Charmanter Drahtesel
Über die Jahre (46): Anfang der Siebziger lauschte John Peel dem Straßenmusiker Lol Coxhill – und ließ ihn sogleich eine Platte einspielen: “Ear Of The Beholder”
[weiter...]
Über die Jahre (46): Anfang der Siebziger lauschte John Peel dem Straßenmusiker Lol Coxhill – und ließ ihn sogleich eine Platte einspielen: “Ear Of The Beholder”
[weiter...]
Weihnachten ist die Zeit der Musikmischungen. Viele stecken sich spätjährlich ihre Lieblingsmusik zu, auf Kassette, CD oder USB-Stick. Und warum nicht mal ein aktuelles Thema aufgreifen? Was hatten wir denn in diesem Jahr? Fußball-EM und Olympia etwa, das klang aber beides nicht so gut. Und die Wahl Barack Obamas? Vollkommen durchgenudelt. Wie aber wäre es mit ein paar Liedern zur Finanzkrise? Das kleine Label Bear Family aus Hambergen in Schleswig-Holstein stöberte in verstaubten Archiven und veröffentlicht nun die CD zum Thema: Hilfe! Mein Geld ist weg! – Songs zur aktuellen Lage der knappen Kassen. Denn beides hat es schon immer gegeben, knappe Kassen und Lieder darüber.
Es scheppert aus dem Schellackarchiv: Die Kabarettisten Wilhelm Bendow und Paul Morgan plädieren auf Ratenzahlung: “Die sollen raten, wann wir bezahlen.” “Ob wir sparen oder nicht, ist doch egal”, singt Fritz Hönig, “denn wir werden sowieso nicht mehr reich.” Die CD knüpft am Börsenkrach des Jahres 1929 an, die meisten Stücke stammen aus den zwanziger und dreißiger Jahren. Und die jüngste Aufnahme ist auch schon zehn Jahre alt.
Die Qualität der Lieder ist den Archivaren beim Kompilieren nicht so wichtig, schließlich geht es nur ums Geld! Gunter Gabriel lässt geschmackliche Grenzen hinter sich und tönt: Boss, ich brauch mehr Geld. Nicht weniger unmusikalisch geht es zu, wenn Dolly S. & The Dollies den Rap Mir geht’s gut radebrechen. Vieles Stücke liegen nahe: Das Bruttosozialprodukt von Geier Sturzflug ist da ebenso unvermeidlich, wie der Ba-Ba-Ba-Banküberfall der Ersten Allgemeinen Verunsicherung. Und Helga Hahnemann trat mit Wo ist mein Jeld sicher schon in Achims Hitparade auf.
Doch kühn zu kompilieren lohnt auch. Vor allem die alten Schlager sind charmant und wortgewandt: “Früher kurrrrrbelte man seinen eignen Wagen an, und jetzt fährt man gratis vorrrne auf der Straßenbahn”, jault Willy Rosen, Nierentischhumor könnte man das nennen. Wen wundert’s, schließlich stammt die Zusammenstellung von Volker Kühn, einem Kenner und Protagonisten der Kleinkunstkultur. So sind neben den Gassenhauern eben auch die Wühlmäuse mit von der Partie und das Berliner Reichskabarett. Deren Stück Mein Geld ist weg! ist einer der unterhaltsamsten Beiträge, es schlägt die Brücke zwischen rasantem Kabarett und ansprechender Musik: “Was ist eine weinende Mutter, was ein sterbendes Reh, gegen den herzzerfetzenden Anblick eines Aktionärs, dessen Papiere neun Punkte gefallen sind.”
Für die Zusammenstellungen Politparade und Don Kohleone montierte Bear Family einst Reden von Politikern auf Easy-Listening-Musik. Franz Josef Strauß und zweimal Helmut Schmidt sind nun auch auf Hilfe! Mein Geld ist weg! zu hören. Helmut Schmidt redet vom Vertrauen in die Währung, vom Lernen und Leisten, dazu dudelt eine Kapelle. Das ist für sich betrachtet nur mäßig witzig, im Zusammenspiel mit den anderen Stücken aber entsteht ein kurioser Dialog. Die Antwort auf Schmidt gibt Heinz Erhardt: “Mensch, kannste mir was pumpen, dann lade ich dich ein.”
“Hilfe! Mein Geld ist weg! — Songs zur aktuellen Lage der knappen Kassen” ist als CD bei Bear Family Records erschienen.
…
Weitere Beiträge aus der Kategorie SCHLAGER
Alexander Marcus: “Electrolore” (Kontor/Edel 2008)
Udo Lindenberg: “Damenwahl” (Warner Music 2006)
Alle Musikangebote von ZEIT online finden Sie unter www.zeit.de/musik
Kanye West ist der Erfolg zu Kopf gestiegen: Auf seinem neuen Album “808′s & Heartbreak” beklagt er sein Schicksal und wirft mit verbalem Exkrement um sich
Unbeirrbar hat sich Kanye West in die Riege der großen Popstars gearbeitet. Vom Hintergrund in den Vordergrund. Als HipHop-Produzent machte er sich einen Namen, schneiderte Jay Z, Talib Kweli und vielen anderen Rappern das klangliche Gewand. Schließlich wollte er ans Mikrofon, wegen seiner begrenzten Fähigkeiten wollte ihm aber zuerst niemand einen Plattenvertrag geben. Da wurde er noch unterschätzt. Seine Schwächen verwandelte er in Stärke. Im HipHop ist es üblich, vor allem darüber zu rappen, wie toll man rappen kann. West machte es umgekehrt, reimte über seine Unfähigkeit. Das kam gut an und hatte Charme. Sein Debütalbum College Dropout ging im Jahr 2004 förmlich durch die Decke.
Wer unterschätzt wird, hat ein Problem. Wer berühmt ist, ein viel größeres. Mit dem Ruhm kommen die Schulterklopfer, die Ja-Sager. Es hätte jemand “Nein” rufen sollen, als Kanye, der Unbeirrbare, sich auf den Irrpfad begab. Seine Entschlossenheit ist nun Hybris, sein Charme Weinerlichkeit. Bei Preisverleihungen zetert er, wenn er leer ausgeht, und ständig redet er von seinem Platz in den Geschichtsbüchern. Als “Stimme seiner Generation” würde er erinnert werden, sagte er jüngst in einem Interview. Nicht wolle, sondern würde.
Ein schweres Jahr liegt hinter Kanye West. Erst starb seine Mutter, dann verließ ihn seine Freundin. Und man hat schon vieles gehört von verlassenen Männern: Dass sie verbittern, mit Suizid drohen, die Wohnung verwüsten und Lügen über die Ex verbreiten. Das alles ist schlimm, aber muss er gleich sein ganzes Album 808′s & Heartbreak als diffusen Rachefeldzug anlegen? Ist da wirklich niemand, der “Nein” sagt?
Zweiundfünfzig Minuten und neun Sekunden beweint er sein Schicksal, bewirft die Verflossene mit verbalem Exkrement. Selbstsucht, angereichert – besser angeärmert? – mit banalen Gedanken über das Leben. Dass Geld allein es nicht bringt, dass man ja ein ganz normaler Typ sein will, und schau mal, was ich mir für tolle Klamotten, Sportwagen und Häuser gekauft habe! Der Narziss singt die Pinocchio Story: “I turn on the TV and see me and see nothing.” Der Psychiater sagt: “Rette sich, wer kann! Der Mann kann sein eigenes Spiegelbild nicht ertragen.” Dass das künstlerische Genie seine Erfindungen aus den dunklen Tiefen von Melancholie und Wahnsinn schöpft, ist eine gängige wie falsche Annahme. Kanye West ist ihr erlegen. Die jüngste Kreativitätsforschung hat sie zum Glück widerlegt.
Auf diesem Album gerät die Musik zum Nebenschauplatz. Wirklich übel ist sie nicht. Die Single Love Lockdown nimmt eine überraschende Wendung, als afrikanische Trommeln das kalte, digitale Klangbild überlagern. Heartless liegt ein beschwingter Rhythmus zugrunde, die Melodie hüpft gleich mit. Doch da ist auch viel Internetapotheke, Musik nach Hitrezept: Hier Beatles-Streicher im Stück RoboCop, dort kitschige Midi-Glocken, die das Weihnachtsgeschäft einläuten. Da Kanye West nicht mehr so viel rappen will, aber auch nicht singen kann, bedient er sich des Auto-Tuners – auch bekannt als Cher-Effekt. Wenn man geschickt auf diesen Studioeffekt hinkomponiert überschlägt sich die Stimme und klingt android. Wohldosiert ist das ein lustiger Effekt, aber über die Dauer einer Stunde nicht zu ertragen. Oder wie der amerikanische Komiker Stephen Colbert sagt: “Wie kann Kanye West die Stimme einer Generation sein, wenn er nicht einmal die Stimme seines eigenen Albums ist?”
“808′s & Heartbreak” von Kanye West ist auf CD bei Def Jam/Universal erschienen.
…
Weitere Beiträge aus der Kategorie POP
Norman Palm: “Songs” (Ratio Records 2008)
David Grubbs: “An Optimist Notes The Dusk” (Drag City/Rough Trade 2008)
Of Montreal: “Skeletal Lamping” (Polyvinyl/Cargo Records 2008)
The Cure: “4:13 Dream” (Geffen/Universal)
Tindersticks: “I” (This Way Up 1993)
Alle Musikangebote von ZEIT online finden Sie unter www.zeit.de/musik
Auf Betriebsfeiern fühlt sich der DJ besonders allein. Die Kumpels dürfen nicht hin, die Freundin hat Besseres zu tun. In Clubs und Bars herrschen Musikbegeisterung und Tanzwut – Betriebsfeiern hingegen beherrscht die Arbeit, sie bestimmt die Unterhaltungen der Gäste. Und wenn der DJ keinen Spaß hat, verkommt seine Kunst zur Dienstleistung. Immerhin ist diese in aller Regel gut bezahlt.
Jochen macht das schon lange. Bei der Weihnachtsfeier dieses Heizöllieferanten tritt er nun bereits das dritte Jahr in Folge an die Plattenteller. Ein Schulfreund hatte ihn damals gebucht. Doch nun ist er weit weg, auf einer Bohrinsel. Jochen gibt sein Bestes. Gute Musik will er spielen, nicht die herkömmlichen Fetenknaller von der 3CD-Box aus der Tankstelle. Und doch kann er es keinem recht machen: Die Sekretärin möchte die Bee Gees hören, der Chef “markige Gewinnermusik – Rwooack!”, der Azubi wünscht sich HipHop, die Abteilung Mahnwesen will Amy Winehouse. Mit Depeche Mode kann Jochen nicht dienen, die mag er einfach nicht.
Auf Betriebsfeiern spaltet jede Musik die Menge der Tanzenden. Entweder ist sie nicht gut, oder nicht banal genug. Was des einen Po zum Wackeln bringt, kommt dem anderen zu den Ohren heraus. Jochen begreift: Seine Aufgabe besteht heute darin, die Gemüter zu beschwichtigen. Glücklich wird hier niemand. Die ideale Musik für Betriebsfeiern muss erst erfunden werden. Muss?
Die Erfindung der Idealen Musik Für Betriebsfeiern, kurz IMFB, verdanken wir einem Zufall. Denn Jochen hält es nicht aus bei dieser Feier. Um 23 Uhr schleicht er sich durch den Hinterausgang und türmt im Taxi. Auf seine Gage wird er verzichten müssen. Weil sich niemand für ihn interessiert, legt er eine CD ein und lässt sie durchlaufen: Side-Stepper von The Bamboos, einer australischen Funkband. Jochen hat sie noch gar nicht gehört. Er hätte es besser tun sollen.
Denn ausgerechnet diese CD erfüllt alle Wünsche und eint die Anwesenden. Die Musik der Bamboos macht glückselig, IMFB bis zum Umfallen. Sie swingt, hat Soul, ist tanzbar und sie hat das, was der Musikindustrie das größte Ding seit dem Cher-Effekt ist: den Amy-Winehouse-Faktor. Sie klingt alt und aktuell zugleich. Jochen ist noch nicht zu Hause, da kocht die Party. Der Azubi tanzt mit der Nudel aus der Buchhaltung, der Chef hat das Buffet mit seinem Hinterteil abgeräumt und selbst der Prokurist frohlockt. Auf dieser Feier gibt es keine Hierarchien mehr, kein lässig oder verkrampft, auf diesem Tanzboden sind alle gleich. Und sie benehmen sich entsprechend.
Wenn die Stimmen der Gastsängerinnen Megan Washington und Kylie Auldist ertönen, werden die Hüften obszön gedreht, Parfüm ehelicht Schweiß. Wenn die Bamboos es ohne Sängerin versuchen, blüht ihre Spielfreude. Und wenn ein Brite namens TY rappt, freut sich nicht nur der Azubi.
Ein Jahr später wundert sich Jochen, dass der Heizöllieferant ihn wieder als DJ für die Weihnachtsfeier engagiert. Er hätte besser bleiben sollen.
“Side-Stepper” von The Bamboos ist auf CD und LP erschienen bei Tru Though/Groove Attack.
…
Weitere Beiträge aus der Kategorie SOUL
Jazzanova: “Of All The Things” (Verve/Universal 2008)
Jamie Lidell: “Jim” (Warp Records/Rough Trade 2008)
Erykah Badu: “New Amerykah Part One (4th World War)” (Universal Motown 2008)
Michael Jackson: “Thriller” (Epic 1982)
“The Very Best Of Éthiopiques” (Union Square Music 2008)
Alle Musikangebote von ZEIT online finden Sie unter www.zeit.de/musik
“Ich hasse HipHop. Außer A Tribe Called Quest.”
Freunde des HipHop haben diesen Satz oft gehört und sich geärgert. Gab es doch immer guten Rap, nicht nur von dieser Gruppe. Dennoch ist klar: Von ATCQ ging eine Magie aus. Etwas, dass das englische Wörtchen vibe so schön beschreibt. Die Stimmung, Atmosphäre oder Aura ihrer ersten drei Alben. Sie waren herausragend — auf der Oberfläche verschieden, im Kern wie eins. ATCQ schlugen Brücken, machten schwer Vermittelbares zu Konsens. Sie brachen mit dem harten Ghetto-Rap, in ihren Texten ging es friedlich zu.
Das hört man schon am Namen des Bandleaders Q-Tip: Watte statt Waffe. Sie zerschnitten Jazz, Disco, Soul und legten Neues darüber. Das Ergebnis ging sanft in die Ohren und Hüften. Für’s Gehirn gab es geistreiche Texte – der Testosteron-Haushalt des Hörers blieb auf Normalwert. Ihre Leichtigkeit fand Millionen Hörer. 1998 lösten sie sich auf. Ihre Musik war noch gut, doch der vibe verloren gegangen. Er lässt sich nicht nachbauen – er ist da, oder eben nicht.
Zeit für ein Solo. Ein Jahr nach der Trennung veröffentlichte Q-Tip sein Einzeldebüt Amplified und machte etwas anderes. Düster geriet, was er und der Produzent J Dilla schufen – scharfkantige Beats, Höhen und Bässe, keine Mitte. Kein vibe-of-the-tribe, sondern ein Album von Künstlern, die sich nicht reproduzieren mögen. Mit solchen kennt die Musikindustrie keine Gnade. Nachfolger von Amplified wurden angekündigt aber nie veröffentlicht. Q-Tips Plattenbosse sahen in ihm kein Potenzial. Aus dem Brückenbauer wurde ein Risikofaktor. Bootlegs hielten die treuesten Fans auf dem Laufenden. Bald zehn Jahre ist es her, dass ein Lebenszeichen des Wattestäbchens erklungen ist.
Nun endlich. Und gleich der Titel lässt verlauten, worum es geht: Q-Tip beschwört The Renaissance. Denn HipHopper denken in Epochen: Old School, New School, Next School. Dabei ist diese Musikrichtung gerade erst den Zwanzigern entwachsen! Die Wiedergeburt altertümlicher Kultur in ihrem Einfluss auf die Moderne – das käme ihm zupass, dem Rapper der alten Schule. Nur klingen diese Worte nach Dinosaurierpark, hören wir lieber die Musik.
Sie ist frisch, sie swingt, und sie erinnert an den HipHop der frühen Neunziger. Seien wir ehrlich, sie klingt nach A Tribe Called Quest. Bei Won’t Trade spielt uns ein Piano schwindelig, der Rhythmus macht süchtig. Einmal wirft der Jazzgitarrist Kurt Rosenwinkle entfremdete Tupfer dahin, die den Rhythmus frei interpretieren und verschieben. We Fight/We Love ist so ein Stück, das zeigt: Im Zusammenspiel aus Gegenläufigem entsteht Vielschichtigkeit. Und die Aura des Zurückgelehnten verleiht Eleganz.
Der Gastsänger Raphael Saadiq setzt glasklare Töne gegen Q-Tips Näseln. Der darf sich nie die Polypen entfernen lassen, sonst verliert seine Stimme das Besondere. Norah Jones steht bisweilen knietief im Milchschaum. Im Stück Life Is Better singt sie über einen harten Funkbeat und zieht einen Fuß heraus. Q-Tip positioniert seine prominenten Gäste gezielt. Jürgen Klinsmann würde das eine Win-Win-Situation nennen.
Die Renaissance ist also keine verkrampfte Zusammenkunft der alten Garde. Sie lebt von ihren Stärken, klingt dicht und dabei leicht. Wen stört, dass sie aus der Zeit gefallen ist? Nennen wir es gelungenen Konservatismus.
“The Renaissance” von Q-Tip ist als CD, Doppel-LP und Download bei Motown Universal erschienen
…
Weitere Beiträge aus der Kategorie HIPHOP
The Streets: “Everything Is Borrowed” (Warner Music 2008)
Everlast: “Love, War And The Ghost Of Whitey Ford” (PIAS/Rough Trade 2008)
Roots Manuva: “Slime & Reason” (Big Dada/Rough Trade 2008)
Stereo MCs: “Double Bubble” (PIAS/Rough Trade 2008)
Guilty Simpson: “Ode To The Ghetto” (Stones Throw/Groove Attack 2008)
Alle Musikangebote von ZEIT online finden Sie unter www.zeit.de/musik
Im Grenzgewässer zwischen Romantik und Realität schwimmt ein Boot. Töne schallen von dort herüber. Holz knirscht, ein Mast quietscht, eine Stimme verneigt sich vor der Dämmerung. Der Tag gehört der Utopie. Doch die Tage werden kürzer – hat die Utopie eine Zukunft?
Das ist eine der Fragen, die David Grubbs’ neues Album An Optimist Notes The Dusk dem Hörer stellen könnte. Grubbs’ Sprache ist ein offenes Englisch, frei assoziiert, frei interpretierbar. Und seine Musik ist weitläufig wie die See.
Grubbs nimmt die Gitarre, stellt hin und wieder ein Schlagzeug dazu. Eine Trompete schallt im Einklang mit den Saiten, doch nur für einen kurzen, verhaltenen Moment. David Grubbs’ Stimme strahlt Wärme aus. Manchmal klingen seine Stücke wie die Abstraktionen eines Seemannsliedes. Die Musik des Titelstücks biegt sich wie im Sturm, so als versuche sie mit aller Macht, Oberwasser zu behalten. Da wird deutlich: Sie hat eine ästhetische und poetische, aber auch eine politische Ebene.
Ist sie das leidige Thema amerikanischer Intelligenzia in der Bush-Ära? Lebt man als Künstler innerhalb einer Gesellschaft oder ist man vielmehr Teil eines globalen Dorfes, bewohnt von Gleichgesinnten? Und wird diese Beschaulichkeit nicht zur Scheinwelt, spätestens wenn man die eigenen Kinder zur Schule bringt?
Aufgewachsen ist David Grubbs in Kentucky, bereits mit vierzehn Jahren erregte er Aufsehen mit seiner Punkband Squirrel Bait. Mit den nachfolgenden Projekten Bastro und Gastr del Sol dekonstruierte er Pop und Rock. Als aus Chicago der Post-Rock hinüberschwappte, war Grubbs einer der wichtigsten Klangarchitekten der Bewegung. Im Jahr 1999 zog er nach New York und wurde Professor für Radio- und Klangkunst. Regelmäßig schrieb er Musikkritiken für die Süddeutsche Zeitung. Sein eigenes Label Blue Chopsticks ist eine Schnittstelle zwischen bildender Kunst, Musik und Literatur.
An Optimist Notes The Dusk wirft viele Fragen auf. Deren Antworten liefert Grubbs nicht. Sie liegen im grauen Nebel, in den uns das letzte Stück der Platte führt. The Not-So-Distant ist eine rein elektronische Komposition, deren synthetische Klänge sich so langsam entwickeln, dass Zeit und Raum keine Rolle mehr spielen. Zwölf Minuten, die all die menschliche Wärme von Gitarre und Stimme vergessen machen.
“An Optimist Notes The Dusk” von David Grubbs ist auf CD und LP bei Drag City/Rough Trade erschienen.
…
Weitere Beiträge aus der Kategorie POP
Of Montreal: “Skeletal Lamping” (Polyvinyl/Cargo Records 2008)
Antony & The Johnsons: “Another World” (Rough Trade/Indigo 2008)
The Cure: “4:13 Dream” (Geffen/Universal)
Tindersticks: “I” (This Way Up 1993)
Brian Wilson: “That Lucky Old Sun” (Capitol/EMI 2008)
Alle Musikangebote von ZEIT online finden Sie unter www.zeit.de/musik

So kann man sie sich wirklich nicht vorstellen. Grace Jones steht am Fließband. In Arbeiterkluft mit Haarnetz. Keine Party, null Glamour. Das ist das Szenario im Heftchen, das ihrer neuen Platte beiliegt. In Plastik gegossene Körperteile liegen auf dem Fließband, am Ende der Produktionskette sind das Hunderte – wenn nicht tausend – Klone. Grace Jones reproduziert sich – klingt die Musik auch so?
Unbedingt!
Donnerte Horst Hrubesch dieser Tage wieder Kopfbälle zwischen die Pfosten, stiege Mohammed Ali wieder in den Ring – es käme uns mächtig exotisch vor. Zwanzig Jahre hat Grace Jones nun kein Album mehr veröffentlicht, mit sechzig wagt sie einen neuen Anlauf. So etwas geht meistens schief, die einen biedern sich dem Zeitgeist an, die anderen dokumentieren den Stillstand.
Grace Jones macht es besser, sie besinnt sich auf ihre Stärken. Das fiel ihr noch nie schwer. Hurricane ist ein eitles Werk, von Egozentrik durchdrungen: “Grace Jones is in the house …” tönt eine Ansage, Jubel verhallt. Oder hat sie ihn verschluckt? Und wie schmeckt ihre Eitelkeit?
Lecker!
Ihre Platten aus den frühen Achtzigern klingen auch heute noch frisch. Zweieinhalb Dekaden nach Alben wie Night Clubbing und Warm Leatherette zaubert Grace Jones auf Basis des Erfolgsrezept ein neues Süppchen. Wie damals köchelt sie zum Rhythmus von Sly & Robbie. Die beiden sollen in ihrer Karriere etwa 200.000 Lieder eingespielt haben – da sind diese neun weiteren nur ein kleiner Gefallen! Sie bearbeiten Schlagzeug und Bass angenehm routiniert, eine innere Ruhe federt jeden Ton, jeden Taktschlag. Ihre Rhythmen sind luftig, man möchte ihnen stundenlang lauschen. Sie sind Grace Jones’ narrativem Stil eine geniale Grundlage.
Und da sind viele Gäste. Tony Allen ist dabei, der Erfinder des Afrobeat, Adam Green, die Thereminvirtuosin Pamelia Kurstin. Brian Eno spendet Geist, einem Stück leiht Tricky sein Krächzen. In dieser Runde entsteht düsterer Pop, der glänzt und funkelt.
Die Diva selbst bleibt eine Überzeichnung. Spielt mit Kannibalismen, sonnt sich im Ego. Nur einmal verbrennt sie sich: Amazing Grace hätte sie nicht singen müssen. Schon gar nicht zum Breitbandwabern des Synthesizers. Aber was sind schon dreißig Sekunden in einer hermetischen Dreiviertelstunde.
Lesen Sie hier die Rezension zum Album aus der ZEIT Nr. 46
“Hurricane” von Grace Jones ist als CD und LP erschienen bei Wall Of Sound/Rough Trade.
…
Weitere Beiträge aus der Kategorie DUB
Burial: “Untrue” (Hyperdub/Cargo 2007)
Skream: “Skreamizm Vol. 3″ (Tempa 2007)
Tied + Tickled Trio: “Aelita” (Morr Music 2007)
Kammerflimmer Kollektief: “Jinx” (Staubgold 2007)
Various: “The World Is Gone” (XL Recordings/Indigo 2006)
Alle Musikangebote von ZEIT online finden Sie unter www.zeit.de/musik
“Ey du da – hast du mal ein paar Pennies für mich? Meine Frau kriegt ‘n Baby und ich muss echt dringend ins Krankenhaus.”
“Klar.”
“Hey Mann, kenn ich dich nicht irgendwoher?”
“Bruder, ich bin auf dieser Insel der erfolgreichste Rapper.”
“Willst du mich verarschen, Opa? Dizzee Rascal und Kano sind die erfolgreichsten Rapper! Wie heißt du denn?”
“Roots Manuva, Bruder. Du kannst mich Rodney nennen, oder einfach Roots. Und ich geb’ zu, dass meine Erfolge etwas zurückliegen.”
“Roots Malawi? Nie gehört, Mann. Was machst du hier überhaupt in der Londoner U-Bahn? Ich dachte, Rapper fahren dicke Schlitten. Gib mir mal ‘ne Kippe und erzähl, machst du noch Musik?”
“Stell erstmal das Gedudel von deinem Handy ab, das macht mich verrückt! OK. Ist zwar schon sieben Jahre her, aber du kennst bestimmt meinen Hit Witness… [Er singt] ‘Witness the fitness, the Cruffiton liveth, one hope, one quest.’”
“Der ist von dir? Nicht schlecht…”
“Danke Bruder. Danach ging’s leider bergab mit den Erfolgen. Ich hab’ ein paar Alben gemacht, hatte auch immer ‘ne Menge Fans, so kam immerhin genug bei rum.”
“OK, und warum fährst du dann U-Bahn?”
“Naja, weißt du, der Luxus lähmt einen, mir ist da einiges zu Kopf gestiegen. Ich hab’ gerade eine neue Platte aufgenommen und bin immer mit der Bahn ins Studio gefahren, hab’ mich um alles selbst gekümmert. Ich sag dir, Bruder, das hat meiner Musik gut getan.”
“Muss dann ja eine Wahnsinnsscheibe geworden sein…?”
“Um ehrlich zu sein: War nicht einfach, die Platte zu machen. Es hat sich viel getan im britischen HipHop. Es gibt jetzt Grime und Dubstep. Die haben alle bei mir geklaut, aber das wäre albern, würd’ ich jetzt auf diese flotten Beats reimen. Ich hab’ einfach angefangen, wieder meine ganz eigene Musik zu machen und viele grüne Stücke aufzunehmen.”
“Grüne Stücke? Spinnst du?”
“Nein, ich bin doch Synästhet. Unspektakuläre Lieder hab’ ich gemacht, die sich nicht aufdrängen und bei jedem Hören wachsen. Mit alten Synthesizern und jeder Menge Gesang. Hör’s dir an, Mann, das ist HipHop, der wie eine Plattform funktioniert. Ich hab’ mich gefühlt wie früher bei den Parties unserer Soundsystems, da wurde echt alles gespielt und gemixt. Da ging es nicht um Abgrenzung, sondern um Offenheit, wir haben zu Reggae, HipHop, Calypso und Rock’n’Roll getanzt.”
“Machst du etwa Weltmusik, Mann?”
“Nix da. Obwohl, Großbritannien ist ja voll von kulturellen Einflüssen. Ich denke, die Leute halten meine Musik genau deshalb für britisch, weil sie offen ist.”
[Roots Manuva holt eine Thermoskanne und zwei Plastikbecher hervor] – “Willst du ‘nen Kaffee, Bruder?”
“Ja, Mann, danke. Erzähl weiter!”
“Musst du nicht ins Krankenhaus? Zu deiner Frau?”
“Stimmt, ich muss hier aussteigen!”
“Du bist ein schlechter Lügner.”
“Und du bist wohl ein guter Musiker. Ich kauf mir gleich dein neues Album – wie heißt du noch? Roots Ma…?”
“…NUUUUVA!”
“Slime & Reason” von Roots Manuva ist als CD und Doppel-LP bei Big Dada/Rough Trade erschienen.
…
Weitere Beiträge aus der Kategorie HIPHOP
Stereo MCs: “Double Bubble” (PIAS/Rough Trade 2008)
Guilty Simpson: “Ode To The Ghetto” (Stones Throw/Groove Attack 2008)
“An England Story” (Soul Jazz Records/Indigo 2008)
Buck 65: “Situation” (Warner 2008)
Missill: “Targets” (Discograph/Rough Trade 2008)
Alle Musikangebote von ZEIT online finden Sie unter www.zeit.de/musik
Ein Jazzclub, auf der Bühne stehen jamaikanische Rastafaris in Nadelstreifen. Ihre Filzlocken sind pomadig gescheitelt. Der Bass spielt Reggae, die Bläser swingen, als kämen sie aus den zwanziger Jahren, prägnant und aufregend. Tony Allen und die Africa 70 betreten die Bühne und spendieren Afrobeat.
Später verlässt die Band den Club, die Menschen folgen ihr nach draußen, und die Party geht auf der Straße weiter. Die Marching Band zieht um die Blöcke. Wo sind wir eigentlich? In Kingston, New Orleans, Lagos oder New York? Und in welchem Jahr noch gleich? Musik kann einen ganz schön durcheinander bringen.
Die Rastafaris nennen sich Wareika Hill Sounds, ihr Debütalbum aus dem Jahr 2007 bringt Orte, Spielarten und Zeiten zusammen, ohne dass man ihm den Jetlag der Weltreise anmerkt. Der Kopf der Band ist der jamaikanische Posaunist Calvin “Bubbles” Cameron. Zugegeben, die Posaune ist kein typisches Instrument des Reggae. Doch dies ist auch kein gewöhnliches Album. Die Bässe drücken, die Bläser schweben, eine Orgel flimmert, das Schlagwerk spielt tanzbar. Das sind doch bewährte Muster? Wie entsteht daraus derart Originelles?
Den Wareika Hill Sounds ist selbst das Mischpult ein Instrument. Ihre Aufnahmen sind räumlich, die Techniken des Dub verschieben die Wahrnehmung, verzerren die Wände. In diesem expressionistischen Klangbild weiß auch der Hörer bald nicht mehr, wo er sich befindet.
Nur wenn die Herren aus Wareika singen, dann wird es erschreckend simpel: “Jamaica is Reggae-Land. We play music and have fun.” Das klingt nach alten Urlaubsfilmen von Karl Dall. Aber Schwamm drüber – sie singen ja kaum.
Das unbetitelte Debütalbum von Wareika Hill Sounds ist im Jahr 2007 auf CD und LP bei Honest Jon’s/Indigo erschienen.
…
Weitere Beiträge aus der Serie ÜBER DIE JAHRE
(41) Dennis Wilson: “Pacific Ocean Blue” (1977)
(40) Klaus Nomi: “Nomi” (RCA/Sony 1981)
(39) GAS: “Nah und Fern” (Kompakt/Rough Trade 2008)
(38) Liquid Liquid: “Slip In And Out Of Phenomenon” (2008)
(37) Nick Drake: “Fruit Tree” (1979)
Alle Musikangebote von ZEIT online finden Sie unter www.zeit.de/musik

Elvis ist tot. Johann Sebastian Bach lebt. Er ist Japaner, wohnt in England und spielt leidenschaftlich Gameboy. Am Wochenende fährt er gerne mal nach Rotterdam und treibt sich auf Gabber-Partys herum. Gabber, das ist knallharter Techno, der Klang des Weltuntergangs.
Schuhe aus – hier kommt DJ Scotch Egg! Er ist weder Schotte noch DJ. Wahrscheinlich ist er nicht einmal ein Ei. Dafür ist er Vertreter einer Musikgattung, die sich KFC-Core nennt – in Anlehnung an den Hühnchen-Schnellbrater Kentucky Fried Chicken. Wer will uns denn so in die Irre führen? Es ist Shigeru Ishihara, ein in Brighton gestrandetes Schlitzohr. Wäre er Architekt, er würde Brücken bauen.
Er liebt die Bach’sche Fuge, die Metal-Experimente des John Zorn, den Free Jazz, Karlheinz Stockhausens abrupte Klangfarbenwechsel und den Klingelton. Seine Musik komponiert DJ Scotch Egg am Gameboy. Sie hört sich an, als spielte man mit zwei Fingern in der Steckdose ein Computerspiel, während nebenbei der Fernseher läuft, das Handy klingelt, ein Baby schreit und der Nachbar seine Leidenschaft für den Schlagbohrer entdeckt. Einige werden es Folter nennen, für andere ist es Pop mit durchgedrücktem Gaspedal. DJ Scotch Eggs Album Drumized dauert keine 27 Minuten. Wenn es ausklingt, ist es, als sei ein Spuk vorbei.
Im Musikvideo zu Scotch Hausen posiert Ishahara als Dirigent eines Daddel-Orchesters. Anstelle von Geigen und Bratschen haben die Musiker Gameboys in der Hand. Eine Eintagsfliege? Von wegen: Drumized ist bereits sein viertes Album, er hat viele Anhänger und ist dauernd auf Tournee. Von Roskilde bis Lowlands trat er bei allen großen Festivals auf, denn sein Klang fasziniert Tausende. Unerträgliches macht plötzlich Spaß, wenn der DJ mit vier seiner Klingelkisten hantiert. Die gesunde Mischung aus Akribie und Freiheit, Dreistigkeit und Humor ist seine Kunst. Ein Origami-Saustall. Game Over.
»Drumized« von DJ Scotch Egg ist als CD und LP erschienen bei Load Records.
…
Weitere Beiträge aus der Kategorie TECHNO
Minilogue: »Animals« (Cocoon Recordings 2008)
Francesco Tristano: »Not For Piano« (Infiné/Discograph 2007)
Cobblestone Jazz: »23 Seconds« (!K7/Wagonrepair 2007)
Michaela Melián: »Los Angeles« (Monika 2007)
Chloé: »The Waiting Room« (Kill The DJ Records 2007)
Alle Musikangebote von ZEIT online finden Sie unter www.zeit.de/musik