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Sie spielt Cowboy und Indianer

 

Junge Frau mit alter Seele: Samantha Crain vom Stamm der Choctaw erzählt in ihren Country-Folk-Songs amerikanische Geschichte aus vielen Perspektiven.

© Full Time Hobby
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Es sind meist die langsamen Wehklagen, die melancholischen Abschiedslieder von Woody Guthrie, Johnny Cash und Loretta Lynn, mit denen amerikanische Geschichte erzählt wird. Auch Samantha Crain hat genau diese Stücke aus der Plattensammlung ihres Vaters gezogen und wieder und wieder gehört. Heute, mit 27, spielt sie selbst ganz altklug und zugleich weise ihre Westerngitarre, während die Musiker im Hintergrund so abgebrüht fiddeln, streichen und klimpern, als hingen ihnen dabei Stroh aus dem einen Mundwinkel und eine Kippe aus dem anderen.

Samantha Crain erzählt aber noch eine andere Geschichte. Die hören Europäer vielleicht nicht so schnell heraus: Crain ist Indianerin der Choctaw, eines Stammes, der die tragischen Erzählungen erfunden hat, lange bevor sie die Countrymusic prägten. Dass sie so angstfrei und klar singt, sagt Crain, habe sie von ihren Vorfahren. Im Blut liegt ihr nicht nur die Liebe zu Prosa und Poesie, sondern auch der Trotz, mit dem sie sich selbst reflektiert. Ihre Lieder handeln vom Weglaufen, das sie nie lange durchhält, von abblätternder Farbe und von all den Fehlern, die sie nicht bereut. „I did a pretty bad thing„, singt sie etwa in Taught To Lie, „but it’s nothing that I wouldn’t mention.

Kid Face ist bereits das dritte Album von Samantha Crain. Deshalb erzählt es besonders von den Reisen, die sie mit ihren ersten beiden Platten unternommen hat. Gleich der erste Song Never Going Back galoppiert unbeirrt voran. So flott wird es anschließend nicht mehr, stattdessen schleppen sich Blues und Folk langsam über die Hügel.

Wenn das Cello düster brummt und die Snares knarzen, erschließt sich auch, warum Crain gerade mit der teuflischen Band Murder By Death auf Tour ist – und das, obwohl es sicherlich nicht der Whiskey war, der ihre Stimme formte. Wenn die Steel Guitars sich durch sonnigen Indiefolk grooven, ist damit auch die Freundschaft zu den Avett Brothers erklärt. Und wenn der Mädchengesang ganz allein zum Klavier vom zarten Hauch zur Feierlichkeit schwillt, dann beeindruckt das nicht nur die Kolleginnen von First Aid Kit.

Samantha Crain ist eben keine, die aufregende alte Zeiten bloß neu verpackt. Sie weiß zu viel über die Vergangenheit, um in der Gegenwart nicht nach eigener Bedeutung zu suchen. Ihr Album hat sie von John Vanderslice produzieren lassen, der sonst mit Spoon und den Mountain Goats zusammenarbeitet. Sie spielt in Indieklubs und trägt auf der Bühne so oft Spitzenkleider zu Cowboystiefeln wie punkige Miniröcke und ungekämmte Haare. Als einen ihrer größten Einflüsse nennt sie neben all den alten Haudegen den im vergangenen Jahr verstorbenen Jason Molina, ein anderes halbangepasstes Wildchild, das den Heavy Metal im Herzen trug, ohne damit den Folk zu erdrücken. Genauso geht es auch Crain ums Aufbrechen, ohne dabei etwas zu zerstören.

Wie in Neuseeland Lorde den Pop mit den Mitteln des Pop belebt und Kate Nash in England dem Rock ’n‘ Roll ihre schönste Stimme gibt, so hat Samantha Crain längst verstanden, dass es im Country nicht darum geht, sich zwischen früher und ganz früher, Hoffnung und Depression, Kindergesicht und alter Seele zu entscheiden. Eine wie sie kann auch Cowboy und Indianer sein.

„Kid Face“ von Samantha Crain erscheint bei Full Time Hobby.

1 Kommentar

  1.   sinta

    Nett. ‚Paint‘ gefällt mir sehr gut.
    Sie erinnert mich ein wenig an Alela Diane.

 

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