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Latin

In 14 Liedern um die Kokosnuss

Von 9. Juni 2008 um 12:23 Uhr
Señor Coconut jagt alte Hits durch seinen Rechner und verpasst ihnen den Hüftschwung. Sein neues Album lädt den Hörer zu einer Reise im Tanzschritt, es geht von Kontinent zu Kontinent, von Dekade zu Dekade.

Señor Coconut Around The World

Señor Coconut wohne in Chile, sagen das Internet und die Werbetexte. Was das mit seiner Musik zu tun hat? Versuchen wir es mal so: Käme eine Platte mit Lederhosen-Blasmusik aus Bayern, wäre das nichts Ungewöhnliches. Käme sie aber aus Chile und wäre nicht von einer Band eingespielt sondern Stück für Stück am Computer zusammengesetzt, so wäre das schon die Erwähnung wert. Señor Coconut macht so eine Art Blasmusik, wenn auch keine bayerische.

Señor Coconut heißt bürgerlich Uwe Schmidt. Er nimmt sich der Musik seiner lateinamerikanischen Wahlheimat an und spielt in der typischen Kombination aus Perkussion und Bläsern Welthits nach. Am Computer, aus vielen kleinen Schnipseln zusammengesetzt. Dass diese genau genommen billige Art der Wiederverwertung funktioniert, liegt nur zum Teil an der gelungenen Auswahl der Titel. Viel wichtiger sind Señor Coconuts aufrichtige Wertschätzung lateinamerikanischer Musik und sein Humor.

Was bisher geschah: Seit rund zehn Jahren schüttelt Uwe Schmidt die Kokosnüsse, zuerst auf dem Album El Gran Baile. Das war noch bevor er nach Chile exilierte. Im Jahr 2000 interpretierte er auf El Baile Aleman das Werk der Band Kraftwerk neu, auf Fiesta Songs drei Jahre darauf stellte er Sade, Deep Purple, Michael Jackson und Jean-Michel Jarre nebeneinander auf die Tanzfläche. Im Jahr 2006 bearbeitete er auf Yellow Fever Stücke der japanischen Elektropopband Yellow Magic Orchestra, im gleichen Jahr schenkte er der Welt Coconut FM, eine im Stil einer Radiosendung gemischte Kompilation südamerikanischer Clubmusik.

Jetzt geht es Around The World, der Titel fasst zusammen, worum es bei Señor Coconut offenbar schon immer ging. Dankbar greift er die Vorlage der französischen Tanzbarden Daft Punk auf und bringt die Hüften zum Schwingen. Weiter um die Welt geht es mit Sweet Dreams, die britischen Eurythmics dürfte diese gelungene Version ihres Stücks erfreuen. Stefan Remmler war so angetan von der Neuinterpretation seiner alten Band Trio, dass er bei Da da da ich lieb dich nicht du liebst mich nicht aha aha aha gar selbst singt.

Wie und wo sich der in Berlin lebende venezolanische Sänger Argenis Brito und der österreichische Crooner Louie Austen die Klinke in die Hand – besser den Kiss – gaben, ist eines der Rätsel der weltumspannenden Idee dieses Albums. Die synthetische Frauenstimme auf Corcovado hingegen stammt wohl aus Japan, das ist immer eine Reise wert. Havanna hingegen liegt um die Ecke, das Stück Que Rice El Mambo gibt Señor Coconut die Möglichkeit, den kubanischen Musiker Pérez Prado auferstehen zu lassen. Er gilt als Erfinder des Mambo und ist der gute Geist Coconuts Musik.

Beim Pinball ChaCha der Schweizer Elektroband Yello tritt Louie Austen erneut ans Mikrofon. Anschließend holen Señor Coconut und Argenis Brito das vor 25 Jahren in Dänemark gestrandete White Horse wieder in seine Heimat zurück. Laid Back hatten das damals gesungen, ob man ihre Meinung über Konsum und Nicht-Konsum in Südamerika teilt? Die Basslinie spricht eine klare Sprache, das Pferd fühlt sich schnell wieder heimisch.

Apropos Heimat. La Vida Es Llena De Cables ist eine Neuinterpretation der Los Samplers, einer gar nicht existenten Band von Señor Coconut (hier getarnt als AtomTM) und Original Hamster. Da sind wir doch schon fast wieder zu Hause. Zum Schluss werden wir ausgeführt in die Moscow Disco von Telex. Toll! Und wer dann noch nicht genug von der Welt gesehen hat, den nehmen die beiden Bonustitel Dreams (Are My Reality) und Voodoo Dreams noch ein Stückchen mit. Voodoo Dreams von Les Baxter und sein Album ‘Round The World With Les Baxter gaben übrigens die Idee für den Titel dieses Albums.

Señor Coconuts Interpretationen funktionieren bei elektronischem Ausgangsmaterial am besten, weil die Unterschiede am größten sind. Es macht Spaß, die vollkommen synthetischen Klänge von Daft Punk und Eurythmics durch Bläser und Trommeln ersetzt zu hören. Tanzbar ist jedes Lied, die geschwungene Welle auf dem n hat der Señor sich redlich verdient.

„Around The World“ von Señor Coconut ist auf CD erschienen bei PIAS/Rough Trade.

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