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Zombies in der Rollschuhdisko

 

Sex, Tod und Sex mit Untoten: Die Band Stars aus Montreal weiß, worüber es sich zu singen lohnt. Das neue Album der Synthie-Popper ist Partymusik für Beerdigungen.

© Shervin Lainez
© Shervin Lainez

Wer Stars hört, muss tausend Tode mit ihnen sterben. Die Band aus Montreal arbeitet sich seit fast 15 Jahren an metaphorischen und tatsächlichen Todesfällen ab. Zunächst mit einem Indierock-Entwurf der größtmöglichen Gesten, der ihre Verwandtschaft zu Broken Social Scene erkennen ließ. Inzwischen in immer beschwingteren Songs, die auf den feingliedrigen Achtziger-Jahre-Pop von Prefab Sprout und Aztec Camera verweisen. Wenn es bei Stars nicht ums Sterben geht, geht es um Sex, und einmal, auf ihrem Album The Five Ghosts von 2010, ging es um Sex mit Zombies. Das Lied hieß We Don’t Want Your Body. Niemand außer Stars hätte es schreiben oder damit davonkommen können.

Wie die meisten Bands mit klar definierten Stärken und Themenfeldern standen Stars irgendwann vor dem Problem, zur Karikatur ihrer selbst zu werden. Die singende Doppelspitze aus Amy Millan und Torquil Campbell brachte auch auf The North (2012) jeden Grabstein zum erweichen. Die zusehends glatten, risikoarmen Songs der Band brachten aber keine neuen Erkenntnisse mehr. Stars waren zu einer ihrer eigenen Geschichten geworden. Ihre Geschichte erschien zu Ende erzählt.

Statt sich aufzulösen, haben sie allerdings No One Is Lost eingespielt, ihr siebtes Album, eine Art Partymusik für Beerdigungen. Es hat sich nichts getan an den Lieblingsthemen von Stars, es gibt aber tatsächlich einen neuen Blickwinkel, der, wie die Band selbst vermutet, mit den Begleitumständen zu tun hat, unter denen die Platte entstanden ist. Stars nahmen No One Is Lost in einem Studio über dem in Montreal stadtbekannten Schwulenclub The Royal Phoenix auf. Bass und Beats sickerten sozusagen durch den Fußboden aufs Album. Im ersten Song From The Night hört man die Toten lachen, vertreten durch ein Whitney-Houston-Sample.

Was sich anschließend entfaltet, ist Synth-Pop nach YOLO-Prinzip. Stars stürzen ab mit Liedern, die sich ihr Magengeschwür lieber im Nachtleben verdienen, als es durch ewige Besorgnis heraufzubeschwören. Ein ordentliches Gelage erscheint als einzig sinnvolle Reaktion auf die Gewissheit, dass wir alle draufgehen werden, wahrscheinlich eher früher als später. Wenn Turn It Up aber vom überdrehten Zuckerstimmen-Pop zum jugendsprachlich bewanderten Partystarter mutiert, verschiebt sich die Stimmung auf No One Is Lost von Champagnerdusche nach Rollschuhdisko.

Auch das ist kein Problem: Stars pflegen einen niedlichen, beinahe braven Hedonismus, und es entbehrt nicht einer gewissen Komik, dass sie heute lebendig klingen wie seit Jahren nicht mehr – während No One Is Lost den Tod feiert. Die Sache mit der Selbstparodie wird dabei ebenfalls ausgeräumt: Kein Karikaturist könnte die prägenden Eigenschaften der Band noch dramatischer überbetonen, als sie es selbst tut. „Clap your hands now because everybody dies„, singt Torquil Campbell, 42, als letzten Satz der Platte. Wenn seine Zeit gekommen ist, wird er wahrscheinlich mit Konfetti im Haar aus dem Fenster fallen.

„No One Is Lost“ von Stars ist erschienen bei ATO/PIAS/Cooperative.

1 Kommentar


  1. Wems gefällt. Fürs Hipster-Klientel taugts wohl. Die halten sich ja auch für individuell und schauen dabei recht uniform aus. Entsprechend klingts für mich. Paradoxien sind super.

 

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