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Endlich wieder Moritz Krämer!

 

Hach, diese Worte, diese Stimme. Er ist vielleicht Deutschlands bester Songschreiber. Mit seiner Band Die Höchste Eisenbahn hat der Berliner ein neues Album aufgenommen.

© Patrick Jasim
© Patrick Jasim

Es gibt so Stimmen, die sucht irgendwann in fast jeder Liedzeile, wer sie irgendwo mal gehört hat. Einmal in den Kopf gedrungen, kreist ihr Klang so lange darin umher, bis man sich förmlich auf die Jagd nach ihr begibt. Stimmen, die so schön, so echt, so ernst und fröhlich und traurig und euphorisch und ruhig und laut und alles oft in nur einer Textzeile sein können, dass man den dichten Mischwald zeitgenössischer Musik fast zwanghaft nach dieser einen zarten Pflanze durchforstet und unruhig wird, je länger sie unauffindbar bleibt.

Moritz Krämer hat eine Stimme mit solch einem Timbre, das weit mehr macht, als bloß Musik zu vokalisieren. Sie zu hören kann schnell eine Sucht werden.

Eine unerfüllte Sucht. Denn mehr als zwei endlos lange Jahre hatte uns der Multioptionskünstler aus Berlin auf Entzug gesetzt. Hatte uns allein gelassen mit der Heavy Rotation seines Debütalbums Wir können nix dafür, das die Emotionen einer halben Generationen urbaner Thirtysomethings mit Kindern im Stall aber Flausen im Kopf so gekonnt vertont hat wie zuvor höchstens ein Beck auf der anderen Seite der See oder weiter nördlich Mike Skinner. Nur dass der Großbritanniens brillantester Rapper ist, nicht Deutschlands brillantester Singer/Songwriter.

Nun hat Moritz Krämer das Flehen erhört und ist zurückgekehrt. Diesmal nicht allein (das war er solo allerdings auch nicht richtig), sondern im Kollektiv mit Max Schröder (Tomte), Felix Weigt (Kid Kopphausen) und dem Tele-Kopf Francesco Wilking. Es heißt Die Höchste Eisenbahn, über deren Namen wir kurz den Mantel des Schweigens hüllen, weil das, was dahinter steckt, weder PR noch Klamauk benötigt.

Ähnliches könnte man auch vom Albumtitel behaupten, wäre Schau in den Lauf Hase mit anschließender Forderung nach “lauf Hase / lauf Hase” nicht längst schon wieder ein Exzerpt dieser wunderbaren Sprachverliebtheit des Liedermachers, der Alltagsgedanken so traumwandlerisch zu klugem Songwriting macht. Im karibischen Pop des späten Paul Simon drückt sich da die Schläfrigkeit der dauerprokrastinierenden Großstadtboheme aus, in der sich wieder findet, wer auch nur einmal ziellos war und antriebsarm.

Um das zu genießen, die Rückkehr Moritz Krämers nämlich, muss man sich allerdings kurz gedulden. Im Auftaktstück Egal wohin verwischt seine Stimme noch im Doppelgesang mit Kollege Wilking. Das ist zwar schön schwitziger Achtziger-Jahre-Saxofon-Discopop mit Unterstützung illustrer Gäste, von Judith Holofernes bis Gisbert zu Knyphausen, aber ebenso wenig krämeresk wie das anschließende Body & Soul: hübscher Trash, versiertes Durcheinander, kein Moritz.

Der stellt sich erst in Aliens an die Bühnenkante, endlich, und erzählt famos nuschelnd wie eh und je von gewöhnlichen Wochentagsbegegnungen mit Außerirdischen, wie sie wohl niemand sonst mit so nonchalanter Schnodderigkeit, so viel Eleganz und Kraft um Unfertigen erzählen kann. 13 Stücke lang geht das so und geht dabei zu Herzen wie sonst fast nichts in dieser Sprache. Das Warten hat ein Ende.

“Schau in den Lauf Hase” von Die Höchste Eisenbahn ist erschienen bei Tapete.

6 Kommentare

  1.   cagy

    Also ich find den Moritz Krämer ja auch klasse, nur bitte bitte hebt ihn doch nicht zum alleinigen, glorreichen Erschaffer dieser wunderbaren Platte.
    Er ist grandios, ja – aber da ist eine Platte, die schon bewusst nicht unter seinem Namen herausgebracht wurde – und über das Album wurde hier wenig geschrieben – schade.
    Herr Wilking hat ein geniales Können tolle Zeilen zu schreiben, die im Kopf hängen.
    Dieses Album hat unfassbar tanzbare Klänge zu bieten – gerade egal wohin lädt zum Tanzen ein. Und trotz dieser positiven Klängen weiß das Album dich sofort runterzuziehen, auf den harten Zement zu schmeißen und dir ein blutgetränktes, schweres Herz zu verpassen. Da sind fiese Kontraste die einem ein geliebtes Gefühlschaos verpassen. Total genial.

  2.   www.54books.de

    Ja, Moritz Krämer gehört mit Sicherheit aktuell zu den besten Schreibern des Landes. Leider kommt mir in der Besprechung die deutlich erkennbaren Leistungen der übrigen Drei etwas zu kurz. Die Multitalente Schröder und Weigt haben einen, wie man live bereits hören konnte, unglaublich großen Einfluss auf den Sound und die (musikalische) Komplexität des gesamten Album und Francesco Wilking eher als Sidekick unter den Tisch fallen zu lassen, statt in als mindestens gleichberechtigten Partner, wenn nicht sogar Kopf des Quartetts zu würdigen, erscheint mir etwas einseitig, wenn nicht sogar kurzsichtig. Wilkings Songs und, vor allem, Texte machen einen weiteren besonderern Reiz dieses Werks aus.

    Ich stimme also im Ergebnis durchaus zu, würde in diesem Zusammenhang nur lieber über die Band “Die Höchste Eisenbahn” als nur über den Musiker “Moritz Krämer” lesen.

  3.   Moe

    Stimme meinen Vorrednern zu. Den Artikel kann nur ein “Moritz Krämer- Fanatiker” geschrieben haben, wenn man die Handschrift und den Anteil von Francesco Wilking so ausser Acht lässt. Objektiv klingen die Zeilen jedenfalls nicht. Diese Rappassagen, die Wilking immer wieder reinhaut, geben dieser aussergewöhnlich guten Platte erst den Kick. Für dieses in großen Teilen 80´s- Funk- Gestrüpp würde ich auch Wilking verantwortlich machen, der auch musikalisch großen Einfluss hat. Wenn man Tele kennt, weiß man wo das herkommt. Also Moritz ist großartig, Francesco ebenso und Felix und Max sowieso. Tolle Platte.


  4. Das stimmt wohl, mea culpa, ich war und bin zu sehr auf Moritz K. fixiert und leiste hiermit nachträglich Abbitte: Sein Gesang ist nur das süße Sahnhäubchen auf einem Album, das gesamtmusikalisch höchst anspruchsvoll und ein Produkt famoser Künstler ist.
    Der Autor

  5.   stefan niggemeier

    Tanze den ganzen Tag nach seiner Musik!! SPITZE!!!!!!!

  6.   kati

    Nein, das Album ist nicht gut! Überhaupt nicht! Wenn ich vorher gewusst hätte, dass es mir nach dem 1000-maligen Hören dieser beiden Scheiben (die vier Live-Stücke mit innbegriffen!), wegen akuter Entzugserscheinungen so schlecht geht, dann hätte ich sie niemals gekauft. Mir geht es exakt wie dem Autoren: Erst war ich süchtig nach Moritz Krämers erstem Album, dann irgendwann hat die Dosis nicht mehr ausgereicht und nun bin ich süchtig nach der kongenialen Zusammenarbeit dieser Höchsten Eisenbahn-Musiker und brauche dringend mehr von dem Zeugs! Nun kommt und kommt kein Nachschub. Und eine Ersatzdroge gibts leider auch keine…
    Das ist nicht gut! Nein. Das kann nicht gut sein!!!!!!!!!
    Verdammt, erlöst mich endlich von den Qualen! 😉