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Der Anselm Kiefer des Techno?

Über die Jahre (39): Der Kölner Wolfgang Voigt verarbeitete Mitte der Neunziger seine Kindheit in dem Projekt GAS. Unter dem Titel »Nah und Fern« werden die vier Alben aus dieser Zeit nun wieder aufgelegt.

Gas Nah und Fern

Im Rückspiegel erscheint es, Wolfgang Voigt habe einen großen Plan verfolgt. Im Jahr 1996 veröffentlichte er kurz hintereinander zwei tabubrechende Platten: Zuerst die Maxi Polka Trax, eine Mischung aus Minimal-Techno und Polka-Rhythmen, dann die erste CD seines Ambient-Projekts GAS. Die Hülle schmückten unauffällige, abstrakte, gelbe Farbflächen, die Platte hatte es in sich. Die Lieder trugen keine Namen, auch später nicht.

In den beiden Folgejahren erschienen weitere Aufnahmen von GAS mit den vielsagenden Titeln Zauberberg und Königsforst. Bäume schienen es Wolfgang Voigt angetan zu haben: Zauberberg steckte hinter einer blutrot schimmernden Detailaufnahme eines Waldes, Königsforst hinter in warmes Orange gehüllten Zweigen. Da hatte sich längst herumgesprochen, dass der von einem sturen Bassrhythmus begleitete nebulöse Ambient der drei Alben auf Schnipseln von Richard Wagner, Gustav Mahler und Alban Berg beruhte.

Wolfgang Voigt teilte damals mit, er beabsichtige die Erfindung genuin deutscher Popmusik. Da runzelte sich manche Stirn: Ein Projekt namens GAS, ein Label namens BLEI – geschrieben in altdeutschen Lettern, Klangfetzen Wagners, und das alles zusammen soll das reine Deutsche repräsentieren? War Wolfgang Voigt der Anselm Kiefer des Techno?

Dass die Lieder von GAS auf Schnipseln der Musik Wagners, Bergs und Mahlers aufbauen, muss man wissen. Hören kann man es nämlich kaum. Voigt verwendete unauffällige Passagen aus ihren Werken und schnitt sie so klein, dass man sie kaum wiedererkennt. Das vierte Stück auf Zauberberg basiert zwar auf einem prägnanten Sample, wirklich zuordnen kann man es aber nicht. Voigt scheint einen kurzen, im Gesamtwerk unauffälligen Übergang zur tragenden Stütze seines Stücks umfunktioniert zu haben. Die genaue Bestimmung des verwendeten Materials ist so unmöglich, wie der Versuch aus der Detailaufnahme des Zweigs auf der Hülle von Königsforst auf den Wald zu schließen, in dem das Foto geschossen wurde.

Vor seinen Aufnahmen als GAS hatte Voigt noch anders gearbeitet. Unter dem Namen Love Inc. erschien im Jahr 1995 das Album Life’s A Gas, die gesampleten Platten von Kraftwerk, Hot Chocolate, Miles Davis, Scritti Politti, Marc Bolan und anderen waren auf der Hülle der Platte abgebildet. Mit etwas Mühe ließ sich das verwendete Material auch heraushören. Mit GAS verabschiedete sich Voigt vorerst von solchem Zitatpop. Von nun an ging es ihm nicht mehr darum, Markierungen zu setzen, über die man ihn und seine Welt definierte. Vielmehr begann er, das Unbewusste zu verarbeiten, all das Gerümpel der Kindheit, das Unverdaute und Nicht-Begriffene. Wolfgang Voigt erzählte in Interviews von Wanderungen mit seinen Eltern in den Alpen, die er genossen habe. Er erzählte vom Schlager, der im Hause seiner Eltern lief und die Musik seiner Kindheit wurde. Auch die radikale Rebellion der Pubertät befreite ihn nicht von diesen Eindrücken.

So zog er sich zurück. In den deutschen Wald, den er mochte, dessen ideologische Bedeutung er aber verabscheute. Hier konnte er alles verarbeiten, den belächelten Schlager, sein schwieriges Verhältnis zur Klassik – den Drang, Mahler zu genießen und sich gleichwohl vom Habitus der Klassik zu distanzieren. So entstanden Polka-Techno, Stücke mit Schlagersamples und eben das Magnum Opus Voigts, GAS. Um den Missverständnissen entgegenzutreten, nannte er die vierte und letzte GAS-Platte im Jahr 2000 Pop. Der Nebel lichtete sich, die Strukturen wurden erkennbar. Mit einer Ausnahme schweigt die Basstrommel auf dieser CD. Hier deutete sich bereits Voigts nächstes Projekt an, nicht weniger als die Erfindung eines neuen Genres: Pop Ambient.

Um die demokratisierende Kraft des Pop ging es Voigt immer. Die musikalischen Nebelschwaden auf den Platten von GAS sind flüchtig, nicht monumental. Die aufgerufene Geschichte wird in abstrakte Einheiten zerlegt und in eine scheinbar endlose Schleife gelegt. Ihr schwerer Sinn verflüchtigt sich so. Das GAS ist nicht Zyklon B, sondern Musik. Und BLEI eine spielerische Reminiszenz an die bleischwere Vergangenheit, die man nicht vergessen kann und nicht vergessen will. Die aber auch nicht zu monumentalen Schinken aufgeblasen werden sollte. Mit Anselm Kiefer hatte GAS wahrlich nichts zu tun.

Mit dem Abstand einer Dekade hört man heute, wie schlau das Oeuvre von GAS angelegt ist, wie geschickt Voigt Parodie und Pathos umschifft. Welcher Geschichtsrevisionist soll sich das mit Genuss anhören? Wie sollte man auf diesem wabernden Fundament ein Walhalla erbauen? Und was ist aus der Idee »genuin deutscher Popmusik« geworden? Heute gibt es einen Minimal-Techno deutscher Prägung. Die Grundlagen dafür legte Wolfgang Voigt zur gleichen Zeit unter dem Pseudonym Studio 1, mit klassik- und folklorefreien Stücken, die auf den Rhythmus reduziert sind.

»Nah und Fern« von Gas ist auf 4 CDs bei Kompakt/Rough Trade erschienen. Ebenda wurde eine Doppel-LP mit Ausschnitten der Werke veröffentlicht.

Weitere Beiträge aus der Serie ÜBER DIE JAHRE
(38) Liquid Liquid: »Slip In And Out Of Phenomenon« (2008)
(37) Nick Drake: „Fruit Tree“ (1979)
(36) The Sonics: „Here Are The Sonics!!!“ (1965)
(35) dEUS: „In A Bar, Under The Sea“ (1996)
(34) Miles Davis: „On The Corner“ (1972)

Hier finden Sie eine Liste aller in der Serie erschienenen Beiträge.

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Ein Herz zum Bluten

Die Kanadierin Martha Wainwright ist der jüngste Spross einer überaus musikalischen Familie. Auf ihrem zweiten Album präsentiert sie rockigen Folk mit bissigen Texten und ihrer erstaunlichen Stimme

Martha Wainwright I Know You're Married But I've Got Feelings Too

Martha Wainwright ist die kleine Schwester von Rufus Wainwright und die Tochter der Folk-Sänger Loudon Wainwright III und Kate McGarrigle. Über die Dramen, die sich in so einem Musikerhaushalt abspielen, wird viel spekuliert. So munkelt man, das Bloody Motherfucking Asshole auf Martha Wainwrights erstem Album sei Martha Wainwrights Vater.

Ihre Platten wären auch ohne die prominente Familie bemerkenswert. Denn die wahren Dramen spielen sich in den Liedern ab. Da ist zunächst ihre enorme Stimme, ein leicht angerauter Sopran, der Höhen erklimmen und düster grummeln kann. Ihr Bruder äußerte sich schon häufig neidisch auf ihren Stimmumfang. Solch eine Stimme braucht keine dramatische Instrumentierung.

So finden sich in Martha Wainwrights Musik auch nicht die große Geste der Oper und das Glitzern des Broadways, von denen die Musik ihres Bruders lebt. Martha Wainwright bevorzugt erdigen Folk-Rock. Den spielt sie lange nicht so traditionell wie ihre Eltern, sondern näher an Jeff Buckleys ozeanischem Rock. Ihre Stimme und die üppige Begleitung verbinden sich auf ihrem neuen Album I Know You’re Married, But I’ve Got Feelings Too zu einem überwältigenden Klangstrom.

Die stärksten Einflüsse liegen außerhalb der Familie. Der Chor in So Many Friends, zusammengeschnitten aus Fetzen der eigenen Stimme, könnte so auch bei Kate Bush erklingen. Wie sie lotet Martha Wainwright die Tiefen der Seele aus, sie entflieht den düsteren Gedanken jedoch nicht in mythische Welten, sondern begegnet ihnen mit beißendem Humor. Der Titel I Know You’re Married, But I’ve Got Feelings Too ist eine Zeile aus dem Eröffnungsstück Bleeding All Over You. Wainwright gibt die Verletzung in einer rhetorischen Wendung zurück, so funktioniert das in den meisten Stücken.

Bleeding All Over You hat einen leichtfüßigen Rhythmus und wehmütige Streichersätze. Die Stimme klingt anfangs zart, im Refrain wird sie rauer: »My heart was made for bleeding all over you / I know you’re married but I’ve got feelings too / and I still love you«. Diese unvermittelten Wechsel vom Zärtlichen zum Rauen, vom Verletzlichen zum Angriffslustigen, erschaffen das Drama in der Musik Martha Wainwrights. Die Ironie ist ihr kein Schutzschild gegen die Zumutungen der Welt, ihr geht es um den Schmerz selbst.

Einfach ist das nicht, Martha Wainwrights Lieder sind durchaus anstrengend. Es dauert ein wenig, bis man sich an das ständige Gegeneinanderlaufen der Emotionen gewöhnt hat. Im Tower Song sind düster dräuende Streicher, ein ächzendes Akkordeon und dramatische Trommelwirbel kunstvoll arrangiert. Ihre Stimme dagegen erhebt sich aus dem Tumult, als hätte sie nichts mit all dem zu tun.

Manches wirkt beim ersten Hören unstrukturiert, setzt sich später aber fest. Das macht die Platte stark. Nur wenn sich wie in Jimi der Widerspruch der Stimmungen in der Instrumentierung findet, klingt es fad. So berechenbar ist I Know You’re Married, But I’ve Got Feelings Too jedoch selten. Meist ist da eine Spannung, da brilliert die Stimme, und die feine Instrumentierung tritt in den Hintergrund.

„I Know You’re Married But I’ve Got Feelings Too“ von Martha Wainwright ist bei Cooperative Music/Universal erschienen.

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White Hinterland: „Phylactery Factory“ (Dead Oceans/Cargo 2008)
Joanne Robertson: „The Lighter“ (Textile Records/Cargo 2008)
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Das Leben ist kein Wunschkonzert

Auf ihrem zweiten Album „Verlass die Stadt“ gibt sich die Wienerin Gustav weniger kämpferisch als zuvor. So hübsch die Töne, so verzweifelt klingen ihre politischen Texte.

Gustav Verlass die Stadt

Die Hülle von Gustavs erstem Album Rettet die Wale zierte eine idyllische Berglandschaft. Der Wal im Bergsee irritierte. Auf dem neuen Album Verlass die Stadt sieht man einen dichten Wald, in dem Menschen liegen. Entspannen die Menschen? Sind sie tot?

Gustav ist die Wienerin Eva Jantschitsch. Sie arbeitet gerne mit Gegensätzen, aber sie traut ihnen nicht. Im Titelstück ihres neuen Albums beschreibt sie die Stadt als unwirtlichen Ort. Mit dem Stück Alles renkt sich wieder ein stellt sie klar, dass die Flucht in die Natur keine Alternative ist. Alles renkt sich wieder ein ist ein Volksmusik-Schlager mit apokalyptischem Text. Die Trachtenkapelle Dürnstein hat Schwierigkeiten, das Arrangement von Christoph Seliger zu spielen. Leicht schräge Klänge unterstreichen die Todessehnsucht: »Ich will die Kinder schreien hören / Die Mütter einsam fleh’n am Grab / Und keine Vögel soll’n mehr singen / Nur unsere Melodie erklingen.« Die heile, harmonische Welt der Volksmusik wird mit einer Zerstörungswut kurzgeschlossen, die durchaus in der Welt der Trachten und Blaskapellen beheimatet ist. »Zumindest in Österreich sind Trachten und Musikvereine erzkonservativ, meist bräunlich eingefärbt«, sagt Gustav.

Viele Stücke leben von solch einer konzeptuellen Herangehensweise. Erstaunlich ist, dass sie trotzdem als hübscher Pop funktionieren. Die Melodien bleiben nach dem ersten Hören hängen. Eva Jantschitsch hat eine klare, unprätentiöse Gesangsstimme. Und die Elektronik umgarnt das Ohr, ohne sich in den Vordergrund zu drängeln.

Gustav klingt auf Verlass die Stadt trauriger als bei Rettet die Wale. Das Debüt war noch kämpferisch, in We Shall Overcome hieß es: »Deep in my heart, I do believe / That we can defeat / This mess that we bought so far«. Die neuen Lieder thematisieren die eigene Verstricktheit ins Elend: »Jetzt ist also dein Körper / Dein Körper die Fabrik / Reproduzierst du was begehrt wird / Oder wieder nur dich? / Dient dir der Dampf als Antriebskraft / Oder ist es gar Leidenschaft?« heißt es in Soldat_in oder Veteran. Dazu stampft ein Elektro-Rhythmus, der nah am Marsch gebaut ist.

Total Quality Woman lässt die flexibilisierte, moderne Frau auftreten. Und obwohl sie alle modernen Eigenschaften besitzt – »She’s the culturally engineered / Downsized, outsourced, teleworked / Just-in-time, take-out, just-in-time / Down-right-tired…now« – ist sie noch so unfrei, so gefangen im Geschlechterklischee, wie die Hausfrau vor 50 Jahren. »Push her womb and she will hum / ›How kind of you to let me come‹ / She is flexible and caring / Sympathetic and observing / Add an intercessory device / For a rockbottom price.« Musikalisch unterstreicht die Verbindung beschwingter Streicher mit gebrochenen Rhythmen und Störgeräuschen die Wirkmächtigkeit von Geschlechterrollen.

Dass Gustav das Protestlied gerettet habe, ist ein Missverständnis. Schuld daran ist vor allem das Stück Rettet die Wale. Dabei sind Zeilen wie »Rettet die Wale / Und stürzt das System / Und trennt euren Müll / Denn viel Mist ist nicht schön« und »Lasst den Kindern ihre Meinung / Oder treibt sie früher ab« eher ein Abgesang auf die wohlmeinenden Aufforderungen der Liedermacher. Verlass die Stadt paart Resignation mit bösem Humor. Gustavs Lieder sind politisch, Protestlieder sind es nicht.

Am Ende der Platte singt sie ein Ständchen, dass einem die Lust auf Geburtstage vergällt. »Heute also ein Jahr älter / Lacht nicht, ihr alle werdet sterben!« trägt sie zu einem traurig schunkelnden Keyboard-Rhythmus vor. Trotzig fordert sie: »Ich will Friede / Und Freude / Und verdammt noch mal / Den Eierkuchen / Und die Freunde / Die friends / Möchte ich mir gefälligst selbst aussuchen / Doch und das sei stets vermerkt / Das Leben ist kein Wunschkonzert.« Und damit alle wissen, woran sie sind, zählt Gustav ganz am Ende auf, für wen das Leben kein Wunschkonzert sei: »Nicht für Peter, nicht für Boris, nicht für Ahmet, nicht für Thod, nicht für Svenska oder Rita, nicht für Rosi vormals Bob …«

Lesen Sie hier ein Porträt der Künstlerin von Nadja Geer

„Verlass die Stadt“ von Gustav ist auf CD und LP bei Chicks On Speed Records erschienen.

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Mark Stewart: „Edit“ (Crippled Dick Hot Wax 2008)
Bishi: „Night At The Circus“ (Gryphon 2008)
Underworld: „Oblivion With Bells“ (PIAS 2007)
Camouflage: „Archive #1“ (Polydor 2007)
Raz Ohara And The Odd Orchestra: „s/t“ (Get Physical Music/Rough Trade 2008)

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Der Sittich profitiert vom Klimawandel

Auf „Machinette“ zettelt Bernadette La Hengst eine Liebesrevolution an. Die euphorischen Texte und ihr Woo-Oh-Oh-Oah sind ansteckend, man möchte mitmachen.

Bernadette La Hengst Machinette

„Ich will ein paradoxes, paranoides, parallele Welt-produzierendes, Liebespaare-kopulierendes Paradies!“ Bernadette La Hengst singt diesen Zungenbrecher so flüssig, dass er nicht peinlich wirkt. Ihre Texte holpern auf dem Papier, sie singt sie elegant geschwungen und verwandelt sie in überraschende Poplieder. Der Refrain von Liebesrevolution geht so: „Ich warte schon, wir starten unsere Liebesrevolution / Das Leben ist mehr als Arbeit und Lohn / Mit unserer Veränderungsinspiration / Mit einer Es-geht-auch-anders-Evolution / Mit unserer Entschleunigungsvibration.“

Schon auf ihren ersten beiden Alben Der beste Augenblick in meinem Leben und La Beat ist es Bernadette La Hengst gelungen, die strapazierten Popthemen Freiheit, Liebe und Revolution mit neuem Leben zu füllen. Geschickt verbindet sie auch auf ihrem neuen Album Machinette bekannte Sinnsprüche mit frischen Wortkombinationen. Das populistische Paradies und Liebesrevolution sind Ohrwürmer, die Wort halten. Man glaubt an dieses paradoxe Paradies und möchte allen Zynismus fahren lassen, um mit Bernadette La Hengst jene Liebesrevolution loszutreten. Wie die frühen Rock’n’Roller hat sie einen Erkennungsruf, er geht in etwa „woo-oh-oh-oah“ und reißt den Hörer mit.

Bernadette La Hengst ist schon lange in der sogenannten Hamburger Schule. Mit Knarf Rellöm – ihn nennt sie „ihren ältesten Freund“ – gründete sie Mitte der Achtziger die Punkgruppe Huah!. Ihr Wechselspiel zwischen Ironie und Kritik beeinflusste die deutschsprachige Rockmusik. Im Jahr 1990 rief Bernadette La Hengst die Riot-Grrrl-Band „Die Braut haut ins Auge“ ins Leben, seit acht Jahren musiziert sie unter ihrem eigenen Namen und jagt von einem befreienden Popentwurf zum nächsten.

Man folgt ihren Verheißungen von der Freiheit, weil sie die Schattenseiten nicht ausspart. Singt sie von Freiheit und Liebe, dann singt sie auch von den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. In dem schwingenden Rock’n’Roll-Stück Liebe ist ein Tauschgeschäft heißt es in Anlehnung an den Motown-Klassiker River Deep, Mountain High: „Ich bin durchs weite Meer geschwommen / Und hab den höchsten Berg erklommen / Wegen dem bedingungslosen Grundeinkommen / Namens Liebe.“ In Der grüne Halsbandsittich erzählt sie die Geschichte eines Vogels, der von der Erderwärmung profitiert. Er entwischt aus der überheizten Wohnung in die warme Stadt und verlangt: „Ihr verdient das Geld doch auch mit Emissionenhandel / Also warum soll ich nicht Gewinner sein von eurem Klimawandel.“

Das Zusammenspiel von Gitarren und Elektronik hatte Bernadette La Hengst schon auf ihrem ersten Album perfektioniert, mit Machinette geht sie einen Schritt weiter. Sie leiht sich die Bläser der Schweizer Band Die Aeronauten, sie agieren zwischen Memphis-Soul und Kammerpop, einen Seniorinnenchor lässt sie „Wir sind das Echo Echo Echo unserer Eltern“ singen. Das ist ambitioniert, klingt aber locker und leicht. Geschrammelte Mollakkorde sind ihr Ding nicht. Ihr neuer Schlachtruf lautet „If you don’t know the phunk / You don’t know anything“. Lassen wir uns führen von ihr, in ein „Party-partizipierendes, ein Katechismus negierendes, ein Papa-bezahlt-unser-Grundeinkommen, passioniertes Paradies!“

„Machinette“ von Bernadette La Hengst ist als CD bei Trikont und als LP bei Ritchie Records erschienen.

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JaKönigJa: „Die Seilschaft der Verflixten“ (Buback 2008)
Scarlett Johansson: „Anywhere I Lay My Head“ (Warner Music 2008)
The Notwist: „The Devil, You + Me“ (City Slang 2008)
Yeasayer: „All Hour Cymbals“ (We Are Free/Cargo 2007)
Portishead: „Third“ (Island/Universal 2008)

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Muschikatzen auf dem Weg zur Hölle

Die B-52’s sind wieder da, 16 Jahre nach ihrem letzten Album erscheint „Funplex“. Erstaunlich, wie mitreißend ihr überkandidelter Pop noch immer klingt.

Funplex B42s

Der New Yorker Club Max’s Kansas City im Dezember 1979: Lydia Lunchs brachiale Punk-Band Teenage Jesus & The Jerks tritt auf. Im Publikum tummeln sich lässige Typen, die meisten tragen schwarze Lederjacken, niemand tanzt.

Und dann dies: Als Vorgruppe betreten zwei schrill gekleidete Frauen mit Bienenkorb-Frisuren und mehrere schwule Männer die Bühne. Ihre Klamotten und Perücken haben sie beim Trödler erstanden, und sie sehen aus, als wären sie mit der Zeitmaschine aus den Fünfzigern gekommen. Die Band nennt sich The B-52’s und schockiert das Publikum mit überkandidelter Party-Musik. Aus ihrer Heimat Athens in Georgia seien sie es gewohnt gewesen, dass die Leute tanzten, erzählte der Sänger Fred Schneider später, in New York habe sich niemand bewegt. „They were enjoying it, but it wasn’t cool to dance. Lord knows, we didn’t look too cool.“

Es kann nicht schaden, daran zu erinnern, dass die Band damals gegen den Strom schwamm. Die B-52’s waren keine bunte, belanglose Pop-Kapelle. Sie waren Exzentriker, ihr Klang eine Mischung aus dem Pop der Sechziger und New Wave. Heute verbindet man ihren Namen vor allem mit den Tanznummern Love Shack und Rock Lobster, mit den sirenenhaften Harmonien Kate Piersons und Cindy Wilsons und den kontrastierenden Anfeuerungen Fred Schneiders. Ricky Wilson, der im Jahr 1985 an den Folgen einer HIV-Infektion starb, spielte seine Gitarre gleichzeitig als Bass. Er entfernte die beiden mittleren Saiten und stimmte die unteren so tief es ging. Den beiden oberen entlockte er einen Surf-Klang, der an die Instrumental-Band The Ventures erinnerte. Ricky Wilsons Schwester Cindy spielte Bongos und ergänzte so das eckige Schlagzeugspiel Keith Stricklands. Pierson und Schneider ließen im Hintergrund die Keyboards quietschen.

Zwischen den Jahren 1980 und 1994 erschienen sechs Alben, danach machte die Gruppe eine lange Pause. Seit einiger Zeit treten sie wieder auf, jetzt erscheint ihr neues Album Funplex. Und all das Beschriebene funktioniert auch dreißig Jahre nach dem Auftritt in New York prächtig. Im ersten Stück Pump klingen die Keyboards wie aus einem fünfzig Jahre alten Science-Fiction-Film. Die beiden Frauen laden zum Sex und zum Tanz, sie ergehen sich in technischen Anspielungen: „Pump it up / give it up / turn up the track“, singen sie, „Hard kiss / love chain“, quakt Fred Schneider dazwischen. Man muss das nicht verstehen, man soll sich hingeben.

Funplex ist sauberer und ausgewogener produziert als auf die recht schroffen frühen Alben. Der Schlagzeuger Strickland spielt nun auch Bass und Gitarre, viele seiner Rhythmen sind elektronisch. Gelegentlich schrammelt er ein bisschen zu verträumt vor sich hin, dann wieder spielt wohltuend kantig. Die Gastschlagzeuger Zachary Alford und Sterling Campbell treten dann wuchtig gegen die Bassfelle.

Mit der Single Funplex benennen die B-52’s, wogegen sich ihre Party-Klänge heute richten. Den „pleasure seeker / shoppin‘ for a new distraction / movin‘ to the muzak / lookin‘ for the real thing“ nehmen sie aufs Korn, den Konsumenten auf der vergeblichen Suche nach dem Authentischen. Die Mall ist ihnen das Museum der Gegenwart, der Ort an dem die Widersprüche der Gesellschaft zu Tage treten. „Faster Pussycat thrill thrill / I’m at the mall on a diet pill“, besingt Fred Schneider Konsum- und Fitnesswahn. Das Stück endet mit den Worten „Misery at the Funplex! / And there’s too much sex! / The world is going to hell / And what is that horrible smell?“ So wie unter der glitzernden Oberfläche der Einkaufswelt Abgründe lauern, geht der allgegenwärtig zur Schau gestellte Sex mit einer puritanischen Moral einher.

Verdrießlich stimmt sie das noch lange nicht. Wenn schon alles zur Hölle geht, sollte man wenigstens Spaß dabei haben. „Keep doin‘ what you’re doin‘ / cause you’re doin it right / keep doin‘ what you’re doin‘ / ‘Cause it’s what I like“ singen sie in Ultraviolet. Und so halten es die B-52’s.

„Funplex“ von den B-52’s ist bei Astralwerks/EMI erschienen.

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Billy Bragg: „Mr. Love & Justice“ (Cooking Vinyl 2008)
Adele: „19“ (XL Recordings/Beggars Banquet 2008)
Vampire Weekend: „s/t“ (XL Recordings/Beggars Banquet 2008)
Hot Chip: „Made In The Dark“ (EMI 2008)
Slut: „StillNo1“ (Virgin/EMI 2008)

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Diese DJane ist ein Geschoss

Im Club turnt die Französin Missill drahtig hinter den Plattentellern und legt alle paar Sekunden eine neue Platte auf. Für ihr Album „Targets“ musste sie ein bisschen stillhalten, es fiel ihr schwer.

Missill Targets

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Tanzende auf einen Wechsel an den Plattenspielern aufmerksam zu machen. Mancher DJ ändert radikal den Musikstil, mancher gönnt dem Publikum ein paar Sekunden Ruhe. Die Französin Missill eröffnet ihren Auftritt im Hamburger Baalsaal damit, dass sie die Lautstärkeregler bis zum Anschlag öffnet. Ihr Manager gibt ihr verzweifelt Zeichen, sie wischt seinen stummen Einwand mit einer Handbewegung weg. Sie ist aufgedreht und lässt eine Rakete starten, die Ohren ihres Publikums sind ihr gleich.

Missill ist klein und drahtig. Temporeich wirft sie in ihren Sets HipHop, Reggae und Techno zusammen, was immer ihr eben in die Finger kommt. Sie spielt kaum ein Stück bis zum Ende, jeder Klang wird verfremdet. Ist ihr ein Stück zu langsam, spielt sie es auf 45 Umdrehungen. Hier und da gesteht sie den Tanzenden Verschnaufpausen zu, spätestens nach einer halben Minute unterbricht sie den Reggae mit einem knüppelharten Rhythmus. Ihr Markenzeichen ist ein verzerrter elektrischer Klang, der an den Rock-House der Franzosen von Justice und Ed Banger erinnert.

„Man fragt mich häufig, ob ich Koks schnupfe. Gelegentlich rauche ich einen Joint, das hilft mir, mich zu konzentrieren, ansonsten nehme ich gar keine Drogen“, erzählt Missill. Sie freue sich sogar über das Rauchverbot in Clubs. „Ich bin einfach hyperaktiv“, sagt sie. Missill ist auch Graffiti-Künstlerin, nimmt Platten auf und gestaltet die Hüllen selbst – im Manga-Stil.

Hyperaktiv klingt auch die Musik ihres Albums Targets. Es beginnt druckvoll mit einer Mischung aus Reggae und HipHop, MC Dynamite spendiert flinke Raps. Es ist eine wilde Reise: Eine knappe Stunde lang verwurstet Missill von Baile Funk bis Elektro beinahe jede Spielart urbaner Tanzmusik, ständig erhöht sie die Taktzahl. Springt man nach den abschließenden harten Tanzflächenfüllern zu den ersten Stücken der CD zurück, klingen diese sogar ruhig. Missill sagt, es sei ihr im Studio schwergefallen, den jeweiligen Stil eines Stücks beizubehalten, „vier Minuten ohne Wechsel? Aaaah!“ Die Platte sei für die Tanzfläche produziert, in Clubs habe sie die Stücke getestet und anschließend verfeinert.

Auf Dauer ermüden Missills brachiale Klänge. Stücke wie Check Dat erinnern zu sehr an frühere Kreuzungsversuche aus Rock und HipHop. Am Ende der Platte sind die Stücke dermaßen rockig, dass man es kaum anhören mag. So leicht man sich von ihrer Energie und dem Ideenreichtum ihrer Musik beeindruckend lässt, so schnell fühlt man sich zu alt für Targets.

„Targets“ von Missill ist erschienen bei Discograph/Rough Trade.

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Percee P: „Perseverance“ (Stones Throw 2007)
Common: „Finding Forever“ (Geffen/Universal 2007)
Wiley: „Playtime Is Over“ (Ninja Tune/Rough Trade 2007)
Dizzee Rascal: „Maths and English“ (XL Recordings/Indigo 2007)
Mos Def: „True Magic“ (Geffen/Universal 2006)

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Schwul, kühl, flott: Disco

Der Kölner Justus Köhncke hat viele Leidenschaften. Die wummernden Rhythmen seines dritten Albums „Safe And Sound“ verfeinert er mit elegantem Pop und einer Prise Schlager.

Justus Köhncke Safe and Sound

In der neuen Ausgabe der Zeitschrift Groove stellt der Kölner House-Musiker Justus Köhncke seine sechs liebsten Platten vor. Neben einer Platte von Velvet Underground und einer von DJ Pierre stehen gleich vier Alben aus den Achtzigern, Alles ist gut von DAF, Computerwelt von Kraftwerk, The Lexicon Of Love von ABC und Cupid & Psyche 85 von Scritti Politti. Die Auswahl ist ein Bekenntnis zur Künstlichkeit. Bezeichnend sind Köhnckes Ausführungen zu Scritti Politti: „Dieser glitzernde, futuristische, hochglanzpolierte ‚Kalt, modern und teuer‘-Sound dieser Produktion war stark verantwortlich für mein berufliches Traumziel Plattenstudio.“ Die Platte markiere das Ende des „handwerklichen Muckertums“. Justus Köhnckes Produktionen knüpfen hier an, sie sind immer schon so glatt und kühl wie der Pop der Achtziger. Auch sein neues Album Safe And Sound glitzert elegant.

Köhncke hat eine zweite Leidenschaft: Disco, in all ihren Spielarten. Die monotonen Rhythmen und die exaltierten Gesten der Discomusik waren in den Siebzigern jedem Mucker ein Gräuel, Justus Köhncke belebt sie wieder um einer schwulen Ästhetik Willen. Seine ersten beiden Alben Was ist Musik und Doppelleben waren glamouröse Amalgame aus Disco-Klängen und schlagerartigem Gesang – Hildegard Knef ist ihm ein Vorbild. Dazwischen baute er immer wieder gradlinige House-Rhythmen. Auf Safe And Sound singt er lediglich zu (It’s Gonna Be) Alright, der Rest des Albums ist instrumental.

Es geht los mit Grace Jones. Ihr Spiel mit Geschlechter-Kategorien ist Köhncke eine wichtige Referenz. Yacht basiert auf einem Sample aus ihrem Slave To The Rhythm. Was einst kalt wirkte, mutet heute warm an, das ehedem Futuristische klingt zeitlos. Das Sample fügt sich nahtlos ein in Köhnckes flottes House-Stück.

Er hat ein sicheres Gespür für Melodien und Strukturen, seine eingängigen Stücke haben immer das Zeug zum Club-Hit. Nicht alles klingt nach Disco, $26 ist einprägsamer Intelligenz-Techno, Molybdän ein melodieverliebtes Trance-Stück. Selbst hier schimmert der Hedonismus des Tanzpalasts durch, die Lieder laufen auf beglückende Höhepunkte zu. Wenige Stücke klingen so offensichtlich nach Disco wie Parage mit seinen Streichern und dem federnden Bass.

Tilda braucht gar keinen wummernden Rhythmus, es ist die klangliche Brücke zur Coverversion von Michael Rothers Feuerland. In Köhnckes Bearbeitung treibt ein träge watschelnder Rhythmus krautrockige Synthesizer und Ambient-Gitarren vor sich her. So klang Cosmic Disco Anfang der Achtziger. In Gestalt des House sind diese tanzbaren Rhythmen auferstanden, wie Phönix aus der Asche.

„Safe And Sound“ von Justus Köhncke ist als CD erschienen bei Kompakt/Rough Trade.

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False: „2007“ (Minus Records 2007)
Matthew Herbert: „100 lbs“ (!K7 2006)
Herbert: „Scale“ (Accidental/!K7 2006)

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Im Hals die Kindertröte

Die italienische Band Eveline feiert ihre Helden: Sie zitiert Robert Wyatt oder Radiohead und erzählt aus altem Material neue Geschichten. Gerade ist ihr erstes Album erschienen.

Eveline Happy Birthday

Eveline kommen aus Bologna. Die vier Musiker verraten nur ihre Initialen: L.B. spielt den Bass, L.X. die Gitarren, am Schlagzeug sitzt T.O., und D.M. singt und haut in die Tasten. Die Hülle ihres Debütalbums Happy Birthday, Eveline!!! zieren Familienfotos, in die sie ihre bärtigen Gesichter hineinmontiert haben. Die künstlerische Strategie, sich in existierende Werke einzuschreiben, verfolgen sie auch in ihren Liedern. Sie spielen mit verschiedenen Identitäten, immer wieder schlägt ihr schräger Humor durch.

Die Platte beginnt mit der hüpfenden Melodie eines Klaviers. D.M. und die Gastsängerin Iris tragen dazu jeweils eine Strophe vor. Sie erzählen die Geschichte von P.L.D., „Poor little Dano“. Er versuche, seinen Schöpfer zu lieben, sei dazu aber nicht in der Lage, erläutert D.M. P.L.D. steht in der Tradition der Romanfiguren von Pirandello, Miguel de Unamuno und Flann O’Brien: Charaktere, die sich gegen ihre Schöpfer stellen. Die Figur aus dem zweiten Stück Jefferson Peace Yeppy Ya Ye!!! hat bereits ein Eigenleben entwickelt, erzählt D.M., und wird auf dem zweiten Album der Band im kommenden Jahr wiederkehren. Das Stück ist ruhig, aus blubbernder Elektronik, sphärischen Klängen und zurückgenommenem Gesang entsteht eine Spannung, die nicht aufgelöst wird.

Gilda lebt von einem starken Saxofon. Es erinnert an Post-Punk-Bands wie die Laughing Clowns oder Essential Logic. Turbulente Trommelwirbel verleihen dem kurzen Stück Nervosität. Es folgt ein melancholischer Rocksong, der auch von Jeff Buckley stammen könnte, er trägt den seltsamen Titel Bin Laden And The Romantic Voice Of The Ocean. Wir hören zwei Minuten lang ruhige Gitarren, begleitet von schweren Schlägen und dräuenden Bassläufen. Dann folgt eine rätselhafte Strophe, zum Abschluss nicht minder erratische Elektronik-Klänge. Das ist eine gelungene Übersetzung der Ohnmacht und der Verständnislosigkeit im Angesicht des Ungeheuerlichen. Der Sleepy Song fügt sich nahtlos an, die Elektronikklänge laufen durch, die Gitarren singen Hymnen. The Bends von Radiohead habe Pate gestanden für dieses Stück, erzählt D.M.

Mr. Wyatt In Love trägt seine Referenz bereits im Titel. Es ist Evelines Antwort auf Robert Wyatts Old Europe. Wyatt zelebrierte darin die Zeit, in der amerikanische Musiker Paris bevölkerten. D.M. lädt ihn nun nach Paris ein, zu Rotwein und Jazz. Die naive Hommage vereint jazzige Harmonien mit einer simplen Melodie, Wyatt beherrscht das perfekt. Am Ende versucht sich D.M. an der Sorte Vokalise, die Wyatts Spezialität sind: die Stimme als Trompete. Dass seine Trompete eine Kindertröte ist, macht das Stück rührend.

Auch 11 Years With Jennifer Hartman enthält eine Widmung. Bei Jennifer Hartman Records erschien 1989 Tweez von Slint. Das Stück hat mit Slint wenig zu tun, der Kontrast von Ruhe und Krach im folgenden Livewire umso mehr. Es zitiert deren Klang, eine fragile Klavierfigur steht neben Geschrammel. Die schaumigen Gitarren in Gin.O.Lemon erinnern an die Instrumental-Band Pell Mell, die Ende der Achtziger frühen Post-Rock auf SST veröffentlichte. Im abschließenden Stück Lxwaldocwithme&t. erzählen Eveline von einem imaginären San Pedro, einem Ort, „an dem man guten Wein trinken, Parfüm riechen und entspannen kann“. D.M. erzählt, er habe dieses San Pedro nach dem Ort im Nordwesten Italiens modelliert, aus dem er stamme.

So funktionieren Eveline. Ihre Zitate sind nie bloße Referenzen. Sie begeben sich in die Klänge, Bilder und Geschichten anderer und entwickeln daraus eigene Geschichten. Von ihnen erdachte Charaktere bevölkern die geliehenen Welten und entwickeln ein Eigenleben.

„Happy Birthday, Eveline!!!“ von Eveline ist CD erschienen bei Sopot Records.

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In der Ruhe klingt die Kraft

Gleich drei Alben auf einmal veröffentlicht der Franzose Louis Philippe. Ob auf der Bühne, mit Stuart Moxham oder alleine im Studio, er singt einfache Stücke, denen er durch raffinierte Arrangements Ausdruck verleiht.

Louis Philippe Live

Louis Philippe ist Franzose, er lebt in England. Seit Mitte der Achtziger veröffentlicht er Platten mit fein arrangierten Popsongs. Drei neue Alben erscheinen nun zeitgleich beim Bremer Label Dandyland, eine Live- und zwei Studio-CDs.

Die bei Auftritten in London und Bremen aufgenommene CD heißt schlicht Live. Neben eigenen Stücken spielt er vier exquisit ausgewählte Coverversionen: I Just Wasn’t Made for These Times von den Beach Boys, Nightingales von Prefab Sprout, C’est jolie printemps von Francis Poulenc und den englischen Folk-Song The Captain’s Apprentice, Ralph Vaughan Williams hatte ihn einst für seine Norfolk Rhapsody verwendet. Es sind einfache Stücke, denen Philippe durch raffinierte Arrangements Kraft verleiht.

Als Philippes erste Platten entstanden, setzten auch Bands wie Aztec Camera und Pale Fountains auf die zarte Energie des Popsongs und grenzten sich ab vom testosterongesteuerten Rock. Akustische Gitarren, leichte Stimmen und Streicher bestimmten ihre Musik. Die Kings of Convenience postulierten später Quiet Is the New Loud. Louis Philippe hat nie aufgehört, das zu glauben. Auf seiner Website findet man ein Interview, in dem er sich über Mark E. Smith (The Fall) und die Manic Street Preachers lustig macht. Smith widere ihn an, er hielte ihn für einen ekelhaften Schwindler, sagt er. Die Manic Street Preachers und ihre Rebellenpose fände er lächerlich. Lieder zu schreiben sei Katharsis genug, sie müssten nicht böse sein. Wenn daraus keine neue Form von Schönheit entstehe, könnten sie ihm gestohlen bleiben, sagt er. Er schätze innovative Harmonien und ausgeprägte Strukturen, Schönheit im klassischen Sinne.

Louis Philippe An Unknown Spring

Das hört man auch auf den Studioplatten: An Unknown Spring öffnet ein Füllhorn harmonischer Popsongs. Begleitet wird Philippe – wie schon auf früheren Platten – vom Covent Garden String Quartett. Neu sind die Sängerinnen im Hintergrund, Mitglieder der Band Clientele, Philippe hatte die Streicher auf ihrem letzten Album arrangiert. Die Lieder auf An Unknown Spring erinnern an die High Llamas, Pet Sounds der Beach Boys ist das Vorbild dieser Klänge. Sein langjähriger Begleiter Danny Manners spielt federnde Bässe ein und sorgt für die Erdung der Klangwolken. Im Unterschied zu Philippes frühen Platten klingt An Unknown Spring raffiniert und ist mit luxuriösen Details ausgestattet. Die stetige Verfeinerung seiner Klangideale bringt eine unerwartete Schönheit hervor.

Louis Philippe Stuart Moxham Huddle House

The Huddle House ist eigentlich eine Platte von Stuart Moxham. Seit seiner Zeit bei den Young Marble Giants und The Gist nahm er kaum noch Lieder auf. Louis Philippe ist es gelungen, ihn ins Studio zu locken. Auch Moxham glaubt an die Kraft des einfachen Songs. Moxham und Philippe spielen Gitarre und Bass, bei einigen Stücken sind dezentes Schlagwerk und Keyboard-Tupfer zu hören, das ist alles. Moxhams Lieder sind nicht mehr so karg wie zu Zeiten der Young Marble Giants, er ist ein ausdrucksstarker Sänger. Gelegentlich werden seine Gesangslinien von Louis Philippe gedoppelt, das verleiht dem Klang Fülle. Bekannt sind Moxhams minimalistische Gitarrenfiguren, neu die Verzierungen. Mal schlagen The Byrds durch, mal der Flamenco. The Huddle House ist keine einmalige Platte, wie Colossal Youth der Young Marble Giants es war. Es ist einfach nur eine sehr schöne Platte.

Sowohl „Live“ und „An Unknown Spring“ von Louis Philippe als auch „The Huddle House“ von Louis Philippe und Stuart Moxham sind als CD erschienen bei Dandyland.

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Detroit ertasten

Der Luxemburger Francesco Tristano hat an seinem Konzertflügel ein Technoalbum aufgenommen. „Not For Piano“ zeigt, wie Klaviermusik auch klingen kann.

Francesco Tristano Not For Piano

Francesco Tristano-Schlimé ist ein klassischer Pianist. Kompositionen von Bach, Ravel und Berio hat er aufgenommen, aber auch Alben mit eigenen Stücken. Irgendwann durchbrach der 26-Jährige die Konzertroutine und begann zu improvisieren. Vor zwei Jahren fügte er seinem Repertoire ein überraschendes Stück hinzu: Derrick Mays Strings Of Life, ursprünglich im Jahr 1987 unter dem Projektnamen Rhythim Is Rhythim veröffentlicht. Es ist eines der frühen Stücke des Detroit-Techno.

Jetzt nahm Tristano ein ganzes Techno-Album auf, Not For Piano heißt es, zu hören ist fast nur das Klavier. Die Idee vom Techno ohne Techno-Beat hatte Derrick May bereits mit einem Remix seines eigenen Stücks verfolgt. Auf dem im Jahr 1991 erschienenen Sampler RetroTechno/DetroitDefinitive ist Strings Of Life in einer auf das Thema reduzierten Version zu hören. Es ist ein hypnotisches Stück Klaviermusik, zu dem man tanzen kann. „Es kann sein, dass ich zuerst diese Version des Stücks gehört habe“, erzählt Francesco Tristano, „und dass das der Auslöser für mein Album war. Ich bin ja nicht mit Detroit-Techno groß geworden, sondern habe die Sachen erst nachträglich kennengelernt.“

Das Faszinierende an Not For Piano ist nicht die Idee, Techno auf dem Klavier zu spielen. Die hatten auch andere schon, Maxence Cyrin zum Beispiel. Doch wo Cyrin die melodischen Anteile des Techno als Ausgangspunkt seiner Modern Rhapsodies nimmt, arbeitet sich Tristano an dem zentralen Moment des Techno ab: dem Rhythmus.

„Das Album heißt Not For Piano, weil ich darauf Musik spiele, die nicht für das Piano gedacht ist. Es ist sozusagen ein Piano-Album mit einem Augenzwinkern“, sagt er. „Der Hauptunterschied zwischen elektronischer Musik und Klavier-Musik ist ja, dass man bei programmierter Musik jeden Klang genau festlegen kann. Das Klavier hingegen ist unkontrollierbar.“ Aus diesem Kontrast beziehen seine Interpretationen ihre Faszination. Er fordert die vermeintliche Unvereinbarkeit des Techno mit dem klassischen Flügel heraus.

„Das Album wurde wie ein Klassik-Album aufgenommen. Alessandra Galleron, die Toningenieurin, arbeitet sonst für das Klassiklabel Naxos. Ich habe dann zusammen mit dem mexikanischen Techno-Produzenten Murcof beim Mastering – für das wir uns sehr viel Zeit genommen haben – den Klang präzisiert und kleine Effekte hinzugefügt“, erklärt Tristano. Die Effekte ähneln elektroakustischen Kompositionen, in denen die ursprüngliche Klangquelle elektronisch verfremdet wird.

Auf Not For Piano finden sich auch drei Coverversionen. Neben Strings Of Life sind dies Overand von Autechre und The Bells von Jeff Mills. Andover heißt das Stück von Autechre in Tristanos Bearbeitung, er transferiert ihren vertrackten Ambient in eine dunkel schwelende Etüde. Aus den delikaten Beats des Originals werden tropfende, repetitive Klaviermuster, dezent unterlegt mit flächigen elektronischen Klängen. Andover klingt wie eine sanfte Version des klassischen Minimalismus. „Techno ist Minimalismus“, sagt Tristano. „Ein Ritual. Maschinenmusik, aber das Gefühl ist organisch.“

Seine Version von The Bells unterstreicht dies. Die wuchtigen Klavierlinien und die Härte des Anschlags lassen an Charlemagne Palestine denken. Auch Cecil Taylors Definition des Klaviers als Perkussionsinstrument („88 tuned drums“) kommt einem in den Sinn. Aber The Bells klingt nicht nach freiem Jazz, Tristano entwickelt das Material wie ein klassischer Komponist. „Die ganze Idee ist, das Ausgangsmaterial zu nehmen und es dann graduell zu verändern, sodass man es am Ende nicht wiedererkennt. In der ZEIT gab es kürzlich einen Artikel über Giacinto Scelsi. Es ging darum, wie er in jungen Jahren mit lediglich einer Note gespielt hat und welche Möglichkeiten in dieser Begrenzung liegen.“

Tristanos Eigenkompositionen sind üppiger. Two Minds One Sound könnte eine Latin-House-Nummer zugrunde liegen. Ausnahmsweise nimmt er Schlagwerk, Violine und die Stimm-Improvisationen von Raimundo Penaforte hinzu. Barcelona Trist erinnert an eines der ruhigeren Solo-Stücke Brad Mehldaus. Harmonischer Jazz und klassische Etüde reichen sich die Hand. Alles dreht sich um den Rhythmus. Wie früher auf Strings Of Life, aber jetzt kommen Melodie und Beat aus dem Klavier.

„Not For Piano“ von Francesco Tristano ist als CD erschienen bei Infiné/Discograph.

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