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Sexualforscher am Synthesizer

 

Kevin Drew hat die Welt und ihre Betten gesehen. Mit dem luftgepolsterten Pop seines zweiten Soloalbums sucht der Sänger von Broken Social Scene nach Intimität in Zeiten der sexuellen Reizüberflutung.

© City Slang
© City Slang

Broken Social Scene waren immer schon halb Rockband, halb soziologisches Experiment. Mehr als 30 mehr oder minder feste Mitglieder gehörten zwischenzeitlich zur Gruppe aus Toronto. Man nannte sie den Kennedy-Clan der kanadischen Gitarrenmusik und sprach Kevin Drew die Rolle des JFK zu. Drew war Sänger und Gitarrist, Alleinentscheider und erster Vermittler. Sein Ego, heißt es, wird nur noch von seiner Fürsorglichkeit übertroffen.

Aus dem Tonstudio sind künstlerische Grabenkampfdramen von Broken Social Scene überliefert, aus dem Tourbus auch persönliche. Heute gibt es nur noch eine sechsköpfige Kerngruppen-Version der Band. Von einem gescheiterten Experiment kann jedoch keine Rede sein: Broken Social Scene prägten mit scheinbar paradoxem Stadion-Art-Rock die Vorstellung vieler Menschen davon, wie eine Band klingen, aussehen und aufgestellt sein kann. Kevin Drew führte außerdem eine Sprache in die Rockmusik ein, mit der vor ihm noch niemand über Sex gesungen hatte.

Diese Sprache zeichnet auch Drews zweites Soloalbum Darlings aus. Die Suche nach Intimität in Tourbusnächten und YouPorn-Zeiten bleibt sein wichtigstes Anliegen, am Vokabular gibt es nichts zu beschönigen. Taschentücher und Feuchtigkeitscreme spielen seit jeher tragende Rollen in den Texten, es geht um Blowjobs und Handjobs, metaphorischen und tatsächlichen Analsex. Darlings beginnt mit der Zeile: “Get the body butter, baby, let’s go party all alone.” Zeitgleich mit dem Album veröffentlicht Drew seine eigene Bodybutter. Sie riecht nach Tequila und Limette.

Ein Promo-Gag natürlich, der die Ernsthaftigkeit von Darlings nicht überdecken sollte. Drews Texte kratzen gelegentlich an der Grenze zur Pornografie, vermeiden aber Übersteigerungen ins Cartoonhafte, wie man sie aus dem Rap kennt. Sie sind eher schmuddelig als versaut, mehr Selbsthilfe als Selbstbefriedigung. Ein Song auf Darlings heißt Good Sex und versteht sich tatsächlich als Ratgeberlied. Drew war immer schon ein Prediger, dabei aber ungewöhnlich zärtlich und ehrlich. Der Sänger selbst schwächelt beim Befolgen seiner Ratschläge. Die Theorie der Monogamie leuchtet ihm ein, die Praxis bleibt ein Rätsel.

Konsequenter als bei Broken Social Scene, wo selten weniger als drei E-Gitarren gleichzeitig spielen, übersetzt Drew dieses Zärtliche nun in seine Musik. Darlings ist ein Album der Tasteninstrumente, viele davon sind alt und bestimmen mit ihren Schrullen den Sound der Platte. Das führt zu Synth-Pop-Songs, die jedoch wärmer und weicher klingen, als man das Genre bei Depeche Mode oder den Eurythmics kennengelernt hat. Mehr Watte, weniger Plastik. Das passt ja auch zu Drews Lieblingsthema.

Wie zerbrechlich das daraus entstehende Albumgebilde ist, zeigt der einzige Ausreißer. Bullshit Ballad hat eine offensive E-Gitarre und auch sonst viel Testosteron. Drew rechnet darin mit den Lieferanten des Rockradios ab, das ihn und seine Band nie ins Herz schließen wollte. Motivation und Adressaten des Songs bleiben aber unklar. Der zynische Tonfall bringt das sonst so betuliche Darlings für vier Minuten aus dem Gleichgewicht, der beleidigte Ankläger ist Drews schlechteste Rolle. Als Sexualforscher am Synthesizer macht er eine bessere Figur.

“Darlings” ist erschienen bei City Slang/Universal.