Ich bin Tischler

Heute kann jeder ein Label gründen. Markus Wilhelms hat es getan. Der Handwerker aus Hamburg macht Platten aus Liebe zum Schottischen: „Get While The Getting’s Good“.

Get While The Gettings Good

Der Satz zur Begrüßung in der Küche seiner Wohnung ist natürlich klasse: „Ich bin Tischler seit 21 Jahren.“ Markus Wilhelms, 37, ging also mit 16 in die Lehre? „Ja, nach der Mittleren Reife in Emden.“

Zunächst ein Leben, wie es viele führen, aus der Provinz in die große Stadt. Der Tischler, der von Ostfriesland nach Hamburg zieht, verbringt seine Tage mit Einbaumöbeln; er lebt von der Arbeit, für die Musik.

Mit seiner Frau hatte er vergangenes Jahr in Urlaub fahren wollen, 1300 Euro lagen schon bereit; sie sagte: „Nimm das Geld, und mach die erste Single.“ So eine Ehe muss man führen. Denn der Mann hatte einen Traum, der auf Erfüllung drängte: Platten zu machen. Nicht als Musiker, sondern als Inhaber eines Labels.

Inhaber eines Labels – wie das klingt! Er ist das Label. Sein Programm: den „Sound Of Young Scotland“ auf den Kontinent zu bringen.

Vor zwanzig Jahren war er zum ersten Mal in Glasgow gewesen, einer Stadt, die er seither zu den hässlichsten zählt, die er kennt, eine bitterarme Stadt, Arbeiterstadt, deren Bewohner ihn aber begeistern mit ihrer Freundlichkeit und ihrer Sprache: „Die haben einen ganz, ganz eigenen Akzent… wie Afrikaner, die Englisch sprechen, das R wird gerollt.“

Und so singen sie auch; Markus Wilhelms findet, dass wir das hören sollten. Er macht es möglich.

Inzwischen hat er vier Singles herausgebracht, koloriertes Vinyl, hübsch verpackt, Musik auch fürs Auge. Und nun die erste Kompilation, Get While The Getting’s Good, zwar nicht in Rillen gepresst, da zu teuer, „leider“, aber auf CD, „immerhin nicht im Jewel-Case, das war mir wichtig“ – 19 Stücke sehr verschiedener Bands, 75 Minuten. „Die hab ich eines Abends nach vier, fünf Bier zusammengestellt, wie früher ein Mixtape für Freunde.“

Die Musik weht aus den Lautsprechern wie eine frische, nahezu friesische Brise, quicklebendiges Popschottentum von Folk bis Rock bis Elektronika. Holt euch dieses Probier-Album, möchte man den Lesern zurufen, zumal zum Sparpreis von 10 Euro.

Aufgeladen und bereit nennt er seine Einmannplattenfirma, ein Name mit angespannten Muskeln und nicht von ungefähr: Aufgeladen und bereit fur Action und Spass, das war eine Platte der Fire Engines aus dem Jahre 1982 – eine schottische Band, die mit einem deutschen Titel kam, wenn auch ohne Umlaut und Esszett.

Zum Beweis holt der Labelchef das gute Stück aus seiner Sammlung. Die Stücke heißen Get Up And Use Me oder Lubricate Your Living Room, Part 1; man könnte sie eigentlich gleich auflegen.

„Die Briten lieben deutsche Titel“, sagt er. Als eine seiner Bands neulich in der BBC zu Gast war, habe der Moderator den Label-Namen während der Sendung viermal genannt, „weil ihm das so viel Spaß gemacht hat“. Die schottischen Bands seien zudem stolz, ihre Musik auf einem ausländischen Label herauszubringen – mag es auch klein sein.

Alles gut also? Es könnte besser laufen. In den vergangenen Wochen schlief die Nachfrage nach Aufgeladen-und-bereit-Platten komplett ein. Niemand wollte auch nur eine. Windstille im Online-Shop. Der Plattenhandel ist ein verdammt schwieriges Geschäft geworden.

Markus Wilhelms sieht es gelassen. Er hatte auch schon mal 400 Vorbestellungen für eine Single. Heute so, morgen so. Bei ihm zu Haus steht nichts Gebranntes, „gar nichts“; er mag das nicht: „Es ist mir ganz wichtig, die Musik auch zu kaufen.“ Seine letzte Anschaffung war eine gebrauchte Langspielplatte des Saxofonisten Pharoah Sanders, „von 1969, auf dem Impulse-Label“.

Und, kommt noch mehr Musik aus Schottland? „Ich bereite gerade die nächsten drei Singles vor.“

Es geht also weiter? „Auf jeden Fall!“

Die Kompilation „Get While The Getting’s Good – A Collection Of Scottish Music“ ist erschienen bei aufgeladen und bereit

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Täuschend unecht

Der Musiker als Bastler: Auf „Construction Kit“ verfugt Jakob Grunert Elemente aus Jazz, Funk, Soul und HipHop zu einem verblüffenden Ganzen.

Grunert Construction Kit

Jakob Grunert aus Berlin, später Lüneburg, heute Hamburg, erst Blockflöte, zwischendurch Geige, letztlich schwarz-weiße Tasten, hat dann doch nicht Musik studiert. Sein Fach ist das Kommunikationsdesign, da lernt man auch was und muss hinterher nicht von dem Horn in den Mund leben. Er wird dieses Jahr 27, da wird’s bald ernst.

Vorher noch Construction Kit, seine zweite Platte, zu Deutsch Bausatz. Passend ist die Hülle in jener Optik gehalten, die jeder kennt, der als Kind Flugzeuge, Schiffe oder Panzer zusammengeleimt und bemalt hat.

Um maßstabgetreue Modelle bekannter Musiken geht es Grunert indes nicht. Er verfugt Elemente aus Jazz, Funk, Soul und Hip-Hop zu etwas täuschend Unechtem. Gestopfte Trompete wie von Miles, warmer Bass wie bei Mingus, Fender Rhodes wie zu Zeiten Herbie Hancocks, kraftvolle Rhythmen nach Art seiner jüngeren Vorbilder Medeski, Martin und Wood, Bit-Folklore à la Four Tet, dazu Plattendrehen und Rillenknacken, als wäre die CD aus Vinyl.

Nach dem ersten Hören, der ersten Verblüffung wehrt sich der Kenner. Kennt man doch alles von damals, hat man als digitalen Aufguss schon vitaler gehört vom Kölner Frickler Burnt Friedman oder dem elfköpfigen Tied & Tickled Trio aus Weilheim. Zu harmlos, diese Platte, ein Plättchen!

Aber dann, beim zweiten, dritten, vierten Durchgang, lugen die vielen kleinen Feinheiten, Leimheiten, Gemeinheiten aus den Ritzen des Kunstkörpers hervor. Eben erklang da noch das seelenvolle Baritonsaxsolo mit strömendem Bläsergeschwitz nach Art verehrter Meister, als plötzlich eine Spur eine ednukeS gnal rückwärts läuft. Hier frieeert ein Ton kurz ein, da wiederholt er sisisisich, aber nie so lang, dass man auf seinen Player klopfen wollte.

Natürlich ist das verspielt, mehr 13- als 26-jährig, aber so schön verspielt, dass es schon Spaß macht. Außerdem muss man die Platte beim Wort nehmen. Deconstruction Kit heißt sie eben nicht. Grunert lässt die Musik nie zerfasern, nie zerplatzen; er führt sie nicht vor. Er führt nur vor, was es bedeuten kann, Tonkonserven vieler Jahrzehnte schon mit der Muttermilch eingesogen zu haben. Wer über dem Klanggewirr in unseren Köpfen nicht zum Puristen oder Kostverächter geworden ist, setzt sich zu Jakob ins Zimmer und freut sich am Druck auf die Tube.

„Construction Kit“ von Grunert ist erschienen bei Hongkong Recordings

Hören Sie hier „Intro“ und „The Cosmic Pigeon“

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Im Bitfrühschoppen

Über die Jahre (20): Wo kommt nun diese Musik her? „Spirituals“ von Flanger taucht New Orleans in Elektronik und bringt Partys zum Durchstarten

Flanger Spirituals

Es gibt Platten, die man gleich mag, eine Weile ausschließlich hört und die sich dann allmählich durch Begeisterung erschöpfen. Es gibt andere Platten, die erst nach dem dritten oder vierten Mal so richtig zünden und sehr, sehr lange bei einem bleiben. Die schnellen wie die langsamen Lieblingsplatten – sie sind selten, und man freut sich, wenn man gelegentlich eine gefunden.

Noch rarer sind die Favoriten einer dritten Kategorie: Man mag sie im Nu, auf lange Zeit, und sie gewinnen auch späterhin noch. Solche Platten sind sehr kostbar; man muss sie hüten, niemals verleihen – aber man darf natürlich von ihnen schwärmen, zumal in dieser Rubrik, die Musik nicht als Obst betrachtet, sondern als eine Sache von Dauer.

Wer kennt Flanger? Es ist das bikontinentale Duo aus dem Kölner Elektronik-Mischer Burnt Friedman und dem nach Südamerika ausgewanderten Frankfurter Uwe Schmidt, einigen vertraut als Señor Coconut durch seine Latino-Versionen von Kraftwerk-Titeln; zuletzt war er vergangenen Herbst mit eigenem Orchester in deutschen Landen auf Tournee.

Beide Musiker sind ohne eigentliche Instrumente: Sie drehen an Knöpfen, bis es uns die Köpfe verdreht und wir glauben, gar nicht mehr richtig zu hören. Flanger macht Musik, die den Kopf anspricht und in die Beine geht, auch das extrem selten.

Auf Spirituals, ihrem vierten Album, das im Jahre 2005 erschien, widmen sich die beiden Computermusiker dem Blues und dem Oldtime Jazz, damals wie jetzt nicht eben top-angesagten Richtungen. Was sie aus dem teils schwerblütigen, teils frühschoppigen Material machen, ist ohne Beispiel: eine durch und durch beschwingte Bit-Musik, die auf Anhieb funktioniert, ihre Wirkungsweise aber nur nach und nach preisgibt. Music Is Our Secret Code heißt treffend ein kurzes der insgesamt zwölf Stücke: Was hier in der Tiefe los ist, erschließt sich erst bei genauem, wiederholtem Hören.

Schein und Sein – es gibt Klavier, Gitarre, Schlagzeug, hier und da wird Klarinette gespielt oder sogar gesungen, aber es ist wie auf einem Bild David Hockneys: Das Haus mit den Palmen mit dem Pool mit der Wasseroberfläche ist nur Farbe auf Untergrund, die sich aufgekratzt als Illusion überführt.

Die Gitarrenlinie auf Music Is Our Secret Code, sie wird an manchen Stellen elektronisch angehalten, mikroskopisch repetiert, dann geht es weiter, als wäre nichts gewesen.

Das Tolle daran ist: Die feinsinnige Reflexion über das Medium beeinträchtigt die Tanzbarkeit nicht. Wer gelegentlich Platten auflegt, um Abende in Schwung zu bringen, kann mit Flanger zu vorgerückter Stunde jede Party zum Kochen bringen, obwohl die Stücke keine seit langem bewährten Kracher sind.

Die Ästhetik dieses rückwärtsgewandten Albums ist dabei absolut zeitgemäß. Wer den Anschluss an aktuelle Musik vor Jahren oder Jahrzehnten verloren hat, hier kann er wieder einsteigen.

Und von wegen New Orleans: Für diesen Blues gibt es keinen rechten Ort mehr; seine Heimat liegt in den Platinen.

„Spirituals“ von Flanger ist im Jahr 2005 als CD und LP erschienen und erhältlich bei Nonplace

Hören Sie hier das raffinierte „Music Is Our Secret Code“ und den Hit „Peninsula“

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(19) DAF: „Alles ist gut“ (1981)
(18) Gorilla Biscuits: „Start Today“ (1989)
(17) ABC: „The Lexicon Of Love“ (1982)
(16) Funny van Dannen: „Uruguay“ (1999)
(15) The Cure: „The Head On The Door“ (1985)
(14) Can: „Tago Mago“ (1971)
(13) Nico: „Chelsea Girl“ (1968)
(12) Byrds: „Sweetheart Of The Rodeo“ (1968)
(11) Sender Freie Rakete: „Keine gute Frau“ (2005)
(10) Herbie Hancock: „Sextant“ (1973)
(9) Depeche Mode: „Violator“ (1990)
(8) Stevie Wonder: „Music Of My Mind“ (1972)
(7) Tim Hardin: „1“ (1966)
(6) Cpt. Kirk &.: „Reformhölle“ (1992)
(5) Chico Buarque: „Construção“ (1971)
(4) The Mothers of Invention: „Absolutely Free“ (1967)
(3) Soweto Kinch: „Conversations With The Unseen“ (2003)
(2) Syd Barrett: „The Madcap Laughs“ (1970)
(1) Fehlfarben: „Monarchie und Alltag“ (1980)

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Sockenbrand am 24.

Sufjan Stevens überrascht mal wieder alle: Mit einer Fünf-CD-Box zum Fest der Feste. Seine „Songs For Christmas“ sind teils recht krass

Sufjan Stevens - Christmas

Im Herbst des Jahres 2001, der die Welt erschütterte, erlebte der Musiker Sufjan Stevens auch einen sehr persönlichen Moment der Krise. Einsam, unbekannt und stoppelbärtig saß der arbeitslose Mittzwanziger in einem Zimmer in Brooklyn, aß tagealtes Brot oder Instantnudeln, und an einem Morgen Anfang Dezember wollte er sich das billigste aller Frühstücke machen, Pfannkuchen aus der Tüte, bloß rauspulvern, Wasser dazu und umrühren, als es zu einer folgenreichen Verpuffung kommt.

Der Plastiklöffel mit dem Pulver fängt am Herd Feuer, zertropft, flammt auf in einer chemischen Reaktion wie bei einem missglückten Experiment im Schulunterricht. Der hungrige Musiker versucht, die Reaktion mit einem Glas Milch zu löschen und findet sich inmitten einer giftig schmeckenden Wolke. Der Geruch wirft ihn um viele Jahre in die Vergangenheit zurück, ins elterliche Haus zu Weihnachten, da die Mutter gerade in einem zerstörerischen Verzweiflungsakt gegen den Festtagsstress ein noch verpacktes Geschenk vom geschmückten Tannenbaum reißt und wutentbrannt in den Ofen schmeißt.

Es sind die sechs Socken, die der kleine Sufjan seinem älteren Bruder schenken wollte als Wiedergutmachung dafür, dass er ihm von allen Strümpfen die Spitzen abgeschnitten hatte – aus Rache, weil der Bruder herumerzählt hatte, dass Sufjan noch Daumen lutschte und mit einem Kuscheltier schlief. Die Socken waren aus synthetischen Fasern; sie schmolzen im Ofen, begannen zu brodeln und bestialisch zu stinken. Die unter den Feiervorbereitungen an den Rand ihrer Nervenkraft gelangten Familienmitglieder liefen hinaus in den meterdicken Schnee und schnappten nach Luft. Sie rissen alle Fenster auf; es brauchte eine Stunde, bis der gröbste Gestank verschwunden war. Und noch heute, glaubt man Sufjan Stevens, riecht es nach den verfeuerten Socken.

Er erzählt die Geschichte in dem hintergründig dekorierten Büchlein, das seiner Fünf-CD-Box mit Weihnachtsliedern beigelegt ist. Sein Verhältnis zum Fest der Liebe scheint so kompliziert wie das vieler seiner Hörer. Es brauchte die Initialzündung im Advent 2001, um aus dem Festverweigerer einen trotzigen Weihnachtsliedsänger zu machen. Gleich nahm er sieben Songs auf, brannte sie auf CDs, schickte sie Freunden und Verwandten, 17 Minuten sehr widersprüchlicher Gesänge. Stille Nacht macht lieblich den Anfang, Amazing Grace den Schluss, dazwischen Garstiges von ihm wie It’s Christmas, Let’s Be Glad, das – frei übersetzt – so geht: »An Weihnachten freuen wir uns eben / Selbst wenn bös gewesen euer Leben / Wird’s Geschenke geben / Geht raus in den Schnee / Und hört Sankt Niklas’ ›He! He! He!‹«

Was so spontan begonnen hatte, erhob Sufjan Stevens alsbald zu einem Brauch; alle Jahre wieder zerrte er Nachbarn und Bekannte mit Glöckchen vors Mikrofon, stimmte Jingle Bells an und Joy To The World und machte unter Hinzugabe eigener Lieder ein banjogestütztes CDlein daraus.

Nun hat er, beflügelt vom Erfolg seiner boshaft-grandiosen Hymnen auf die amerikanischen Bundesstaaten (Greetings From Michigan, 2003; Come On Feel The Illinoise, 2005), die fünf weihnachtlichen Kleinalben in einer prachtvollen Schachtel veröffentlicht. In ihr findet sich vieles von dem, was diese Zeit des Jahres an Schönem und Schrecklichem zu bieten hat. Das Songbook enthält dazu die Texte und die Gitarrengriffe für ein stimmungsvolles Singalong rund um die familiären Eruptionen.

„Songs For Christmas Singalong“ von Sufjan Stevens ist erschienen bei Asthmatic Kitty/Cargo

Hören Sie hier das im Text zitierte „It’s Christmas, Let’s Be Glad“, geschrieben von Sufjan Stevens, und seine beschwingte 36-Sekunden-Version des Klassikers „Jingle Bells“

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Foetus: „Love“ (Birdman Records/Rough Trade 2006)
Take That: „Beautiful World“ (Universal 2006)
ABC: „Lexicon Of Love“ (Mercury/Universal 1982)
Contriva: „Separate Chambers“ (Morr Music 2006)
Justin Timberlake: „Futuresex/Lovesounds“ (Sony/BMG 2006)

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So für zwischendurch

Man muss nicht immer CDs hören! Wie wär’s mal mit einer Single? Die neuesten Klänge auf klitzekleinem Vinyl: „Breathes The Best“ von Populous

Cover Populous

Übergreifend nennt sich diese Rubrik Tonträger, durchaus mit Bedacht, denn heute ist eine Single dran. Ja, es gibt sie noch, die schwarzen Scheiben mit den mikroskopisch schlingernden Rillen. 45 Umdrehungen in der Minute auf einer maximalen Breite von sieben Zoll. Soeben erscheint bei Morr Music, dem Berliner Haus für Subtiles zwischen den Stilen, eine Minitrilogie von Populous.

Zwei Stücke auf der A-Seite sind kurz und kürzer, eins auf der B-Seite ist etwas länger. Zusammen werden es kaum zehn Minuten sein. Wer es genau wissen will, bemühe die Stoppuhr, denn kein Plattenspieler zeigt die Vinylzeit an. Eine Single hören heißt auflegen, hinsetzen, aufstehen, umdrehen, schon wieder aufstehen. Rechte Muße will nicht aufkommen; wer kauft sich denn sowas?

Dazu gleich mehr (Telefonanruf in Berlin: Recherche).

Zunächst zur Musik, zum Musiker. Der unaussprechliche und kaum weniger schwer zu schreibende Name Populous ist das Pseudonym eines Italieners von Mitte zwanzig, Andrea Mangia. Man darf ihn ausweislich zweier Alben zu den herausragenden Klangtüftlern Europas rechnen und also auch seines Heimatlandes, wobei uns gleich einfällt, dass selbiges zwar Adriano Celentano, Paolo Conte, Gianna Nannini, Lucio Dalla und andere Sangeskünstler (Caruso! Pavarotti! Bocelli!) hervorgebracht hat, jedoch keine international bekannten Löter und Schrauber nach Art von Kraftwerk oder Console.

England hat Autechre, Schottland hat Boards of Canada, Frankreich hat Air und Daft Punk, Portugal hat Rafael Toral, Wien hat Fennesz, Dresden hat Flim, Rostock hat Novisad, Chemnitz hat Raster-Noton und weiß der Tinnitus wen noch!

Italien hat bloß Populous. Seine Platten hat er in Deutschland herausgebracht, das sagt was über beide Länder und wie es um das Hören dort steht.

Populous ist der Maestro Rumoroso vom apulischen Stiefelabsatz aus Lecce, seine warmen Knack- und Knistertöne schichtet er zu einer appetitlichen Lasagne. Quipo hieß sein Debut 2002; eine Platte, die so zurückgelehnt war, dass sie heute noch auf dem Teller liegen kann.

Dann erschien Queue For Love, und nun ist er wieder im Studio gewesen, es kam aber nur wenig heraus, deshalb eine Single.

Die Musik? Elektronika, wortloser HipHop, Soul – wer kann das noch genau bestimmen. Nicht der Knaller schlechthin, aber sehr entspannt und aus dem Geist des Jetzt.

Der Musikverleger Thomas Morr in Berlin (ergibt das Telefonat) hat eine vor Jahren begründete Single-Reihe neu gestartet: „anost“ abbreviert er sie, „a number of small things“, „eine Reihe kleiner Dinge“ – Musik so für zwischendurch.

Die Platten sind liebevoll gehüllt in Arbeiten des Hamburger Gestalters Jan Kruse: Während digitale Speichermedien sich im Innern der EDV unsichtbar machen, stellen sie sich zur Schau.

500 Exemplare gibt es, sie mögen im Laden fünf, sechs Euro kosten; Sammler sind ganz wild danach, denn was weg ist, ist weg und nach gibt’s nichts. Sage einer, Tonträger hätten an Wert verloren, wenn nur von CDs die Rede ist!

Man kann Populous’ zweieinhalbte Platte (die ersten beiden gab es auf Vinyl und CD) als ein Zeichen seines Herannahens lesen: Im nächsten Jahr wird er nach Deutschland kommen und erstmals einige Konzerte geben.

Da gehen wir dann mal hin.

Die Vinyl-Single „Breathes The Best“ sowie die beiden Alben „Quipo“ und „Queue For Love“ von Populous sind erschienen bei Morr Music

Hören Sie hier „Bon Bon Pour Les Rappers“, das zweite Stück der A-Seite

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Auf dem Weg ins Kaufhaus erledigte ich noch einen kleinen Hauskauf: „Zufall für alle“ (Schinderwies 2006)
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John Hegre & Maja Ratkje: „Ballads“ (Dekorder/A-Musik 2006)
Aosuke: „Monotone Spirits“ (Audiolith 2006)
Phantom Ghost: „Three“
(Lado 2006)

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Poesie durch Mühe

Der Pianist Bill Wells tastet sich Note um Note durch kinderliedhafte Kompositionen. Das japanische Bläser-Ensemble Maher Shalal Hash Baz versucht ihn zu begleiten – was aufs Schönste misslingt

Cover Osaka Bridge

Bill Wells aus Glasgow experimentiert unerschrocken an den Rändern von Jazz und Rock. Der Pianist gehört zum Umfeld des über Schottland hinaus bekannten Pop-Projektes Belle & Sebastian und hat als 50-Jähriger musikalisch schon so einiges erlebt. Jetzt aber, am Telefon, wenn er von der Zusammenarbeit mit Maher Shalal Hash Baz erzählt, hört man ihn am anderen Ende der Leitung unvermutet lachen und sieht ihn seinen Glatzkopf schütteln, so als könnte er es noch im Rückblick nicht ganz fassen, was er da angestellt hat.

Beim Namen fängt es an. Da nennt sich ein japanisches Ensemble nach einem hebräischen Sprichwort: Maher Shalal Hash Baz – „Sei schnell, wenn du etwas erbeuten willst“. Das Ensemble spielt aber unglaublich langsam. Und es spielt unglaublich lange, seit über zwanzig Jahren schon, in wechselnden Besetzungen, bloß spielen kann es immer noch nicht.

Maher Shalal Hash Baz will auch gar nichts können. Wer das Album Osaka Bridge zum ersten Mal hört, traut seinen Ohren kaum. Am Klavier Mr. Wells mit seinen kinderliedhaften Kompositionen: Umsichtig, gleichsam satiehaft, tastet er sich Note um Note voran. Ihn begleiten auf Trompeten und Hörnern, Gitarren und Trommeln Japaner, die trotz des Schneckentempos größte Mühe haben, Schritt und Ton zu halten.

Mal klingt das nach einer eingerosteten oberitalienischen Dorfkapelle alter Partisanen, die sich nur noch zu Trauermärschen zusammenfinden, wenn sie einem der ihren die letzte Ehre erweisen müssen. Mal erinnert es an Tanzmusik aus den fünfziger Jahren – an einen Bert Kaempfert, dem ein schweres Gebrechen jede Eloquenz und rhythmische Akkuratesse genommen hat. Wenn man so will: Uneasy Listening.

Manch ein Musikfreund wird diese Platte nicht genießen können. Wenn er sich jahrelang mit einem Instrument gequält hat, um die schiefen Töne und Quietscher stündlich aufs Neue auszumerzen. Getrieben von der Suche nach spielerischer Sicherheit und Beherrschung des Materials, aus der in guten Momenten Brillanz erwächst.

Tori Kudo, dem Begründer des Projektes Maher Shalal Hash Baz, geht es genau ums Gegenteil. Der Unklarinettist interessiert sich für das Scheitern auf niedrigem Niveau. „Das mag ich an den Japanern“, sagt Bill Wells, „sie haben eine Idee und ziehen sie bis zur letzten Konsequenz durch.“

Freilich war auch Wells verblüfft, wie sich seine zweiwöchige Japantour mit Kudos Ensemble vollzog: Mal erschienen sechs Leute auf der Bühne, mal zwölf, mal sechzehn, einige von ihnen hatte er nie zuvor gesehen. Ihr Englisch war wie ihr Spiel. An eine Frau erinnert er sich, die wochenlang nur auf Kisten schlug, bis Tori Kudo sie ihm als Schlagzeugerin vorstellte.

Und doch ist diese Musik von großer Wärme und Poesie. Bill Wells weiß, warum: „Diese Musiker spielen keine Klischees, weil sie es nicht können. Schon um eine einfache Melodie zu schaffen, müssen sie alles geben – und das spürt man.“

„Osaka Bridge“ von Bill Wells & Maher Shalal Hash Baz ist erschienen bei Karaoke Kalk

Hören Sie hier „Duck“

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Rocket/Freudental: „Wir leben wie Gespenster“ (pavlek schallplatten 2006)

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Tu die Träume in die Flasche

Über die Jahre (13): Im August widmet sich der Tonträger Platten aus vergangenen Tagen. Zum Abschluss: Vor fast vier Dekaden sang Nico über das „Chelsea Girl“. Bis heute ist sie ein Vexierbild der modernen Frau. Ihr Schwanken zwischen Exzess und Melancholie kann noch jeden Hörer aus der Fassung bringen

Cover Nico

Die junge Christa Päffgen, in Paris lebend, hat zwischenzeitlich einen zwanzig Jahre älteren griechischen Freund namens Nico Papatakis. Er ist Filmemacher beziehungsweise Nachtklubbesitzer. Sie zieht zu ihm, nennt sich nach ihm. Päffgen war ihr zu piefig.

Nico kommt zur Welt 1938 in Köln und 1940 in Budapest, denn über Nico gibt es immer zwei Geschichten. Sie wächst auf in Lübbenau bei Berlin im Schatten ihres „wahnsinnigen, faschistischen Vaters“, wie im New Musical Express zu lesen ist, und als Halbwaise, „deren Vater im Konzentrationslager umkam, als sie zwei Jahre alt war“, was Frau im Spiegel schreibt.

Nico stirbt an einem Sommertag 1988 auf Ibiza an einem Hitzschlag, mittags, auf einer Radtour. Und sie stirbt, ebendort, an einem Gehirnschlag, als sie Haschisch holen will.

Nico liebt, und Nico liebt nicht. Sie will doch nur spielen mit Brian Jones von den Stones, mit Jimmy Page von Led Zep, mit Jim Morrison von den Doors, mit Tim Buckley, Tim Hardin, Iggy Pop, Jackson Browne, Bob Dylan und Leonard Cohen. Einen Sohn hat sie von Alain Delon, aber Alain Delon hat keinen Sohn mit ihr. Sie ist einsachtzig, knochig, tiefe Stimme, die Sinne vernebelnd. Sie ist schwarz, schwarz, schwarz und so weiß und deutsch wie nur was. Sie singt auf der ersten Velvet-Underground-Platte, der mit der Banane – „einem sehr vergnüglichen Album über Tod, Drogenabhängigkeit und Sadomasochismus“, findet die New York Times Book Review.

Sie gibt 1200 Konzerte in sieben Jahren. Sie lebt in Paris und New York und Rom und legt sich schließlich in Manchester in einer Einzimmerwohnung mit Spritzen auf eine Matratze. Japan jubelt ihr zu, Frankreich trauert um sie. Sie singt die drei Strophen des Deutschlandlieds und widmet sie Andreas Baader. Sie ernährt ihren Kleinen mit Kartoffelchips und, nachdem er trotzdem groß wird, mit Heroin. Als sie stirbt, küsst er ihre Stirn, dann geht er nach draußen und kotzt hinter ein Auto.

Wenn der Kölner Sender RTL im Jahre 2008 nach Deutz zieht, soll der Platz vor dem Funkhaus nach ihr benannt werden, „Christa-Päffgen-Platz.“ Das fordert Kasper König, der Mann vom Museum Ludwig. Ob das was wird? „Muss die Bezirksvertretung entscheiden“, schreibt die Lokalzeitung.

Entdeckt wird Nico mit fünfzehn, beim Bummeln auf dem Ku’damm. Coco Chanel begeistert sich für ihre makellose Erscheinung. Fellini holt sie in La Dolce Vita vor die Kamera. „Eine schöne Frau, die nicht viel sagte, selbst wenn sie einmal lange sprach“, schreibt die Süddeutsche Zeitung. „Sie wollte hässlich sein.“ Jetzt lächelt Nico mit schwarzen Zähnen: „Der einzige Grund, warum ich mich nicht erschieße, ist, dass ich wirklich einzigartig bin.“

„Heroin hat ein Deutscher zur Jahrhundertwende erfunden“, recherchiert die englische Presse: „Vielleicht konnte Nico der Vergangenheit wirklich nicht entkommen.“ Der französische Philosoph Jean Baudrillard vermutet, sie „schien nur deshalb so schön, weil sie von einer absolut gespielten Weiblichkeit war. Und es lag etwas Enttäuschendes darin, zu erfahren, dass sie ein falscher Transvestit war, eine echte Frau, die den Transvestiten spielte“.

Andy Warhol dreht in einem fiktiven Hotel The Chelsea Girls, da wohnt sie auf der Leinwand und isst einen Schokoriegel. Susanne Ofteringer dreht die Hommage Nico-Icon, da ist sie schon tot. Lou Reed, der sie hasste und liebte, sieht sich das gleich zweimal an. John Cale, der ihr Lied um Lied schrieb, sagt: „Sie war eine tolle Frau. Ich vermisse sie.“

Vergessen wir das alles für eine magische Dreiviertelstunde. Legen wir Nico auf, Chelsea Girl. Ihre erste Platte nach der Banane, von 1968. Man hört sie zweimal, dreimal, dann hört man sie für immer, auch ohne Gerät. Diese Traurigkeit, diese Lust, dieses Ganz-bei-sich- und Ganz-außer-sich-sein.

„Wrap your troubles in dreams“, singt Nico, „Send them all away // Put them in a bottle // And across the sea they stay.“

„Chelsea Girl“ von Nico ist erhältlich bei Polydor/Universal

Hören Sie hier einen Ausschnitt aus „Wrap Your Troubles In Dreams“

Damit endet unsere alten Tonträgern gewidmete Sommerserie. Künftig wollen wir ins laufende Programm gelegentlich Platten einstreuen, die es über die Jahre immer noch wert sind, gehört zu werden.

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(3) Soweto Kinch: „Conversations With The Unseen“ (2003)
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(1) Fehlfarben: „Monarchie und Alltag“ (1980)

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Eine Orgel über den Wassern

Dringlich, düster, antreibend klingt die Musik der norwegischen Band The Low Frequency In Stereo. Nun, sie meinen ernst. Gerade kommt ihr drittes Album: „The Last Temptation Of… Volume 1“

Cover TLFIS

Nele hatte Geburtstag, es ist schon drei Jahre her, und sie hatte gemeint, komm doch in die Astra Stube, da spielt’ne Band und hinterher feiern wir noch, so bin ich da hin und hörte The Low Frequency In Stereo zum ersten Mal, gleich live.

Es sind ja oft Zufälle, die einen musikalisch weitertragen. Der richtige Abend, die passende Stimmung, die Abwesenheit von Erwartung, Freunde, und – nicht zuletzt – die Verfassung der Musiker.

The Low Frequency In Stereo kamen aus Norwegen; weder weiß ich aus der Erinnerung zu sagen, woher genau, noch wie viele es waren, obwohl ich mich sogar mit ihnen unterhielt, aber da war es schon spät, und wir waren alle nicht mehr allein.

Sie spielen einen schrammeligen, lauten Rock, was meinem Hang zur Feinheit, zur Transparenz und zur Lyrik nicht eben entgegenkommt. Aber sie lassen auf ihren stürmischen Wassern eine Heimorgel schwimmen. Sie haben zudem eine gewisse Dringlichkeit in ihrer Musik, etwas Düsteres, Antreibendes, es geht ihnen um etwas, sie meinen es ernst, das spürt man sofort, und sie nehmen sich die Zeit, die sie brauchen. Jenseits ihrer schnellen Stücke haben sie keine Eile, und so gibt es sie immer noch, gerade haben sie ein neues Album herausgebracht, das dritte erst.

Die Astra Stube liegt am Rande des Hamburger Schanzenviertels an einer vielbefahrenen Kreuzung und noch dazu unter einer Eisenbahnbrücke. Hier rattern alle Züge rüber von oder nach Skandinavien. Der Club ist winzig. Wenn man selber reingeht, ist er schon halb voll. Musik kann hier sehr intensiv werden, eindrücklicher als anderswo. In der Astra Stube können Musiker nicht einfach nur so spielen. Sie müssen es wollen.

Nach dem Auftritt der Band verspürte ich plötzlich den Wunsch, mir von ihr etwas mitzunehmen, eine Platte möglicherweise, ein Echo jener schweren Wellen, die sie durch die Nacht geschickt hatten. Ich kaufte mir eine Single und ein T-Shirt, auf dem zwei dicht beieinander stehende Hochhäuser sehr unterschiedlicher Breite zu sehen waren, ein nachhaltig beunruhigendes Bild. Auch der Name der Band beschäftigte mich, zeichnen sich tiefe Töne doch durch ihre Nichtverortbarkeit aus. Niedrige Frequenz in Stereo: Wie sollte das gehen? So machte diese Band auch ein kleines Geheimnis.

Ihre Mitglieder waren übrigens blutjung, jünger noch als Nele, deren Geburtstag wir bis in die Frühe feierten, am Fenster der Astra Stube sitzend, unter der Brücke auf die Kreuzung blickend, die in ein unwirkliches gelb-orangefarbenes Licht getaucht war. Lastwagen fuhren von links und rechts aneinander vorbei, und auch ihre Schatten hatten dieses gelbliche Orange, nur etwas fahler.

„The Last Temptation Of… Volume 1“ von The Low Frequency In Stereo ist als LP und CD erschienen bei Rec90/Cargo

Hören Sie hier „Big City Lights“

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Couch: „Figur 5“ (Morr Music 2006)
Sonic Youth: „Rather Ripped“ (Geffen 2006)
Sometree: „Bending The Willow“
(pop-u-loud/PIAS 2006)
Kate Mosh: „Breakfast Epiphanies“ (Noisolution 2006)

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