Das Musik-Blog zwischen Disko und Diskurs

Autoren Archiv von Daniel Grinsted

R’n'B voller Geigen

Von 13. Mai 2013 um 08:53 Uhr

Tolliver müsste er heißen: Marques Toliver hätte ein L mehr verdient. Endlich erscheint sein Debütalbum, auf dem sich Klassik und Soul auf einzigartige Weise mischen.

© Universal Music

© Universal Music

Ein Allroundtalent! Marques Toliver ist Geigenvirtuose, Songwriter und begnadeter Soulsänger. Er modelt, schauspielert in Musikvideos und hat ein Ästhetikmagazin gegründet, das laut eigener Aussage “das Sinnliche in Kunst, Literatur und Leben feiert”. Er ist 26 Jahre alt. Und er will der nächste Quincy Jones werden.

Aufgewachsen ist Toliver, wo amerikanische Studenten früher ihr Spring Break verbrachten. In Daytona Beach, Florida, kommt er früh mit Gospel und Klassik in Kontakt. Seine Großmutter spielt die Kirchenorgel und Toliver singt dazu. Er lernt Violine nach der Suzuki-Methode, studiert Musik, liebäugelt mit der Lehrerlaufbahn. Ein Trip nach New York erweitert seinen Horizont. Toliver wird zum Bohemien, schläft auf Sofas, musiziert im Central Park und im hippen Williamsburg. Seit ihn Kyp Malone von TV on the Radio dort entdeckt hat, geht es steil bergauf.

Der junge Mann scheint alles richtig zu machen. Er zieht nach London, spielt auf den Straßen des East End. Und auch hier lacht ihm das Glück: Adele lobt ihn öffentlich, es folgt ein Plattenvertrag und ein Auftritt bei Later… with Jools Holland. Wobei Glück das falsche Wort ist. In der Werbesprache würde man sagen, es liegt an seinem Unique Selling Point: der seltenen Kombination aus Klassik und R’n'B. Wer kennt schon jemanden, der Geige spielt wie ein junger Gott und dazu singt wie Stevie Wonder?

Er ist beeinflusst von Luther Vandross und Destiny’s Child genauso wie von Bach und Yehudi Menuhin. Diese Verschränkung zweier Welten macht denn auch den Reiz dieses Debüts aus. Nur für einen Song lässt er seine Geige mal im Kasten. Das Album beginnt mit gospeligem Fingerschnippen, Klavier, Schlagzeug und anschwellenden Violinen, die entfernt an Papa Was a Rollin’ Stone erinnern. Tolivers Gesang – etwas D’Angelo, etwas John Legend – ist makellos. Und dazu wandelbar: Was sich wie Backgroundsänger oder eine Frauenstimme anhört, ist immer Toliver selbst.

Manchmal jedoch heben sich die einzeln prächtig klingenden Instrumente und Stimmen in ihrer Wirkung gegenseitig auf. Aber vielleicht ist man es einfach nicht gewohnt, dass in einer Soul-Nummer der Himmel voller Geigen hängt. Versteht sich von selbst, dass dieser Alleskönner auch Gitarre, Keyboard, Cello und die Autoharp beherrscht. Gar ein folkiges Instrumentalstück gelingt ihm: Im wunderbaren Repetition bezaubert er allein mit Geige und Klavier.

Beruhigend, dass die zweite Hälfte des Debüts nicht perfekt ist. Oder besser: zu perfekt. Man hört, wie er alles richtig machen, jeden Ton an der optimalen Stelle platzieren möchte. Auf technischer Ebene zweifellos beeindruckend, doch kommt es zuweilen etwas kühl daher. Richtig mitreißende Hooks sind nicht dabei und etwas weniger Vorhersehbarkeit hätte manchem Stück gut getan. Ein romantischer Song muss nicht nach rosa Zuckerwatte klingen. Zudem sollte sich ein R’n'B-Musiker nie mit dem Prince of Soul messen und Ain’t No Mountain High Enough anstimmen. Aber angesichts so großen Talents spricht hier wohl nur der Neid.

“Land Of CanAan” von Marques Toliver ist erschienen bei Cooperative Music/Universal.

Kategorien: Pop, R'n'B, Soul

Hymnen für Hackney

Von 2. Mai 2013 um 11:30 Uhr

Die Konzerte der Londoner Band Rudimental sind riesige Partys. Ihr Debütalbum “Home” liefert dazu die passende Musik – ein Querschnitt durch Drum’n'Bass, Soul und Garage.

© Warner Music Group

© Warner Music Group

Jugendliche werfen Molotowcocktails, legen Brände, plündern Geschäfte: Heftige Unruhen erschüttern London im August 2011. Weiter…

Kategorien: Dub, Elektronika, Pop, Soul

Wie ein biblischer Gitarrenschwarm

Von 3. April 2013 um 11:47 Uhr

Die kanadische Band Suuns hat das passende Album zur Überhitzung des Spätkapitalismus. “Images du Futur” gibt Verbitterung und Zuversicht eine musikalische Form.

© Secretly Canadian

© Secretly Canadian

Eine Mischung aus Frustration und Erregung prägt unsere Gegenwart. Nennen wir das Gefühl Frustregung. Alles soll wachsen, schneller werden, immer verfügbar sein. Die Zeit fürs Wesentliche verdampft Weiter…

Kategorien: Rock

Für die Autowerbung reicht’s

Von 8. März 2013 um 12:11 Uhr

Welch ein Debüt vor drei Jahren! Das zweite Album des britischen Popduos Hurts ist allerdings missglückt. “Exile” stampft als banaler Zitatmix dahin.

© Four Music

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Pomade im Haar, glattrasiertes Gesicht, die Hemden bis ganz oben zugeknöpft. Wer so aussieht, wird in England als dapper beschrieben. Weiter…

Kategorien: Pop

Alle Sorgen einfach weghören

Von 20. Februar 2013 um 11:27 Uhr

Matthew E. White bringt auf seinem Debüt Country-Funk, Soul und Gospel zusammen. Wer da kein Grinsen im Gesicht hat, muss was an den Ohren haben.

© Sara Padgett

© Sara Padgett

In Virginias Hauptstadt Richmond steht ein unscheinbares Einfamilienhaus aus weißem Holz, leicht versteckt hinter Bäumen. Hier wohnt Matthew E. White Weiter…

Kategorien: Country, Funk, Soul

Ein Kauz verdient den Grammy

Von 1. Februar 2013 um 10:41 Uhr

Mark Oliver Everett musiziert seit 20 Jahren konsequent vorbei am Mainstream-Erfolg. Auch das neue Album seiner Eels wird ein wundervoller, glorreicher Flop.

© Cooperative

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Splitternackt werde er neben seinem Grammy Award schlafen, verkündet Mark Oliver Everett in einer aufgezeichneten Dankesrede, die er per Video vom Nordpol schickt. Weiter…

Kategorien: Rock

Hits kann sie noch

Von 26. November 2012 um 09:00 Uhr

Alicia Keys weiß noch immer, wie man einen guten Popsong schreibt. Auch wenn das auf ihrem neuen Album zugunsten prominenter Gäste nebensächlich wird.

© Nino Munoz

“Mädchen in Flammen”, übersetzte jüngst ein Radiomoderator den Titel von Alicia Keys’ neuer Single Girl On Fire. Das ist natürlich Unsinn. Weiter…

Kategorien: Pop, R'n'B

Zwei auf derselben Datenleitung

Von 6. August 2012 um 17:06 Uhr

Eine Band dank Internet: Das kanadische Duo Purity Ring passt mit seinem Hipster-Elektropop ganz genau in unsere Zeit. “Shrines” heißt ihr rätselhaftes Debüt.

© Sebastian Mlynarski

Am Nebentisch sitzt sich ein Pärchen schweigend gegenüber. Beide blicken auf ihre Smartphones, lächeln ihre Displays an. So geht das den halben Abend. Ein Symptom unserer Zeit Weiter…

Kategorien: Elektronika, Pop

Großer Pop oder Bohlens Duschmusik?

Von 30. Juli 2012 um 10:47 Uhr

Zusammen mit Gotye hatte sie einen Riesenhit. Nun bringt Kimbra ihr Solodebüt heraus: Sie muss sich zwischen spannendem Indiepop und Major-Geballer entscheiden.

© Tom Kerr

Monatelang konnte man ihm nicht entkommen: Gotyes Somebody That I Used to Know war der Song des Winters. Mindestens so allgegenwärtig wie der Indiepophit war das zugehörige Video Weiter…

Kategorien: Pop

Zwischen Amy und Adele

Von 23. Juli 2012 um 14:06 Uhr

Noch eine fantastische Debütantin: Lianne La Havas aus London schreibt mal ein paar fluffige Soul-Folk-Songs und landet in den britischen Top Ten. Völlig zurecht.

© Alex Lake

Das nennt man wohl Naturtalent: Seit knapp fünf Jahren spielt Lianne La Havas erst Gitarre, da bringt sie schon ein Album raus, das prompt in die britischen Top Ten einsteigt. Weiter…

Kategorien: Folk, Soul