm eine Gitarre, bevor sie ins ferne Lugano zogen, zurück und näher an die italienischen Wurzeln der Familie – und Jacks Traum von der Schriftstellerkarriere wandelte sich in den vom gefeierten Singer-Songwriter. „Denn irgendwann begriff ich, dass mir mehr Leute zuhören, wenn ich ihnen etwas vorsinge oder vorspiele, statt ihnen ein Gedicht zu deklamieren.“ Und er wollte viele erreichen mit dem, was er zu sagen hat.

Also zupfte, streichelte, umgarnte und koste er seine Gitarre so lange geduldig, bis sie endlich so klang wie die Poeme, die er als Junge geschrieben hatte – und die bisweilen heute noch in seinen Songs aufleuchten. Er gab Konzerte, zog umher mit Kumpels, die sich zu einer Band zusammenschlossen. Und er gab, wo er durfte, seine ohrenschmeichlerischen Gitarrengedichte zum Besten; Songs, deren poetische Kargheit anmutet, als hätte Raymond Carver seine Lyrik vertont. „Und eigentlich war ich zufrieden damit“, erinnert sich Jack Savoretti.

Doch dann, ein paar Jahre später, wieder in London, schlug seine große Stunde. Wo? Bei seinem Friseur, der zufällig auch der einflussreichen Agentin einer großen Plattenfirma, Anne Barrett, regelmäßig die Haare schnitt, und die gerade Natalie Imbruglia für ihre Plattenfirma gewonnen hatte. Plötzlich ging alles ganz schnell. Savoretti gab Barrett ein halbstündiges Privatkonzert und bekam dafür seinen ersten Plattenvertrag. Eine Geschichte, die klingt wie eine seiner fantastischen Fabeln, die er in seinen wunderschönen Liedern entrollt.

Inzwischen hat der 1983 geborene, italo-britische Sängergitarrist drei makellose, zwischen gesungener Weltanrufung, lässiger Selbstentblößung und existenzieller Daseinsfreude oszillierende Alben veröffentlicht. Auf das frühreife Between the Line von 2007, das auf Anhieb klang wie eine Mischung aus der poetischen Rauheit eines Ray LaMontagne und dem mal verhaltenen, mal treibenden Folkpop eines Amos Lee, folgte nur zwei Jahre später das Album Harder Than Easy; zehn fein austarierte Countrypop-Stücke, die anmuten wie der Soundtrack zu einem Film von Hal Hartley. Denn ähnlich wie der US-Regisseur, Schöpfer des Independent-Meisterwerks Simple Men von 1991, beschwört Savoretti darauf in Songs wie Northern Sky oder Lost America die Suche des Einzelnen nach Authentizität und Sinn in den scheinbar uferlosen Weiten Amerikas.

Jack Savoretti – Changes

Und nun, weitere vier Jahre später, hat uns sein drittes, in den USA bereits 2012 erschienenes Album Before the Storm erreicht. Dreizehn funkelnde Countrypop-Perlen, die Savoretti mit einer geradezu verschwenderischen Lässigkeit vor uns ausstreut. Angefangen beim hitradiotauglichen Eröffnungsstück Not Worthy, dessen gitarrenlastige Spritzigkeit den Musiker – und das unterstreichen die zwölf nachfolgenden Tracks mal auf eher zurückgenommene, gedimmte Weise, mal mit waschechten Countryfuror – auf der Höhe seines Könnens zeigt.

Hier präsentiert sich einer, der selbst im Groß-Sein wunderbar klein bleibt: „Ich erzähle denen meine Geschichte, die ich liebe / Und Du kannst in mir sehen, was Du willst / Doch die Worte die ich Dir sage, brauche ich zum atmen / Mehr ist da nicht, nur dieser Drang zu leben und Geschichten zu erzählen“, heißt es in einem der Songs. Wir wissen nicht, wer jene sind, die er liebt. Aber schon nach nur einmaligem Hören seiner neuen Songgeschichten gehören wir zu seinen Verehrern.

„Before the Storm“ von Jack Savoretti ist erschienen bei De Angelis Records.

6 Kommentare

  1.   metek

    jetzt verstehe ich die blog-titelei. das hier fällt also unter diskurs.
    gesungene literatur? nur weil im groschenroman das wort roman vorkommt, heißt es noch nicht, dass das auch die bezeichnung ‚literatur‘ bekommt.

    nicht dass zeit online immer mit hippen underground-tips brilliert, aber wie der herr hierhergefunden hat, erschließt sich mir auch nicht.

    genug genölt. ich geh’s jetzt besser machen.

  2.   jönke

    WAS ist daran -auch nur ansatzweise – Country ????

  3.   mim

    Irgendwie wird die rezensierte Musik hier immer banaler… Ich denke da gerade an kürzlich erschienene Artikel über Daughter, Woodkid und Timberlake, frequentierte ich bisweilen das Ressort eher wegen Hinweisen auf neue spannende, zuweilen sperrige Musik. Das hat nicht zwingend was mit Pop zu tun, sind eben genannte zwar alle Vertreter dieses Genres, so gibt es ja auch Texte, wenngleich nicht ganz so euphorisch, über mutigere Projekte wie jenes von Allie.


  4. Hallo, Peter Henning,

    danke für den gelungenen Kommentar zu Jack Savoretti. Werde mir „Before the storm“ für mein Countrypop-Archiv erwerben. Weiter so! JPM

  5.   Raunzer

    Das ist ja ein schrecklicher Schmus. Dafür ist „zwischen Disko und Diskurs“ echt kein Platz, bestenfalls auf den Hochglanzseiten von Lifestylezeitschriften.

  6.   Lisa

    die Vorredner sind natürlich alles „echte Kenner“ und sollten sich dann wirklich nur Musik anhören die ihren Niveau entspricht.