Musik zwischen Disko und Diskurs
Kategorie:

Pop

Mach mir die Sintflut

Von 15. Februar 2012 um 12:13 Uhr

Ein großartiges Album! Die Norwegerin Hanne Hukkelberg singt über SMS, Brot und Fantasie, trommelt sich durch ihren Besteckkasten und nähert sich der Arche Noah mit einer Schöpfkelle.

© Propeller Recordings

Wer kennt das nicht: Man bekommt einen Anruf auf dem Handy und niemand meldet sich. Stattdessen hört man das rhythmische Rascheln des Mobiltelefons in der Hosentasche. Aber daraus einen Song machen? Darauf kommt nur Hanne Hukkelberg. “SMS is more important than me“, singt die Norwegerin. Dazu ein simpler Gitarrenakkord und klopfende Schuhe – fertig ist der Song über die Kurznachricht.

Die anderen Stücke auf ihrem neuen Album Featherbrain sind nicht ganz so minimalistisch, aber mindestens so originell. Es ist ein großartiges Album! Im Titelsong klirrt die Kalimba wie Eiskristalle, eine einsame E-Gitarre taucht auf und wieder ab, im Hintergrund ein Clavinet. Mal erinnert der avantgardistische Mix an Radiohead, dann wieder an die Klanglandschaften von Bon Iver.

Im grandiosen Noah schraubt die studierte Jazzmusikerin ihre Stimme weit nach oben, streicht mit dem Violinbogen über die Westerngitarre. Für Rhythmus sorgen Steine, Scheren und Schöpfkellen, ihr Vater spielt dazu auf einer uralten Kirchenorgel. Bis am Ende alles in einer akustischen Sintflut untergeht.

Noah by Hanne Hukkelberg

Hukkelbergs viertes Werk ist eine wahre Klangwundertüte: Da wird mit Essbesteck getrommelt, es klappert und piept, in The Bigger Me pfeift ein Teekessel. Doch egal, ob Stephan-Remmler-Keyboard, Schrank oder Weingläser – die exzentrischen Sounds fügen sich stets zu einem organischen Ganzen. Und da ist ja auch noch ihr Gesang. Vielleicht liegt es daran, dass sie genau zwanzig Jahre nach Morten Harket in dessen Heimatstadt Kongsberg zur Welt gekommen ist: Ausdrucksstark und stimmgewaltig hält sie die ausufernden Songs zusammen, manchmal singt sie ganz ohne Begleitung.

Oh, my devils owning me / Or am I owning my devils?” fragt sie und der Drumcomputer klingt nach bestem Achtziger-Pop. Als wollte sie meterdicke Wände durchdringen, vervielfältigt sie sich selbst zum Chor. Ein hingeworfenes “Ha!” zwischen bedrohlichen Klavierakkorden, Gitarrenlärm und einem wilden Holzschuhtanz auf dem Tisch. Doch verkopftes Rumgefrickel ist das keineswegs.

Im fast achtminüten Too Good To Be Good lässt der Jazzgitarrist Ivar Grydeland sein Banjo wie Walgesang klingen. Gitarrensaiten spannen sich wie die Taue eines Schiffes, das schon abgelegt hat, obwohl es noch an der Kaimauer hängt. Vibrafon und Synthie-Bass treiben den Song voran, während Hukkelberg in die Hände klatscht. Manchmal erinnert das an den experimentellen Rock eines Tom Waits – nur eben in der weiblichen und dreißig Jahre jüngeren Version.

Hanne Hukkelberg – My Devils

Herzerweichend ist ihr Duett mit dem 88-jährigen Sänger Erik Vister. Das Klavier schräg gestimmt, im Hintergrund so etwas wie eine Zither. Im Feuilleton-Slang müsste man wohl sagen, das Stück klinge wie aus der Zeit gefallen. Tatsächlich ist es schlichtweg ein bewegender Song über die einfachen Dinge des Lebens: Wasser, Brot und Wärme. “Jeg eier min tid / Jeg eier min fantasi“, singen die beiden auf Norwegisch. “Ich besitze meine Zeit / Ich besitze meine Fantasie” – wohl dem, der das von sich behaupten kann.

“Featherbrain” von Hanne Hukkelberg erscheint bei Propeller Recordings (Soulfood).

Kategorien: Pop

Müde Hamburger Geschmeidigkeit

Von 6. Februar 2012 um 12:36 Uhr

Intelligent behaglich, so klingen Kettcar seit Jahren. Wie schade, dass sie sich auch für ihr neues Album nicht aus dem Federbett der Kernkompetenz herausbequemen.

© Andreas Hornoff

Kettcar – da weiß man, was man hat: Derselbe ergreifende Kopfbariton vom wohligen Reibeisen Marcus Wiebuschs, wie gewohnt. Mit derselben durchdachten Popprosa, die ihren Hintersinn nicht beim bloßen Drüberweghören offenbart. [weiter...]

Kategorien: Pop, Rock

Air singen den Mond an

Von 3. Februar 2012 um 14:17 Uhr

Mit “Moon Safari” wurden sie berühmt. Das neue Album der zwei Franzosen heißt “A Trip To The Moon” und lässt den früheren Blümchensexsound hinter sich.

© Wendy Bevan/EMI

Air sind zurück auf dem Mond. Zum zweiten Mal nach ihrem Debüt Moon Safari von 1998 widmen sie dem Erdtrabanten ein ganzes Album [weiter...]

Kategorien: Pop

Auf keinen Fall Folk!

Von 30. Januar 2012 um 09:25 Uhr

Für Sam Genders’ Bandprojekt Diagrams müsste man ein neues Genre benennen. Sein Album “Black Light” quillt über vor Kreativität und ist im besten Fall toller, verspielter Pop.

© Paul Heartfield/Chrissie Abbott

Folk kann man ja auch schon wieder nicht mehr hören. New Folk, Old Folk, Eastcoast Folk, Westcoast Folk, dazu Folkpunk, Folkrock, Indiefolk, Elektrofolk, Weird Folk [weiter...]

Kategorien: Pop

Die schwedische Meta-Sirene

Von 25. Januar 2012 um 10:49 Uhr

Für Freunde der melancholischen Popstimme: Jennie Abrahamson bedient sich bei Kate Bush, Lykke Li, Florence Welch und Robyn und komponiert ein sehr schönes Album daraus.

© How Sweet The Sound

Vor ein paar Monaten noch hätte man sagen können: Jennie Abrahamson klingt wie Kate Bush. Von Kate Bush kann man ja gar nicht genug kriegen [weiter...]

Kategorien: Pop

Eine Stimme, warm wie ein alter Bollerofen

Von 23. Januar 2012 um 11:10 Uhr

Wer einmal Solveig Slettahjell singen gehört und ihren Namen buchstabiert hat, vergisst sie nicht. Jetzt hat Norwegens Meisterin der Reduktion ihre Lieblingspoplieder aufgenommen.

© Andreas Froeland

Nach Hause kommen, Tür zu. Ans Klavier, den Deckel hoch, ein paar Tasten. Einer von diesen Songs, die schon immer da gewesen sind. Rolling Stones, beispielsweise, Annie Lennox oder Tom Waits. [weiter...]

Kategorien: Jazz, Pop

Wir brauchen Raubkatzen statt Miezekatzen

Von 20. Januar 2012 um 09:17 Uhr

Die Wahlberlinerin Toni Kater singt Lieder vom Verlassenwerden und Verlorensein. Verspielt, klug, aber vorhersehbar. Könnte sie nicht mal die Krallen ausfahren?

© Jan Brockhaus/Solaris Empire

Toni Kater kommt auf leisen Pfoten daher. Es klingt, als säße sie am Küchentisch, wärmte sich die Hände an einer Tasse Minztee und schaute in den trüben Großstadthimmel. [weiter...]

Kategorien: Pop

Bloß nicht Papas Chansons!

Von 13. Januar 2012 um 09:23 Uhr

Charlotte Gainsbourg singt wieder. Auf dem neuen Album “Stage Whispers” macht sie sehr deutlich, dass sie das musikalische Erbe ihres Vaters Serge nicht antreten will.

© Warner Music Group

War ja bekanntlich grade wieder Weihnachten. Was da zurückbleibt, sind nicht nur zusätzliche Pfunde, die man nicht haben wollte, und ein paar Geschenke, die man nicht brauchen konnte, sondern oft auch die Erkenntnis: Man wird seine Familie einfach nicht los. [weiter...]

Kategorien: Pop

Hits vom anderen Ende der Welt

Von 11. Januar 2012 um 10:46 Uhr

Ein Australier erobert Europa: Gotyes hochpostneomoderner Pop verbindet die Fäden, aus denen der Zeitgeist sich gerade sein Nervenkostüm strickt.

© James Bryans

Vor ein paar Tagen hat Wouter DeBacker getwittert, er sei von Simon Reynolds’ Buch Retromania gefesselt. Das überrascht niemanden, der die Musik kennt, die er unter dem Namen Gotye macht [weiter...]

Kategorien: Pop

Dieses seltsam zarte Jaulen

Von 6. Januar 2012 um 09:14 Uhr

Aus dem Land der Hinterwäldler auf die flackernden iPods: Die amerikanische Folk-Frau Laura Gibson sucht die Zukunft in den Bildern der Vergangenheit.

© City Slang

Barfuß steht das Mädchen am Lagerfeuer, hat sich eine Decke um den Leib gezogen, ihr Blick ist geradeaus auf den Betrachter gerichtet. Und weil das Foto lange belichtet worden ist [weiter...]

Kategorien: Folk, Pop