‹ Alle Einträge

Lieber Hofrat Hahnemann,

 

ruft es eigentlich Ihre Verwunderung hervor, dass exakt 200 Jahre nach dem Erscheinen Ihres Organon der rationellen Heilkunde die Homöopathie in der Fach- und Laienwelt noch ebenso kontrovers diskutiert wird wie zu Ihren Lebzeiten? Keine andere medizinische Behandlungsmethode hat jemals derartige Gefühlsstürme bei Anhängern und Gegnern hervorgerufen. Ach, wenn Sie uns bloß noch erklären könnten, worauf Sie diese extremen Reaktionen zurückführen!

Schöne Grüsse,
Gaby Rottler, Weißenburg

7 Kommentare

  1.   Gaby Rottler

    Theuerste collegiale Freundin,

    schon 1834 schrieb ich in einem Brief: „Wahrlich wir haben zu streiten und zu wehren, daß man unsere Kunst nicht wieder mit Allöopathismus verhunze.“ Der Streit für die reine Lehre – und gegen die Bastard-Homöopathie – war stets ein wichtiger Bestandtheil meiner Schriften. Daß die Nachwelt 200 Jahre später sich noch immer ereifert, daß die Homöopathie nichts tauge: nun, sie möge sich endlich an die Prinzipien halten, wie ich sie dargelegt habe: „Macht’s nach, aber macht’s genau nach!“
    Wie hülfreich die Homöopathie in einer Epidemie war, belegte Prof. Altschul bereits 1858 mit Zahlen:
    „Einen schlagenden Beweis für die Vorzüglichkeit der homöopathischen Heilmethode lieferte der Tischnowitzer Bezirk, wo nach obrigkeitlichem Bericht sich herausstellt, daß in der Choleraepidemie bei der gewöhnlichen Methode von 44 Kranken 19 geheilt und 25 gestorben; bei der homöopathischen Methode von 56 Kranken 53 geheilt, 3 gestorben; bei der Kampherbehandlung ohne Arzt von 65 Kranken 54 geheilt und 11 gestorben sind.“
    Und dennoch, schon zu meinen Lebzeiten rief ein Gegner (einer dieser allöopathischen Cerberusse): „Die Homöopathie müsse nicht geduldet, sondern durch Gewalt mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden.“ – was das juristische Landes-Gericht jedoch lächelnd abwies.
    Sie sehen also, auch im Wandel der Zeiten ändert sich nur wenig.

    Ihr aufrichtiger und ergebener Freund
    Sam. Hahnemann

  2.   Gaby Rottler

    Sehr geehrter Herr Hofrat Hahnemann,
    ich freue mich, daß Sie mein Schreiben beantwortet haben.
    Was den Einsatz von homöopathischen Arzneien bei Epidemien betrifft, benötigt man heutzutage Beispiele mit größeren Populationen, um in der medizinischen Fachwelt Widerhall zu finden.
    So wurde in einer jüngsten Veröffentlichung im vergangenen Monat Juli 2010 beschrieben, wie in Cuba im Jahre 2007 während einer Leptospirose-Epidemie der Einsatz eines hom. Prophylaxemittels bei 2,3 Millionen Menschen zu einer deutlichen Abnahme der Erkrankungen führte, wohingegen in einem Gebiet ohne Behandlung keine Veränderung zu verzeichnen war.
    Zu Ihrer Information:
    Leptospirose-Epidemien – eine Art ansteckende Gelbsucht, durch schraubenförmige Bakterien verursacht – treten auf Cuba und anderen Inseln besonders nach schweren Regenfällen auf. Die Symptome reichen von milden Grippesymptomen bis zu schweren Nierenschädigungen und Gelbsucht, die Krankheit wird durch Ratten und Mäuse übertragen, meist sind viele Todesfälle zu verzeichnen. Vakzinationen sind möglich, aber meist nur für besonders gefährdete Gruppen verfügbar und häufig für die arme Bevölkerung zu teuer.
    Hier konnte man mit einer hom. Präparation auf einfachem Wege (über den Mund) einen wirkungsvollen Schutz bieten, der zudem nur weniger als 1/10 dessen kostete, was sonst allein für Impfungen für Risikogruppen ausgegeben worden wäre.
    Werden Sie jetzt mit der Ihnen eigenen Vehemenz dagegen angehen, daß hier mit einer Nosode gearbeitet wurde – Gleiches gegen Gleiches, also Isopathie? Und nicht nur das – die Lepto-Nosode wurde zudem offensichtlich mit Bachblüten vermischt.
    Ist das für Sie ebenfalls ‚Bastard-Homöopathie’, wie Sie es schon 1832 den ‚Leibziger Halb-Homöopathen’ vorwarfen? Bastard im Sinne von vermischt, gekreuzt?

    In respektvoller Erwartung Ihrer Antwort,
    Gaby Rottler

    P.S. Bitte richten Sie Ihrer Frau Mélanie die herzlichsten Grüße aus!

  3.   Gaby Rottler

    Werthe collegiale Freundin,

    meine liebe Mélanie läßt Ihnen ebenfalls die herzlichsten Grüße übermitteln.
    Dank ihrer Hülfe konnte ich mich auch dem mir unbekannten Begriff ‚Bakterium’ annähern. Mélanie wies mich darauf hin, daß es sich hier um eine Art ‚Contagium vivum’ – einen lebenden Ansteckungsstoff – handeln könne, wie es 1840, 3 Jahre vor meinem Tod, Jakob Henle beschrieben hat. Da sie mehr als 3 Jahrzehnte jünger ist, konnte sie die Entwicklungen in der Medizin länger verfolgen.
    Nun bin ich mit den Kleinstlebewesen nicht unvertraut. Schon 1792 wies ich darauf hin, daß die Ursache der Krätze etwas Lebendiges sei: „Diese äusserst kleinen Thierchen sind eine Art Milben.“, wie Abbildungen von Wichmann schon zu meiner Zeit bewiesen.

    Was die Bastard-Homöopathie auf Cuba betrifft: eine Vermischung mit ‚Bach-Blüten’ erachte ich als im höchsten Maße überflüssig, wenn nicht sogar schädlich. Wie schon zu meiner Zeit bedient man sich hier weiterer Zusatzmittel, um mehr Sicherheit zu erreichen.
    Weshalb? Wenn die rechte Arznei verschrieben wird, dienen solche Zusätze allein der Beruhigung der Patienten, oder der verschreibende Arzt ist über die Wahl seines Mittels unsicher. Dann möge er seine Hausaufgaben gründlicher absolvieren und die Materia Medica noch einmal studieren!!
    (Allerdings ist mir auch der Begriff Bach-Blüten nicht geläufig. Bach – ist das der Name eines Arztes? Auch Mélanie ist er nicht bekannt!)

    Zu unrecht werfen Sie mir jedoch vor, ich hätte grundsätzlich Vorbehalte gegen den Einsatz eines Idem-Mittels, Gleiches gegen Gleiches, im Falle der Prophylaxe während einer Epidemie, wenn noch kein spezifisches Mittel gefunden werden konnte.
    Doch davon ausführlicher in meinem nächsten Brief.
    Für heut muß ich, von meiner lieben Mélanie gedrängt, schließen mit meinem biedern Händedrucke als Ihr treuer
    Sam. Hahnemann

  4.   Gaby Rottler

    Sehr geehrter Herr Hofrat,

    bisher habe ich nach Ihrem letzten Brief keine weiteren Anmerkungen erhalten, die Sie versprochen hatten (Einsatz von Nosoden während einer Epidemie). Ist dieser Brief vielleicht verloren gegangen?
    Wenn Sie Ihre Überzeugungen zu diesem Thema noch weiter ausführen könnten, wäre ich Ihnen sehr dankbar!
    Doch nun zuerst zu Ihren Fragen:
    1. Bakterium – damit bezeichnet die Medizin seit weit über 100 Jahren bestimmte Mikroorganismen. Als erster Bacillus wurde der Erreger des Milzbrands 1849 vom Tierarzt Pollender entdeckt. Casimir Davaine konnte einige Jahre später den Beweis führen, daß dieser Bacillus (Bac. anthracis) der tatsächliche Erreger war, indem er bazillenhaltiges Blut auf gesunde Tiere übertrug und bei diesen Milzbrand auslöste.
    2. Bach-Blüten: Dr. Edward Bach (1886 – 1936) in England beschäftigte sich zunächst mit der Homöopathie, entwickelte aus nicht-pathogenen Darmkeimen die sogenannten Bach-Nosoden wie z.B. Proteus und wandte diese in potenzierter Form an. Mehrere Jahre später schuf er seine Bach-Blüten, indem er bestimmte Blüten, z.B. vom drüsigen Springkraut Impatiens, sammelte und in einer Glasschale in Wasser für mehrere Stunden in die Sonne stellte. Insgesamt stellte er 38 Blütenessenzen her, denen er bestimmte Eigenschaften zuschrieb. Im Gegensatz zur Homöopathie empfahl er aber meist eine Mischung aus 3-5 verschiedenen Blüten, um bestimmte Krankheitszustände positiv zu beeinflussen. Auch in diesem Falle wurde für jedes Individuum entsprechend seiner Charakteristika bestimmte Blüten herausgesucht.
    Heutzutage werden diese und andere Blütenessenzen besonders bei bestimmten Beeinträchtigungen des Gemüts eingesetzt oder begleitend bei organischen Erkrankungen.
    Streng wissenschaftlich gesehen kann ich verstehen, daß Sie immer nur 1 Mittel angewandt sehen wollen. Nur dann läßt sich nachvollziehen, wie die Wirkung aussieht.
    Sicherlich war das auch die Ursache, warum Sie schon zu Beginn Ihrer homöopathischen Tätigkeit mit Placebo-Gaben arbeiteten. Soweit mir bekannt ist, waren Sie der erste Mediziner, der dieses Prinzip anwandte.
    Sie haben Patienten numerierte Papierbriefchen mitgegeben, die sie täglich zu nehmen hatten. In Ihren persönlichen Verordnungen hatten Sie vermerkt, welches der Briefchen die Arznei enthielt – z.B. Nr.3 aus 18 Briefchen. Der Patient mußte seine Symptome aufschreiben, ohne zu wissen, wann er seine Arzneigabe erhielt – ein wirklich interessantes System.
    Was hat Sie damals bewogen, diese Neuerung einzuführen?

    Herzlichste Grüße an Ihre hübsche Frau,

    Gaby Rottler

  5.   Gaby Rottler

    Werthe Freundin,

    wer hat diesen Begriff ‚Placebo-Gaben’ erfunden?

    Es ist richtig, 1814 hatte ich in meinem Traktat ‚Heilart des jetzt vorherrschenden Nerven- oder Spitalfiebers’ über die Möglichkeit geschrieben, daß man nach einer einmaligen Gabe von Bryonia „den Kranken zur Stillung seines Verlangens nach Arzney und Beruhigung seines Gemüths etwas Unschuldiges, z.B. täglich einige Theelöffel voll Himbeersaft, oder etliche Pulver Milchzucker einnehmen lassen“ kann.

    Später habe ich bei der Behandlung von chronisch kranken Patienten, wie der Antonie Volkmann, des öfteren viele Pulver mitgegeben, von denen aber nur eines das jeweilige Arzneimittel enthielt. Da die Kranke aufgefordert war, genau Buch über ihre Symptome zu führen und mir diese dann brieflich mizutheilen, konnte ich nicht nur die Heilwirkung verfolgen, sondern auch genau feststellen, welche Symptome ein Arzneimittel verursachte.
    Diese Arzneiprüfungssymptome – ich weiß, meine Kritiker werfen mir vor, daß nur Prüfungssymptome von Gesunden etwas zählen, aber sie haben Unrecht – flossen dann in die Arzneimittellehre mit ein, wie ich sie in meinem mehrbändigen Werk ‚Die Chronischen Krankheiten’ vermerkt habe.

    Daß, wie Sie schreiben, ein Homöopath – so sollte man diesen Dr. Bach gar nicht nennen – sich von der wahren Kunst abgewandt hat, ist mir unverständlich. Erneut ein Beispiel dafür, daß entweder Faulheit oder Unverstand ihn vom rechten Weg abbrachten.

    Sind Sie vertraut mit Hufelands Artikel aus dem Jahre 1826?
    Dieser hervorragende Arzt – obgleich nicht unserem Lager zuzurechnen – bemühte sich stets um eine neutrale und objektive Beurtheilung der Homöopathie. So stellte er als Nachtheile heraus:
    ***
    1. Es kann sehr leicht die Aerzte, besonders die weniger gebildeten, zu einer bloß symptomatischen (rein empirischen) Kurart führen, und die causale, die Grundlage alles rationellen medizinischen Handelns, unterdrücken.
    2. Es würde sogar, wenn es allgemein eingeführt und herrschend würde, einen sehr nachtheiligen Einfluß auf die Gründlichkeit des Studiums der Medizin haben, indem es den jungen Leuten das Studium der Grundwissenschafen, der Anatomie, Physik, Chemie, Pathologie, Aetiologie, weniger wichtig, ja entbehrlich machte; – hierin ähnlich dem Brown’schen und Broussais’schen Systeme.
    3. Es wird sehr leicht die gefährlichsten Unterlassungssünden hervorbringen – wovon wir nur die Unterlassung der Blutentziehungen, der Brechmittel, und anderer ausleerungesmitel erwähnen wollen, – und die oft eben so tödtliche Folgen haben kann, wie manche bisherigen Begehungssünden; dies gilt besonders von akuten Krankheiten und Entzündungen….
    ***
    Die Vortheile, die er bei der Homöopathie sah, wiegen jedoch in meinen Augen viel schwerer:
    ***
    1. Es wird dazu beitragen, die Aerzte, besonders die jüngern, wieder mehr auf das Studium der in der letzten Zeit zu sehr vernachläßigten Semiotik und Symptomatologie aufmerksam zu machen.
    2. Es wird dazu dienen, die eben so sehr von den neueren Aerzten vernachläßigte Diätetik wieder in ihre alten Rechte enzusetzen…
    3. Es wird manche Aerze von dem Glauben abbringen, daß nur große, ja ungeheure, Dosen der Arzneimittel etwas ausrichten könnten, sondern beweisen, daß in vielen Fällen gerade die kleinsten Dosen die besten sind. Es wird sie auf die, von mir so oft gepredigte, Wahrheit aufmerksam machen: das Heilmittel sei nicht angreifender (schlimmer) als die Krankheit.
    4. Es wird mehr auf Simplicität in der Verordnung der Arzneimittel zurückführen.
    5. Es wird zu genauerer Prüfung und Erkenntniß der Wirkung der Arzneimittel im Lebenden führen, wie es auch schon gethan hat.
    6. Es wird mehr Aufmerksamkeit auf die sorgfältigste Bereinigung der Extracte, besonders der narkotischen, und heftig wirkender Pflanzen, erregen, und die Aerze im Ganzen nöthigen, eine strengere Aufsicht auf die Apotheker dabei zu führen, als bisher geschehen.
    7. Es wird nie positiv Schaden thun.
    8. Es wird dem kranken Organismus mehr Zeit zur ruhigen und ungestörten Selbsthülfe geben, ein Vorzug, der, besonders bei vielen chronischen Nervenkrankheiten, von krankhaft erhöhter Reizbarkeit, von unglaublicher Wichtigkeit ist, wo oft die ganze Kur darin besteht, den Organismus lange Zeit in einem möglichst ungereizten und unaufgeregtem Zustand zu erhalten, und alle, sowohl diätetischen als medizinischen, Reize zu entfernen, statt daß gewöhnlich das Gegentheil geschieht.
    9. Es wird endlich die Kosten der Kur außerordentlich vermindern.
    ***
    Dies wurde, wohlgemerkt, nicht von einem Anhänger der Homöopathie geschrieben, sondern vom Leibarzt der königlichen Familie von Friedrich Wilhelm III !!! – q.e.d.

    Da meine liebe Mélanie mich soeben mit einem Glas gezuckerter Gose, meinem Lieblingsgetränk, überrascht – kennt man dies heutzutage noch? Eine Art Weißbier, dem Salz und Koriander einen besonders guten Geschmack verleihen – möchte ich mich für heute auf das Allerherzlichste von Ihnen verabschieden
    und verbleibe mit freundlichen Grüßen
    Ihr
    Sam. Hahnemann

  6.   Gaby Rottler

    Lieber Herr Hofrath,

    unser letzter Briefwechsel liegt nun schon einige Zeit zurück.
    Was das Getränk ‚Gose’ angeht: nun, Weißbier wird besonders bei uns im Süden sehr viel getrunken. Es gibt auch Menschen, die es mit anderen Getränken mischen (Bananensaft, Cola o.ä.) – aber den echten Bayern würde es schaudern.
    Gezuckert und mit Salz und Koriander ist mir jedenfalls kein Biergetränk bekannt.

    Doch nun zu meinem eigentlichen Thema:
    vor einigen Wochen ist in Haiti die Cholera ausgebrochen. Diese Insel leidet noch immer unter den Folgen des schweren Erdbebens im vergangenen Jahr.
    Sie haben zur Cholera einige Schriften zur homöopathischen Behandlung verfaßt. Was davon wäre heute noch aktuell?

    Schöne Grüße an Ihre Frau,

    Gaby Rottler

  7.   Gaby Rottler

    Lieber Herr Hofrat,

    nachträglich alles Gute zu Ihrem gestrigen 256. Geburtstag!

    Schöne Grüße,

    Gaby Rottler