Das Musik-Blog zwischen Disko und Diskurs

Man fühlt sich durchdrungen

Von 15. Mai 2013 um 10:15 Uhr

The National sind immer ein bisschen besser als erwartet. Auf dem neuen Album “Trouble Will Find Me” findet der großartige Sänger Matt Berninger ganz zu sich selbst.

© Deirdre O'Callaghan

© Deirdre O’Callaghan

Plattencover sind oft ziemlich selbstgefällig. Weitgehend abgekoppelt vom musikalischen Inhalt, transportieren sie vielleicht einen verbrämten Gestus der Künstler dahinter, das artifizielle Konzentrat dessen, was der gewünschten Aura entspricht, im Idealfall gar einen Link ins Genre, wovon all die Monster im Metal ebenso zeugen wie Autos, Weiber und Bling Bling im Rap. Visueller Austausch mit dem Akustischen jedoch, eine Art Interaktion zwischen Bild und Ton ist – zumal im Zeitalter von CD und Download – überaus selten. Umso mehr lohnt sich ein Blick aufs neue Cover von The National.

Auf Trouble Will Find Me nämlich steckt eine Frau ihren Kopf rücklings halb durch eine Spiegelwand und blickt uns linkisch mit einem Auge an, kaum spürbar, aber durchdringend wie die gesamte Kameraüberwachung am JFK-Airport. Die Farbe ist Schwarzweiß, das Ambiente düster, der gekachelte Raum kühl, fast klinisch, man fühlt sich nicht nur beobachtet, man fühlt sich durchdrungen, ohne genau zu wissen, warum. So in etwa funktioniert auch das Indierock-Quintett aus New York, so funktioniert erst recht ihr sechstes Studioalbum.

Denn mehr noch als auf den fünf vorherigen, mehr auch als auf Alligator von 2003, dass in kaum einer Liste der besten Alben des Jahrhunderts fehlt, oder High Violet, kommerziell am erfolgreichsten, dringt Trouble Will Find Me irgendwie aus dem Unsichtbaren ins Gehirn, macht sich dort breit, verschwindet wieder, hinterlässt aber Spuren wie auf einem Kontrollvideo in der Abflughalle. Und das liegt aufs Neue an Matt Berninger – dem Gründer, Kopf, Gesang von The National.

Seine weiche, hintergründige Stimme, gern ehrfürchtig als Bariton umschrieben, gräbt sich Stück für Stück tiefer ins Gemüt, um nach dem 13. wie ein wohlschmeckendes Mahl in einem höchst befriedigten Magen zu hocken und dort zu bleiben, bis der Hunger wiederkehrt. In I Should Live In Salt zum Auftakt schafft er das noch mit der lässigen Nonchalance eines Bryan Ferry, im nachfolgenden Demons verfällt der Text in den erzählerischen Duktus von Lou Reed, spätestens im wunderschönen Don’t Swallow The Cap aber landet Matt Berninger völlig bei sich selbst, dieser unvergleichlichen Fähigkeit, subkutan zu klingen und doch vordergründig, zurückhaltend und dabei ungeheuer präsent.

Das dringt um die Ecke ins Herz wie der Blick auf dem Cover, es erwischt einen beim Zuhören genau in dem Moment, da man denkt, das sei bloß eine weitere Popband mit Niveau von der Westküste, gefällig, aber durchhörbar wie Adam Green mit all den Klavierflöckchen, dem reduzierten Schlagzeug, seltenen, doch unerlässlichen Gitarrensoli, dieser geschmeidigen Gesamtkonstruktion. Dann aber kommt irgendwann gen Ende das traumwandlerische Slipped, Berninger erzählt uns darin “I’ll be a friend, a fuck, an everything / but I’ll never be, I think / you ever want me to be” und behält recht: The National sind von Singer-Songwritern über Poptitanen bis Alternativerockern und Schnulzenschreibern alles Mögliche, nur nicht das, was zu erwarten wäre. Sondern immer ein bisschen besser.

“Trouble Will Find Me” von The National ist erschienen bei 4AD.

Kategorien: Pop
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Das ist die Band, von der wir sprachen, weil in der Metro ein Plakat für deren Novemberauftritt warb…

    Greets, Airto

    • 15. Mai 2013 um 15:07 Uhr
    • FjodorGarrincha
  2. 2.

    Eine der wenigen Bands, deren Alben man kaufen kann ohne vorher reingehört zu haben. Am 4.11. sind sie in Berlin. Muss ich hin!

    • 15. Mai 2013 um 15:24 Uhr
    • Holzohr
  3. 3.

    Die beste Band der Welt. Ehrlich.

    • 15. Mai 2013 um 18:45 Uhr
    • tom
  4. 4.

    immer ein bisschen einfältiger

    • 15. Mai 2013 um 23:23 Uhr
    • Leopold Lindner
  5. 5.

    Das Schwierige und Geniale an The National ist tatsächlich, dass sie einen ganz langsam in den Bann ziehen. Das läuft über die harte Arbeit und Konzeption der Dessner Zwillige und die Devendorf-Brüder an Bass und Schlagzeug, die sich um den treibenden Sound kümmern, und festigt sich mit der durchdringenden Stimme Matt Berningers.

    Am Anfang jedes Albums von The National (vor allem ab “Boxer”) ist man ratlos, vielleicht überfordert. DAS soll das neue Album sein? Nur, mit jedem hören brennen sich Sound und Text ein.

    Nun zum Autor des Textes.
    Eine kurze Albenrezension zu schreiben, Menschen die sowieso schon interessiert sind für ein gutes Album begeistern, ist das eine. Nur könnte man auch, gerade bei einer Band bei der du den Songwriter so ehrst, doch beim Text mal genau hin hören.

    So ist die einzige (!) Passage, die du zitierst eben eigentlich “I’ll be a friend, a fuck-up, and everything / but I’ll never be, / Anything you ever want me to be”.
    Schau, das macht doch sogar mehr Sinn.
    Das ist doch was, eine einfache, dennoch tolle Zeile, die auf das anspielt, was das Album tatsächlich durchzieht. Die Verzweiflung eines Familienvaters, die Probleme eines Menschen, der eben jetzt Indie-Rockstar geworden ist. Der Sänger hat vieles erreicht, vieles, von dem andere träumen. Aber er weiß und merkt besonders auf diesem Album, dass solche Umstände noch lange nicht die privaten Probleme lösen und beschäftigt sich mit alter Liebe, Drogenfragen, sogar mit den vorigen Alben. Dennoch: “Trouble will find him”.

    Und ja, manche Vergleiche sind einfach zu ziehen, manche Musik klingt wie andere Musik. Leider haben The National mit Westküste allein deswegen nichts zu tun, weil sie in Brooklyn leben (und aus Cincinnati stammen). Das kann man wissen und einbringen, wenn man zwar nicht unbedingt die “fünf vorigen Alben” aber zumindest den Vorgänger High Violet gehört hat, in dem schon “Bloodbuzz Ohio” erwähnt wird.

    Du bist wunderbar im beobachten. Aber vielleicht kannst du versuchen, nächstes mal tiefer zu gehen als das Albencover, tiefer als was andere sagen. Und zuhören.
    Musik ist was feines. Gute Musik ist noch besser. Und ich bin mir sicher, dass auch du noch viel mehr Spaß an dieser Platte finden wirst.
    Aber wenn du im Stress bist, rezensiere bitte nicht Bands die mehrmaliges Hören erfordern. Vielleicht klappt das bei anderen Platten besser, aber hier ist es doch ein bisschen wichtig.

    PS: Das Album ist wirklich klasse, für mich persönlich ist es aber noch nicht so stark wie zum Beispiel ein “Alligator” oder sogar noch “High Violet”. Aber es ist auch eben noch das neueste.

    • 5. Juli 2013 um 00:29 Uhr
    • Simon Massa
  6. Kommentar zum Thema

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