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Wenn schon die Liebe nichts taugt

 

Schonungslos singt Sharon van Etten ihre Verlustlieder. Ihr neues Album „Are We There“ beantwortet die Frage, wie dem Rest der Beziehungswelt zu helfen ist.

© Jag Jaguwar
© Jagjaguwar

Sharon van Etten hatte etwas zu beweisen, vielleicht auch etwas heimzuzahlen. Vor neun Jahren floh sie aus Murfreesboro in Tennessee, erst nach New Jersey zu ihren Eltern, dann nach Manhattan ins eigene Apartment. Die Beziehung der damals 24-Jährigen war vom Unguten ins Ungesunde gekippt, der Ex-Freund hatte sich vor allem an ihren musikalischen Ambitionen gestört. Niemals, sagte er zum Abschied, werde sie als Songwriterin ein Bein auf den Boden bekommen. Van Etten nahm die Herausforderung an.

Vier Jahre lang schlug sie sich als Schnapshändlerin und Gelegenheitsmusikerin durch, dann brachte sie im Sommer 2009 ihr Debütalbum heraus. Because I Love You war eine stille Abrechnung im doppelten Sinn. Mit den kargen Folksongs der Platte widerlegte sie die Prognose ihres Ex-Freundes, gleichzeitig arbeitete sie die hässlichen Seiten der gescheiterten Beziehung auf. Offen, kühl, auch mal brutal. Dieser Herangehensweise ist van Etten treu geblieben. Selbst ihr viertes Album Are We There lässt sich bis nach Murfreesboro zurückverfolgen.

Sharon van Etten begreift Liebe bis heute als Machtspiel und Ausdauersport. Am Ende gewinnt, wer am meisten wegstecken kann, und eigentlich sind das immer die anderen. Are We There ist voller aufgewühlter, anklagender Verlustlieder, eins heißt I Love You But I’m Lost, ein anderes Your Love Is Killing Me. „Break my legs so I won’t talk to you“, singt sie darin, „cut my tongue so I can’t talk to you“. Sie macht ein ganz schönes Drama aus der Sache.

Are We There mag den Hormonhaushalt eines unglücklich verliebten Teenagers haben, es lässt aber keinen Zweifel daran, dass mehr auf dem Spiel steht als ein erstes gebrochenes Herz. Van Ettens Fluch ist zugleich ihre Stärke: Bedingungslos klopft sie jedes Gefühl ab, das zur Sprache kommt, bis ins letzte Lied bleibt sie ernst und besessen und singt auch so. Die Frage, ob Are We There authentisch ist oder doch nur großes Theater, stellt sich gar nicht. Natürlich ist es beides.

Stattdessen kommt einer anderen Frage immer größere Bedeutung zu: Was können Sharon van Ettens zerstörte Liebeslieder dem Rest der Welt bedeuten? Welche neuen Erkenntnisse gewinnt man mit Are We There? Van Etten beantwortet das vor allem musikalisch. Großzügiger denn je gestaltet sie ihre Songs aus, spielt E-Gitarre, Klavier und Hammond-Orgel, programmiert bei Gelegenheit sogar einen Drum-Computer. Abseits aller emotionalen Schlachtfelder ist Are We There ihr bisher schönstes Album. Wenn schon die Liebe nichts taugt, sollen wenigstens die Songs etwas hermachen.

Diese Entwicklung zu größerem Band-Sound und verfeinerten Arrangements ist willkommen, wäre aber nicht nötig gewesen. Schon als sich van Etten noch ausschließlich an ihre Akustikgitarre klammerte, steckten immer auch Trost und Verständnis in ihren Liedern. „I want my scars to help and heal“, sang sie auf ihrem 2012er Album Tramp. Zumindest indirekt richteten sich diese Zeilen auch an ihr Publikum. Leben rettet Sharon van Etten damit nicht, aber gut zu wissen ist es schon.

„Are We There“ von Sharon van Etten ist erschienen bei Jagjaguwar/Cargo Records.

7 Kommentare

  1.   ZZ2

    Der Beziehung hilft man am besten wenn man sich darum kümmert, anstatt sich darüber auszuheulen 🙂


  2. Ich fand das erste Album deutlich besser, irgendwie ausdrucksstärker. Das Album jetzt wirkt weinerlich und überproduziert, viel zu aufpoliert.

  3.   TDU

    Zit: „Was können Sharon van Ettens zerstörte Liebeslieder dem Rest der Welt bedeuten?“ Drunter gehts nicht in Deutschland. „Die Welt.“ In „Theo gegen den Welt“ war das noch ironisch gemeint.

    Es reicht doch wenn ihre Musik denen was bedeutet, die sie gerne hören. Aber nichts für ungut. Ich kenne die Sängerin nicht, aber der Artikle weckt Interesse.

  4.   Marc

    Ich bin es müde… die Alben, Bücher, Kolumnen und sonstigen Ergüsse verschiedenster Menschen- über die Liebe und die anderen Menschen, die beiderlei partout nichts erfüllen wollen.
    Oder eben nur „Machtspiele“ und „Ausdauer“übungsfeld sind.

    Wann fangen wir wieder an, wirklich zu lieben?
    Uns einzulassen, nicht uns selbst permanent an Platz Eins zu stellen?
    Statt Macht und Ansprüchen auch wieder Zartheit und Verletzlichkeit zulassen zu lernen?

    Die Individualisierung und deren soziale Unverträglichkeit macht mich so müde.

  5.   Laura Funk

    Interessant


  6. Na Herr Gerhardt, auch den New Yorker gelesen was? Scherz beiseite. Ich habe auch mal reingehört und finde die Musik dieser Frau berührend und sehr schön; man merkt noch den Einfluss von The National wie ich meine. Denn sie hatte beim letzten Album Schützenhilfe von einigen Bandmitgliedern. Man könnte das wohl als Neofolk einordnen. Äußerst empfehlenswert! Was auch in diese Richtung geht sind Wye Oak. Eine herrliche Neofolkband aus Baltimore, aber ich mache schweife ab…


  7. Finde ihre Musik auch sehr gut, obwohl mir die älteren Sachen besser gefallen als das neue Album. Die Lieder klangen irgendwie harmonischer und in gewissen Sinne auch poppiger im positiven Sinne.

 

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