‹ Alle Einträge

Aus Schmelz wurde Schmalz

 

George Michael hat in 27 Jahren nur vier Alben mit eigenem Material aufgenommen. Sein neues heißt „Symphonica“ und begnügt sich mit Coverversionen in Streicherbegleitung.

© Universal Music
© Universal Music

Verblüffend schmal ist das Werk dieses Künstlers, gemessen an der Breite seiner Bekanntheit. In 27 Jahren hat George Michael ganze vier Platten mit selbst komponierten Songs aufgenommen. Sein letztes richtiges Album erschien 2004 und hieß sinnigerweise Patience. Der Mann schiebt eine geradezu aufreizend ruhige Kugel. Das betrifft auch sein jüngstes Lebenszeichen: Symphonica bietet keinen einzigen neuen Ton.

Das faszinierendste Geräusch dieses ersten Live-Albums ist das hysterische Aufbrausen des Publikums zwischen den Songs. Es klingt, als hätte der Sänger bei seiner jüngsten Tournee durch Europa nur vor Furien gespielt, womöglich gar vor Sirenen. Dabei ist der gesichtslose Enthusiasmus in Wahrheit nur ein schriller Bruder jenes künstlichen Gelächters, das in Fernsehkomödien auf jeden Gag folgt. Der Apparat lacht für uns, damit wir es nicht mehr tun müssen.

Nun bedeutet ein Konzertmitschnitt nicht notwendigerweise künstlerische Erschlaffung. Und eine Sammlung von Coverversionen muss nicht aus purem Phlegma entstanden sein. Es ist auch kein zwingendes Zeichen für Einfallslosigkeit, die eigenen alten Hits von einem Sinfonieorchester begleiten zu lassen.

Was ist aber von einem Live-Album voller Coverversionen und eigener Songs zu halten, die überdies nur mit Streicherbegleitung eingespielt wurden? Symphonica klingt so edel, wie ein wertvoller Champagner schmeckt, prickelt aber nicht. Produziert hat das Album der legendäre und jüngst verstorbene Phil Ramone, der auch schon mit Künstlern wie Ray Charles oder Stevie Wonder gearbeitet hat.

In dieser Reihe sähe der späte George Michael sich selbst und seine Arbeit sicher auch gerne. Solide und überraschungsfrei interpretiert er sich durch Songs von Elton John, Nina Simone, David Bowie und dem halb vergessenen Terence Trent d’Arby. Seine eigenen Kompositionen schlagen sich im direkten Vergleich mit den adaptierten Klassikern aus Soul und Folk sogar recht wacker. Aber um welchen Preis? Der Schmelz in der Stimme ist zu Schmalz geworden, der verschwitzte Sex besserer Tage einer parfümierten Kuscheligkeit gewichen.

Ein Album voller Edelpop und seidenem Soul, so leer wie eine Modestrecke. Es gibt Maßanzüge, die ihren Trägern stehen. Hier sind sie bloß eine Bewerbung für ein Dauerengagement in Las Vegas.

„Symphonica“ von George Michael ist erschienen bei EMI/Universal.

Aus der ZEIT Nr. 12/2014

9 Kommentare

  1.   David Modjarad

    wie gut, dass geschmäcker unterschiedlich sind. selten so einen unsinn gelesen!


  2. wieso nur Streicherbegleitung ?? Was da im ersten Song begleitet, nennt sich Klavier…. soviel zur Kompetenz des Kritikers

  3.   afromme

    Das frenetische Jubeln mutet noch etwas merkwuerdiger an, wenn man bedenkt, dass lediglich George Michaels Gesang live auf der Tour aufgenommen wurde,
    Die Streicher wurden spaeter im Studio eingespielt. Dort wurden dann auch die besten der live-Gesangsaufnahmen ausgewaehlt und zusammengeschnitten/arrangiert um zu den Instrumentalparts zu passen.

    Der Guardian nennt „Symphonica“ denn auch konsequenterweise ein „slightly confused live album“, dass insgesamt – bestehend aus einem Mischmasch an zusammenarrangiertem Live-Gesang, Publikumsgejohle und Studio-Orchester – insgesamt etwas unehrlich wirkt. Seine Stimme sei aber immer noch in Top-Form.
    http://www.theguardian.com/music/musicblog/2014/mar/04/george-michael-symphonica-five-things-we-learned

  4.   afromme

    Achja – Fazit des Guardian:
    „Symphonica klingt wie ein unglaublich risikoarmes und leicht oedes Album – perfekt fuer einen Sonntagabend daheim, oder den Besuch der Freunde, die Michael Bublé-Fans sind, aber durchaus willens, mal etwas auszuprobieren, das ein bisschen anders ist.“


  5. Das Zwang zu Eigenkompositionen stammt aus der Musikindustrie, die „O-Werke“ schützt. Macht nichts, wenn das O-Werk nicht wirklich neu ist — über die alten Akkorde legt man ein paar neue, sinnfreie Texte. Das reicht.

    Früher haben die Musiker an alten Evergreens gezeigt, was sie drauf haben. heute gelten Covers (siehe oben) als Zeichen mangelnder Kreativität.

    Was ist Ihre Lieblingsnummer von Louis Armstrong? Doch nicht ein Cover?!

    So richtig was neues ist seit Charlie Parker (ab den 40er Jahren) nicht passiert. Er brachte die Obertöne in die Popmusik. Kein Stevie Wonder ohne Bird! Dafür gibt es aber keine Urheberrechte.

    Ja, ich sehne mich nach den alten Zeiten, als man gute Musik neu interpretierte, und keiner kritisierte einen dafür.

  6.   Zimmy

    Leute, ihr habt euch vertan: ihr habt zweimal dasselbe Lied eingestellt.

    Genug gesagt zu dieser Sülze.

  7.   afromme

    @petiteplanete
    Was heisst „Zwang zu Eigenkompositionen“?
    Zum einen: Es gibt ja noch einen Unterschied zwischen Coverversionen und Stuecken, die eigens fuer bestimmte Kuenstler geschrieben wurden.
    „What a Wonderful World“ in Louis Armstrongs Version gehoert zu letzterer Kategorie, ist also kein Cover.

    Was nun George Michael betrifft – die nicht von ihm selbst geschriebenen Stuecke sind saemtlich Coverversionen, von denen sich die meisten exakt gleich, oder nur geringfuegig anders arrangiert, auf Michael’s 1999er Coverversionenalbum „Songs from the last Century“ finden.

    D.h. wir haben hier nach 10 Jahren Veroeffentlichungspause ein Album mit Halb-Live-Aufnahmen von Coverversionen, die er schon einmal vor 15 Jahren herausgebracht hat, plus einem neuen Lied, plus ein paar eigenen auf gediegenen Nachmittag umarrangierten Liedern.
    Kein Feuerwerk der Kreativitaet, wuerde ich sagen.

  8.   regen

    er hat das schon n paar mal so ähnlich gemacht. Sehr gute Stimme.
    Gute Begleitung. Mir gefällts, was die 2 Lieder betrifft.
    Muss mir mal anhören, was er von Bowie gecovert hat, ansonsten:
    wems nicht gefällt, brauchs ja weder zu hören noch zu kaufen..

  9.   Reiner

    Also mir gefällt es
    Leider bin ich nicht so wortgewaltig wie der Herr Kritiker! Zum Glück habe ich aber nicht dessen Geschmack.

 

Kommentare sind geschlossen.