Routiniert abschocken
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Cyril ächzt, als er sich am Friedhof Père Lachaise ins Taxi hievt. Nicht, weil der Rücken schmerzt. Die Sonne geht gerade auf – Cyril rekapituliert, wie viele Flaschen Wein er mit seinen Freunden Caroline und Orion in den letzten Stunden geleert hat. Immer wieder ist Orion in den Keller gegangen. Unzählige Etiketten, Namen, Regionen und Jahreszahlen hat er vorgelesen – Cyril hat sie allesamt vergessen. Ohnehin, wenn Orion im Raum ist, achtet er nur auf dessen linkes Auge. Den weißen Fleck in seiner Pupille, dessen Ursache Cyril nicht kennt. Er hat ihn nie gefragt. Weshalb eigentlich?
Es müssen wohl an die vierzehn Flaschen gewesen sein, denkt Cyril. Da wird ihm übel. Er schaut nach vorn. Sein Blick verliert sich im karierten Muster der Nackenstütze. Die Rauten beginnen, sich zu drehen, er schaut immer weiter hinein und versucht zum Mittelpunkt der Drehung zu blicken. Dort herrscht Ruhe, meint er.
James Brown erscheint vor seinem geistigen Auge. Eingehüllt in das Gewand eines Preisboxers tanzt er vor Wellblechhütten. Die Sonne brennt und wird von seinem Umhang reflektiert. Cyril ist, als stechen ihm Blitze in die Augen. Er steht nun neben einer großen Trommel, unentwegt tanzen Menschen um sie herum und schlagen darauf ein. “Unheimlich koordiniert”, stellt Cyril fest, der sich nicht einmal in seinem Wachtraum richtig auf den Beinen halten kann. Ein Gitarrist drischt mal die offenen Saiten seines Instruments, dann wieder spielt er filigrane Läufe. Die Musik pendelt zwischen Eleganz und Ausbruch. Bläser setzen Akzente, die Töne jubilieren, Rhythmen schleudern wie eine übervolle Waschmaschine.
Selbst der Boden scheint jetzt zu tanzen, Cyril verliert den Halt, greift um sich und wird von einem Fremden festgehalten. Die Sonne sticht nicht mehr und langsam erkennt er ein Gesicht. Es ist der Taxifahrer. “Monsieur – wir sind im Marais! Wo soll ich sie nun hinfahren?”, ruft er – “Pardon. Ich bin wohl eingeschlafen”, sagt Cyril – “Haben sie gut geträumt?” – “Allerdings.”
Aus den Lautsprechern des Autoradios scheppert Musik. “Was hören wir da?”, fragt Cyril. “Musik aus Benin”, antwortet der Taxifahrer, “das ist das Orchestre Poly-Rythmo de Cotonou, meiner Heimatstadt.” Er kommt ins Plaudern. “In Benin wurde die Vodoun Religion geboren, Sie kennen das als Voodoo. Dieser Rhythmus hier schützt die Menschen vor Pocken. Andere hört man zum Gedenken der Toten oder um eine unserer 250 Götter zu ehren.” Cyril staunt. “Passen Sie mal auf: Zwischen 1970 und 1983 hat das Orchestre mehr als 500 Titel veröffentlicht. Hören Sie das? Wie elegant hier Elemente aus der traditionellen Musik meiner Heimat mit amerikanischem Funk und Soul verschmelzen? Hier bei Ihnen, Monsieur, gibt es das jetzt endlich auch zu hören, ein ganzes Album mit den besten Sachen, ganz hübsch aufgemacht. Wo soll ich sie nun hinbringen, Monsieur?”
“Ach, fahren Sie mich doch bitte einmal zum Flughafen Charles de Gaulle und dann wieder zurück”, sagt Cyril, “und lassen sie bitte die Musik laufen!”
“The Vodoun Effect 1972-1975: Funk & Sato from Benin’s Obscure Labels Vol. 1″ vom Orchestre Poly-Rythmo de Cotonou ist auf CD und Doppel-LP bei Analog Africa/Groove Attack erschienen. In ein paar Monaten soll dort ein zweites Album mit Musik der Band erscheinen.
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