Musik zwischen Disko und Diskurs

Autoren Archiv von Ulrich Stock

Tu die Träume in die Flasche

Von 30. August 2006 um 00:22 Uhr

Über die Jahre (13): Im August widmet sich der Tonträger Platten aus vergangenen Tagen. Zum Abschluss: Vor fast vier Dekaden sang Nico über das „Chelsea Girl“. Bis heute ist sie ein Vexierbild der modernen Frau. Ihr Schwanken zwischen Exzess und Melancholie kann noch jeden Hörer aus der Fassung bringen


Cover Nico

Die junge Christa Päffgen, in Paris lebend, hat zwischenzeitlich einen zwanzig Jahre älteren griechischen Freund namens Nico Papatakis. Er ist Filmemacher beziehungsweise Nachtklubbesitzer. Sie zieht zu ihm, nennt sich nach ihm. Päffgen war ihr zu piefig.

Nico kommt zur Welt 1938 in Köln und 1940 in Budapest, denn über Nico gibt es immer zwei Geschichten. Sie wächst auf in Lübbenau bei Berlin im Schatten ihres „wahnsinnigen, faschistischen Vaters“, wie im New Musical Express zu lesen ist, und als Halbwaise, „deren Vater im Konzentrationslager umkam, als sie zwei Jahre alt war“, was Frau im Spiegel schreibt.

Nico stirbt an einem Sommertag 1988 auf Ibiza an einem Hitzschlag, mittags, auf einer Radtour. Und sie stirbt, ebendort, an einem Gehirnschlag, als sie Haschisch holen will.

Nico liebt, und Nico liebt nicht. Sie will doch nur spielen mit Brian Jones von den Stones, mit Jimmy Page von Led Zep, mit Jim Morrison von den Doors, mit Tim Buckley, Tim Hardin, Iggy Pop, Jackson Browne, Bob Dylan und Leonard Cohen. Einen Sohn hat sie von Alain Delon, aber Alain Delon hat keinen Sohn mit ihr. Sie ist einsachtzig, knochig, tiefe Stimme, die Sinne vernebelnd. Sie ist schwarz, schwarz, schwarz und so weiß und deutsch wie nur was. Sie singt auf der ersten Velvet-Underground-Platte, der mit der Banane – „einem sehr vergnüglichen Album über Tod, Drogenabhängigkeit und Sadomasochismus“, findet die New York Times Book Review.

Sie gibt 1200 Konzerte in sieben Jahren. Sie lebt in Paris und New York und Rom und legt sich schließlich in Manchester in einer Einzimmerwohnung mit Spritzen auf eine Matratze. Japan jubelt ihr zu, Frankreich trauert um sie. Sie singt die drei Strophen des Deutschlandlieds und widmet sie Andreas Baader. Sie ernährt ihren Kleinen mit Kartoffelchips und, nachdem er trotzdem groß wird, mit Heroin. Als sie stirbt, küsst er ihre Stirn, dann geht er nach draußen und kotzt hinter ein Auto.

Wenn der Kölner Sender RTL im Jahre 2008 nach Deutz zieht, soll der Platz vor dem Funkhaus nach ihr benannt werden, „Christa-Päffgen-Platz.“ Das fordert Kasper König, der Mann vom Museum Ludwig. Ob das was wird? „Muss die Bezirksvertretung entscheiden“, schreibt die Lokalzeitung.

Entdeckt wird Nico mit fünfzehn, beim Bummeln auf dem Ku’damm. Coco Chanel begeistert sich für ihre makellose Erscheinung. Fellini holt sie in La Dolce Vita vor die Kamera. „Eine schöne Frau, die nicht viel sagte, selbst wenn sie einmal lange sprach“, schreibt die Süddeutsche Zeitung. „Sie wollte hässlich sein.“ Jetzt lächelt Nico mit schwarzen Zähnen: „Der einzige Grund, warum ich mich nicht erschieße, ist, dass ich wirklich einzigartig bin.”

„Heroin hat ein Deutscher zur Jahrhundertwende erfunden“, recherchiert die englische Presse: „Vielleicht konnte Nico der Vergangenheit wirklich nicht entkommen.“ Der französische Philosoph Jean Baudrillard vermutet, sie „schien nur deshalb so schön, weil sie von einer absolut gespielten Weiblichkeit war. Und es lag etwas Enttäuschendes darin, zu erfahren, dass sie ein falscher Transvestit war, eine echte Frau, die den Transvestiten spielte“.

Andy Warhol dreht in einem fiktiven Hotel The Chelsea Girls, da wohnt sie auf der Leinwand und isst einen Schokoriegel. Susanne Ofteringer dreht die Hommage Nico-Icon, da ist sie schon tot. Lou Reed, der sie hasste und liebte, sieht sich das gleich zweimal an. John Cale, der ihr Lied um Lied schrieb, sagt: „Sie war eine tolle Frau. Ich vermisse sie.“

Vergessen wir das alles für eine magische Dreiviertelstunde. Legen wir Nico auf, Chelsea Girl. Ihre erste Platte nach der Banane, von 1968. Man hört sie zweimal, dreimal, dann hört man sie für immer, auch ohne Gerät. Diese Traurigkeit, diese Lust, dieses Ganz-bei-sich- und Ganz-außer-sich-sein.

„Wrap your troubles in dreams“, singt Nico, „Send them all away // Put them in a bottle // And across the sea they stay.“

„Chelsea Girl“ von Nico ist erhältlich bei Polydor/Universal

Hören Sie hier einen Ausschnitt aus „Wrap Your Troubles In Dreams“

Damit endet unsere alten Tonträgern gewidmete Sommerserie. Künftig wollen wir ins laufende Programm gelegentlich Platten einstreuen, die es über die Jahre immer noch wert sind, gehört zu werden.

Weitere Beiträge aus der Serie ÜBER DIE JAHRE
(12) Byrds: „Sweetheart Of The Rodeo“ (1968)
(11) Sender Freie Rakete: „Keine gute Frau“ (2005)
(10) Herbie Hancock: „Sextant“ (1973)
(9) Depeche Mode: „Violator“ (1990)
(8) Stevie Wonder: „Music Of My Mind“ (1972)
(7) Tim Hardin: „1“ (1966)
(6) Cpt. Kirk &.: „Reformhölle“ (1992)
(5) Chico Buarque: „Construção“ (1971)
(4) The Mothers of Invention: „Absolutely Free“ (1967)
(3) Soweto Kinch: „Conversations With The Unseen“ (2003)
(2) Syd Barrett: „The Madcap Laughs“ (1970)
(1) Fehlfarben: „Monarchie und Alltag“ (1980)

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Kategorien: Pop

Eine Orgel über den Wassern

Von 24. Juli 2006 um 00:49 Uhr

Dringlich, düster, antreibend klingt die Musik der norwegischen Band The Low Frequency In Stereo. Nun, sie meinen ernst. Gerade kommt ihr drittes Album: „The Last Temptation Of… Volume 1“


Cover TLFIS

Nele hatte Geburtstag, es ist schon drei Jahre her, und sie hatte gemeint, komm doch in die Astra Stube, da spielt’ne Band und hinterher feiern wir noch, so bin ich da hin und hörte The Low Frequency In Stereo zum ersten Mal, gleich live.

Es sind ja oft Zufälle, die einen musikalisch weitertragen. Der richtige Abend, die passende Stimmung, die Abwesenheit von Erwartung, Freunde, und – nicht zuletzt – die Verfassung der Musiker.

The Low Frequency In Stereo kamen aus Norwegen; weder weiß ich aus der Erinnerung zu sagen, woher genau, noch wie viele es waren, obwohl ich mich sogar mit ihnen unterhielt, aber da war es schon spät, und wir waren alle nicht mehr allein.

Sie spielen einen schrammeligen, lauten Rock, was meinem Hang zur Feinheit, zur Transparenz und zur Lyrik nicht eben entgegenkommt. Aber sie lassen auf ihren stürmischen Wassern eine Heimorgel schwimmen. Sie haben zudem eine gewisse Dringlichkeit in ihrer Musik, etwas Düsteres, Antreibendes, es geht ihnen um etwas, sie meinen es ernst, das spürt man sofort, und sie nehmen sich die Zeit, die sie brauchen. Jenseits ihrer schnellen Stücke haben sie keine Eile, und so gibt es sie immer noch, gerade haben sie ein neues Album herausgebracht, das dritte erst.

Die Astra Stube liegt am Rande des Hamburger Schanzenviertels an einer vielbefahrenen Kreuzung und noch dazu unter einer Eisenbahnbrücke. Hier rattern alle Züge rüber von oder nach Skandinavien. Der Club ist winzig. Wenn man selber reingeht, ist er schon halb voll. Musik kann hier sehr intensiv werden, eindrücklicher als anderswo. In der Astra Stube können Musiker nicht einfach nur so spielen. Sie müssen es wollen.

Nach dem Auftritt der Band verspürte ich plötzlich den Wunsch, mir von ihr etwas mitzunehmen, eine Platte möglicherweise, ein Echo jener schweren Wellen, die sie durch die Nacht geschickt hatten. Ich kaufte mir eine Single und ein T-Shirt, auf dem zwei dicht beieinander stehende Hochhäuser sehr unterschiedlicher Breite zu sehen waren, ein nachhaltig beunruhigendes Bild. Auch der Name der Band beschäftigte mich, zeichnen sich tiefe Töne doch durch ihre Nichtverortbarkeit aus. Niedrige Frequenz in Stereo: Wie sollte das gehen? So machte diese Band auch ein kleines Geheimnis.

Ihre Mitglieder waren übrigens blutjung, jünger noch als Nele, deren Geburtstag wir bis in die Frühe feierten, am Fenster der Astra Stube sitzend, unter der Brücke auf die Kreuzung blickend, die in ein unwirkliches gelb-orangefarbenes Licht getaucht war. Lastwagen fuhren von links und rechts aneinander vorbei, und auch ihre Schatten hatten dieses gelbliche Orange, nur etwas fahler.

„The Last Temptation Of… Volume 1“ von The Low Frequency In Stereo ist als LP und CD erschienen bei Rec90/Cargo

Hören Sie hier „Big City Lights“

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(pop-u-loud/PIAS 2006)
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Kategorien: Rock

Welche Lust am Klang!

Von 26. Juni 2006 um 00:46 Uhr

Zwischen dem Jazz und der Elektronik klafft eine historische Wunde, die allmählich verheilt. Auf „Heaps Dub“ spielt das Quartett Root 70 die Kompositionen des Kölners Burnt Friedman – und alles wird gut


Cover Root70

Man hört die ersten Töne, Posaunenstöße, und sie klingen so samten, als kämen sie nicht aus metallenem Rohr, sondern aus dem gut gepolsterten Futteral, das es auf Reisen vor Beschädigung schützt. Man hört diese Töne, so rotzig-zart, so verlockend, Herr im Notenhimmel: was für ein Versprechen! Welche Lust am Klang!

Dann schnippt das Becken den Takt vor, die Trommel setzt ein, der Kontrabass hüpft in den Rhythmus, und jede Schwingung wird in der Lendengegend gezupft.

Sind wir mit der Klarinette komplett? Sie ertönt aus einem noch flauschigeren Futteral, sie lispelt, sie nuschelt, sie haucht, sie hat kaum was an: was für ein Start!

Posaune, Schlagzeug, Kontrabass, Klarinette – so weit wäre dies eine Jazzband, wenn auch in ungewöhnlicher Besetzung. Dabei bleibt’s indes nicht: Kaum sind alle vier im Spiel, tut sich nicht das Übliche. Kein obligates Solo, kein Refrain, diese Musik ist fast nur Klang und Rhythmus, Groove nennt man das wohl auch.

Eine Melodika – jenes an den Lippen hängende Akkordeon – verschiebt die Jazz-Ästhetik hin zu Dub, zu Reggae. Bongos mischen sich ein, beschwören den Busch, die tropische Nacht. Das Tempo ist der Hitze gemäß entspannt, aber wie dringt es ein in jede Faser!

Wer Get Things Straight, das erste Stück, gleich noch einmal hört, merkt überdies: Hier ist nichts so, wie es zunächst zu sein schien. Das Akustische erweist sich als untergründig perforiert; schon die ersten, so sinnlichen Posaunenstöße haben ein artifizielles, waberndes Echo.

Willkommen in der Welt von Burnt Friedman, der eigentlich Bernd Friedmann heißt und von einem Kölner Schlafzimmer aus zeitgemäßen Klang zu neuen Höhen führt. Es sind seine am Computer zusammengesetzten Kompositionen, dokumentiert auf etlichen Platten, die Root 70, das virtuose Quartett um den Posaunisten Nils Wogram, hier nachspielt. Hayden Chisholm, der Klarinettist, hat die Stücke adaptiert. Matt Penman und Jochen Rückert erzeugen von Hand den unwiderstehlichen Schub – als wären ihr Bass und ihr Schlagzeug an eine sehr elastische Steckdose angeschlossen.

Nach zwei Tagen im Studio hat Friedman die Aufnahmen mitgenommen und den Datensatz am Bildschirm nachbearbeitet; deshalb ist dieses Album kein „digital unplugged“, sondern eher ein Remix desselben – aber egal. Das Verfahren verblasst gegenüber seinem Ergebnis. Heaps Dub ist eine gekonnte Melange unterschiedlicher Stile, angenehm, inspirierend, grandios inszeniert. Sie kann den Hörer gleichermaßen ins nächste Konzert von Root 70 führen wie zu den rhythmischen Experimenten Friedmans, die sich übrigens auch in der eigentümlichen Struktur des Albums widerspiegeln: in zehn Stücken zu je genau fünf Minuten.

Die historische Wunde zwischen Elektronik und Jazz, zwischen Bits und Blues, die lange schmerzend klaffte und sich seit einigen Jahren allmählich schließt – hier ist sie kaum noch zu spüren.

„Heaps Dub“ von Root 70 ist als LP und CD erschienen bei Nonplace.

Hören Sie hier „Get Things Straight“

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Andrew McCormack: „Telescope“ (Dune 2006)
Nick Bärtsch’s Ronin: „Stoa“ (ECM 2006)

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Kategorien: Jazz

Grobes Korn, aufgeweicht

Von 2. Mai 2006 um 10:00 Uhr

Der Schweizer Pianist Nik Bärtsch verdichtet auf „Stoa“ winzige Motive zu einer rhythmisch packenden Musik – die im Dunstkreis seiner berühmten Plattenfirma leider unscharf wird


Cover Baertsch

Nein. Das kommt mir als Erstes in den Sinn. So mag ich das nicht. Ich mochte die Musik von Nik Bärtsch, wie er sie auf sechs in der Schweiz erschienenen Platten gespielt hat, eine kantige, körnige, durch und durch originelle Musik, die nicht nur das Publikum zum Staunen und oft genug zum Ausflippen bringt, sondern auch die Kritik mit hinreichend Stoff zur Versorgung der Texttriebwerke beliefert.

Und wie groß war die Freude, als Bärtsch, der in der Schweiz schon hinter jedem Berg gespielt hatte, nun in Deutschland entdeckt wurde, von einem Label mit Weltruf, wohl dem erfolgreichsten deutschen Jazz-Label überhaupt, von ECM. Aber in dieses Gefühl mischte sich gleich die Sorge, auch das Schweizer Präzisionsuhrgestein Bärtsch könne Schaden nehmen durch die alles überwölbende Klangvorstellung des ECM-Produzenten Manfred C. Eicher.

Und wenn ich mir nun Stoa anhöre, die erste Platte des Nik Bärtsch auf ECM, dann ist es so gekommen. Eicher hat seinen Hall drauf gemacht auf die felsige, schroffe, schikanös-repetitive Funk-Musik des Nik Bärtsch. Plötzlich stehen Schwaden über diesen Klangmassiven, verschwimmt sein heiliger japanischer Ernst, verbiegt sich unter Weichmacher eine Ästhetik, die bis dahin unnachgiebig stand, ein Monument zwischen der Minimal Music des Steve Reich und der Sexmaschine des James Brown.

Hinfjord damit! Als Musiker bei ECM, so scheint es, muss man eine Schäre im Kopf haben. Denn hier wallen und schwallen seit Jahrzehnten allzu viele Produktionen unter skandinavischem Nebel. Musik für behagliche Winterabende am Kamin. Es gab Ausnahmen, Aufnahmen, die hoffen ließen – so hätte auch Bärtsch eine Chance haben können.

Schade. Aber jetzt genug des Furors. Seine Musik ist immer noch da. Nicht mehr so gestochen scharf wie auf Rea, aber in ihren groben Umrissen durchaus zu erkennen. Manch ein Hörer, der sich durch den Münchner Dunst vortastet zur Härte des Bärtschen Kerns, wird erschrecken. Diese Musik ist kein Wohlfühl-Jazz und auch kein mathematisches Minimalpermutieren, und sie ist auch nicht hormonell-orgiastisch. Sie entwirft aus gnadenlos wiederholten Klavier-Bass-Schlagzeug-Motiven einen so kraftvollen, mitziehenden wie letztlich undurchdringlichen Schwung, dass man während eines Konzertes – zusätzlich angestachelt durch Perkussion und Bassklarinette – oft nur noch aufspringen und aufschreien kann. Mit der Haltung eines entfesselten Samurais führt der 35-jährige Pianist, Komponist und Japannarr Bärtsch seine Band Ronin wie sein Publikum durch nächtelange Konzerte, in denen alles und nichts geschieht.

Dieser beharrliche Schweizer hat die europäische Instrumentalmusik um völlig Unerwartetes bereichert. So darf, so wird diese Platte nicht sein letztes Wort sein.

Hören Sie hier „Modul 32“, von Nik Bärtschs neuer Platte „Stoa“, erschienen bei ECM.

Zum Vergleich: „Modul 23“ von „Rea“ aus dem Jahr 2004, erschienen bei TMR.

Und hier spricht Nik Bartsch über die Ritual-Groove-Musik und dann sein Publikum über ihn, befragt von Christian Broecking auf dem Zürcher Unerhört-Festival Ende November 2005.

Kategorien: Funk