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Freitagabend, nach sieben Bier

Von 26. April 2013 um 09:49 Uhr

Es muss etwas passieren und wenn es nur ein Vollrausch ist! Bands wie die Pigeon Detectives halten den Britpop am Leben. Und alle im Pub grölen mit.

© Cooking Vinyl

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Der Britpop ist auch nicht mehr das, was er mal war. Oasis gibt es nicht mehr, Blur gibt es unnötigerweise wieder, Suede klingen wie ihre eigene Karikatur und der durchschnittliche britische Jugendliche hört heutzutage eh lieber blutleere Elektro-Barden wie James Blake. Zuletzt ist mit Margaret Thatcher auch noch das liebste Feindbild dieser Musikergeneration verstorben und ihr politischer Ziehvater Tony Blair wurde anlässlich der Veröffentlichung seiner Autobiografie mit Eiern beworfen.

Nein, die Zeiten für lustig knarzende Rocksongs, zu denen man Freitagabend im Pub auch dann noch mitsingen kann, wenn man schon vier, fünf Pints intus hat, waren schon mal besser. Was die Pigeon Detectives allerdings nicht davon abgehalten hat, ein viertes Album aufzunehmen. Das heißt We Met At Sea und ist prall gefüllt mit Songs, die man Freitagabend im Pub auch nach sieben Pints mitsingen könnte.

Das Quintett aus Rothwell, einem Städtchen in der Nähe von Leeds, gehörte zur zweiten Britpop-Generation, die sich musikalisch nicht mehr ganz so ausdrücklich an den Beatles orientierte. Stattdessen überführten sie die Errungenschaften von “Cool Britannia”, also vor allem einen mit einer soliden Kunsthochschulbildung verschnittenen Arbeiterklassenstolz, in möglichst mitgröltaugliche Refrains. In der Strophe wurde meist der typische Kitchen-Sink-Realismus beschworen, weshalb die Songs sich auch prima machten in den Soundtracks der einschlägigen Tragikomödien.

Von dieser Sorte Lieder mit ekstatischen Schrammelgitarren und überschnappendem Hier-bin-ich-Gesang gibt es auf We Met At Sea wieder einige – im Gegensatz zum eher enttäuschenden Vorgänger Up, Guards And At ‘Em!. Unforgettable oder Where You Are sind genau jene vorwärtsdrängenden, hibbeligen Hymnen, für die man Bands wie Kaiser Chiefs, Little Man Tate oder eben Pigeon Detectives lange Jahre zu schätzen wusste.

Niemand sonst konnte dieses verzweifelte Gefühl, dass heute Nacht aber wirklich irgendetwas passieren muss und wenn es nur ein zünftiger Vollrausch ist, so in einen quengelnden Rhythmus packen wie ein paar britische Arbeiterkids, deren Lebenstraum darin bestand, ein einziges Mal auf der Titelseite des New Musical Express zu landen.

Nur selten, aber doch bisweilen, machen die Detectives auf We Met At Sea allerdings einen unkonzentrierten, ein wenig müden und bisweilen sogar unengagierten Eindruck. Das aber entwickelt eben einen alternativen Reiz. Schließlich war die penetrante jugendliche Euphorie, die ihre früheren Platten ausstrahlten, auf Dauer auch etwas eintönig.

So beginnt Light Me Up mit dem Versprechen: “I take you out on the town and we could have a good time.” Aber dann, nach einer durchtanzten Nacht, schläft der Protagonist ein. Alles nicht so schlimm, singt Matt Bowman: “You can fall asleep ’til we see the sun rise.” Morgen, das wollen uns die Pigeon Detectives wohl sagen, ist auch noch ein Tag, den man nicht verpassen sollte. Und We Met At Sea ist vielleicht exakt der Moment in der Britpop-Geschichte, in dem das Genre dann doch noch bemerkt, dass die Tage, die zwischen den freitäglichen Vollräuschen liegen, vielleicht ja auch ganz lebenswert sein könnten.

Auch wenn der Britpop bekanntlich im Großen und Ganzen auch nicht mehr das ist, was er mal war.

“We Met At Sea” von The Pigeon Detectives ist erschienen bei Cooking Vinyl/Indigo.

Kategorien: Pop, Rock
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