Das Musik-Blog zwischen Disko und Diskurs

Man möchte ihm unentwegt zuhören

Von 10. Juli 2013 um 07:57 Uhr

Noch ein junger Pop-Rapper im Gefolge von Casper und Cro: Muso nutzt den Reim nicht akrobatisch, sondern dramaturgisch. Vielleicht ist das die neue deutsche Hip-Hop-Schule.

© Patrick Herzog

© Patrick Herzog

Dem deutschen Hip-Hop, im öffentlichen Empfinden allzu lange auf Spaßrap von Fanta 4 bis Fettes Brot festgelegt, kann man eines sicherlich nicht nachsagen: dass er so stillstehe, wie der amerikanische bisweilen den Anschein erweckt. Gerade in der jüngsten Zeit ist da gehörig was in Bewegung. Alte Stile variieren, neue Künstler reüssieren. Der Schauspielersohn Robert Gwisdek hebt den Sprechgesang als Käptn Peng mit seinen Tentakeln von Delphi seit Kurzem auf ein zutiefst lyrisches Niveau. Casper dagegen hievt ihn in den Pop hinein, was der Maskenkasper Cro gleich zum Genremix Raop erklärt, während ein McFitti von Berlin aus den Spaß Richtung Dada überdreht.

Sie alle definieren ihren Hip-Hop jenseits der alten Gangster-, Fun- und Consciousness-Grenzen, picken sich von der Kultur ringsum bloß noch den Sound heraus und werden damit bis tief in den Mainstream wahrgenommen. Es wächst also etwas hinein, in die Mehrheitsgesellschaft. Und dann wäre da ja noch Muso. Geboren als Daniel Giovanni Musumeci nahe der Schweizer Grenze, hat der halbharte Junge aus prekären Verhältnissen weithin hörbar eine Lücke gefüllt, die bislang bestenfalls im Untergrund besetzt war.

Es ist so etwas wie die Melodramatik im Hip-Hop, stilistisch angesiedelt irgendwo zwischen dem frühen Eminem und Plan B, als der noch keinen Soul machte. Wütend klingt sein erstes echtes, nach einer Platte im Selbstverlag vor sieben Jahren also gewissermaßen Debüt-Album, aber es will niemanden erschrecken wie einst Aggro Berlin. Gefühlig wirkt es, jedoch nie larmoyant oder süffig. Gereimt wird darauf reichlich, nicht allerdings als Akrobatik, sondern als dramaturgische Komponente unter vielen.

Produziert im Umfeld des Heidelberger Karlstorbahnhofs um den Sizarr-Macher Markus Ganter, erzählt der Mittzwanziger von all den Kreisstadt- und Metropolenverwerfungen eines kurzen Lebens. Aber er tut es nicht in der selbstreferenziellen Sprachverliebtheit mancher Wortendungsjongleure seines Fachs. In der grandiosen Videoauskopplung Garmisch Partenkirchen etwa chort es zwar einfallsreich “Halt mal Händchen / Alphamännchen” und auf den Titelslogan Wachturm folgt Kratzspuren, aber das sind eher Accessoires als Wesenskerne. Muso sucht keine Pointen, sondern Abschlüsse. Er untermalt lieber seinen kreativen Sound mit Begriffen als Wortkaskaden mit sich selbst.

Vielleicht ja, weil seine Stimme in ihrer schnarrenden Dezenz zwar lässig klingt, aber nicht gerade einprägsam. Wahrscheinlicher jedoch, weil ihm bei all der Mitteilsamkeit tonale Spielerei besonders wichtig erscheint. Da dräuen unter Malibu Beach stille Break Beats oder Mönchsgesänge hinter Die Alte Ruine, da kleidet sich Sieben im Achtziger-Wave, Alles Sofort in eine rohe Art R’n'B und das abschließende All Eyes On You in handfeste Neodisco. Ständig überrascht Muso musikalisch so, dass der Gesang nicht um sich selbst zu kreisen braucht. Umso mehr Wirkung erzielt er inhaltlich. Man möchte dem einfach unentwegt zuhören. Lagerfeuerrap ohne Breakenscratchensprühen. Vielleicht ist das die neue Hip-Hop-Schule.

“Stracciatella Now” von Muso erscheint am 12. Juli bei Chimperator.

Kategorien: Hip-Hop, Pop
Leser-Kommentare
  1. 1.

    Ein Artikel über Rap auf der Zeit?! Ich bin sehr enttäuscht, davon abgesehen
    kann ich diese “Music” absolut nicht ab….

    • 10. Juli 2013 um 10:38 Uhr
    • OMG
  2. 2.

    all die oben genannten poppigen namen sind doch was die aufmerksamkeit von deutsch rap betrifft nur ein schmaler rinnsal. gerade in anbetracht dessen was sich im bereich strassenrap wandelt und wirklich passiert. von den azzlacks,zu alles oder nichts, hdf und 187. das sind explodierende klickzahlen getaggt mit: integration, sprache, millieu und gesellschaftlichen verhältnissen. liegt dort nicht ein relevanter zeitblick?

    • 10. Juli 2013 um 10:41 Uhr
    • fedde
  3. 3.

    “Lagerfeuerrap ohne Breakenscratchensprühen. Vielleicht ist das die neue Hip-Hop-Schule.”
    Vielleicht sollte man Muso aber auch gar nicht in die Sparte “Hip-Hop” einordnen?

  4. 4.

    Selbst mit allen vergangenen Hip-Hop Definitionen im Hinterkopf kann und will ich mir nicht vorstellen, dass das die Zukunft des Hip-Hop sein soll. Bei aller Liebe, liebe Zeit, aber Muso ist so viel Hip-Hop wie Mozart Elektro.

    “Muso sucht keine Pointen, sondern Abschlüsse. Er untermalt lieber seinen kreativen Sound mit Begriffen als Wortkaskaden mit sich selbst”

    Nette Umschreibung für: Text und Aussage sind ihm egal, hauptsache es passt zur Musik?

    • 10. Juli 2013 um 11:50 Uhr
    • diab
  5. 5.

    Auf jemanden, der ein ganze Musikgenre aufgrund seiner Scheuklappen verachtet und im deutschen Sprachgebrauch “Music” verwendet, um seine völlig antiquierten Stereotypen zu bedienen, kann Rap auch gut und gerne verzichten.

    • 10. Juli 2013 um 12:01 Uhr
    • Spartaner
  6. 6.

    ich kann stammwurzel nur rechtgeben und omg beruhigen: dieser, ich nenne ihn mal “künstler”, fabriziert definitiv keinen hiphop
    wenn ich mir anhöre, was bei seinen produktionen herauskommt und das ganze auch noch als hiphop betitelt wird, wird mein, von der musik ohnehin schon flauer magen von schlimmstem brechreiz geplagt.

    eine bitte an die zeit-redaktion: wenn sie einen artikel über rap/hiphop verfassen (lassen) dann doch bitte von einer person, die dieses bereiches auch kundig ist und über jahrelange intensive hör- sowie rechercheerfahrung verfügt

    an diesem punkt würde ich gerne den namen eines jungen münchner rappers erwähnen, der hiphop als kunst versteht und das auch zeigt: edgar wasser
    http://youtu.be/-Nx3T09q3Hc
    sollte man sich als hiphop-interessierte person definitiv anhören und als nicht hiphop-interessierte person: auch

  7. 7.

    Interessanter Hinweis zu Muso, danke. Erinnert mich fast ein bisschen an Poetry Slam mit Musik.

    • 10. Juli 2013 um 12:11 Uhr
    • Gion
  8. 8.

    Ich hätte mir nicht die kommentare durchlesen sollen… Wo soll man einen Muso denn einordnen wenn nicht in die “Spart” “Hip-Hop”, belies dich vlt nochmal zu dem thema…
    Zu dem Artikel:
    es ist vlt ein wenig naiv zu behaupten “Cro, Muso, Casper” etc begründen die “neue Hip-Hop” schule, sie sind einfach lediglich ein größer werdender Teil auf dem Pausenhof ;) Straßenrap wird nie verschwinden (ob das jetzt gut oder schlecht ist sei dahingestellt :D )
    Ansonsten TOP! Hätte nicht gedaht das die Zeit sich mit dem Thema halbwegs vernünftig befassen kann :P

    • 10. Juli 2013 um 12:12 Uhr
    • TOP
  9. Kommentar zum Thema

    (erforderlich)

    (wird nicht veröffentlicht) (erforderlich)

    (erforderlich)