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Pinkes Haar, stahlblauer Sound

 

Mehr als das übliche Dreamchillwaveblabla: Das New Yorker Duo MS MR richtet sich seiner kühlen Nische ein und könnte doch jederzeit Lana Del Rey aus den Charts schubsen.

© Shervin Lainez
© Shervin Lainez

Das Revival der achtziger Jahre hat zu einigen Kollateralschäden geführt. Die Rückkehr des Stulpenstiefels und der Tennissocke in die Alltagsmode gehören zu den eher unangenehmen Folgen, die Wiederkunft des unterkühlten Pathos in die Popmusik aber darf man als begrüßenswert einschätzen. Ob an der Spitze der Charts (Lana Del Rey), in den Coolness-Listen der Blogs (Woodkid) oder im Berliner Untergrund (Me And My Drummer): Überall glänzt es neuerdings stahlblau und zugleich doch sehr gefühlvoll. Wer meint, eine Schublade dafür zu brauchen, sagt Chillwave dazu.

Die neuesten und aktuell angesagtesten Protagonisten dieser Entwicklung sind MS MR, deren Debütalbum Second Hand Rapture nun erscheint. Der kleine Hype, den das Duo aus New York ausgelöst hat, begann schon im vergangenen Jahr, bevor man überhaupt wusste, dass es sich um ein Duo aus New York handelte. Denn als ihre erste Single Hurricane erschien, wurde der Song und das zugehörige, aus Film- und TV-Schnipseln zusammengestellte Video zwar zum Hit im Internet, wurde vom einflussreichen Online-Magazin Pitchfork zum „Best New Track“ gekürt und gefiel Kollegen wie Usher und Jay-Z, stieg in den deutschen Charts immerhin auf Platz 38 und erreichte, viel wichtiger natürlich, in den iTunes-Hitlisten die Top Ten. Aber damals wusste noch niemand, wer sich hinter dem Namen MS MR versteckte.

Das Geheimnis, das neben dem grandios epischen Song sicherlich auch ein wenig zur Aufmerksamkeit beigetragen hatte, wurde im Herbst dann aber recht beiläufig gelüftet: MS MR gingen auf Tournee und enthüllten ihre Identitäten. Auf der Bühne standen dann zwei Menschen, die Lizzy Plapinger und Max Hershenow hießen. Die beiden kennen sich seit gemeinsamen College-Tagen, in denen die Sängerin Plapinger bereits Neon Gold gegründet hatte, eine Mischung aus Musik-Blog und Label. Das ist spezialisiert auf Singles in Kleinstauflagen bis 500 Stück und hat immerhin schon Stücke von solch etablierten Acts wie Gotye, Ellie Goulding und Marina and the Diamonds veröffentlicht.

Vor allem mit letzteren werden nun Plapingers eigene Popversuche am häufigsten verglichen. Oder auch mit Florence and the Machine. Und tatsächlich erinnern nicht nur die kräftig rollenden Trommeln, die immer wieder in Tribal-Rhythmen abtauchen, an diese beiden Bands, sondern auch die zur Theatralik neigende Melodieführung. Dass Marina und Florence wiederum einiges von der mittlerweile selig gesprochenen Kate Bush gelernt haben, das ist auch – aus dritter Hand sozusagen – nun MS MR anzuhören.

Dem fügen Plapinger und der fürs Sound-Design zuständige Hershenow aber einen sehr sympathischen Hang zur Orientierungslosigkeit hinzu. Ihre Songs mögen wie gnadenlose Radiohits beginnen, aber zerfasern dann, suchen nach einem Refrain, sind aber ganz froh, keinen zu finden, oder rollen und rollen rhythmisch einfach so dahin, bis doch noch eine bedrückende Melodie auftaucht oder im Zweifel einfach eine hypnotische Qualität entsteht.

Stattdessen ist jederzeit eher zu spüren als zu hören, dass die beiden zwar problemlos Lana Del Rey aus den Charts schubsen könnten, es aber vorziehen, sich in einer eigenen Nische einzurichten. Vor allem Songs wie Fantasy oder Think Of You gelingt es, den toten Winkel zwischen Broadway-Musical, Achtziger-Synthie-Pop und Dreamwavechillblabla mit Leben zu füllen. Einen Schaden richten sie damit nicht an, dazu klingt die Kühle einfach zu gut.

„Second Hand Rapture“ von MS MR erscheint am 10. Mai bei Columbia/Sony.