Mehr Albtraum!

Das Londoner Duo Various flicht auf der Platte „The World Is Gone“ sanfte Folkharmonien in seinen fiesen Ganoven-Dub

Various The World Is Gone

Vor wenigen Jahren haben die jungen Londoner Clubgänger und ihre DJs wieder einmal einen neuen elektronischen Tanzmusikstil ausgerufen. Aus Two Step und Dub entstand Dubstep. Dröhnende Megabässe mischen zu Samples aus Kung-Fu-Filmen seither den Untergrund auf. Die dumpfe Atmosphärik dieser Musik und ihrer gerne bekifft abhängenden Kundschaft ist jedoch nicht jedermanns Sache.

Seit diesem Herbst wehen neue Gerüchte und andere Töne aus England herüber, das Duo Various versetzt alle in Erregung mit der Geheimniskrämerei um seine Existenz und mit einer frischen Folkdusche für den schwerfälligen Dubstep. Die beiden Londoner Adam Philips und Ian Carter betreiben ihr eigenes kleines Label Various Productions und ein gut laufendes Tonstudio, mehr lässt sich über die Formation mit dem missverständlichen Namen tatsächlich nicht herausfinden. Ihr erstes Album The World Is Gone ist bebildert mit morbiden erotischen Fantasiezeichnungen, die an die Illustrationen in Oscar Wildes Romanen erinnern. Interviews geben die beiden so gut wie gar keine, wer auf ihrer Platte singt, verschweigen sie beharrlich.

Verwirrung stiften sie wohl gerne. Das Eröffnungsstück Thunnk bollert, eine Stimme erzählt monoton vor bedrohlich zersägten Streicherklängen, das zweite Stück Circle of Sorrow ist eine verstörend schöne Folkballade. Da klampft und klöppelt es nach alter irischer Überlieferung, beinahe denkt man, eine ganz andere CD sei angelaufen. Erst in Hater finden Sängerin und Gangsterfilmakustik näher zueinander, eine hochbrisante Mischung aus Gefahr und zarter Harmonie erwächst.

Mysteriös bleibt der Ursprung der Bedrohung. „Sweet oblivion keeps me alive“ nur das süße Vergessen lässt mich überleben, singt einer in Soho. Das wiederkehrende Instrumentenriff gleicht in seiner schrillen Penetranz fast tongenau einem Motiv im Soundtrack von Stanley Kubricks Eyes Wide Shut. Dort untermalt es wie ein Alarmsignal den Moment der Gefahr inmitten einer leuchtenden Umgebung: Ein Yuppie-Pärchen wird von pornografischen Albträumen verfolgt und gerät in die Kreise einer rätselhaften Gruppensexsekte. Kurz vor der Katastrophe endet der böse Trip während eines Weihnachtseinkaufs mit der verschämten Rückkehr von Saubermann und -frau alias Tom Cruise und Nicole Kidman in ihre heile Welt.

Bei Kubrick bleibt ein unterschwelliger Rest von Beklemmung – Various wollen es deutlicher. Die verzerrten Glissandi aus Beatbox und Synthesizern fordern finster dröhnend, hämmernd, kreischend: Mehr Albtraum! Albträumen gegen die aufgeräumten Kulturlandschaften voll ihrer kalten Kriege, und womöglich auch gegen eine allzu saubere Musikindustrie, deren Verwertungsmechanismen sie sich so vehement verschließen? Sie befeuern ihre Visionen lyrisch aus den Tiefen folkloristischer Traditionen, aus der Mystik und Mythologie des Dunklen und Unberechenbaren in der Begegnung des Menschen mit der Natur, dem Ursprünglichen und sich selbst. Ausgelebt werden diese Begegnungen jedoch auf einer Ebene modernster Klangerzeugung und den zugehörigen posttraditionalistischen, rebellischen Haltungen.

Im Stück Sweetness beschwören Mann und Frau im Duett eine Art schwarze Messe, in der Abschlussballade Fly dreht gar der schwarze Rabe im Walzertakt die letzte Runde durch die untergehende Welt. Mit ähnlich düsteren Selbstfindungsreisen und elektronisch verhextem Modern Folk macht der ebenfalls aus London stammende junge Teufelsgeiger Patrick Wolf seit zwei Jahren von sich Reden. Selbst im kühlen Synthiepop der Achtziger und Neunziger spukten mitunter recht märchenhafte Folkgespenster. Ein sehr britisches Phänomen, erinnert sei an die ehemalige Lemon-Kids-Sängerin und schillernde Solo-Performerin Danielle Dax und ihren Auftritt im Fantasyfilm Die Zeit der Wölfe.

Doch bevor es zu melodramatisch wird, kommt bei Various der Kick aus der Kammer des magischen Dub-Echos und kitzelt den verträumten Fantasten subsonisch am Zwerchfell: Hey, wir sind auf dem Dance Floor! Mag auch gelegentlich zu viel vom Dope die Atmung und die Bewegungen verlangsamen – ein Groove ist ein Groove – und das hier keine Gruftiegrotte.

„The World Is Gone“ von Various ist als CD und Trippel-LP erschienen bei XL Recordings/Indigo

Auf der Website des Vertriebs Indigo können Sie Ausschnitte aller zwölf Stücke des Albums hören

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Minimal im Überschwang

Vor zehn Jahren erschienen und heute noch toll: Matthew Herberts sparsames House-Album „100 lbs“ wird dieser Tage wiederveröffentlicht

Cover Audrey

Anfangs war es unter Techno- und Houseproduzenten verpönt, ihre Momentaufnahmen anders als auf den kurzlebigen Vinyl-Maxis festzuhalten. Die Euphorie von gerader Bassdrum, Schweiß und Liebe in Albumlänge, das erschien als Widerspruch. Der Brite Matthew Herbert erkannte jedoch früh, dass eine Reihe von „günstigen Augenblicken“ oft erst im Rückblick miteinander ihren ganz speziellen Gerinnungsfaktor zwischen Genese und Geschichtswerdung ausbilden.

Unter den Pseudonymen Wishmountain und Doctor Rockit hatte er Abenteuerliches aus verspieltem Elektro und hart knallender Musique Concrete fabriziert, um schließlich als Herbert seine House-Maxis Part One bis Part Three zu veröffentlichten. 100 lbs vereint all dies zum ersten Langspielwerk, mit ihm zog er im Jahr 1996 ein Resümee seiner bisherigen Laufbahn im Klangbastelstudio und auf der DJ-Kanzel.

Zehn Jahre sind seitdem in rasenden elektronischen Schritten vergangen, jetzt bringt das Label !K7 Herberts Höhepunkte quasi zum dritten Mal und gleich als Doppel-CD heraus: 100 lbs und eine Bonus-Silberscheibe mit Aufnahmen von 1995 bis 2000. Im Unterschied zum saftigen, schwülen Discosoul aus der Wiege der klassischen House Music in New York und San Francisco schuf er den wohl trockensten Minimalismus, den diese Musik des Überschwangs vertragen kann. Sein Klangspektrum speist sich aus kühlen akustischen und hellen elektronischen Quellen, entsprungen in einem anderen Universum als die charakteristischen schrill nach oben geschraubten Vokalchöre und das sonst übliche HiHat-Gezischel.

Kalte Schüsse wie aus ungeladenen Feuerwaffen klicken ins Leere, verpuffen als klapperndes Elektro-Stakkato in der stehenden Luft zwischen den Beats. Dennoch sind Herberts Vierviertel nicht weniger warm und treibend, der funky Bass knötert und gniedelt in Thinking Of You, orgelt sich ganz nah ans Herz. Anderswo knistern Keyboard-Cluster im Rückwärtslauf, Sirenen vom Synthesizer zirpen von fern über die Stimmen freundlicher, fast zärtlicher Animateure aus dem Computer: Let‘s disco! Das wirkt nur noch erhitzender im kühlen Ambiente der sparsamen Effekte, gerade so, als schwebten die Leuchtblasen einer Lavalampe befreit durch einen metallgrauen Winterhimmel.

Wie eine hochsensible Skala misst das Stück Friday They Dance durch den Raureif seiner zehnjährigen Geschichte den Freitagabendpuls auf und neben dem heutigen Dance Floor. Die Stile elektronischer Tanzmusik haben seitdem häufig gewechselt, Herberts 100 lbs war und bleibt ein Gegenpol der entspannten Reflexion zu den markanteren, wuchtigeren Sounds von Drum&Bass und BigBeat.

Auch wenn die B-Seiten und Raritäten auf der Bonus-CD manchmal dezent den Acid-Turbo quietschender Rhythmusmaschinen anschmeißen und die Partystimmung höher kochen lassen, Ursprung und Idee eines Klangs sind Matthew Herbert nach wie vor am wichtigsten. In seinem diesjährigen Werk Scale hüpfen Pop und Politik als bunt getarnte Flummis, die ihre geräuschhafte Herkunft nicht preisgeben, auf die Tanzfläche. Doch hier winkt jetzt erstmal mit der vieldeutigen Floskel See You On Monday das letzte der Jubiläumsstücke lässig zum Abschied.

„100 lbs“ von Herbert ist als Doppel-CD erschienen bei !K7

Hören Sie hier „Friday They Dance“ von „100 lbs“ und „I’ll Do It“ von der Bonus-CD

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Herbert: „Scale“ (Accidental/!K7 2006)

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Sie bellen und beißen

Hamburg: Die berüchtigte linksradikale Spaßkapelle hat wieder zugeschnappt. Knarf Rellöm Trinity lassen mit bissigem Elektrofunk das Hirn brennen und die Hüften zucken

Knarf Rellöm Move Your Ass

Jetzt aber mal Schluss mit lustig. Einen unnützen Spaßkanzler hatten wir ja schon und an die Revolution mit popkulturellem Glanz und Gusto glaubt keiner mehr. Mit dem Untergrund geht es auch nicht weiter: Seitdem auf Neonazi-Umzügen die Lieder von Ton Steine Scherben gegrölt werden, scheint kein noch so untergründiges nonkonformistisches Zeichen mehr sicher vor der moralischen Entwertung.

Wer will sich da noch lange Gesinnungsmonologe musizierender Radikalinskis anhören?

Ja: Ich! Hier, bitte! Aber nur, wenn sie von Knarf Rellöm kommen! Er ist Superman falsch herum, richtig heißt er Frank Möller und tritt gerne in glänzenden Ganzkörperanzügen und Flatterumhängen auf die Bühne. Dann rotzt er mit seiner Mini-Kombo los und spuckt präzise analytischen Wortunsinn:

Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten!
Wer verrät uns nie? Sexualdemokratie!

Das ist ein zentraler Refrain auf der neuen Platte Move Your Ass & Your Mind Will Follow, ein Refrain, mit dem Knarf Rellöm in Techno Talking nichts als Ärger hat. Mit dem Monologisieren fängt er schon im ersten Stück Die Tankstelle am Rande unseres Planeten an. Doch dann, ein paar synthetische Tastendauertöne und kühl knallende Beats weiter, bevölkern Bassistin und Sängerin DJ Patex in der Rolle der gelangweilten Zapfsäulenheiligen sowie Schlagzeuger und Keyboarder Viktor Marek als wispernde Köterkatze die utopische Erzählung.

Man wähnt sich im Jahre 2073, das Motto des Jazzmusikers und Visionisten Sun Ra „Space is the place“ wird als roter Faden ausgelegt. Rapper vom Mars nehmen die Botschaft auf und formulieren zu funky schmatzenden Bässen und körperlosem Händeklatschen die Albumtitelzeile. Saftig im Jazz stehend wird das sture Technowummern der Spaßgesellschaft entrümpelt, beinahe klezmerisiert und mit punkiger Astro-Energie neu aufgeladen: Den Kopf verlieren, um das Denken wiederzufinden. Die Kraft der Negation nannte es Popkulturtheoretiker Diedrich Diederichsen – die Elektro-Rhythmusbox zischt böse Peitschenhiebe.

Selbstzufriedenheit: Nein, danke, this is the heavy heavy No-Deutschland-Sound. Im Stück AKD singt DJ Patex „Arme kleine Deutsche“ im absichtlich niedlichen Sopran-Chorus. Knarf Rellöm redet wieder mal mit sich selbst, seinen anderen Ichs, und imitiert einen Streit mit dem Freund am Telefon über die Verharmlosung des weichen Patriotismus. Der flotte House-Groove hüpft den Worten fast davon, quiekende Elektronik erinnert an die Roboter im Video Tricky Disco, dem lustigen Hit aus der Steinzeit von Techno.

Anders als auf vorherigen Platten reißt hier trotz der Splatter-Stilistik der musikalische Faden nicht ab. Zwei sekundenkurze kuriose Hörspiele strukturieren die Titelreihenfolge wie Wellenbrecher, bevor das Stück What’s That Music? mit warmen Händen noch mehr Soul austeilt. Mit fies knarzenden Bassbeats und von Furien aus dem All gespielten E-Gitarren landet schließlich die Außerplanetarische Opposition, um Knarf Rellöm Trinity den Auftrag zur musikalischen Rettung der Welt zu erteilen.

Ganz am Schluss der CD sind zwei Titel aufgeführt, die es – noch – gar nicht gibt! Nächstes Mal, steht mit Kreuzchen auf der Hülle. Selbst die schrägsten lumpigsten Einfälle passen dem Trio elegant wie maßgeschneidert, mitsamt der geklauten Dreifaltigkeit im Bandnamen, der für jede Platte neu erfunden wird. Sowieso zum Verlieben sind Knarf Rellöms typische Wortverdrehungen wie der Hampfhund mit Kerrchen, und wer sagt eigentlich, dass bellende Hunde nicht beißen!

„ Move Your Ass & Your Mind Will Follow“ von Knarf Rellöm Trinity ist als LP und CD erschienen bei What’s So Funny About

Hören Sie hier „AKD (Arme kleine Deutsche)“ und „Außerplanetarische Opposition“

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Pilgerväter im Glitteranzug

Über die Jahre (12): Im August widmet sich der Tonträger Platten aus vergangenen Tagen. Heute: Die Byrds nehmen 1968 mit dem jungen Countryfreak Gram Parsons „Sweetheart Of The Rodeo“ auf. Und verleihen damit der Hinterwäldlermusik der Amerikaner ersten Popglanz

Cover Byrds

Als Countryfan hat man es schwer. Schnell gilt man mindestens als langweilig, wenn nicht gar als hochgradig reaktionär, wenn das Herz für die Klänge von Steel Guitar, Fiddel und Mandoline schlägt. Erfuhren solche Instrumente im Neo Folk Anfang der 90er Jahre noch neue Aufmerksamkeit, so sind dessen Anhänger mit ihren Bands gealtert. Der Pioniergeist anfangs großartiger Formationen wie zum Beispiel Lambchop hat sich leider sowohl in deren aktuellen Darbietungen als auch bei ihrem Publikum verflüchtigt.

Aber Halleluja, wenn es um alte Veröffentlichungen geht, findet sich das gewisse Etwas, das Kribbeln über eine besondere Band oder Platte, natürlich in reicher Auswahl. Das latente Unbehagen am konservativen Image von Country&Western einmal zum Anlass genommen, bietet sich hier ein Außenseiteralbum der Byrds an, um ein wenig über die Popwerdung des Country zu philosophieren. Sweetheart Of The Rodeo erscheint 1968, Popmusik hat den Rock’n’Roll längst als Ausdruck subversiver Jugendkultur beerbt.

Mit ihrer Version von Folk-Rock feiern die Byrds ab 1965 erste Erfolge. Markenzeichen der ersten Jahre ist die dreifache Gitarrenbesetzung und der unvergleichliche dreistimmige Harmoniegesang von Roger McGuinn, Gene Clark und David Crosby. Doch Folk ist ja nicht Country. Obwohl viele junge Musiker der Protestgeneration mit Country und Bluegrassmusik aufgewachsen und emotional tief in ihr verwurzelt sind, suchen sie in den 60er Jahren nach neuen Wegen hinaus aus dem Traditionalismus. Das führt auch dazu, dass der gelernte Mandolinenspieler Chris Hillman bei den Byrds nur den E-Bass spielt.

Als 1966 zuerst der sensible Gene Clark das Handtuch wirft und 1967 schließlich der zickige, herrschsüchtige David Crosby von den Übrigen gefeuert wird, ist die Zeit reif für einen neuen Rebellen. Durch Vermittlung Hillmans stößt der verträumte, aber künstlerisch sehr selbstbewusste Songschreiber und Multiinstrumentalist Gram Parsons zu den Byrds. Er übernimmt Gitarre, Keyboards, Gesang – und bringt den Country mit. Er ist von Anfang an eine Art Lichtgestalt in einer sich neu orientierenden Szene junger Countrymusiker. Er singt und spielt inspiriert von den alten sehnsüchtigen Melodien der Hinterwälder und der Musik des Südens, aber er fühlt wie ein rebellischer Popheld und gibt damit der Sehnsucht eine neue Richtung.

Die Stücke auf Sweetheart Of The Rodeo wirken etwas zusammengewürfelt. Letztlich aber sind die vielen Coverversionen, von Dylan-Hits und Klassikern des Gospelsoul wie You Don`t Miss Your Water bis zu Countryballaden von Woodie Guthrie und Merle Haggard, nicht einmal untypisch für ein Byrds-Album. Dafür ist der Stilbruch der musikalischen Mittel umso heftiger, nie zuvor hat eine Rocktruppe plötzlich mit einem Ensemble von Studiomusikern aus Nashville und Instrumenten wie Steel Guitar, Geige, Banjo, Mandoline eine Popplatte aufgenommen.

Begeisterte Kritiken, aber schlechte Verkaufszahlen sind das zwiespältige Echo auf einen nun ganz anderen Byrds-Schmelz. Von religiöser Bedächtigkeit und Schwere befreit, hängt I Am a Pilgrim seine Fahne in den Wind popfrisch geschmetterter Wehmut, die melodischen Arrangements selbst des trippelnden Banjos wollen vorwärts, anstatt in grüblerischem Blues zu verharren. Besonders die von Gram Parsons mitgeschriebenen Songs Hickory Wind und One Hundred Years From Now, aber auch das adaptierte Blue Canadian Rockies kommen seiner Idee vom „Cosmic Rock“ am nächsten: Angelehnt an die psychedelische Stimmung der vorangegangenen Byrds-Platten seit Fifth Dimension, lehren sie den vom Bluegrass aufgewirbelten Straßenstaub das Fliegen.

In diesem Sinne ist Sweetheart Of The Rodeo vor allem der Funke, an dem sich der Geist für legendäre Platten anderer Bands der folgenden Jahre entzündet. Das Besetzungsdrama bei den Byrds führt unterdessen nur zu weiteren persönlichen Zerwürfnissen, bis auch der duldsame Chris Hillman die Nase voll hat und die Band kurz nach Gram Parsons Ausstieg verlässt. Zusammen reorganisieren die beiden die Gruppe The Flying Burrito Brothers. Das Debüt The Gilded Palace Of Sin kommt schon 1969 und bringt Parsons Träume endlich auf den Punkt: Abgefahrener als mit diesen zwischen Himmel und Hölle kurvenden, vom Fuzzpedal verzerrten Gitarrenslides zu zuckrigem Mandolinengezirpe kann keine Formation das Establishment erschüttern und Spottlieder dichten über Sin City, das allzu feine San Francisco.

Im selben Jahr taucht auch Ex-Byrd Gene Clark mit einer neuen Countryplatte auf, gemeinsam mit Doug Dillard von den Dillard-Brüdern spielt er einen Meilenstein modernster Hillbilly-Musik ein: The Fantastic Expedition Of Dillard & Clark. Mit von der Partie ist Bernie Leadon, der später als Gründungsmitglied der Eagles die Popularisierung von Country Rock als kulturellem Aushängeschild Amerikas betreibt.

Musikalisch überflügeln The Gilded Palace Of Sin und The Fantastic Expedition Of Dillard & Clark den Countryausflug der Byrds. Doch irgendwo im Dreiklang dieser ungeplanten Trilogie liegt der Wendepunkt, der interessanter ist als das meiste, was danach noch kommt. Die Byrds hangeln sich mit mehr Irrungen als Höhepunkten bis zu ihrer Auflösung 1973, im selben Jahr stirbt Gram Parsons nach kurzer Solokarriere mit 26 an Drogen und Alkohol den frühen Heldentod eines Popmessias.

Es ist das Geheimnis solcher Geschichten und ihrer Platten, dass sie noch heute nach Abenteuer und Aufbruch klingen, an manchen Tagen sogar mehr als die Neuerscheinung, die einem vorgestern noch so aufregend erschien.

„Sweetheart Of The Rodeo“ von den Byrds ist erhältlich bei Columbia/Sony BMG

Hören Sie hier Ausschnitte aus „Blue Canadian Rockies“ und „I Am A Pilgrim“

Weitere Beiträge aus der Serie ÜBER DIE JAHRE
(11) Sender Freie Rakete: „Keine gute Frau“ (2005)
(10) Herbie Hancock: „Sextant“ (1973)
(9) Depeche Mode: „Violator“ (1990)
(8) Stevie Wonder: „Music Of My Mind“ (1972)
(7) Tim Hardin: „1“ (1966)
(6) Cpt. Kirk &.: „Reformhölle“ (1992)
(5) Chico Buarque: „Construção“ (1971)
(4) The Mothers of Invention: „Absolutely Free“ (1967)
(3) Soweto Kinch: „Conversations With The Unseen“ (2003)
(2) Syd Barrett: „The Madcap Laughs“ (1970)
(1) Fehlfarben: „Monarchie und Alltag“ (1980)

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Buster Keaton und ein Märchenkönig

Eigentlich ist Markku Peltola ja Schauspieler. Wenn er Musik macht, dann kullern und hüpfen die Melodien und Rhythmen durch eine fantastische Welt, dann torkelt die Posaune und der Tango klingt falsch herum. Mit skandinavischer Volksmusik hat das nur noch wenig zu tun

Cover Peltola

Ein Mond sitzt bei lustiger Musik um Mitternacht in einem Theater und weckt einen Clown in seiner roten Kiste, beide laden zum Spiel ein. In der Eingangsszene erscheint nach dem erfolgreichen Beseitigen von Zeitungsschnipseln ein schwarzer musikalischer Clown. Eine trommelnde Katzenfrau lässt sich zu schmatzenden Küssen und Augenrollen überreden, ihre Barthaare entpuppen sich als Harfe. Die rote Haarpracht eines Löwen erscheint wie Gras, das sich bei Berührung wie im Wind wiegt und zarte sphärische Klänge hören lässt.

Was ist das? Das sind einige Szenenbeschreibungen zum Mitternachtsspiel, einem Computerspiel für Kinder, entworfen nach der Vorlage der tschechischen Bilderbuch-Künstlerin Kveta Pacovská. Die interaktive und wortlose Lernsoftware zum kreativen Musikmachen fasziniert seit über zehn Jahren nicht nur die Kleinen.

Die Musik des Finnen Markku Peltola erinnert an die varieteartigen Dada-Welten dieses Computerspiels. Seine Melodien und Rhythmen kullern und hüpfen genau wie die freundlichen Dali-Figuren in sich stetig, aber leise verändernder Gestalt durch eine Fantasieumgebung in einfachen Grundfarben. Sogar die Zeichnungen auf dem CD-Cover ähneln dem Grafikstil des Mitternachtsspiels, und Peltolas kleine Kammermusiken aus Gitarre, Geige und sanft groovendem Schlagwerk könnten die Fortsetzung der kindlichen Interaktionsversuche ohne großes Thema sein.

Gitarrist Markku Peltola ist eigentlich Schauspieler, er spielte die Hauptrolle in Aki Kaurismäkis Der Mann ohne Vergangenheit. Der Titel seines zweiten Albums ist etwas sperrig: Markku Peltola & Buster Keaton Tarkistaa Lännen Ja Idän, er bedeutet in etwa Markku Peltola und Buster Keaton schauen in verschiedene Himmelsrichtungen. Wie schon vor zwei Jahren zaubert er mit ein paar Mannen Unterstützung eine zeit- und ortlose Folklore. Die Melodieführung übernehmen im Wechsel eine verhuschte Blechbläserstimme und eine Geige. Fast könnte der Eindruck traditioneller skandinavischer Volksmusik aufkommen. Doch da sind elektrische Gitarren und ein paar elektronische Filter, die schüchternen Tangoeinsätze klingen wie rückwärts aufgenommen und die komplizierten Arrangements trudeln mitsamt dem entspannten Offbeatgeplucker in Zeitlupe am Ziel vorbei.

Aus dem Nichts tauchen Parallelen auf, in dem dreizehnminütigen Western-Swing-Dub Juuri Nain! zum Soundtrack des Antonioni-Klassikers Zabriskie Point, in dessen intensivsten Szenen mit minimalistischem Psychedelik-Folk eine Atmosphäre der intimen Verdichtung inmitten der Verlorenheit einer menschenleeren Wüstenlandschaft beschworen wird. Im Schlussstück Lex Plays His Luthor‘s Space wiederum könnte die torkelnd frohlockende Posaune auch einen kleinen Märchenkönig ankündigen, der wie im Mitternachtsspiel aus einer Schachtel hopst, und, während er ins Blech tutet, ein anderer wird.

Der Begriff surreal ist aus der Mode gekommen. Heute ist alles virtuell, was ein stets waches Bewusstsein über künstlich erzeugte Zustände und die Art ihrer digitalen Herkunft impliziert. Nur selten, und dann meist im Zusammenhang mit den besonderen Fähigkeiten kindlichen Erlebens, kommt es noch vor, dass eine so genannte virtuelle Welt sich warm und echt anfühlt, weil der Mensch es sich erlauben kann, sich völlig darin zu verlieren. Weil die verwendete Bildersprache und Klangästhetik, vollkommen jenseits von echt oder virtuell, vielmehr surreal ist.

Auf diese sympathische Art macht Markku Peltola surreale Musik, sie gaukelt einem nichts künstlich Echtes vor, sie erhebt einen lässig und augenzwinkernd ein Stückchen über die Realität. Gerade soviel, dass man nach dem Schweben nicht zu hart landet.

„Buster Keaton Tarkistaa Lännen Ja Idän“ von Markku Peltola ist erschienen bei Klangbad, vertrieben wird sie durch Broken Silence

Hören Sie hier „Lex Plays His Luthor‘s Space“und „Äkisti Toiseen Viistoon!“

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Victory At Sea: „All Your Things Are Gone“ (Gern Blandsten 2006)

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Nur ein Geist

Rhythmen und Songstrukturen verblassen auf dem neuen Album von Phantom Ghost. „Three“ klingt wie ein mysteriöses Hörspiel aus Wandergitarre, Vogelstimmen und Klavier

Cover PhantomGhost

Kann sich noch jemand an jene lehrreichen Tonkassettchen erinnern, auf denen die Gesänge einheimischer Vogelarten erklärt werden? Da piepst und zwitschert es in den schönsten Koloraturen durch Felder und Auen, alles klingt so räumlich, als stünde man selbst mitten im Wald. Und dann kommt die tiefe Stimme eines Sprechers, des allwissenden Kenners und Lehrmeisters, er spricht laut und überdeutlich kurze Sätze wie „Tannenmeise – Balzruf“ oder „Zilp Zalp – Bettelruf des Jungvogels“ in die Leere zwischen den Tonspuren. Eine wunderhübsche, aber vermutlich inzwischen ausgestorbene Form musikpädagogischer Naturkunde.

Ein ähnlich sonores Organ wie ein Vogelstimmenkommentator hat Dirk von Lowtzow, Sänger und Gitarrist der Band Tocotronic. Stärker als im Rockvierer kommt es zum Tragen, wenn von Lowtzow mit seinem Hamburger Kollegen Thies Mynther, Soundprogrammierer und Teufelskeyboarder bei Stella und Superpunk, Musik macht. Als Phantom Ghost kreierten die beiden, ganz nebenbei und ursprünglich nur als Feierabendprojekt begonnen, eine Art elektronisch gestützten, elegant groovenden Bänkelsang. Über zwei Platten entwickelten sich von der Cohen-Coverversion bis zum Elektro-Chanson tanztaugliche Kunstlieder, wenngleich der sehr entspannte House-Beat und die anspielungsreiche Lyrik im Clubkontext doch etwas fremdelten.

Zurück zum Wesentlichen, dachten sich da wohl Phantom Ghost, und lassen auf ihrer dritten Platte Three Geister und Dämonen ohne Körper tanzen, zu sich auflösenden Rhythmen, durch ein mysteriöses Hörspiel aus Wandergitarre, Vogelstimmen und Klavier. Dreimal schwarzer Kater, weg ist die Bassdrum! Hexenkult und Magie bei musikalisch fast angehaltenem Atem, eine dunkle Gegenwelt zur hellen Aufregung und dem kollektiven Hyperventilieren im Fußball-Sommer, zu den knallbunten Bildern einer Völkerverständigung per eingetragenem Warenzeichen.

Auf dem Cover verschwindet die Schrift vor dem Hintergrund eines tintenschwarz überfärbten Kattuns und die Songstrukturen verblassen zum dünnen Spukgespenst. Am Anfang des ersten Stückes Tannis Root hört man nichts als das Knistern von Holzfeuer. Ein paar Gitarrensaiten werden selbstvergessen angeschlagen, Krähen schreien. Die Geschichte, die Dirk von Lowtzow dazu mit Gastsängerin Michaela Meise auf Englisch vorträgt, erinnert an den Film Rosemary‘s Baby und verschwimmt in einer anderen, unbekannten Geschichte über Praktiken der Teufelsanrufung.

Eine Mystikschmonzette? So nah einem das schöne Gruseln auch rückt, das Kunstliedhafte bleibt offenkundig. Die Naturgeräusche hat Thies Mynther dann doch nicht persönlich auf dem Blocksberg mit dem Mikro eingefangen, es sind elektronisch eingebrachte „Elemente dritter Ordnung“, wie er es nennt. In das leise Zirpen der Wildvögel hinein ertönt die entscheidende Refrainzeile des zweiten Songs: „Relax, it‘s only a ghost“. Der Geist wiegt sich zu einer etwas flotteren Melodie im Schatten eines freundlichen Pluckerrhythmus und lehrt mit von Lowtzows nebliger Samtstimme, dass es in Wirklichkeit das allseits sauber Durchdachte in der Popmusik ist, das es zu fürchten gilt.

Wie tröstlich erscheinen da ein paar Klischees des Düsteren und Abwegigen, akzentuiert von Mynthers psychedelischen E-Piano-Tupfern und im Zauberwald verhallenden Keyboardmotiven, der modernen Variante einer Drehorgelbegleitung. Der Folk zeigt hier sein zweites Gesicht, und es heißt Black Metal, aber geschminkt ist es mit klanglichen Mitteln subtilster Schönheit, und das ist das Großartige. Ob eine zart aufsteigende Lalala-Hymne in der Buffy-Reminiszenz Willow, oder das eines Scott Walkers würdige Drama Far From The Madding Crown, das Geistergeraune von Phantom Ghost gibt der urbanen Popballade ein wenig Geheimnis zurück.

Es ist überliefert, dass die Bänkelsänger vergangener Jahrhunderte manchmal mit Absicht undeutlich sangen, um den Verkauf von mitgeführter ergänzender Literatur anzukurbeln. Geheimnis und Verklärung, der Verweis auf Bedeutungszusammenhänge außerhalb des Werkes, sind als Kulturpraxis mithin so alt, wie das Kunstlied selbst. Sie immer wieder neu zu erfinden ist aus heutiger Sicht vielleicht ein elitärer Luxus, um den sich Phantom Ghost jedoch auf herzerwärmende Weise verdient machen.

„Three“ von Phantom Ghost ist als LP und CD erschienen bei Lado.

Hören Sie hier „Relax It’s Only A Ghost“und „Far From The Madding Crown“

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Soft angetäuscht: Frau Electras Rockschwalbe

Von links außen spielt sich eine neue Favoritin ins Feld der Berliner Songschreiber. Die Australierin Justine Electra hat den Folk auf dem Fuß und noch ein paar Samples im Ärmel

Cover Electra

Soft Rock? Hilfe, blüht uns hier etwa femininer Kitsch? Weich gespülte Frauenbewegtheit wie von Ani DiFranco und Konsorten? Der Gedanke läge nahe, hätte sich nicht inzwischen längst herumgesprochen, dass Justine Electra wirklich so heißt und sich hinter dem verdächtigen Titel ihrer ersten Langspielplatte ein ganz heißer Tipp verbirgt. Für die schicken Namen der vor wenigen Jahren aus Australien zugewanderten Wahlberlinerin sind tatsächlich ihre musikbegeisterten Hippie-Eltern verantwortlich. Und mit Soft Rock gelingt ihr gerade die seit langem raffinierteste, verführerischste Instandsetzung einiger – Klischees?

Schon das irritierend purpurne Pink des CD-Covers ist der Wahnsinn. Bonbonfarben, aber wärmer, hat es mit den Goldbuchstaben und der Gitarrenattrappe Signalcharakter. So fragil die verschleppten Folk- und Bluesharmonien in den dreizehn Songs erscheinen, im eigenen Echo der doppelt bis dreifach gelegten Vokalspuren wirkt Justine Electras Gesang beinahe beharrlich. Betörend, verstörend kommen einem die hellen Kopfstimmenschlenker nahe wie Fledermäuse im Flug, unberechenbar, zum Greifen lebendig, und plötzlich verschwunden im raschelnden Dunkel von ein paar Akustikgitarrenriffs, psychedelischer Orgel, schlurfenden Rhythmen.

Justine Electra hat eine Zeit lang probeweise mit der Band Tarwater musiziert und sie liebt es, einen gewollt schlampigen Sound mit Knacksern zu betonen. Doch anders als beim oft konstruiert klingenden Datenfolk verströmen ihre Samples die Wärme und den Soul alter Plattenaufnahmen. Darin aufgehoben zerbrechen die LoFi-Intimität, die zarten Lyrics und Melodien niemals völlig, sie gewinnen vielmehr neue Stärke – wie aus kindlichem Fieberglühen.

In dem Song Killalady schließt Justine Electra traditionelles Songwriting mit modernstem R‘n‘B kurz, ohne sich den Schuh wirklich anzuziehen. Ein harmloses Glöckchen zerschneidet wie ein Alarmton das MTV-kompatible „Ah-haa!“ im Chorus, die augenzwinkernd provokativen Beats und kleinen Gitarrenbratzer, und verweist auf die Gefahr: Alte Modelle werden im HipHop oft nur durch neue Dogmen ersetzt, die das Bild der Frau nicht weniger fragwürdig wiedergeben, als im guten alten Zweierkistendrama in der klassischen Ballade.

Auch Erscheinung und Auftreten der zierlichen Sängerin, deren Konzerte im Ruf einer schillernder Atmosphäre stehen, changieren wie ihre Musik und Texte zwischen einem altklug verschlissenen Überbewusstsein und einer ständigen Zerstreutheit. Im banalen Alltag findet sich diese Art wissenden Abgelenktseins häufig bei Müttern und Krankenschwestern – im Künstlerdasein deutet sie auf einen hippieesken Hintergrund. In den Songs Mom & Dad & Me & Mom, Motorhome und Defiant And Proud geht es um unübliche Familienverhältnisse und unruhige Existenzgrundlagen, in denen Justine Electra zugleich den Überlebenswillen einer freiheitlichen naturnahen Sozialordnung schlummern sieht: „Smell the air and feel the leaves / Let’s burn the television / Buy some tennis rackets, books to read.“

Mitsamt Bubblegum-Piano-Clustern entführt sie den Folk von den staubig sonnigen Straßen ihrer Kindheit. Unter dem Nachhall elektronisch verebbender Mundharmonikaakkorde lässt sie in Blues And Reds das trügerische Glitzern der Erinnerung hinter sich: „Somebody‘s been walking in my shoes“. Die Unruhe wird wohl bleiben, in ihr spiegeln sich die vertraute Leere, der ziellose Drang nach Veränderung, die vom virtuell reisenden Großstadtneurotiker bis zum heimlich träumenden Kulturpessimisten jeder in sich wieder erkennt.

„Soft Rock“ von Justine Electra ist als LP und CD erschienen bei City Slang

Hören Sie hier „Killalady“ und „Blues and Reds“

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Zwischen Beethoven und Play Station

Final Fantasy ist das Soloprojekt des Arcade Fire-Violinisten Owen Pallett. Sein kammermusikalisches Album „He Poos Clouds“ steckt voller Doppeldeutigkeiten und Überraschungen

Cover Final Fantasy

Mit The Pooka Sings endet Final Fantasys neue Platte He Poos Clouds. Pookas sind Fabelwesen, Landgeister, die von den südlichen Grafschaften Englands bis nach Irland Märchen und Legenden bevölkern. Ein Pooka spielt den Menschen harmlose Streiche und führt Wanderer in die Irre. Er kann allerdings recht bösartig werden, wenn er betrogene Mädchen rächt. Die treulosen Jünglinge bestraft er mit dem Abschlaffen bestimmter Körperteile.

Ein Gefoppter auch, wer sich die verträumten Texte und elektronisch verstärkten Violinenklänge von Final Fantasy alias Owen Pallett ohne Sinn für Doppeldeutiges anhört. So zart und schwelgerisch auch die Saitenstreiche im Lied des Pookas Kringel an den Himmel malen und die Pianokaskaden dahinperlen wie Schubert-Etüden: Über diesen Himmel ziehen Wolken, deren Herkunft im Albumtitel deftigen Spekulationen ausgesetzt ist.

Schon auf seinem Debüt Has A Good Home zog der hochaufgeschossene hübsche Kanadier, der zuvor bei der Popgruppe The Arcade Fire mitwirkte und sein Soloprojekt nach einer Computerspieleserie bennannte, alle Register seines verwirrenden Könnens. Mit dem unberechenbaren Einsatz von Geige, Loop Pedal und dramatischen Gesangseskapaden räumte er sich den Weg frei zwischen Neofolk und Geräuschpop, ohne eines dieser oder ein anderes Genre wirklich zu streifen. Sein zweites Werk auf dem Kölner Label Tomlab präsentiert nun die nächste Ungleichung: Da jauchzt ein komplettes Kammermusikensemble furios durch die fettesten Harmonien, doch die Arrangements bleiben so transparent, reißen geradezu Löcher in Partituren und kompositorische Logik, dass der romantische Faden der melancholischen Melodien immer wieder durchtrennt wird.

Die Gestik der großen rhythmischen und melodischen Abstände und Sprünge, der plötzlich abbrechenden Bögen und Palletts unvermittelt aufschreiender Stimme legt eine Verwandtschaft zum Experimentellen nahe, doch weit gefehlt. Beim genauen Hinhören erweisen sich die wilden Brüche keineswegs als improvisatorisch motiviert, sondern folgen einem Kalkül. Einerseits erscheint dieses Vorgehen zusammen mit der im Fabulösen und Schöngeistigen verschwimmenden Gesellschaftskritik der Texte wie das folkloristisch verklärte Kunstlied schlechthin, andererseits zielt Owen Palletts manisch-depressive Expressivität daran aber deutlich vorbei.

Der Song This Lamb Sells Condos verzichtet auf die Streicher, die den sanfteren Charakter von Balladen wie If I Were A Carp und I’m Afraid Of Japan tragen. Trillernde Pianoläufe paraphrasieren einen im Kaffeehaus verschlafenen Ragtime mit Kirmesseligkeit und Kinderchor, die luftige Psychedelik und der schrille Popappeal erinnern an die Kinks. Hintergründig war deren manischem Drive seinerzeit stets ein kritischer klarer Geist anzuhören, der den esoterischen Eskapismus der Sixties vermied oder gar verhöhnte. Und schon bei den Kinks hatte das Versponnene in den Songs etwas mit der Ästhetik von Camp zu tun, dem Spiel mit den überbetonten Codes einer behaupteten oder tatsächlichen Homosexualität – was bei Final Fantasy umso mehr zutrifft.

Die Todessehnsucht ist hier die Sehnsucht nach einer totalen Metamorphose, „I read that death by burning means returning as a girl“. Aber es hilft alles nichts, im abschließenden Streit mit dem Pooka klagt Pallett die Märchenfantasie ebenso wie die realsoziale Lüge an: „Do we believe in devils? No. Winged men? The healing pow’r of love? No. Enchantment? Social justice? No“. Der Kobold hebt sich hinfort, und Owen Pallett will die Violine niederlegen – hoffentlich nicht für immer!

„He Poos Clouds“ von Final Fantasy ist als CD und LP erschienen bei Tomlab.

Hören Sie hier „Many Lives -> 49 MP“

 

Erektionsschwäche in der Wüste

Zum 60. schenkt Udo Lindenberg sich selbst 17 Duette mit berühmten Sängerinnen. Von Marlene Dietrich bis Yvonne Catterfeld schreiten sie zur „Damenwahl“, und Panik-Udo säuselt von Liebe, Krieg und Frieden

Cover Lindenberg

Der Über-Held des hanseatisch schwiemeligen Rockschlagers wird sechzig. Im Selbstbild ist er sicher eher Rocker als Schlagerfuzzi, ne? Seine aufrechte Unbedarftheit, sein Softmachogehabe verursachten bei denjenigen, die ihn weniger mochten, jahrzehntelang eine schwer erträgliche Mischung aus Rührung und Ekel. Einzig auf feuchtfröhlichen Schwulenpartys hoben sich alle Geschmacks- und Gesinnungsdifferenzen irgendwie ins transgressive Feiernirvana auf.

Und nun Udo und die Frauen. Hatten wir das nicht schon? „Mit 66 Jahren …“ ach, das war doch der andere Althengst, mit demselben Vornamen. Und vorgemacht, wie sich der Sex des reifen Mannes auf Popglanz trimmen lässt, hatte es seinerzeit bereits Leonard Cohen, der Wüstling. Mit Traumpaaren wie Lee Hazlewood und Nancy Sinatra hat Udos Damenwahl auch nichts gemein, dazu wechselt er zu oft die, äh, Damen.

Deshalb kann man die ersten zwei Duettnummern auch direkt überspringen. Nena, die schon lange nicht mehr geheime Madame Pompadour unter den Schlagermätressen, nervt erwartungsgemäß mit ihrem asthmatischen Görenpop. Für diese Position wird Yvonne Catterfeld zurzeit noch angelernt, das Pressefoto zur Albumpromotion ist echt niedlich: Die Catterfeld als Prinzessin Leya mit „Sex in the City“-Frisur und Udochen als Darth Vader. Für die nächste Damenwahl empfiehlt sich ein Schild auf dem Tanzteetischchen: Hier nur für Rentnerbandmitglieder, MTV-Pippimädchen und Bohlen-Uschis müssen draußen bleiben.

Kommen wir also gleich zu Nina, der würdigen Ex-Underground-Königin, der Queen Mum des Punkschlager Royal. In Romeo & Juliaaah geben Nina Hagen und Udo den nuschelnden Schlapphut und die kreischende Zopfliesel als Pop Art-Variante vom Shakespeare-Stoff, aber immer noch besser, die Hagen singt, statt weltreligiös ereifernd zu predigen. Dass die beiden sich über Mama Hagen und Onkel Biermann schon lange kennen, ist deutsch-deutsche Popkulturgeschichte und hat musikalisch wenigstens ein Fünkchen mehr Pep, als Joan Baez‘ ehrenvolle aber fade Live-Fassung von Lindenbergs Wozu sind Kriege da.

Etwas diffiziler gestaltet sich das Verhältnis von hoher Kunst und profaner Umsetzung in Salomon (Das Hohe Lied) mit der unvergessenen Esther Ofarim. Erotik aus dem Alten Testament, auf Edelclubatmosphäre für Berlin-Mitte getrimmt, mit fast sieben Minuten Spiellänge die extended Schmachtversion auf dem Sampler. Donnerwetter, die dubbig gehauchten Stöhner von der Ofarim sind schon sehr speziell, dieses Portishead-artige Understatement hat was, nur Udos flapsige Prosaik hangelt sich mühsam durch den poetischen Fluss. Und wer spielt dazu so schön die im Feierabendjazz verschmalzte Trompete von Jericho? Könnte glatt Ben Becker sein.

Ein großer Teil der Duette dreht sich um Liebe, Krieg und Frieden, aufgenommen mit bekannten Weggefährtinnen wie Ulla Meinecke, Helen Schneider und Elli Pyrelli, nichts Spektakuläres. Zu erwähnen sind noch Alla Pugatschowa, die russische Schlagerikone, mit der Udo Lindenberg als erster deutscher Rocksänger und noch vor seinem legendären DDR-Besuch im Moskauer Gorky Park auftrat, und die türkische Sängerin Sezen Aksu. Das Duett mit ihr, Messer in mein Herz, hätte besser als manch anderer Quatsch für den Grand Prix d‘Eurovision getaugt, gerade weil es wie eine missglückte Karaokeperformance auf einem Kreuzberger Nachbarschaftsfest klingt. Und im für Presseanfragen auf CD erhältlichen Interview hört es sich an, als hätte Lindenberg, nach dem Zustandekommen der musikalischen Kooperationen gefragt, seine Duettpartnerinnen allesamt im Vorübergehen auf der Reeperbahn aufgelesen: „Du, dann haben wir uns einfach so gemocht.“

Einzig Marlene Dietrich zeigte ihm den bösen Wahrsagerinnenfinger. Verrucht und weise sprach sie 1987 in ihrem Pariser Alterswohnsitz eine Botschaft als Einleitung zu Wenn ich mir was wünschen dürfte aufs Band: „Wünsch dir nichts, dummes Menschenskind, Träume sind nur schön, solang sie unvollfüllbar sind.“ Die darauf folgende Interpretation als norddeutsches Nuschelchanson gelingt immerhin halbwegs. Der absolute Brüller dieser Jubiläumszusammenstellung ist jedoch das Duett mit Ex-NDW-Schlampe Annette Humpe. Da geht es zu elektropoppigen Rhythmen ab zum Sex in der Wüste, eine Mischung aus verschwurbeltem Lounge-Schlager à la 2raumwohnung und arabischem Urlaubsprospektrap: „Der Horizont rückt näher, und was keiner weiß, jeder denkt das eine, doch dafür ist zu heiß. Im Katalog stand was von feiern, und wilden Abenteuern, und alles ist ganz geil, doch jetzt hier, wo trockne Winde wehen, wird gar nichts feucht und nichts will stehen.

Uff, das ist hart. Oder doch cool? Sie scheinen sich ganz wohl zu fühlen, die zwei, so lässig schlapp im Wüstensand – ist das etwa die neue besonders in der Kunst hippe Askese, gerichtet gegen eine allseits aufgesexte Warenwelt? Auf jeden Fall ein Stück für den iPod: Man weiß ja nie, auf welcher schlimm endenden Party man damit noch die letzten Gäste herzerfrischend desillusionieren könnte.

Das war es aber auch schon mit Partyspaß, endet die Damenwahlorgie doch bereits in Duett Nummer 9 als Ringelreihen der Peinlichkeiten. Wer sich mit Yvonne Catterfeld nach Nangijala, Astrid Lindgrens Kinderhimmel in „Die Brüder Löwenherz“, verirrt, hat ganz klar einen an der Waffel. Warum sonst sollte Udo mit Sechzig plötzlich auf die Idee kommen, dem Kollegen Maffay aus der Benefizrockerszene die Würstchen vom Kinderfestgrill zu klauen? Von wegen Erektionsschwäche beim Sex in der Wüste: Da scheint noch ganz anderes schlecht durchblutet zu sein.

„Damenwahl“ von Udo Lindenberg ist erschienen bei Warner Music.

Hören Sie hier Udo Lindenberg im Duett mit Esther Ofarim: „Salomon (Das hohe Lied)“