Schillernde Hülle

Die Lieder der Killers aus Las Vegas funkeln wie die Heimatstadt der Band. Ihr neues Album „Day & Age“ bietet Hochleistungsunterhaltung, die irgendwie allen gefällt

Als The Killers vor wenigen Wochen in der altehrwürdigen Royal Albert Hall auftraten, fand das eigentliche Ereignis hinter der Bühne statt: Die Band aus Las Vegas begrüßte hohen Besuch in der Garderobe. Sir Paul McCartney höchstselbst machte seine Aufwartung und sprach seine Bewunderung aus. Unter die schnöden Massen vor der Bühne hatte sich währenddessen ein anderer Prominenter gemischt: David Cameron, der Vorsitzende der Konservativen Partei.

Das Fazit dieses Ausflugs ins Königreich: Irgendwie können sich momentan alle auf die Killers einigen. Der Grund dafür heißt Day & Age, das dritte Album des Quartetts um den bekennenden Mormonen Brandon Flowers, eine unverfrorene Sammlung von Versatzstücken, mit denen man problemlos das nächstgelegene Stadion zum Toben bringt. So narzisstisch und ungebrochen von der eigenen Größe überzeugt, wagen es heutzutage nicht einmal mehr U2, die Monsterrock-Klischees aus dem Fundus zu kramen, oberflächlich zu entstauben und als letzten Schrei des Gegenwartsrocks zu präsentieren. In der Musik der Killers schwillt den Keyboards der synthetisch schillernde Kamm, ein ewiger Viervierteltakt stapft selbstbewusst daher, Saxofone tröten selbstverliebt, simple Electro-Rhythmen tuckern unschuldig ­ noch das schüchternste Melodiemauerblümchen wird so lange auffrisiert, bis es wirkt wie eine Hymne. Und wie es sich gehört, wird dieses Monstrum von Platte nicht von einem schlichten Song beschlossen, sondern von dem streicher- und bläsergetränkten Epos Goodnight, Travel Well, während dessen sieben Minuten man die Unendlichkeit zu schauen glaubt.

Diese zehn Songs glitzern und funkeln allesamt wie die Heimatstadt der Band, strahlend hell und aus vollster Überzeugung künstlich. Wie im Caesars Palace die römische Antike in Plastik und Pappmaschee wiederaufersteht, basteln sich die Killers eine Funk-Gitarre, stellen Steeldrums aus wie Sensationen in einem Vergnügungspark oder zitieren den Glamrock der Siebziger und die New Wave der Achtziger als bloße schillernde Hülle ­ohne störende Inhalte. Day & Age ist Hochleistungsentertainment, Vergnügen ohne Reue, Las Vegas in Topform. Ein blendend klingender kleinster gemeinsamer Nenner, auf den sich ein Ex-Beatle und der Chef der Tories verständigen können. Die Massen sowieso.

„Day & Age“ von The Killers ist als CD und LP bei Island/Universal erschienen.

Dieser Text ist entnommen aus dem Musik-Spezial in DIE ZEIT 2008/49.

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Bärtige Gesänge

Ein Männerchor will eins sein mit der Natur: Das wunderbare Debütalbum der Fleet Foxes hätte Brian Wilson um den Verstand gebracht

Man muss gehört haben, wie die Stimmen sich finden. Wie vier, manchmal fünf von ihnen sich zu umarmen scheinen. Wie sie, inniglich umschlungen, immer höher steigen, in perfekter Harmonie die Tonleiter erklimmen, während die Welt unten und ihre Fährnisse zurückbleiben. Man muss in diesem Sommer die Fleet Foxes gehört haben.

Die Perfektion, mit der das zum Teil recht bärtige Quintett seine Harmoniegesänge übereinanderschichtet, ist im Pop der nuller Jahre ohne Vergleich. Nun gut, einige Bezugspunkte gibt es schon – die mittelalterliche Anmutung einer Joanna Newsom oder die barocke Opulenz und Langsamkeit von My Morning Jacket. Die Instrumentierung folgt mit Piano und Banjo, Cello und Mandoline streng den Vorgaben akustischer Folkmusik, die mit der chinesischen Zither Guzheng um eine neue Klangfarbe erweitert, aber niemals durch Experimente gebrochen werden.

In der Musik, die unter diesen eher konventionellen Voraussetzungen entsteht, schwingen wie selbstverständlich altbekannte Stimmen mit: The Byrds und The Band, Crosby, Stills, Nash & Young, Simon & Garfunkel, die ganzen himmlischen Heerscharen des Sechziger- und Siebziger-Pop. Die Beach Boys werden gleichsam als Zisterzienserorden wiedergeboren. Nach demütigen Lehrjahren in ihrer Provinz bauen die Fleet Foxes eine Kathedrale für Americana, Folk, Gospel, Country und Westküsten-Sound. Und dank dieses Chors aus der Vergangenheit, der durchs Kirchenschiff schwebt, entwickelt das Debütalbum der Band aus Seattle ähnliche Qualitäten wie die gregorianischen Gesänge, die manchem Kloster momentan unerwartete Zusatzeinkünfte bescheren.

Vergleichbar sind der heilige Ernst und die Ruhe, die von diesen Songs ausgehen. Sie heißen nicht nur Sun It Rises, White Winter Hymnal oder Blue Ridge Mountains, sie handeln nicht nur von Sonnenaufgängen, weißen Winterlandschaften und Bergketten im gleißenden Morgenlicht, sie beschwören das Einssein mit der Natur in mönchisch geprägten und doch letztlich weltlichen Gesängen herauf – ein spiritueller Grenzgang für Agnostiker. Manchmal driften sie dabei an den Rand des Gefühligen ab. Dann fragt man sich, wo genau die Grenzlinie verläuft zwischen postsakralem Meditationsfolk und jener Wohlfühlmucke, die am Fließband produziert wird.

Die gelungensten Experimente sind eben meist die, die auch leicht hätten schiefgehen können. Ein Blick zurück in die Geschichte der Popmusik zeigt, dass vergleichbare Versuche selbst anerkannt großen Geistern nicht gut bekommen sind. Brian Wilson, dessen metaphysische Surfmusik den Fleet Foxes unüberhörbar Pate gestanden hat, wurde aus seiner eigenen Band geworfen, als er die immer komplexer werdenden Klänge in seinem Kopf nicht mehr hinaus in die Welt befördern konnte. Vielleicht hörte er in sich drin ja die Musik, die heute die Fleet Foxes spielen. Es wäre die perfekte Erklärung dafür, dass der Mann jahrelang keinen Grund mehr sah, sein Bett zu verlassen.

Das Debütalbum der Fleet Foxes ist auf CD und Doppel-LP bei Cooperative/Universal erschienen.

Dieser Text ist entnommen aus DIE ZEIT Nr. 36/2008

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