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Myriaden: Mein Wort-Schatz

 

Myriaden von Sternen sahen wir über uns, meine kleine Tochter und ich, wenn wir auf unserem Balkon, auf Isomatten liegend und eingehüllt in unsere Schlafsäcke, nach oben schauten in den nächtlichen Himmel. Und natürlich kannte Lara, sieben Jahre alt und gerade eingeschult, das Wort nicht: ein aus der griechischen Sprache kommendes Wort, das so viel bedeutet wie „eine Unmenge“ oder „Zehntausende“. Das klangvolle Wort gefiel meiner Tochter, sie benutzte es in der Schule, zur Verblüffung der Lehrer und Mitschüler, und natürlich während unserer Balkonnächte, in denen wir ständig neue Sternbilder entdeckten: Rollstuhl oder Fuchs, das Schlangengebirge und das galoppierende Pferd. Und alle wurden von Lara liebevoll auf unserer Sternenkarte verzeichnet. Morgens weckten uns die Sonne oder der Gesang der Vögel und einmal sogar die Geräusche eines Heißluftballons, der fast in unserem Garten notgelandet wäre.

Die Freude an Wörtern entstand früh bei meiner Tochter: Sie liebte es, wenn ich ihr Geschichten und Gedichte vorlas. Astrid Lindgren. Michael Ende. Ringelnatz, Kästner, Gernhardt. Noch mehr liebte sie es, wenn sie sich selber Fantasiewörter ausdachte oder Geschichten, etwa von dem kleinen Löwen, der nur für uns sichtbar war und nur mit uns sprach.

Heute ist Lara vierzehn, ihr Wortschatz wächst täglich, sie schreibt, dichtet, macht Musik, schwimmt und reitet. Unsere Lesenächte auf dem Balkon sind Vergangenheit, aber sie werden ein Teil unserer Erinnerungen bleiben – wie die Myriaden von Sternen über uns.

Gerd Pickener, Menden