Platten zum Hinhören
Kategorie:

Jazz

Die drei Ästheten

Von Stefan Hentz 11. November 2009 um 15:07 Uhr

Vorsichtig wie auf Filzpantoffeln setzt das Jazz-Trio um den Pianisten Stefano Bollani seine Akzente: Es hebt den Klang auf eine neue Ebene.

Jesper Bodilsen, Stefano Bollani und Morten Lund (© Robert Lewis/ECM Records)

Jesper Bodilsen, Stefano Bollani und Morten Lund (© Robert Lewis/ECM Records)

Das Spiel mit Spannungszuständen, mit Aufladung und Entladung, das im Kern der Improvisationskultur des Jazz steht – nirgends tritt es deutlicher zutage als im Trio, das längst zu einer der bevorzugten Konstellationen aktueller improvisierter Musik geworden ist.

Das kleine Format funktioniert wie eine Lupe: Es vergrößert die Wirkung jedes einzelnen Tones und ermöglicht es den beteiligten Musikern, mit Nuancierungen im Detail große Wirkung im Ganzen zu erzielen. Jeder Ton zählt, verschiebt Gewichte, geht auf Konfrontationskurs zu anderen oder schließt Allianzen, setzt Energie frei oder saugt sie auf.

Im Trio mit dem Bassisten Jesper Bodilsen und dem Schlagzeuger Morten Lund nutzt der Pianist Stefano Bollani diese Zusammenhänge sehr bewusst. Vorsichtig wie auf Filzpantoffeln setzen die drei ihre Akzente, hören aufeinander und warten, bis sie sensibel und präzise, mit spürbarem Respekt für den Nebenmann und das große Ganze und in aller Zurückhaltung umso wirkungsvoller, ins Geschehen eingreifen. Eine Akkordbrechung reicht, um dem gemeinsamen Spiel eine neue Richtung zu geben, ein verlagertes Rhythmusmuster von Lunds Schlagzeug oder eine Melodielinie, die Bodilsen seinen Bass im Keller singen lässt.

Alle Rollen in diesem Spiel sind Verhandlungsgegenstand, verflüssigen sich hier und verdichten sich dort in neuen Konstellationen. Ausgehend von einer gemeinsamen Sprache, die melancholische Wendungen im Klanggewand der Romantik höher schätzt als blau getönte Floskeln und die expressive Erregung einer klassisch geschulten Klangbildung unterordnet, entwickeln die drei Musiker ihre polyglotte Form der improvisierten Polyphonie, für die Kontinente und Kategorien ihre strukturierende Kraft verloren haben.

Nur das Spiel mit Spannungsverläufen und Kräfteverhältnissen bleibt hier unangetastet, ein Spiel, das diese drei jungen europäischen Ästheten des akustischen Klanges auf eine neue Ebene heben.

“Stone In The Water” von Stefano Bollani, Jesper Bodilsen, Morten Lund ist erschienen bei ECM/Universal.

Dieser Text ist abgedruckt in der ZEIT Nr. 46/2009.

Kategorien: Jazz

Daheim bei den Leuten

Von Karsten Mützelfeldt 16. Oktober 2009 um 09:53 Uhr

Der Norweger Ola Kvernberg ist ein Meister der Hardangerfiedel. Subtil verschmilzt er Folktraditionen mit zeitgenössischem Jazz. [weiter...]

Kategorien: Folk, Jazz

Mathematische Eleganz

Von Stefan Hentz 11. September 2009 um 11:40 Uhr

Der Amerikaner Vijay Iyer gilt als der Jazzpianist der Stunde. Sein neues Trio-Album ist utopisch, spannungsgeladen und immer wieder überraschend. [weiter...]

Kategorien: Jazz

Fette Ästhetik

Von Christian Bröcking 17. August 2009 um 10:47 Uhr

Christian Lillinger zählt zu den meist beschäftigten Schlagzeugern der jungen deutschen Jazz-Szene. Jetzt hat der 25-Jährige seine erste CD unter eigenem Namen vorgelegt: ein beeindruckendes Debüt
[weiter...]

Kategorien: Jazz

Weltreisende des Jazz

Von Stefan Hentz 22. Juli 2009 um 10:21 Uhr

Der Saxofonist John Surman ist wieder da und trifft alte Freunde zum Quartettspiel. Auf “Brewster’s Rooster” wächst schwelgerische Melancholie direkt neben krassen Dissonanzen
[weiter...]

Kategorien: Jazz

Trompeten des Widerstands

Von Maxi Sickert 13. Mai 2009 um 12:26 Uhr

Der Südafrikaner Hugh Masekela glaubt an die politische Kraft der Musik. Sein eingängiger Jazz setzt dem Kampf gegen die Apartheid ein Denkmal
[weiter...]

Kategorien: Jazz

Musik ist kraftlos geworden

Von Maxi Sickert 15. April 2009 um 16:01 Uhr

Mit seinem Quartett hat der Saxofonist Branford Marsalis eine Metamorphose durchgemacht. Leider klingt das Ergebnis fad und uninspiriert
[weiter...]

Kategorien: Jazz

Funksprüche vom Mississippi

Von Maxi Sickert 25. März 2009 um 10:25 Uhr

John Scofield entlockt seiner Gitarre den Gospel: “Piety Street” klingt mal wie eine Liebeserklärung an das ungeschminkte Amerika – und dann wieder glatt und kommerziell
[weiter...]

Kategorien: Jazz

Chinas Lieder

Von Christian Bröcking 18. März 2009 um 10:42 Uhr

Die junge MTV-Moderatorin China Moses singt die Hits der Blues-Diva Dinah Washington neu. Und das klingt richtig gut, weil sie gar nicht erst versucht, ihr Vorbild zu übertreffen
[weiter...]

Kategorien: Jazz

Atmosphäre so dicht

Von Sebastian Reier 4. März 2009 um 11:41 Uhr

Ende der Siebziger trafen der Perkussionist Sabu Martinez und der Saxofonist Sahib Shihab in Schweden aufeinander. Jetzt ist das magische Ereignis endlich nachzuhören
[weiter...]

Kategorien: Jazz