Das Musik-Blog zwischen Disko und Diskurs
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Pop

Die Endzeitstimmung ist vorbei

Von 23. April 2014 um 12:48 Uhr

Seit ihrem letzten Album sind 23 Jahre vergangen. Nun hat die Rockband Pixies “Indie Cindy” aufgenommen: etwas Lärm, etwas Rock, etwas saturiert.

© Michael Halsband

© Michael Halsband

Als sich kürzlich der Todestag von Kurt Cobain zum 20. Mal jährte, konnte man allüberall Würdigungen lesen. Manche schlau, manche nicht so schlau, aber in keiner wurde vergessen, Cobain seinen überragenden Platz im Popkosmos zuzuweisen. In einigen wenigen stand sogar, dass er und seine Band Nirvana nicht aus dem luftleeren Raum gekommen waren. Dann wurden auch die Pixies erwähnt. Weiter…

Kategorien: Pop

Diskurspop auf Hanseatisch

Von 17. April 2014 um 10:47 Uhr

Kettcar nur ohne Kettcar: Auf Marcus Wiebuschs erstem Solo-Album “Konfetti” trifft man auf die gewohnte Radiotauglichkeit mit Botschaft und Niveau. Ja, und sonst?

© Andreas Hornoff

© Andreas Hornoff

Wenn es ein Unwort der Musik gäbe, den übelsten Popbegriff ever, schlimmer als noch Easy Listening, Horst-Wessel-Lied oder Saxofonsolo – es wäre wohl: Frontmann. Im Frontmann vereint sich militaristische Alltagssprachanleihe besonders furchtbar mit unterschwelligem Sexismus zu einer Art arglosem Führerprinzip der Massenkultur.

Nun kann man Marcus Wiebusch weder bellizistische noch machistische, geschweige denn diktatorische Triebe unterstellen; der Fro… äh, Kopf, nein: Bühnenkantenmittemensch vom Hamburger Schulkollektiv Kettcar ist ja eher als seidig brummelnder Gefühlsverwalter deutschen Diskurspops bekannt. Aber irgendwie stand er eben doch sein ganzes Bandleben an dem, was man mit der passenden Streitlust als das bezeichnen müsste, was zu kriegerischeren Zeiten “Front” hieß: Zehn Jahre lange als systemfeindlicher Punkrocker von But Alive, zehn weitere als rachitischer Schmeichelbariton von Kettcar, stets im kritischen, pardon: Sperrfeuer der Gegenwehr. Immer mit Gitarre und Mikro vorneweg, stets das Gesicht in den Gegenwind, immer einer für alle mit den anderen dahinter, ganz gegen sein Naturell, wie er selbst sagt, aber musikalisch notwendig.

Jetzt jedoch dringt das “Front” am “Mann” aus Hamburg sogar noch weiter vorwärts: Marcus Wiebusch ist solo. Erstmals. Konfetti heißt sein Einzelprojekt, mit anderen Musikern, gut ein halbes Dutzend; am Ende allerdings steht er allein im Namenszug unter einer Reihe von Erfüllungsgehilfen, ja Angestellten. Einfach weil “alle musikalischen Entscheidungen von mir stammen”. Und nicht nur die.

Fast alles an Wiebusch ohne Kettcar erinnert an Kettcar mit Wiebusch. Die Texte mögen nicht immer so poetisch kodiert klingen, Sound oder Gesang zuweilen robuster, und dann wäre da ja noch dieses zornige, bitter nötige, ziemlich gelungene Schlüsselstück Der Tag wird kommen übers Coming-out eines schwulen Fußballprofis nach Hitzlsperger, aber angeblich vor ihm fertiggestellt, das bereits seit Wochen durchs Feuilleton rauscht – auch ohne sein gewohntes Umfeld bleibt Marcus Wiebusch unüberhörbar er selbst.

Kein Wunder: Zu unverwechselbar ist seine Stimme, zu diskurspoppig hanseatisch der Umgebungsklang mit feiner Gitarrengrundierung, treibendem Schlagzeug, ab und an ein paar Klavierfetzen und Samples, dazu reichlich urban poetry zwischen Haters gonna hate und Nachrichten für die Alpha-Männer. Das macht Konfetti zu klugem Indiepop aus Hamburg in der Tradition von Sterne, Blumfeld, Tomte, Kettcar, aber dank Sprechgesang, Bläsern, mehr Tempo, mehr Kraft “experimentierfreudiger” als letztere, wie Wiebusch beteuert.

Mag sein, auch dass es toll klingt für jene Ohren, die auf derlei sanft gebrochene Geschmeidigkeit stehen, Radiotauglichkeit mit Botschaft und Niveau. Aber Konfetti ist und bleibt eben nicht neu, schon gar nicht spezifisch Wiebusch. Es ist Kettcar, nur ohne Kettcar. Die, die das lieben, werden jubeln, alle anderen kotzen. So ist das an der Front des Pop.

Konfetti ist erschienen auf Grand Hotel van Cleef.

Kategorien: Pop

Wie ein Rätselheft des Soul

Von 16. April 2014 um 13:27 Uhr

Seit 15 Jahren sind die R’n’B-Platten von Kelis zu eigenwillig für den großen Durchbruch. Auf ihrem neuen Album “Food” ist die New Yorkerin erstmals zu langweilig dafür.

© PR/Ninja Tune

© PR/Ninja Tune

Ein großer Popstar ist immer auch ein kleines Rätsel. Kelis allerdings ist ein ganzes Rätselheft, und wahrscheinlich hat sie es deshalb nie zum ganz großen Popstar gebracht. Ihre wutentbrannte Debütsingle Caught Out There platzte 1999 in eine sturzbiedere R’n’B-Landschaft hinein, die Gefühlsausbrüche von Frauen nur als effekthascherisch inszenierte Hilferufe kannte. Kelis aber klang, als käme jede Hilfe zu spät. Sie war aufgekratzt und aufgewühlt, der Refrain von Caught Out There versprach echte Gefahr. Er lautete “I hate you so much right now”, die Sängerin schrie ihn heraus wie am Spieß.

In den 15 Jahren danach hat Kelis Rogers eine kommerziell lukrative, künstlerisch unkalkulierbare Karriere durchlebt. Zunächst im Schulterschluss mit dem Produzententeam The Neptunes und New Yorker Straßenrap-Schwergewichten wie Ol’ Dirty Bastard und ihrem späteren Ehemann Nas. Zuletzt mit der Disco-Pop-Kehrtwende des Albums Flesh Tone. Den Schwung ihrer gelegentlichen Hits konnte Kelis nur selten mitnehmen. Ihre besten Alben malten sich R’n’B als nervös flirrende Musik der Zukunft aus; an die Gegenwart ließ sich das nicht immer vermitteln. Auf Flesh Tone folgte eine fast vierjährige Pause. Kelis konzentrierte sich auf die Kochkunst.

Das Album nach der Pause heißt Food und ist das bisher größte Rätsel von Kelis. Die 34-Jährige steht jetzt bei einem Londoner Indie-Label unter Vertrag, dessen Schwerpunkte auf experimenteller Elektronik und Rapmusik liegen. Ihre sechste Platte hat sie mit David Sitek aufgenommen, bekannt als Mitglied der Art-Rockband TV On The Radio und durch Produktionen für die Yeah Yeah Yeahs und Scarlett Johansson. Die Ausgangslage versprach eine weitere Kehrtwende, und Kelis erfüllt diese Erwartung ausgerechnet mit dem risikoscheusten Album ihrer Karriere.

Food ist eine Retro-Soul-Platte, wie sie vielleicht auch Amy Winehouse im Jahr 2014 aufgenommen hätte. Der Bass klingt bauchig und funkverliebt, das Klavier kreiselt engagiert, den Bläsern hört man an, dass sie nicht aus einem Computer kommen. Kelis liefert sich kehlige Duelle mit ihrer Expertenband. Food klingt in solchen Momenten nach einer teuer erkämpften Leistungsschau. Der Breitwand-Stil des Beatles- und Motown-Produzenten Phil Spector war vorher zum Leitbild der Aufnahmen erklärt worden. An die überwältigende Kraft seiner besten Arbeiten kann Food jedoch nicht anknüpfen.

Kelis scheint das selbst zu ahnen; nie wird sie ganz warm mit der Ausrichtung des Albums. Sie hat die falsche Stimme für den sauberen Soul von Food, nicht kräftig und variabel genug, um großformatige Hymnen zu tragen. Die fantasielosen Arrangements räumen kaum Möglichkeiten für Überraschungen und I hate you so much-Momente ein. Ob solche Wutausbrüche überhaupt noch in Kelis stecken, ist jedoch ohnehin zu bezweifeln. Auf Food entsprechen ihre liebestrunkenen Zweisamkeits-Texte meist dem kreuzbraven Songwriting.

Nicht nur Kelis hatte auf früheren Alben spannendere Konstellationen im Auge. Der R’n’B insgesamt hat sich abgesetzt von trauter Empfindsamkeit und reiner Bettenmusik. Beyoncé sang auf ihrem vergangenen Album komplexe Lieder über die Erfüllungen und Herausforderungen eines glücklichen Ehelebens. Bands wie The xx und The Weeknd erforschen die dunklen und hässlichen Seiten des traditionell sexuell aufgeladenen R’n’B. Auch Kelis hat früher in die Abgründe des Genres geblickt. Food aber ist genügsam. Es sieht sich allein an seinen Oberflächen satt.

“Food” erscheint am 18.04. bei Ninja Tune/Rough Trade.

Kategorien: Pop

Mutti Motown und Papa Pop

Von 14. April 2014 um 10:59 Uhr

Der Plattenschrank der Eltern im neuen Glanz: Chet Fakers Album “Built on Glass” klingt nach Zeiten, als der Röhrenverstärker noch frohgemut knisterte und das Rauchen noch erlaubt war.

© Lisa Frieling

© Lisa Frieling

Nicholas James Murphy hätte es besser wissen können. Schon im Jahr 2009 ergab eine Studie der Universität Oldenburg, dass bestimmte Vornamen wie Mandy und Justin die Erfolgschancen von Kindern mindern. Nun muss man Murphy zugute halten, dass er aus Melbourne stammt und ihn die Erkenntnisse der Universität Oldenburg womöglich nicht erreicht haben. Weiter…

Kategorien: Elektronika, Pop, Soul

Glückspillen in Klangform

Von 11. April 2014 um 13:32 Uhr

Da kann keiner auf dem Sitz bleiben: Der Entertainer Todd Terje schüttelt auf “It’s Album Time” den musikalischen Aberwitz aus dem Füllhorn des Pop.

© Olsen Records

© Olsen Records

Samuel Beckett hatte schon recht mit seiner Selbsteinschätzung, die mehr noch eine Fremdeinschätzung war. “Wir alle werden verrückt geboren”, schrieb der Schriftsteller vor vielen, vielen Jahren in Warten auf Godot. Manche indes, fügte er hinzu und meinte das sicher nicht despektierlich, “die bleiben es”. Todd Terje zum Beispiel. Ein Name wie ein kanadischer Holzfällerhund, ein Musiker wie ein Berserker mit Zartgefühl, ein Debütalbum, heißkalt wie ein himmlisches Fegefeuer. Beckett hat fraglos den norwegischen Alleinunterhalter vorweggenommen, als er die Randgruppe derer beschrieb, die sich den Aberwitz kindlicher Leidenschaft erhalten haben.

Terje, der nicht Todd, aber mit Nachnamen Olsen heißt, knallt dem Pop unterm wunderbar proklamatorischen Titel It’s Album Time ein Erstlingswerk vor den Latz wie eine Schale zuckersüßen Babybreis. Dafür ein Genre zu benennen ist nahezu unmöglich; irgendwas mit Elektro, Trash und Swing dürfte es wohl sein, was der geniale Bigbandbartechnopianist da zwölf Stücke lang aus dem Nichts zaubert.

Aber um Begriffe, Genres, Zuweisungen geht es ja auch gar nicht auf diesem Urknall zeitgenössischer Tanzmusik ohne R-’n'-B-Geseife. Es geht um eine Genese, die Genese des Aberwitzes aus dem Füllhorn des Pop. Es geht um ein Album, dass seinem Nest entschlüpft wie ein Vogel dem Ei und sodann in die Höhe steigt wie Phoenix und … pardon – zu dick aufgetragen? Zu viel Pathos? Zu metaphorisch?

Dann bitte einfach mal reinhören und versuchen, dabei entspannt auf dem Sitz bleiben. Viel Erfolg! Denn nach einem housigen Intro mit dem Plattentitel als gehauchte Verheißung baut Todd Terje sein Debüt auf wie eine Sandburg am Strand, die sich mit jeder Zinne ein bisschen mehr an ihrer selbst berauscht und wächst und wächst und wächst. Leisure Suit Preben etwa klingt zu Beginn noch entfernt nach einem leicht überschminkten Cover der Titelmelodien von Timm Thaler bis Captain Future, denen im anschließenden Preben Goes To Acapulco eine Prise Daft Punk und Skrillex beigemischt wird. Doch spätestens mit dem heillos überdrehten Svensk Sås nimmt das Album namens Album dann so tollkühn Fahrt auf, dass handelsüblicher Trashpop zur harmlosen Verschrobenheit verdampft.

Wie brasilianischer Samba auf 45rpm gesteigert, hetzt der Entertainer durch diesen Reigen der Klangfülle und behält das gefühlte Tempo auch die nächsten Lieder bei. Das klingt dann mal nach restauriertem Achtziger-Jahre-Bombast, mal nach beschleunigtem Sixtiesbeat, unterbrochen nur durch ein abstruses Robert-Palmer-Cover featuring Bryan Ferry. Schon das wirkt überwiegend wie ein Satz Glückspillen in Soundform – und da sind wir noch nicht mal bei Alfonso Muskedunder gelandet, dem Schlüsseltrack, der den Eindruck erweckt, hier würden sechs, sieben Scheiben zeitgleich abgespielt.

Aber Chaos? Mitnichten! Um nochmals Weltliteratur zu zitieren: “Ist dies schon Tollheit, hat es doch Methode”, sagt ein gewisser Polonius bei Shakespeare über eine Titelfigur, die dem Wahnsinn ja nun wirklich besondere Seiten abtrotzt. Ganz genau wie Todd Hamlet Terje Olsen.

“It’s Album Time” ist erschienen bei Olsen Records.

Kategorien: Pop

Wir Kinder aus Genderland

Von 9. April 2014 um 14:44 Uhr

Feministische Standortbestimmung und Kapitalismuskritik, und alles mit Gitarre! Die junge schwedische Indie-Band Könsförrädare hat eine Mission.

© Teg

© Teg

So paradox das in Kombination klingt, so gut haben es längst andere vorgemacht. Sleater-Kinney den sich überschlagenden Gitarrenrock, The Organ den verorgelten Pop, der altmodischen Soul mit neuer Eile anzog, und Electrelane die zerkrachten Melodien. Ihre Messer behielten dabei alle stets im Ärmel; wie wütend ihre Songs auch wurden, so wenig fuchtelten sie mit feministischen Parolen herum. Könsförrädare fahren den Krach nun noch ein paar Stufen runter.

Wer die Band aus dem kleinen nordschwedischen Luleå nur über ihren Song Raging River kennt, könnte sie leicht für nicht mehr als die nächste skandinavische koedukative Spielgruppe halten. Könsförrädare aber haben eine Mission, dafür steht schon ihr Name.

Niemand nennt sich Könsförrädare, ohne das ständig erklären zu wollen. Den Begriff hat die Band der Legende nach aufgeschnappt, als eine feministische Politikerin ihn als Beleidigung für Frauen prägte, die als “Geschlechtsverräterinnen” mit Männern schliefen, um ihn dann für sich positiv umzudeuten. Das funktioniert, vor allem außerhalb von Schweden, wo die radikale Tiina Rosenberg sowieso niemand kennt und man sich lieber mit musikalischen Exporten beschäftigt, aber es sorgt gleichzeitig auch dafür, dass das Zungenbrecherwort so schnell nicht in Vergessenheit gerät. Google haben sie damit längst gewonnen.

Raging River gab es schon vorab zu hören, ein an den richtigen Stellen verzerrtes Stück Indiepop mit leicht ungemütlichen Strophen voll hohem Gesang, dazwischenfunkendem Keyboard und störrischem Rhythmus, das sich zum Refrain weit öffnet. Wären da nicht Zeilen wie “You can’t walk on me, you’ll drown” oder “I don’t make music with my crotch”, könnte man auch annehmen, dass Könsförrädare es einfach mit der Natur haben.

Viel deutlicher wird es auf dem Album Curse All Law textlich auch nicht. Wer zuhört und mitdenkt, erkennt in den Songs nicht nur feministische Standortbestimmung, sondern auch Kapitalismus- und Systemkritik und in Okay die Manifestation all der Selbstverteidigungskurse, in die sie anscheinend auch in Schweden ihre Mädchen schicken: “I said it’s not okay again.” Für griffige Slogans sind Könsförrädare nicht zu haben, aber das sind Poeten ja selten.

Was auch bedeutet, dass man ihre Songs, wie die der eingangs genannten Bands, hören und mögen kann, ohne irgendeine Ahnung zu bekommen. Das klackernde Finger On The Trigger verstört dann nur mit Durcheinandergesang einer ruhigen und einer aufgewühlten Stimme, bevor ein sanfter Trommelwirbel alles wieder beruhigt. Second Coming wird zur leidenschaftlichen Referenz an den Neunziger-Indierock mitsamt schiefem Klavier und der nächsten eigenwilligen Zweitstimme über einem entspannten Gitarrenbett.

Und das sechs Minuten lange Removed, Included / Glass Mountains ist einfach nur eine Meditation über das persönliche Raumbedürfnis in einer Beziehung aus der einfachsten kleinen Gitarrenmelodie der Welt und ein bisschen Wabern dahinter, die in der gruselig geflüsterten Erkenntnis mündet: “I’ve never felt so much alike.” Das sind private, politische Zeilen. Kluge Kids, Könsförrädare.

“Curse The Law” erscheint bei Teg/Cargo.

Kategorien: Pop, Rock

Grunge im Weltraum

Von 7. April 2014 um 11:18 Uhr

Die Band EMA baut seltsame Kunstwerke aus kreischenden E-Gitarren und nervöser Elektronik. Auf ihrem zweiten Album “The Future’s Void” steuert sie durch Lärm und Härte.

© City Slang/Universal

© City Slang/Universal

Auf EMAs The Future’s Void gibt es genau einen Song, der wirklich klingt wie Courtney Loves Band Hole, aber der reicht schon, um das dieses Album zu verstehen. Sonnenträge streicht Erika M. Anderson in So Blonde ihre Gitarre, salzig-samtig klingt ihre Stimme, um zum Refrain dann so routiniert fauchend den Kopf zurückzuwerfen, als hätte Courtney Love persönlich ihr alles beigebracht. Wobei EMA sich natürlich von niemandem etwas vormachen lässt.

Vor knapp drei Jahren kramte die Presse extra für die Amerikanerin das Label Noise-Folk heraus und ließ damit nicht mehr ab von ihrem Debütalbum, das sanfte Gitarrenklänge und gehauchte Texte zudröhnte und klackernd wegdrosch, bis vor lauter Gänsehaut niemand mehr schlafen konnte. Past Lives Martyred Saints war ein leises Biest, das sich die Fangzähne unter dem Kinderzimmerbett abstieß.

Seinem Nachfolger ist das viel zu eng. The Future’s Void, dessen Titel mal je nach Lust und Englischkenntnissen als “Die Zukunft ist leer” oder “Die Leere der Zukunft” lesen kann, gibt sich so selbstbewusst, wie sich das für ein zweites Album gehört. Mit Folk hat das nicht mehr viel zu tun, EMAs Noise befällt jetzt in elektronischer Mutation den Grunge und lässt stellenweise nicht mehr als seinen Geruch in der Luft zurück.

Das Grundgefühl auf Andersons zweitem Album ist also ein schmutzig romantisches, und die Künstlerin boxt darin mal gegen die Wände, um dann wieder ganz leicht über allem zu triumphieren. Die Grundlage bilden Beats, die mal aus menschlichem Stampfen und Klatschen bestehen und mal aus überirdischem Rauschen und Zischen. Darüber baut EMA merkwürdige Kunstwerke aus kreischenden E-Gitarren, verzerrtem Gesang über die Tücken virtueller Realitäten, schwerem Kettenrasseln und nervösem Fiepsen, deren elektroschrottige Existenz am Ende doch nur eins markiert: Ein Mensch war hier.

So wie Courtney Love in den 90ern mit ihrer Grunge-Gitarre Raum für kaputte Puppen erobert hat, so fliegt EMA jetzt darüber hinaus. Die Wärme und das hoffnungslose Schwärmen, mit denen beide ihre Songs durch Härte und Lärm steuern, ist ihnen gemein, nur die Mittel hat sich jede selbst zurechtgelegt. So nah wie im indierockigen So Blonde sind sie sich nicht noch einmal, deshalb erinnern ruhigere Anderson-Songs wie When She Comes vor allem in ihrer Entspanntheit an Love, die im zerrissenen Nachthemd auf dem Boden sitzt und endlos liebevoll über die Beschissenheit der Welt singt und über die Riot Grrls, die sich dagegen wehren. In Elektrosongs wie Cthulu findet sich ein Klang zwischen kühlen Industrial-Beats und waberndem Mönchsgesang.

The Future’s Void ist die Reise des Grunge ins Weltraum, wo ihm zwischen splitternden Meteoriten und blinkenden Raumschiffen endlich doch die Zukunft gehört. Dafür hat EMA genug in ihr Album gepackt, um damit mindestens ewig zu überleben, von scharf quietschenden Gitarren bis zu hübschen Plunderteilchen aus Klavier und Streichern, die da oben niemandem nützen, außer dass sie an unten erinnern. Für den Schluss hat Anderson sich in Dead Celebrity ein besonders bittersüßes Denkmal gesetzt. Zwischen Nationalhymne eines versunkenen Staats und alter Country-Weise stampft der Song leise voran, unterstützt nur vor ihrer feierlichen Orgel und ihrem verträumten Gesang, bis am Ende alles in Feuerwerk aufgeht. Gesampelt, natürlich, im All wäre das sonst nicht zu hören.

“The Future’s Void” von EMA erscheint bei City Slang/Universal.

Kategorien: Pop

Sexualforscher am Synthesizer

Von 4. April 2014 um 13:19 Uhr

Kevin Drew hat die Welt und ihre Betten gesehen. Mit dem luftgepolsterten Pop seines zweiten Soloalbums sucht der Sänger von Broken Social Scene nach Intimität in Zeiten der sexuellen Reizüberflutung.

© City Slang

© City Slang

Broken Social Scene waren immer schon halb Rockband, halb soziologisches Experiment. Mehr als 30 mehr oder minder feste Mitglieder gehörten zwischenzeitlich zur Gruppe aus Toronto. Man nannte sie den Kennedy-Clan der kanadischen Gitarrenmusik und sprach Kevin Drew die Rolle des JFK zu. Weiter…

Kategorien: Pop

Eine handfeste Sirene

Von 28. März 2014 um 08:35 Uhr

Brummende, kratzende, schabende Klänge von einem Ort ohne Schmerzen: Souverän nimmt die Sängerin Dillon ihren Platz zwischen Kunstlied und Electro-Chanson ein.

© BPitch Control/Rough Trade

© BPitch Control/Rough Trade

Wie ist das wohl, wenn man selbst nur noch eine Frage der Zeit ist? Wenn das Ende absehbar ist, der Tod vor der Tür steht? Wie ist das, die eigene Vergänglichkeit zu spüren? Was ist das für ein Gefühl? “I’m only a matter of time”, singt Dillon, und wenn man sie singen hört, dann kann man tatsächlich ein wenig besser verstehen, wie das sein könnte, wenn eines Tages der Tag kommen mag. Das liegt nicht so sehr an den Worten, die sie singt, nicht an den Regentropfen oder an den Bergen oder den steigenden Temperaturen, die im Text vorkommen. Sondern das liegt vor allem daran, wie sie singt.

Dillon, das ist Dominique Dillon de Byington, geboren 1988 in Brasilien, aufgewachsen in Köln, seit dem Abitur wohnhaft in Berlin und auch auf ihrem neuen Album The Unknown ausgestattet mit einer jener Stimmen, die einem das Blut in den Adern gefrieren lassen kann und doch auch das Herz erwärmt, die einem mal an die Nieren und mal auf die Nerven geht. Klischees, die alle irgendwie stimmen, irgendwie aber auch nicht.

So wie Dillon eine Stimme besitzt, die einerseits Klischee ist, andererseits aber auch nicht: Das fragile Wesen mit der zerbrechlichen Stimme, die aber dann doch nichts Mädchenhaftes ausstrahlt. Die durch die Tonleitern irrlichternde Sirene, die aber nicht verführerisch, sondern eher handfest klingt.

Für The Unknown, ihr zweites Album, ist diese Stimme noch einmal mehr in den Mittelpunkt gerückt im Vergleich zu ihrem Debüt This Silence Kills. Als das 2011 erschien, hatte sie bereits einen kleinen Hype überlebt. Nach nur wenigen frühen Stücken, bei denen sich Dillon auf dem Klavier begleitete und die auf YouTube zu hören waren, kamen die ersten Vergleiche mit Björk, machte die Website des größten deutschen Nachrichtenmagazins hemmungslos begeistert Werbung für Dillon, und Tocotronic-Chef Dirk von Lowtzow nahm sie mit auf die Tournee seines Projektes Phantom/Ghost. Ihr Debüt erregte dann sogar im Ausland einige Aufmerksamkeit, denn die junge Frau, die sehr emotional über sperrigen Beats sang, passte damals gut in ein Zeit, in der Musikerinnen wie Zola Jesus, Lykke Li, Nina Kinert oder Lana Del Rey gefeiert wurden.

Dillon stand sich allerdings bisweilen selbst im Wege, ihr Talent zur Selbstvermarktung konnte kaum Schritt halten mit ihren musikalischen Fähigkeiten. Nun, nach einiger Aufmerksamkeit, aber auch einigen verpassten Chancen, folgt ein zweiter Anlauf. The Unknown ist wie schon der Erstling von Thies Mynther (Stella, Superpunk, Phantom/Ghost) und Tamer Fahri Özgönenc (MIT) produziert und setzt ganz auf die Faszination dieser Stimme, die scheinbar unbeteiligt klingt und einem doch so nahe geht.

Darunter liegt immer noch das Piano, das Dillon selbst spielt, und brummende, kratzende, schabende Klänge wie aus einer anderen Welt. Souverän nimmt Dillon ihren Platz zwischen Kunstlied und Electro-Chanson ein. Ihre Stimme setzt sich in die großen Abstände zwischen den Tönen, nistet sich ein, wo die Musik Platz lässt, aber klingt dann doch so, als wäre sie lieber ganz woanders. Nämlich an einem Ort, an dem es keine Schmerzen mehr gibt.

“The Unknown” von Dillon ist erschienen auf BPitch Control/Rough Trade.

Kategorien: Pop

Ist er ein echtes Juwel?

Von 26. März 2014 um 16:13 Uhr

Ryan Keen könnte ein wohlkalkuliertes Popprodukt sein, das sich in die Riege der dünnhäutigen Folksänger einreiht. Vielleicht ist er aber doch ein Meister des Understatements.

© Embassy of Music

© Embassy of Music

Understatement hat es gerade ziemlich schwer. Multitasking möglichst vieler Endgeräte dominiert unsere Mediennutzung. Dass die Kakofonie der Reizüberflutung immer wieder von stillen jungen Männern mit Gitarre durchdrungen wird Weiter…

Kategorien: Folk, Pop