Das Musik-Blog zwischen Disko und Diskurs

Autoren Archiv von Thomas Winkler

Mutti Motown und Papa Pop

Von 14. April 2014 um 10:59 Uhr

Der Plattenschrank der Eltern im neuen Glanz: Chet Fakers Album “Built on Glass” klingt nach Zeiten, als der Röhrenverstärker noch frohgemut knisterte und das Rauchen noch erlaubt war.

© Lisa Frieling

© Lisa Frieling

Nicholas James Murphy hätte es besser wissen können. Schon im Jahr 2009 ergab eine Studie der Universität Oldenburg, dass bestimmte Vornamen wie Mandy und Justin die Erfolgschancen von Kindern mindern. Nun muss man Murphy zugute halten, dass er aus Melbourne stammt und ihn die Erkenntnisse der Universität Oldenburg womöglich nicht erreicht haben. Weiter…

Kategorien: Elektronika, Pop, Soul

Eine handfeste Sirene

Von 28. März 2014 um 08:35 Uhr

Brummende, kratzende, schabende Klänge von einem Ort ohne Schmerzen: Souverän nimmt die Sängerin Dillon ihren Platz zwischen Kunstlied und Electro-Chanson ein.

© BPitch Control/Rough Trade

© BPitch Control/Rough Trade

Wie ist das wohl, wenn man selbst nur noch eine Frage der Zeit ist? Wenn das Ende absehbar ist, der Tod vor der Tür steht? Wie ist das, die eigene Vergänglichkeit zu spüren? Was ist das für ein Gefühl? “I’m only a matter of time”, singt Dillon, und wenn man sie singen hört, dann kann man tatsächlich ein wenig besser verstehen, wie das sein könnte, wenn eines Tages der Tag kommen mag. Das liegt nicht so sehr an den Worten, die sie singt, nicht an den Regentropfen oder an den Bergen oder den steigenden Temperaturen, die im Text vorkommen. Sondern das liegt vor allem daran, wie sie singt.

Dillon, das ist Dominique Dillon de Byington, geboren 1988 in Brasilien, aufgewachsen in Köln, seit dem Abitur wohnhaft in Berlin und auch auf ihrem neuen Album The Unknown ausgestattet mit einer jener Stimmen, die einem das Blut in den Adern gefrieren lassen kann und doch auch das Herz erwärmt, die einem mal an die Nieren und mal auf die Nerven geht. Klischees, die alle irgendwie stimmen, irgendwie aber auch nicht.

So wie Dillon eine Stimme besitzt, die einerseits Klischee ist, andererseits aber auch nicht: Das fragile Wesen mit der zerbrechlichen Stimme, die aber dann doch nichts Mädchenhaftes ausstrahlt. Die durch die Tonleitern irrlichternde Sirene, die aber nicht verführerisch, sondern eher handfest klingt.

Für The Unknown, ihr zweites Album, ist diese Stimme noch einmal mehr in den Mittelpunkt gerückt im Vergleich zu ihrem Debüt This Silence Kills. Als das 2011 erschien, hatte sie bereits einen kleinen Hype überlebt. Nach nur wenigen frühen Stücken, bei denen sich Dillon auf dem Klavier begleitete und die auf YouTube zu hören waren, kamen die ersten Vergleiche mit Björk, machte die Website des größten deutschen Nachrichtenmagazins hemmungslos begeistert Werbung für Dillon, und Tocotronic-Chef Dirk von Lowtzow nahm sie mit auf die Tournee seines Projektes Phantom/Ghost. Ihr Debüt erregte dann sogar im Ausland einige Aufmerksamkeit, denn die junge Frau, die sehr emotional über sperrigen Beats sang, passte damals gut in ein Zeit, in der Musikerinnen wie Zola Jesus, Lykke Li, Nina Kinert oder Lana Del Rey gefeiert wurden.

Dillon stand sich allerdings bisweilen selbst im Wege, ihr Talent zur Selbstvermarktung konnte kaum Schritt halten mit ihren musikalischen Fähigkeiten. Nun, nach einiger Aufmerksamkeit, aber auch einigen verpassten Chancen, folgt ein zweiter Anlauf. The Unknown ist wie schon der Erstling von Thies Mynther (Stella, Superpunk, Phantom/Ghost) und Tamer Fahri Özgönenc (MIT) produziert und setzt ganz auf die Faszination dieser Stimme, die scheinbar unbeteiligt klingt und einem doch so nahe geht.

Darunter liegt immer noch das Piano, das Dillon selbst spielt, und brummende, kratzende, schabende Klänge wie aus einer anderen Welt. Souverän nimmt Dillon ihren Platz zwischen Kunstlied und Electro-Chanson ein. Ihre Stimme setzt sich in die großen Abstände zwischen den Tönen, nistet sich ein, wo die Musik Platz lässt, aber klingt dann doch so, als wäre sie lieber ganz woanders. Nämlich an einem Ort, an dem es keine Schmerzen mehr gibt.

“The Unknown” von Dillon ist erschienen auf BPitch Control/Rough Trade.

Kategorien: Pop

Wer ist Anna Aaron? Und wenn ja, wie viele?

Von 21. März 2014 um 14:06 Uhr

Die Schweizerin klingt mal wie PJ Harveys Schwester, mal wie Kate Bushs Tochter oder die Wiedergeburt von Dusty Springfield. Doch wo auf ihrem auratischen Album “Neuro” zeigt sie sich selbst?

© Germinal Roaux

© Germinal Roaux

Wer ist Anna Aaron? Die einfache Antwort wäre: eine Musikerin, die eigentlich Cécile Meyer heißt, 29 Jahre alt ist, aus der Schweiz stammt und heute ihr zweites Album Neuro herausbringt. Weiter…

Kategorien: Pop

Größe in den kleinen Tönen

Von 12. März 2014 um 10:45 Uhr

In einer besseren Welt stünde diese Berliner Folkpopband an der Spitze der Charts, nicht Wolfgang Petry. Das Quartett Fenster beschallt uns mit märchenhaften Wattebauschhymnen.

© S. Urzendowsky/J. Alsleben

© S. Urzendowsky/J. Alsleben

Es war mal eine Band, die hatte alles. Eine Geschichte, die zur Legendenbildung taugte. Das Aussehen, mit dem man den großen Erfolg erreichen kann. Und nicht zuletzt Songs, die einen nicht mehr loslassen, wenn man sie einmal gehört hat. Weiter…

Kategorien: Folk, Pop

Breitwandpop geht auch ohne Coldplay

Von 5. März 2014 um 11:03 Uhr

Das britische Quartett Metronomy kann nicht stillhalten. Auf ihrem Album Love Letters erfindet sich die Band schon wieder neu. Wo soll’s denn hingehen, bitte?

© Gregoire Alexandre

© Gregoire Alexandre

AC/DC werden ausdrücklich dafür geschätzt, dass sie immer dasselbe machen. Das ist ein sehr einsames Privileg. Weiter…

Kategorien: Pop

Lieder vom Ende Berlins

Von 19. Februar 2014 um 09:31 Uhr

Paula ist zurück. Das Duo spielte den Soundtrack zu den nuller Jahren, jetzt singt es vom Gefühl in der deutschen Hauptstadt: das Leben in Ruinen der Coolness.

© JSM

© JSM

Falls Sie es noch nicht gehört haben sollten: Das mit Berlin ist vorbei. Die Touristen nerven nur noch und die Schlangen vor dem Berghain sind im Durchschnitt zweieinhalb Meter kürzer als früher, Weiter…

Kategorien: Pop

Kurzfilme mit Tanzbein

Von 12. Februar 2014 um 08:00 Uhr

Die Berlinale braucht Musik? Hier kommt das neue Album von Breton: Aus einem Londoner Filmemacherduo wurde ein Quintett, das Pop als Kunst versteht.

© Cut Tooth

© Cut Tooth

Die Metapher ist des Musikkritikers beste Freundin. Aber selbst die treueste Begleiterin wird irgendwann einmal langweilig. Deshalb ist es mittlerweile nicht mehr gern gesehen, wenn Musik mit Film verglichen wird. Weiter…

Kategorien: Elektronika, Pop

Erichs Rampenbarden

Von 7. Februar 2014 um 08:00 Uhr

So viel Osten im Westen: Die Düsseldorfer Band Broilers füllt die Mehrzweckhallen mit pathetischen Stehauf-Hymnen im Punkgewand. Die Freundschaft mit den Toten Hosen hört man ihr leider an.

© Robert Eikelpoth

© Robert Eikelpoth

Um die Broilers zu verstehen, hilft es, die Band auf der Bühne erlebt zu haben. Man muss das einmal gesehen haben, wie Sammy Amara vor lauter Kraft kaum stehen kann. Weiter…

Kategorien: Punk, Rock, Schlager

Hittiger geht’s nicht

Von 6. November 2013 um 18:26 Uhr

Elegant wie ein Zwölftonner rauschen Icona Pop in Richtung Charts. Mit simpler Bollerigkeit hauen die beiden Schwedinnen immer schön auf die Eins, da kann jeder Körperklaus mitmachen.

© Frederik-Etoall

© Frederik-Etoall

Das Ding hat “Hit” auf der Stirn eingebrannt. Hit. Hit. Hit. Die Sorte Hit, die es eigentlich gar nicht mehr gibt, seit schon alles gesagt, alles gespielt, alles produziert wurde. Weiter…

Kategorien: Elektronika, Pop

Fortschritt ist für Weicheier

Von 21. Oktober 2013 um 08:00 Uhr

Wer Motörhead will, bekommt Motörhead. Das neue Album “Aftershock” belegt amtlich: Nach 38 Jahren sind sie noch immer unter den Marktführern in der metallverarbeitenden Industrie.

© Warner Music Group

© Warner Music Group

Als Ian Fraser Kilmister unlängst in Berlin weilte, unterwarf er sich einer strengen Diät. Anstatt das legendär üppige Frühstücksbuffet der edlen Hauptstadtherberge zu nutzen, in der er abgestiegen war, ließ sich der Motörhead-Chef, den alle Welt nur als Lemmy kennt, jeden Morgen eine Flasche Whiskey aufs Zimmer bringen. Weiter…

Kategorien: Metal, Rock