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Romneys weiße, heile Welt

 

Der Schlussakt des ersten Tages war die große Bewährungsprobe für Ann Romney. Sie hat sie bestanden, zumindest beim Parteivolk. Mitt Romney, der oft unterkühlt und steif wirkende Präsidentschaftskandidat, erschien nach der Rede seiner Ehefrau in neuem, wärmerem Licht.

Aber die ganz große Euphorie der Delegierten des Nominierungsparteitages der Republikaner in Tampa blieb aus. Tausende applaudierten laut, aber es riss die Delegierten, die auf solchen Veranstaltungen bis zur Ekstase begeistert werden wollen, nur selten aus den Stühlen.

Den Krebs hat sie überwunden

Und die große politische Frage bleibt: Wen hat Ann Romney außerhalb ihrer Partei mit ihren ebenso einfühlsamen wie ironischen Rede erreicht? Wirkt Mitt Romney draußen im Land nun nahbarer? Sprang der erwünschte Funke über?

Unbestritten war es eine nahezu perfekte, geradezu hollywoodreife Inszenierung. Kein lautes Wort, keine Übertreibung, kein schriller Ton, keine Überheblichkeit. Stattdessen präsentierte sich eine sympathische, manchmal geradezu liebenswürdig schüchterne Frau, die in einfachen Worten die Liebesgeschichte mit ihrem Mann beschreibt.

Die aber ebenso sagt, ihre Ehe sei anders als in manchen Darstellungen der Medien keine Bilderbuchgeschichte. Denn Bilderbuchgeschichten kennen keine Kapitel über Brustkrebs und Multiple Sklerose, zwei furchtbare Krankheiten, die Ann Romney heimsuchten.

Nichts mit Ottonormalverbrauchern zu tun

Den Krebs hat sie zum Glück überwunden, die MS bekämpft sie weiterhin tapfer.

Ann Romney erzählte von sich, vom Großvater, der als Bergarbeiter von Wales nach England kam. Sie zollte den Frauen Tribut, den Müttern, die immer ein wenig mehr leisten mussten als ihre Männer. Sie sagte, ihr Mann möge es nicht, seine guten Taten herauszukehren, er helfe lieber im Verborgenen. Und sie erwähnte, mit die besten Tage hätten sie beide in ihrer ersten gemeinsamen Wohnung in einem bescheidenen Kellergeschoss verbracht.

Was man davon auch im Einzelnen halten und glauben will – auf jeden Fall versuchte Ann Romney so auf eine leichte und elegante Art, einige charakterliche Vorbehalte zu mildern, die ihrem Mann derzeit entgegengehalten werden und die er mit eigenen unbedachten Äußerungen selber geschürt hat: Mitt Romney, der gefühllose Pragmatiker, der nur Geschäftszahlen und nicht die dahinter verborgenen menschlichen Schicksale kennt. Der dem gewöhnlichen Leben entrückte Multimillionär, der mit Ottonormalverbrauchern nichts gemein hat und deren Mühsal nicht begreift. Und der kein Verständnis und keine Empfindung für die besonderen Sorgen von Frauen hegt.

Eine zu perfekte Welt

Während Ann Romney einen Mann beschrieb, der nach Innen, gegenüber seiner Familie und zu seinen Freunden durchaus liebevoll ist, stellte Chris Christie, der bullige Gouverneur von New Jersey, kurz danach ein anderes Bild daneben: Mitt Romney, der nach Außen, gegenüber Geschäftspartnern und in der Politik nicht um Liebe buhlt, sondern lediglich Respekt erbittet.

Aber auch bei dieser mit Spannung erwarteten, sehr politischen Rede gerieten die Delegierten nicht außer Rand und Band. Und geradezu verhalten war ihr Applaus, als nach Ann Romneys Auftritt aus der Kulisse plötzlich (natürlich sorgsam geplant) Ehemann Mitt erschien und seine Frau in den Arm nahm. Trotz aller Bemühungen, Lockerheit und Gefühl zu verbreiten, scheint die Steifheit des Präsidentschaftskandidaten auch ein wenig seine Anhänger zu erfassen.

Wie in einer Fernsehserie

Am Ende konnte man sich nicht des Eindrucks erwehren, dass die Romneys eine zu perfekte, zu weiße Welt präsentieren. Eine Welt, in der nur Menschen mit weißer Hautfarbe auftreten, die in gepflegten Häusern leben, ihren Rasen mit der Nagelschere stutzen und sich bei jeder Gelegenheit lieblich lächelnd als glückliche Großfamilie ablichten lassen.

Diese weiße Welt in Kleinstadt-Amerika ist immer noch da, aber sie ist vergänglich. Ann Romneys rotes Petticoat-Kleid, ihr offenes, onduliertes blondes Haar, der dicke Lippenstift, das erinnerte doch sehr an die sechziger Jahre und die US-Fernsehserie Mad Men.

In diesem Romney-Amerika werden sich viele Hispanics und Schwarze, Asiaten, junge Großstädter und alleinerziehende Frauen nur schwerlich wiederfinden. Im republikanischen Parteivolk von Tampa muss man diese Vertreter sowieso mit der Lupe suchen.

35 Kommentare

  1.   The_Dude

    Ich finde es immer wieder erstaunlich wie davon ausgegangen wird, dass weiße, heterosexuelle, verheiratete Menschen(um mal bei ihrem Klischee zu bleiben) eher den republikanischen Kandidaten wählen und “die anderen” natürlich den Demokraten. Bspw. hat Romney gerade bei den Hispanics viele Anhänger, da sein Vater selbst Mexikaner ist/war und diese einen immer höhere Anteil im Volk der USA ausmachen. Daher würde ich vorsichtig sein mit allzu schnellen Zuordnungsversuchen der Wählerschaft zu den beiden Kandidaten.

    Der_Dude

  2.   emons51

    Wenn man den Artikel liest und so wie ich fast 30 mal die USA – aus anderen Gründen – besucht hat, fühlt sich bestätigt. Das reale Leben geht der weissen Elite am A…. vorbei. Sie interessiert es einfach nicht. Es ist ihnen schon ein Greuel, dass Normalos ein entsprechendes Mass an Bildung erreicht haben. Doch von Nutzen ist es nicht. Ihnen bleiben nur die Billigjobs – von denen ein jeder mindestens 3-4 pro Tag erledigen muss um am Leben zu bleiben. Vorschlag – wir machen ein Nord-Süd Gefälle in dem die Normalos den Süden besiedeln, damit die Eliten unter sich bleiben. Schlimmm ist, dass diese Entwicklung schon sehr lange auf Europa übergegriffen hat. Eines Tages werden unsere Nachkommen wieder als Leibeigene arbeiten und ein tristes Leben führen.


  3. Wie kommen Sie darauf, daß Romneys Vater Mexikaner war? Der ist zwar dort geboren, ist jedoch nicht spanisch-stämmig. Wiki ist – manchmal jedenfalls – doch zu was gut.

  4.   Peter

    @ 2 Was meinen Sie, wie weit Normalos der “schwarzen Elite” am A…. vorbeigehen?


  5. “Mitt Romney will wake up every day with the determination to solve the problems that others say can’t be solved” …

    Daran merkt man schon in welcher Bubble Ann Romney lebt. Die Probleme mit dem wirtschaftlichen Abstieg der USA, der Inequality made in USA (www.inequality.com), der klimabedingten Dürren und Nahrungsknappheit sowie die Bankenkrise, Börsenkrise, Eurokrise, Finanzkrise und sonstigen Krisen, die auch ein Obama nicht habe lösen können, werden garantiert nicht mit weniger Staat und Steuererleichterungen für Konzerne & Reiche – wie unter Bush jr. – einfacher. Im Gegenteil.

    Romney/Ruin, sorry: Romney/Ryan sind vielleicht Seelenbalsam für bornierte, weiße Evangelikale in den USA, Europa & die Welt sind mit einem “Liberalen” wie Obama m.E. weit besser bedient.

    Auch wenn die globalen Probleme deswegen nicht weniger werden. Von denen offenbar eine Ann Romney nur am Rande eine Ahnung hat.

  6.   Der blinde Rächer

    Bei einer USA Reise hatte ich einen ähnlichen Eindruck. Zunächst waren wir in Chicago und sind, mehr oder weniger aus Versehen, in der South-Side herumgefahren: Man fällt fast vom Glauben ab, wenn man diese Kombination von zum Teil halb eingestürzten Häusern, Industriebrachen, ausgebrannten PKWs sieht. So ähnlich stellt man sich die Dritte Welt vor. Später waren wir am Lake Michigan, in den Feriengebieten, wo offenbar die Profiteure vom Chicagoer Big Business ihre “Landhäuser” haben – da fällt man wieder fast vom Glauben ab angesichts dieser Gigantogrundstücke und mit weißen Säulen geschmückten Herrenhäuser. Die Schere zwischen Arm und Reich schien gigantisch.

  7.   TDU

    “Wie in einer Fernsehserie”. Welche denn?
    Es war schon immer so im amerikanischen Wahlkampf. Gleichgeschlechtliche Paare, Minderheiten, Menschen mit Dschungelgarten und schlmapigem Äusseren hat man noch nie als bei den Republikanern als bestimmend sehen können. Übrigens bei den Demokraten auch nicht.

    Und die Frauen sind halt so oder so. Von Weltläufigkeit wie Jaquie Kennedy oder Hillary Clinton über betulich wie Betty Ford “amerikanisch” wie Nancy Reagan, unsichtbar wie die von Bush oder indifferent mainstreamlich wie Obamas Gattin. Da verändert sich gar nichts.

    Und natürlich machen sie Wahlkampf auch für ihre Welt. Wollen ja gewählt werden. Genau wie in Deutschland die Parteien auch. Das fällt nur nicht so auf. Bei der Einförmigkeit der Lebensverhälnisse die hierzulande angestrebt wird, kann jeder sein Quentchen Abwandlung einbauen.

    Und in den Hochburgen gehts genauso zu wie in USA. Da glänzt die SPD rhetorisch als gäbe es noch eine Arbeiterklasse.

  8.   TDU

    Die Fernsehserie darf schon nachgefragt werden, bei den vielen verschiedenen, die es mittlerwiele gibt.

    Man nehme einfach die Rama Reklame. Die steht ungebrochen für gute Laune in einer freundlichen, hellen und super gepflegten Umgebung.


  9. Authentizität geht anders!

    Das werden zumindest viele Frauen auch bemerkt haben.

  10.   Moika

    Natürlich kennt Frau Romney die Probleme der kleine Leute – schließlich hat ihre Ehe mit Mitt in einem Kellergeschoß angefangen.

    Und so schmerzhaft und angstvoll ihre Krankheiten waren und sind – ihr Mann wird die Vorsorge für die Ärmsten wieder rückgängig machen. Abgesehen davon, daß sie selbst wohl kaum in den Armenpraxen vorgesprochen hat.

    Vielleicht erzählt sie ja auch einmal, wie sie das Geld für die Millionen schweren Pferde in ihrem Stall vom Haushaltsgeld abgeknappst hat – daß für sie in jeder Klimazone in den USA ein großes Haus zur Verfügung steht usw. usw.

    Sie wollte ihren Mann “schön” reden – ich fürchte, das wird niemandem gelingen.