Strich durchs Gemüse

Sarah Bogner aus Wien und Bea Dorsch aus München sind Apparat Hase. Auf ihrer ersten Platte servieren sie minimalistische Lieder, rasante Beats und Wortsalat

Da steckt ganz schön viel Gemüse im Debütalbum von Apparat Hase: Um rote Rüben geht es, um Einmachgläser und Buchstabensalat. Apparat Hase sind die Musikerinnen Sarah Bogner aus Wien und Bea Dorsch aus München. Die eine ist 28 Jahre alt und Künstlerin, die andere 37 Jahre alt und in der Psychiatrie angestellt. Kennengelernt haben sie sich im Münchener Nachtleben. Der Bandname ist ein Buchstabensalat aus ihren Vornamen – und dann noch ein bisschen gemogelt.

Bei den Werbefotos für ihre CD haben sie nicht gemogelt – und wurden prompt gefragt, weshalb sie die glänzenden Gesichtspartien auf den Bildern nicht retuschieren ließen. „Wie soll man Haltung bewahren, wenn das Business Haltung für einen Retuschefehler hält?“, fragen sie im PR-Text zur Platte keck zurück. Eine Reaktion, so passgenau wie die elektronischen Beats des Duos. Die Lieder sind minimalistisch aber nie monoton, rasante Rhythmen unterlegen die gelangweilt gesungenen englischen und deutschen Texte. Ihre Texte schreiben Sarah Bogner und Bea Dorsch gemeinsam, die Musik entstand mit Unterstützung der Münchener Robert Merdzo und Andreas Gerth.

Apparat Hase verorten ihre Lieder „irgendwo zwischen Minimal Dance, Electro-Pop, New Wave & Old School“, lässig sind sie auf jeden Fall. Aschebahn etwa ist ein wahrer Tanzflächenkracher, Comfort lädt zum Twist in den Elektrokochtopf. Höhepunkt des Albums ist das Lied Flexionsklasse über Einkaufszentren, schlaue Wörter und allgegenwärtiges Gemüse: „Ich mag Einwegdenke nicht / Einmachgläser hab‘ ich nicht / Rote Lippen steh’n mir nicht und auch keine -ismen, -ismen!“ Die beiden Damen reichen Wortsalat. „Einkaufskorb ist leer, Einmachglas ist voll / Shopping Mall gesperrt, Gemüse überall! / Komm mit in mein Einmachglas / Schnellkochtöpfe machen Spaß / Auf rote Lippen ist Verlass / Und auf keine -ismen, -ismen …“ Eine Steigerung ist nach diesem zerhäckselten Wortwitz nicht mehr möglich. Die folgenden Lieder rauschen vorbei, weil man gedanklich an der einen Zeile kleben bleibt: „Gemüse überall!“

Auf der Albumhülle sieht man verwuschelte Haare und zwei ausgeschnittene Frauenkörper vor einem tristen Hintergrund. Schön ist das nicht, aber wie sympathisch diese Verweigerungshaltung ist. Auf der Rückseite des Albums ist der Bandname durchgestrichen, so als bedeuteten sie den Hörern: „Euch machen wir einen Strich durchs Gemüse!“

Das unbetitelte Debütalbum von Apparat Hase ist als CD und LP bei Trikont/Indigo erschienen.

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Carl Craig & Moritz von Oswald: „Recomposed“ (Deutsche Grammophon/Universal 2008)
Morgan Geist: „Double Night Time“ (Environ/Alive 2008)
Milosh: „iii“ (K7/Alive 2008)
Flying Lotus: „Los Angeles“ (Warp/Rough Trade 2008)
Matmos: „Supreme Balloon“ (Matador/Beggars Banquet 2008)

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Prügeln, Trinken, Onanieren

Vier junge Mädchen aus Hessen nennen sich Fräulein Wunder und machen knallbunten Pop für ihre Altersgruppe. Grauen und Hoffen liegen da dicht beieinander

„Wenn ich ein Junge wär’… / Da hätt‘ ich nix vermisst / Weil es viel besser ist / Weil ich’s viel geiler find / Dass ich ein Mädchen bin“, singt Chanty von der Mädchenband Fräulein Wunder. Na klar, sonst müsste sie ja auch auf ihre „pinken Schockklamotten“ und die „tollen Brüste“ verzichten. Fräulein Wunder sind vier Schülerinnen aus der hessischen Provinz, Wenn ich ein Junge wär ihr frecher erster Hit. Im Musikvideo treten sie als Jungs verkleidet auf und persiflieren deren mutmaßliche Hauptbeschäftigungen: Prügeln, Trinken, Angeben und Onanieren.

Chanty, Steffy, Pia und Kerstin sind zwischen 17 und 18 Jahren alt und tragen den selben Künstlernachnamen: Wunder. Auf der Hülle ihres Debütalbums hüpfen sie durch ein puppiges Wunderland. Ein passendes Bild, schließlich haben Wunderländer zwei Seiten, Grauen und Hoffen liegen dicht beieinander. Das ist bei ihrem Album nicht anders. Manchmal schaltet man sofort entsetzt weiter, manchmal tanzt man erfreut mit.

Sie singen davon, wie die Queen zu regieren und toller als Dornröschen zu sein, verrückte Dinge zu tun und – natürlich – von der Liebe. Die Stimme der Sängerin changiert zwischen Göre und glockenklarem Gesang, dazwischen kiekst sie und schlägt Purzelbäume. In manchen Liedern – etwa Ich schenk mir die Welt und Jeden Tag – erinnern Fräulein Wunder an die Neonbabies, an Ideal und Nena. Die meisten anderen sind hingegen nur schwer zu ertragen, dann erklingt schmalzige Massenware der Sorte Juli oder Silbermond. Kein Wunder, schließlich hat Simon Triebel von Juli bei der Aufnahme geholfen, ebenso wie Inga Humpe von 2raumwohnung. Produziert wurde das Album von Uwe Fahrenkrog-Petersen, dem ehemaligen Klangtüftler von Nena.

Um die Band vor der Albumveröffentlichung bekannt zu machen gab es beim Sender Viva mehrere Wochen lang kurze Filme über Fräulein Wunder zu sehen. Wer sich alle Folgen ansieht, der zweifelt nicht am Ehrgeiz und am Talent der vier Mädchen, doch ein bisschen an ihrem Verstand. Ihr Gekreische ist künstlich, ihr Geplapper hohl. Alles ist „geil“, „voll krass“ oder „cool“: Die Abendgarderobe, eine auf Chantys Handgelenk tätowierte Schleife, Steffys Probleme mit ihrem Freund, der Auftritt der Band beim Rock am Ring.

Soll man nun verzweifeln und die Mädchen als Plastikprodukt einer großen Plattenfirma verspotten? Nein, denn man kann immerhin hoffen, dass sie künftig weitere dieser rotzfrechen Texte zu ihren schnellen Takten sprudeln lassen. Gleich ob gewollt oder ungewollt, Fräulein Wunder treten als selbstbewusste junge Frauen auf. Sollte das andere Mädchen animieren, selbst eine Band zu gründen, wäre das doch ein Erfolg.

Das Debütalbum von Fräulein Wunder ist als CD bei Vertigo/Universal erschienen.

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Bloc Party: „Intimacy“ (Cooperative/Universal)
Travis: „Ode To J. Smith“ (Vertigo/Universal 2008)
Oasis: „Dig Out Your Soul“ (Big Brother/Indigo 2008)
Kings Of Leon: „Only By The Night“ (Sony BMG 2008)
Mogwai: „The Hawk Is Howling“ (Wall Of Sound/Rough Trade 2008)

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Drei falsche Fuffziger

Kitty, Daisy & Lewis nehmen uns mit in die frühen Jahre des Rock’n’Roll: Hier schmeckt das Wasser wie Wein, und man tummelt sich beschwipst im See. Ihre Lieder scheppern und swingen, dass es eine Freude ist.

Kitty Daisy & Lewis

Sie schätzen es, schon in der Frühe um sechs fröhlich tänzelnd unter die Dusche zu hüpfen? Legen Sie das beschwingte Debüt der Geschwister Kitty, Daisy & Lewis auf, dann gerät der Morgen zum Tanzfest.

Ukulele und Kontrabass ertönen, Scheppertrommel und Konga, Gretsch- und Hawaii-Gitarren, Klavier, Akkordeon und Mundharmonika – Kitty, Daisy und Lewis Durhamlieben die Musik der vierziger und fünfziger Jahre, sie zelebrieren die frühen Tage des Rock’n’Roll, den Rockabilly, den Rhythm’n’Blues, den Country, den Swing und den Blues. Erstaunlich, schließlich ist die älteste der drei gerade 20 geworden. Zehn Lieder – zwei selbst komponierte, acht uralte – bannten sie in ihrem Heimstudio in London auf Tonbänder. Deren Klang ist perfekt, aber eben hörbar analog, wie Hausmusik auf Schellack. Produziert haben sie das Album selbst und ohne Computer, so klingen die Lieder ungeschliffen und minimalistisch.

Den Auftakt macht die Coverversion von Going Up The Country: Kitty, Daisy und Lewis laden aufs Land, wo das Wasser wie Wein schmeckt und man sich beschwipst im See tummeln kann. Welch ein charmanter Plan! Und wie geschickt, das beste Stück gleich an den Anfang zu stellen. Canned Heat spielten das Lied im Jahr 1969 in Woodstock, hier klingt es noch mal zwei Dekaden älter. Frisch und lebendig tönt es, wenn sie den Rhythmus klatschen.

Und sie klingen nicht nur nach den Fünfzigern, sie sehen auch so aus: Die Geschwister sind gekleidet wie Zeitgenossen Elvis‘, die Frisuren um ihre Pausbacken sind stilecht: Die beiden Frauen tragen die Haare zu strengen Pferdeschwänzen gebunden, alle drei haben sich Tollen zurechtgegelt. Sie inszenieren sich perfekt, auch die grobkörnigen Bilder auf der Albumhülle vermitteln den Geist vergangener Tage.

Sie wissen, was sie tun. In der Dokumentation We Dreamed America von Alex Walker erzählt Kitty, dass sie schon als Kinder gerne Johnny Cash, Elvis, Louis Jordan und den alten Blues gehört hätten. Seit einigen Jahren bereits musizieren sie zusammen, schließlich gelang es ihnen, den BBC-Moderator Rob Da Bank zu begeistern. Er nahm ihre zweite Single, Johnny Hortons Mean Son Of A Gun, ins Programm und veröffentlicht sie auf seinem Label „Sunday Best“. Dort erscheint nun auch das Album.

Eigentlich ist das alles kein Wunder, schließlich kommen die Geschwister aus einer musikalischen Familie: Ihre Mutter Ingrid Weiss trommelte in den Achtzigern bei der Postpunkband The Raincoats, ihr Vater Graeme Durham ist Tonmeister in einem der besten Studios Großbritanniens, The Exchange. Auf der Bühne helfen die Eltern gerne aus, Ingrid Weiss spielt dann den Kontrabass, Graeme Durham die Gitarre.

Zu den Klängen von Kitty, Daisy & Lewis gelingt der Morgen. Und wenn Sie dann nach den kaum dreißig Minuten dieses Debütalbums beschwingt Ihr Badezimmer verlassen, schauen Sie zur Kontrolle kurz in den Spiegel. Könnte sein, dass Sie sich eine Tolle frisiert haben.

Das Debütalbum von Kitty, Daisy & Lewis ist als CD und LP bei Sunday Best/Rough Trade erschienen. Außerdem ist das Album in Form eines Buchs erhältlich, gefüllt mit fünf 10 Inch-Scheiben, die auf 78 Umdrehungen abzuspielen sind.

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Kaugummi in den Ohren

Zu den trotzigen Klängen der Band Combat 77 liegen sich Punks und Skinheads in den Armen. Ihr Debütalbum »100% Oi!« erfindet den Klang der Straße nicht neu, lebt aber von erfrischenden Melodien.

100% Oi! heißt das Debütalbum von Combat 77. Titel und Bandname fassen in Wort und Zahl zusammen, worum es geht: um Punkrock. Wie Kaugummi klebt der raue Klang ihrer britischen Vorbilder Cock Sparrer, Vice Squad und The Adicts an den schweren Stiefeln der fünf Musiker aus Hannover und Hildesheim. Im Bandlogo hat er sich fest im Profil der Sohlen verklebt. Doch Kaugummis können nicht nur hartnäckig kleben, sie können auch erfrischen.

Der Begriff Oi! wird auf die britische Band Cockney Rejects zurückgeführt, die ihre Straßenpunk-Lieder nicht mit dem im Punk gängigen »One, two, three, four…« einzählte, sondern mit »Oi! Oi! Oi!«. »Oi!« bedeutet soviel wie »Hey!«, was im Londoner Cockney-Dialekt ausgesprochen eben wie »Oi!« klingt. In den frühen achtziger Jahren erlebte dieses Genre eine kurze Blütezeit, über die Jahre wurde Oi! von Punk- und Skinheadbands immer wieder neu belebt. Nun also von Combat 77. Und wie: 100% Oi! ist ein melodiöses Bekenntnis zum Klang der Straße und feiert die Zusammengehörigkeit. Die Band zelebriert ein fröhlich-trotziges »Wir gehören zusammen« und feiert ein Fest für Punks, Skinheads und andere Außenseiter. Bei ihren Konzerten liegen sich die Anhänger unterschiedlicher Szenen in den Armen – ganz friedlich.

Ihre Texte bewegen sich zwischen Banalem und Kapitalismuskritik. Sie drehen sich um den Alltag, um Arbeitslosigkeit und die Zeit, in der die Musiker jung waren. Anders als bei den meisten Oi!-Bands singt bei Combat 77 eine Frau. Ab und zu bilden ihre Kollegen den grölenden Männerchor, das hat immerhin Unterhaltungswert und ist bei Auftritten nett anzusehen. Die Herren mühen sich an den Instrumenten, während die Sängerin lässig mit den Stiefeln wippt.

»Pop stars on MTV, brainwashed society (…) Entertainment is so dumb. Audiences blind and numb, they swallow everything the media tell them to. We don’t want your pop star shit. We don’t wanna be part of it«, heißt es in dem nach der Band benannten Lied Combat 77. Die fünf Musiker zwischen 20 und 40 Jahren begreifen ihre Musik als Gegenentwurf zum Mainstream. Rebellenmusik sterbe niemals, da sind sie sich sicher. Nebenbei spielen sie in anderen Bands, sie arbeiten und studieren. Dass sie die ganze Sache humorvoll angehen, beweist spätestens das letzte Stück des Albums, die Alberei Punky Chips Ahoy.

Auf 100% Oi hört sich nicht alles neu an, das meiste lässt sich aber prima mitsingen – Kaugummi kauend, mit einer Flasche Bier in der Hand.

»100% Oi!« von Combat 77 ist als LP und CD erschienen bei Sunny Bastards.

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The Exploited: »Troops Of Tomorrow« (Captain Oi! 1982)
Captain Planet: »Wasser kommt, Wasser geht« (Unterm Durchschnitt 2008)
Turbo A.C.’s: »Live To Win« (Bitzcore 2007)
The Monsters: »The Worst of Garage Punk Vol. 1« (Voodoorhythm 2007)
Matula: »Kuddel« (Zeitstrafe 2007)

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Wir verrückt, Ihr langweilig

Das Musikerpärchen The Kills inszeniert seine Amour fou ein weiteres Mal. »Midnight Boom« beginnt mit einem Anruf und endet mit einer Prügelei.

The Kills MIdnight Boom

Besetzung: Eine junge Frau – Alison Mosshart alias VV – und ein Mann – Jamie Hince alias Hotel.

Das Telefon klingelt, VV nimmt den Hörer ab. In der anderen Hand hält sie eine Menthol-Zigarette. Sie sitzt auf einem Bett, das von Fotografien und Bildern bedeckt ist. Das Zimmer ist heruntergekommen und unordentlich. Ihr langes, dunkles Haar fällt ihr ständig ins Gesicht. Der Hintergrund der Bühne wird erleuchtet, am anderen Ende der Leitung meldet sich Hotel. Jetzt sind beide auf der Bühne zu sehen, eine Pappwand trennt sie voneinander. Hotel steht verloren herum und sieht auf den Boden.

VV: Hi.
Hotel: Na? Wie geht’s?
VV: Lass uns Musik machen.
Hotel: Okay.

Sie legen auf.

Vorhang.

Es ist Nacht. Mitten im Zimmer steht nun eine alte Rhythmusmaschine. Hotel hat einen Schal um, er ist nachlässig, doch modisch gekleidet. Während er einzelne Riffs aus seiner Gitarre schüttelt, qualmt seine Zigarette. Er kneift das linke Auge zu, hält die Kippe gerade noch im Mundwinkel. Er wirkt lässig. VV trägt eine Leopardenjacke und den passenden Schlapphut, dazu ein altes T-Shirt als Minikleid über einer engen Hose mit Hahnentrittmuster. Sie nickt ihm zu, tritt ihre Zigarette auf dem Boden aus, hustet verschleimt und fängt an zu singen. VV hat eine schöne Stimme. Die Musik der beiden klingt ungeschliffen, da ist Punk ebenso wie Elektronisches. Meist tönt sie wütend, manchmal sanft. VV und Hotel musizieren konzentriert und intensiv.

VV (singt): »I want you to be crazy, cause you’re boring, baby, when you’re straight.«

Es ertönt ein schnarrender Trommelwirbel, Hotel schwitzt, den Schal legt er dennoch nicht ab. Dann ein weiteres Lied. Diesmal singen die Beiden abwechselnd, manchmal auch im Chor. Sinnlichkeit schwingt zwischen ihnen. Sie sehen sich an, sie singen sich an. Und noch ein Lied. VVs Stimme klingt immer wieder anders.

Vorhang.

VV: Ich hab was gezeichnet.

Hotel (zu den Zuschauern gewandt): »We have a life and death relationship.«

VV hängt wahllos einige krakelige Zeichnungen an die Wand, manche mit Sprechblasen, dazu handgeschriebene Texte, Fotos, aufgeklebte Bilder, Stempelabdrücke. Hotel hängt ebenfalls Zettel auf. Die Bilder sind so rätselhaft, wie die Texte.

Hotel: Genau diese Kunst und Musik wollte ich immer machen!
VV (nickt, streicht sich durch die verwuschelten Haare, zündet sich eine neue Zigarette an): Ja.

Vorhang.

VV und Hotel streiten sich. Plötzlich beginnen sie, sich gegenseitig zu schubsen. Sie schlagen sich, ringen miteinander.

Vorhang.

Sie streiten weiter, nun befinden sie sich auf der Straße. Es ist Nacht. Sie sind verschwitzt und zerzaust. Arm in Arm gehen VV und Hotel nach Hause.

Vorhang.
Ende.

„Midnight Boom“ von The Kills ist auf CD und LP erschienen bei Domino Records/Indigo.

Weitere Beiträge aus der Kategorie ROCK
The Charlatans: „You Cross My Path“ (Cooking Vinyl/Indigo 2008)
18th Dye: „Amorine Queen“ (Crunchy Frog/Cargo 2008)
These New Puritans: „Beat Pyramide“ (Domino Records/Indigo 2008)
Kettcar: „Sylt“ (Grand Hotel van Cleef/Indigo 2008)
The Sonics: „Here Are The Sonics!!!“ (Etiquette Records 1965)

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Lecker Strychnin

Über die Jahre (36): Das wilde Geschrammel der Sonics wurde erst bekannt, als sich die Gruppe längst aufgelöst hatte. Ihr Debütalbum „Here Are The Sonics!!!“ von 1965 klingt zeitlos furios.

The Sonics Here Are The Sonics

Gerry Roslie wollte anders klingen. Er sang nicht, er schrie, er kreischte: „Wow!“, Gerry Roslie drehte durch. Die Band begleitete seine Ausbrüche mit scheppernder Krachmusik: Die Brüder Andy und Larry Parypa am Bass und an der Gitarre, Rob Lind am Saxofon und Bob Bennett am Schlagzeug. Es war 1963 in Tacoma, einem Hafenstädtchen im US-Bundesstaat Washington. Die fünf Jungs hatten ihr Ziel damals klar vor Augen: „We wanted to blow people off their feet, not just with loudness, but with tightness, with music that made you want to dance“.

Bald wurde der Bassist der Wailers, Buck Ormsby, auf die Band aufmerksam. Er lotste sie ins Studio und bannte ihre jugendlichen Ausbrüche auf Platte. Dem Sänger habe der Hals geschmerzt nach den ersten Aufnahmen, ist auf der Hülle von Here Are The Sonics!!! zu lesen. Die Techniker seien verstört gewesen, die Band nicht weniger. Die Musiker hätten das Gefühl gehabt, die Aufnahme sei misslungen – der Vater der Parypa-Brüder habe Buck Ormsby gar Prügel angedroht. Dieser hätte sie beruhigt, schließlich habe alles genau richtig geklungen: Übersteuert, roh – als sei es in einer Garage aufgenommen.

Ormsbys Plattenfirma Etiquette Records brachte im Jahr 1964 ihre erste Single The Witch heraus, es wurde ein Hit an der Nordwestküste. Im folgenden Jahr erschien Here Are The Sonics!!!, es versammelte einige unspektakuläre Lieder neben den explosiven Stücken Psycho, Strychnine und eben The Witch. Roslie sang von Liebeswahn, Autos und dem Geschmack von Strychnin: „Some folks like water, some folks like wine, but I like the taste of straight strychnine.“

Erst Jahre später wurden The Sonics bekannt, da hatten sie sich längst aufgelöst. Als der Punk die Musikwelt erschütterte, wurde ihnen späte Anerkennung zuteil. Vor ein paar Monaten gaben The Sonics ihr erstes Europa-Konzert in London. Es sei tragisch, schrieb die taz zu dieser Gelegenheit, damals seien die Sonics ihrer Zeit zehn Jahre voraus gewesen, heute seien sie dreißig Jahre zu spät dran.

Sie mögen alt sein, ihre neuerlichen Auftritte müde: Aber es ist nie zu spät, die furiosen Lieder der Sonics zu hören.

„Here Are The Sonics!!!“ von The Sonics ist im Jahr 1965 erschienen und bei Norton Records erhältlich.

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(35) dEUS: „In A Bar, Under The Sea“ (1996)
(34) Miles Davis: „On The Corner“ (1972)
(33) Smog: „The Doctor Came At Dawn“ (1996)
(32) Naked Lunch: „This Atom Heart Of Ours“ (2007)
(31) Neil Young: „Dead Man“ (1996)

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Depeche Mode aus Bietigheim

Seit 25 Jahren machen Camouflage eingängigen Elektropop, ihre Stücke gehören auf jede gute Wave-Party. Das Doppelalbum „Archive #1“ versammelt nun Kurioses und Verschollenes, Erfolgreiches – und Unhörbares.

Camouflage Archive

„Ist das von Depeche Mode?“ – Nein, ist es nicht. Im Jahr 1987 machte das Lied The Great Commandment die Band Camouflage auf einen Schlag bekannt, die Einflüsse Depeche Modes und Kraftwerks waren nicht zu überhören. Das melancholische Tanz-Stück bringt seitdem Wave-Partys in Bewegung und rotiert noch heute im Radio. Sein Rhythmus geht in die Beine, die Melodie ins Ohr. Mit Love Is A Shield hatten Camouflage im Jahr 1989 einen zweiten großen Hit und galten nicht länger als bloße Kopie von Depeche Mode. Allmählich erspielten sie sich eine eigene Hörerschaft, erfolgreich waren sie vor allem in den USA. Die nun erschienene Doppel-CD Archive #1 resümiert fünfundzwanzig Jahre Bandgeschichte.

Angefangen hatte alles im Jahr 1983 im schwäbischen Bietigheim-Bissingen. Heiko Maile, Oliver Kreyssig, Marcus Meyn und Martin Kähling probierten, was man mit Synthesizern anstellen kann. Bald nannten sie sich Camouflage, nach einem Stück der japanischen Elektropop-Gruppe Yellow Magic Orchestra. Im Keller von Mailes Elternhaus richteten sie sich ihr Studio ein und tauften es Boys Factory. Wie das damals aussah, verrät ein Foto in der Klapphülle des Albums: Vier Jungs mit zartem Oberlippenflaum und Strickpullovern stehen selbstversunken hinter Synthesizern. Martin Kähling verließ die Band nach einem Jahr.

Auf Archive # 1 tragen Camouflage Remixe, Single-Rückseiten und Raritäten zusammen, Anhänger erfreut das. Der weniger fanatische Hörer wird sich bei einigen der 26 Stücke die Ohren zuhalten müssen. Der Orbit Dub Mix von Love Is A Shield ist grauenhaft, im technoiden Lexy & K-Paul Remix verliert das Stück jegliche Romantik und eignet sich allenfalls für die Morgengymnastik. Mit Kling Klang und der Cover-Version von Computer Liebe verneigt sich die Band gleich zweimal wohlklingend vor Kraftwerk. Manches klingt überraschend: In Every Now And Then hört man tickende Wecker, gregorianische Chöre, der Gesang kommt über das Verzerrer-Mikrofon. Mit They Catch Secrets und Perfect führen Camouflage vor, was ihnen am leichtesten aus den Tasten hüpft: eingängiger Elektro-Pop, dessen Synthetik durch Marcus Meyns nasalen Gesang warm und wehmütig wirkt. Der Höhepunkt des Albums ist das instrumentale Camou Says Abdulu, da piept und scheppert es ganz wunderbar im Klanggewand der Achtziger – das Stück stammt von einer Zweispur-Kassettenaufnahme aus dem Jahre 1985.

Mittlerweile haben die Mitarbeiter der Jungsfabrik die anderen Seiten des Musikgeschäfts kennen gelernt – als Werber und Produktmanager für große Plattenkonzerne und als Musikproduzenten. Auf ihrer Homepage erzählen sie, wie aufreibend die Verhandlungen mit Plattenfirmen sein können. Auf Höhen folgen Tiefen, da kann ein bodenständiger Beruf nicht schaden. Bei aller Liebe zur Musik – da ist sie wieder, die Mischung von Zynismus und Romantik, die sie in Love Is A Shield besingen: Nichts ist für immer.

„Archive #01“ von Camouflage ist als Doppel-CD erschienen bei Polydor/Universal.

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Raz Ohara And The Odd Orchestra: „s/t“ (Get Physical Music/Rough Trade 2008)
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„A Number Of Small Things“ (Morr Music 2007)
„Ernte25“ (Bar25 Label 2007)
Rhythm King And Her Friends: „The Front Of Luxury“ (Kitty Yo 2007)

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Brüll drei Worte zum Pogo

Über die Jahre (30): Anfang der achtziger Jahre brachte die schottische Band The Exploited den Irokesenschnitt in den Punk. Ihr Album „Troops Of Tomorrow“ vertonte die Wut einer Generation

The Exploited Troops Of Tomorrow

Wenn Wattie Buchan gerade keinen seiner Texte brüllt, kümmert er sich um sein Piercing in der Unterlippe. Seine Zunge tastet und richtet, was er da tut, weiß man nicht. Immer wieder spuckt er auf den Boden, sein Irokesenschnitt leuchtet rot. Seine Band The Exploited knüppelt sich derweil durch die Stücke. Die Aufpasser vor der Bühne in Hannovers Scum-Club interessiert das alles nicht, sie starren böse in die Menge. Da nur ein paar Millimeter Platz zwischen ihnen und dem Publikum sind, wippen die Besucher zögerlich mit den Füßen, keiner wagt den Pogo. Erst als Wattie Buchan die Aufpasser an die Seite schickt, wird wild getanzt. Beim letzten Stück stürmen ein paar Leute auf die Bühne und schreien ins Mikrofon. Den Text von Sex And Violence können sie alle auswendig, er besteht nur aus drei Wörtern.

The Exploited haben sich im Jahr 1980 in Edinburgh gegründet, sie gehören zur zweiten Generation des britischen Punk. Im folgenden Jahr veröffentlichen der Sänger Wattie Buchan, der Gitarrist John Duncan, der Bassist Gary McCormack und der Schlagzeuger Andrew Campbell ihr Debütalbum Punk’s Not Dead. Es klingt hart, schnell und wütend. Anders als die Sex Pistols, The Clash und viele andere Bands der ersten Punk-Generation haben The Exploited nichts mit Mode und Kunsthochschulen zu tun – sie kommen von der rauen Straße.

Im Jahr 1982 erscheint das zweite Studio-Album, Troops Of Tomorrow. Es gilt als eine ihrer wichtigsten Veröffentlichungen. Professioneller produziert als das Debüt, ausgereifter und dennoch ungeschliffen, transportiert es die Wut junger Menschen aus der Arbeiterklasse. Es spiegelt die politische Situation im Großbritannien der Thatcher-Ära, thematisiert den Kalten Krieg und die hohe Arbeitslosigkeit. Eine Vertonung dieser Zeit, ein Wutausbruch eines Milieus, das dafür keine klügeren Worte fand oder finden wollte.

So aggressiv die Musik und der Gesang sind, so simpel sind viele der Texte, nicht nur auf diesem Album. Die gebrüllten Worte sind kaum verstehen, die Botschaften kommen meist trotzdem an. Mit seinem harten schottischen Akzent schreit Wattie Buchan gegen den Kapitalismus und die Obrigkeitshörigen, gegen die Armee und den Falkland-Krieg. Die damalige Premierministerin Margaret Thatcher nennt er eine „fucking cunt“, er schimpft auf die Polizei und die USA. Im Lied Alternative befindet er, die Armee sei keine Alternative zur Arbeitslosigkeit – als ehemaliger Berufssoldat spricht er aus Erfahrung. Das Titelstück ist eine Coverversion der britischen Punk-Band The Vibrators. Andrew Campbell verlässt The Exploited vor den Aufnahmen, auch seine Nachfolger Danny Heatley und Steve Roberts trommeln nur für kurze Zeit. Auf dem folgenden Album ist von der ursprünglichen Besetzung nur noch Wattie Buchan übrig: Er wurde zum Kern der Band. Über die Jahre kommen und gehen viele Musiker, der raue Klang bleibt.

Die Nietenlederjacken und das Logo der Band – ein brüllender Totenschädel mit Irokesenschnitt – prägen die Szene. Es heißt, The Exploited brachten eine neue Frisur in den Punk. Dennoch sind sie in den meisten Abhandlungen über das Genre nur eine Randnotiz. Sie sind umstritten, zu stumpf das Auftreten, die Musik zu nah an Oi! und dem Arbeiterklassen-Mob. Vielen Punks klingen ihre Alben zu sehr nach Metal.

Wattie Buchan sagt stets, man solle für sich einstehen und für das, woran man glaubt. In seinem Fall sind das Punk, Anarchie und Chaos. Noch heute ist er ein Rüpel mit einer Vorliebe für Schimpfwörter und ohne Sinn fürs politische Korrekte. Man muss das nicht mögen. Aber Exploited sind eben Exploited: Ihre Lieder sind eingängig, stumpf – und manchmal richtig gut.

„Troops Of Tomorrow“ von The Exploited ist im Jahr 1982 erschienen und über Captain Oi! erhältlich.

Weitere Beiträge aus der Serie ÜBER DIE JAHRE
(29) Low: „Christmas“ (1999)
(28) Nena: „Nena“ (1983)
(27) Curtis Mayfield: „Back To The World“ (1973)
(26) Codeine: „The White Birch“ (1994)
(25) The Smiths: „The Queen Is Dead“ (1986)
(24) Young Marble Giants: „Colossal Youth“ (1980)

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So will ich auch sein!

Über die Jahre (28): Im Jahr 1983 erschien das erste Album von Nena. Unsere Autorin war damals neun Jahre alt und entdeckte durch die Sängerin ihre Liebe zur Musik.

Nena 1983

Im Jahr 1982 war Nena 22 Jahre alt, ich war neun. Plötzlich wirbelte sie durch den Fernseher, ich wollte sein wie sie. Im Textilunterricht lernten wir gerade das Handarbeiten. Ich häkelte zwei Schweißbänder aus rotem und aus gelbem Baumwollgarn und bestickte sie mit vier Buchstaben: NENA. Das Rote trug ich am rechten Arm, Tag und Nacht, auch in der Badewanne. Ich hatte es so zusammengenäht, dass es sich nicht mehr abnehmen ließ. Das Gelbe, ich trug es am linken Handgelenk, hatte einen Druckknopf.

Als Fünftklässlerin wurde ich wegen der Bänder beinahe von einer jungen Frau verkloppt. Sie fragte, ob ich Nena-Fan sei. Ich gab frech zurück: „Nee, wie kommst du denn darauf?“ Sie trat auf meinen neuen weißen Turnschuhen herum und spuckte mir ins Gesicht. Es war nicht Nenas Schuld, ich hatte einfach Pech. Nenas Debütalbum wurde im Jahr 1983 meine erste Langspielplatte, zuvor besaß ich nur eine Maxi-Single von Trio.

Nena hatte ihren bürgerlichen Namen – Gabriele Susanne Kerner – gegen einen Spitznamen getauscht, sie sah toll aus und war selbstbewusst. So wollte ich auch sein! Ich tanzte in meinem Zimmer, hüpfte und sang laut ihre Lieder. Zu Indianer führte ich einen Indianertanz auf, 99 Luftballons war ein schönes Lied gegen den Krieg, fand ich. Nena sang lässig und auf Deutsch, sie wirkte frisch und zuversichtlich. Heute würde ich sagen: Sie war authentisch.

Meine Eltern riefen mich, wenn Nena in einer Talkshow auftrat. Wenn sie sprach, leierte und kicherte sie, das war mir peinlich. Ich sammelte eifrig Zeitungsartikel und Bilder, meine Schulfreundinnen brachten mir Poster aus der Bravo mit – die meine Eltern mir niemals kauften – und ich klebte alles in große Malblöcke. „Nena und andere Musikgruppen“ hatte ich darauf geschrieben, sie lagern jetzt auf dem Dachboden.

Mit Nena endete meine Kindheit, sie weckte den Teenager in mir. Ihr Erfolg löste meine Liebe zur Musik aus – auch wenn mich ihre Lieder heute lediglich aus Nostalgie lächeln lassen. Vielleicht habe ich deshalb immer mal wieder verfolgt, wie es mit ihr weiterging. Als sie nach dem Tod ihres ersten Kindes gesunde Zwillinge bekam, freute ich mich für sie. Und als sie neulich im Laden vom Titel der Zeitschrift emotion strahlte, nahm ich das Heft mit zur Kasse.

„Nena“ von Nena ist im Jahr 1983 bei CBS erschienen und heute bei Sony BMG erhältlich.

Weitere Beiträge aus der Serie ÜBER DIE JAHRE
(27) Curtis Mayfield: „Back To The World“ (1973)
(26) Codeine: „The White Birch“ (1994)
(25) The Smiths: „The Queen Is Dead“ (1986)
(24) Young Marble Giants: „Colossal Youth“ (1980)
(23) Sister Sledge: „We Are Family“ (1979)

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Schön, dass wir Strom haben

Ein Phänomen aus Hannover ist die Experimental-Band Closedunruh. Seit 30 Jahren macht sie Nischenmusik, die in jeden Sarg passt.

Closedunruh

Als Thomas Tier zu schwitzen beginnt, werden ihm die verspiegelte Pilotenbrille und die Lederjacke lästig. Dann zeigt der Sänger seine Tätowierungen und sein verwaschenes T-Shirt. Während er als Gekreuzigter posiert und sich am Boden krümmt, wahren seine Begleiter an den Tasten die Contenance, in weißen Hemden mit blinkenden Pfeilen und Krawatten. Im Konzert bei Silke Arp bricht in Hannover fühlt sich Closedunruh ganz zu Hause. Manchmal holpert die lässige Darbietung, dann lächeln die Musiker. Mit Thomas Tier spielen der Klangtüftler Yangwelle, Milford T. und Frank Simon. Ihr Auftritt ist ein tanzbares Vergnügen, es stampft, fiept und rappelt. Die achtziger Jahre lassen sie nicht los, erst zum Schluss gibt es einen grässlichen Blues, den niemand so recht hören mag. Das passt zu dem Motto über der Bühne: „Wer sich am kommerziellen Musikgeschmack orientiert, dient der Reaktion.“

Seit dem Jahr 1980 experimentiert Thomas Tier mit Elektronik, montiert Töne und Texte zu düsteren Klanggebilden. Das erinnert mal an DAF, mal an die Einstürzenden Neubauten, auch an Depeche Mode. Allerlei Musiker begleiteten ihn über die Jahre, so veränderte sich der Klang der Band ständig. Nichts schmeckt – doch alles schmeckt gut heißt das neue Album, erschienen ist es bei E-Klageto, dem Plattenfirmchen seiner Partnerin Anke Wolff.

Zurzeit verdient Thomas Tier seinen Lebensunterhalt als Fernfahrer. Seine Aufnahmen macht er mit Radiorekorder, Walkman, und Vierspurtonband. So entstanden zwischen 1980 und 2000 mehr als 50 Musikkassetten und diverses Vinyl. Nebenbei trommelte er bei den Punkbands Blut + Eisen und Cretins. Einen Einblick in die musikalische Vergangenheit von Closedunruh gewährt die dem neuen Album beigefügte Bonus-CD mit Aufnahmen aus den Jahren 1981 bis 1995. Da gibt es enervierende Krachmontagen wie Nirgends hat man seine Ruhe (mit Staubsaugern, Bohrmaschinen und Opernarien) und tanzbare Lieder über die wundersame Elektrizität: Wie schön, dass wir Strom haben!

Thomas Tier liebt die Uneindeutigkeit. Ein Album von Closedunruh hieß Nimm den Zug vom Friedhof, auf dem neuen singt er vom Konfirmationsunterricht und vom Verlust der Zähne. Ganz nebenbei zeigt er seine Rechenkünste: „Fünf und sechs ist elf, ich weiß Bescheid.“ Das Lied Kopfschmerzen im Knie verneigt sich vor DAF, dann würgt und röchelt der Sänger; es passt in jede Gruftie-Disko.

„Nichts schmeckt – doch alles schmeckt gut“ von Closedunruh ist erschienen bei E-Klageto.

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