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Schweigen wäre Frida Gold

 

Die Musik der Wahlberlinerin Alina Süggeler ist so hinterhältig eingängig, dass man ihre Melodien kaum wieder los wird. Thomas Winkler möchte sich über das neue Album beschweren.

© Felix Krüger
© Felix Krüger

Ich muss mich jetzt mal beschweren: Seit zweieinhalb Tagen kommt mir dieser Refrain immer wieder in den Kopf. Uneingeladen, unerwartet und unkontrollierbar. Meist nutzt er die wenigen, wertvollen Momente der Ruhe, in denen das Denken zum Stillstand kommt – und drängelt sich einfach vor, grell und raumgreifend, deckt alles andere zu, hysterisch und aufdringlich. Vielleicht ist das eben das Berufsrisiko eines Popschreibers, aber weh tut es doch. Schließlich stammt diese hemmungslos eingängige und schamlos mit dem modischen Autotune-Effekt aufgemöbelte Melodie aus einer umstrittenen Quelle: Liebe ist meine Rebellion heißt die erste Single des neuen Albums von Frida Gold mit dem verwirrend ähnlichen Titel Liebe ist meine Religion.

Uncooler geht es kaum. In meinem Kosmos waren Frida Gold bislang die Band, deren Existenzberechtigung allein darin zu bestehen schien, ihrer Sängerin einen Grund zu geben, jede Woche bei ihrem Friseur einen neuen Haarschnitt in Auftrag geben zu können. Diese Frisuren waren meist sehr apart und durchaus geschmackvoll abgestimmt auf die Kostüme, die Alina Süggeler trug. Oder zu tragen schien, denn das erste Mal waren mir Frida Gold aufgefallen bei einem nachmittäglichen Fernsehauftritt, als Süggeler einen so eng anliegenden und so fleischfarbenen Ganzkörperanzug trug, dass ich bis zur Hälfte des Songs fast davon überzeugt war, sie wäre nackt. Ich weiß noch, dass ich dachte: Wo kommt die gute Frau nur her? Und was ist, wenn jetzt am Nachmittag Kinder zusehen? Was man halt so denkt, wenn man überrumpelt wird. An den Song allerdings kann ich mich beim besten Willen nicht mehr erinnern.

Jetzt also Liebe ist meine Rebellion. Musikalisch orientiert sich das Stück am Dance-Pop der ausgehenden neunziger Jahre. Nicht nur weil es ein Sample des Eurodance-Klassikers Freed From Desire von Gala enthält, sondern im Refrain noch dazu jenen Autotune-Effekt verwendet, den Cher mit ihrem Comeback-Hit Believe 1998 nachdrücklich im Mainstream etablierte, und der sich in jüngerer Zeit in den interessanteren Spielarten des Pop wiederfand. Auch die restlichen Songs auf dem Album hantieren mit Beats, die den Tanzboden zum Zittern bringen, als würde Captain Jack wieder in seiner Fantasieuniform aufmarschieren. Kurz gesagt: Das sind nicht eben die Referenzen, von denen man sich wünscht, dass sie sich im Hirn festsetzen.

In dieser Beziehung leisten Frida Gold allerdings Erstaunliches: Gegen diese Musik, ihre verführerische, ja geradezu hinterhältige Eingängigkeit, kann man sich nur schwer wehren. Melodien, die einen zum Mitsummen zwingen, und ein Rhythmus, bei dem jeder mit muss, weil er stets volle Kanne auf die Eins klopft. So gesehen fertigt die Band, die mittlerweile in Berlin lebt, aber ursprünglich aus Hattingen im Ruhrgebiet stammt, mit einem eher groben, doch immerhin vorhandenen Talent zum Handwerk eine Popmusik, die nur eins ist: Popmusik in ihrem reinsten Sinne. So gefällig, dass man sie nicht wieder los wird, auch wenn sie einem eigentlich nicht gefällt. Ob einem das gefällt oder nicht.

Denn der Intellekt, der sich ausführlich ärgern möchte über Texte, in denen ein Herz „vor Glück“ schlägt, sich „allein“ auf „Schein“ reimt oder Gefühle sich stets „im Rausch“ zu befinden scheinen, wird einfach umgangen. Frida Gold dringen direkt ins Stammhirn vor, sie sprechen Urinstinkte an. Den Hörer zu erinnern, dass er von denen gesteuert wird, ist vielleicht im Sinne der biologischen Wissenschaft eine ehrenvolle Aufgabe. Aber, seien wir ehrlich, weder kultiviert noch besonders angenehm. Grund genug also, sich zu beschweren.

„Liebe ist meine Religion“ von Frida Gold erscheint am 28. Juni bei Warner.

25 Kommentare


  1. Ja. Auch bei mir wird ein Urinstink angesprochen. Allerdings der Fluchtinstinkt. Furchtbar banale Musik (?), die in mein Stammhirn wie die reinste Audiofolter einbricht. Jeder Schlag „auf die Eins“ ist einer zuviel. Einfach nur schrecklich!

  2.   XXX

    Sollte eine Kritik nicht eigentlich die einzelnen Lieder bewerten, um daraus ein Fazit für ein Album zu ziehen?


  3. Zumal sich Frida Gold in diesem Fall – wie schon geschrieben – eines Ohrwurms (einer Ohrzecke?) bedienen, anstatt diesen selbst zu kreieren.
    Parasitär auf allen Ebenen, das Bewusstsein vergewaltigend.
    Grund genug also, sich zu beschweren.

    Ich empfehle „Perth“ von Bon Iver als Verdrängungs- und Heilmittel.


  4. Lieber Thomas Winkler,

    eine geradezu furchtbar schöne Rezi, aufgrund derer ich mir das Album (trotzdem) zulegen werde. Allerdings ist Ihnen ein Fehler unterlaufen. Das Album heißt „Liebe ist meine Religion“, insofern gibt es auch keinen Titel gebenden Song!

  5.   Panga

    Fürchterliche LaLa-Schnulzen auf Primitivniveau für kleine Mädchen. Nun ja Geschmäcker sind unterschiedlich.

    Wer mal Musik hören will, bitte: „THE SONG OF THE JAPANESE AUTUMN“ von Yasuo Kuwahara. Kennt hier im Niveau-Limbo-Feuilleton natürlich kein Schwein.

  6.   Rabea Weihser

    Liebe/r christie09,

    vielen Dank für den Hinweis auf den Albumtitel. Wir haben den Fehler korrigiert. Beste Grüße aus der Redaktion!

  7.   Billion

    In meinem Fitness-Center sieht man die Dame im Kontext einer Nachmittags-Serie (die im Fitness-Center offenbar täglich wiederholt wird, ohne Ton); Ich dachte mir noch: „was für eine schlechte Schauspielerin“, weil sie die Musikerin so überhaupt nicht glaubwürdig rüberbringt.

    Erstaunlich

  8.   pubert

    Ich finde die Musik wirklich sehr schlecht. Erinnert irgendwie an Mitter der 90er. Warum muss man sowas mit einem Artikel hervorheben. Ich verstehe die Motivation nicht diesen Artikel zu verfassen. Genau so gut könnte man hier Kritiken über sein neues Fahrrad uploaden. Das ist auch nicht so besonders spannend.

  9.   Kaskaeft

    @2: Nein, sollte sie nicht. Ist ja eine Kritik und kein Testbericht für einen Sandwichmaker.