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Die Fahrkarten in die Freiheit

Von 7. November 2012 um 18:00 Uhr

Im Sommer starb unsere Mutter, und als mein Bruder und ich ihre Wohnung auflösten, stießen wir völlig verblüfft auf diese beiden Fahrkarten. Sie dokumentieren unsere Reise in die Freiheit: 1958 gab es zwar noch keine Mauer, aber es war trotzdem verboten, in den Westen auszureisen.

Mein Bruder (damals vier) und ich (knapp sieben) lebten damals mit unseren Eltern und Großeltern in Leipzig. Und plötzlich hieß es: Ihr dürft mit der Mutter eine Tante in Berlin besuchen. Große Aufregung! Ein Abenteuer! Wir wunderten uns nur, dass wir trotz enormer Hitze doppelt Unterwäsche anziehen mussten. Mit einem Kinderkoffer voller Spielzeug in die Hand ging es los. In Berlin angekommen, gingen wir ins Bahnhofsrestaurant. Plötzlich erschien mein Vater im schwarzen Anzug. (Er war mit Freunden im Auto nach West-Berlin gefahren, bewaffnet mit einer Schachtel Pralinen, »für eine Hochzeit«.) Wir Kinder waren schon ein wenig enttäuscht, denn wir wollten ja allein mit der Mutter verreisen. Eine Stunde später erschienen auch noch die Großeltern, und alle lagen sich in den Armen. Nur mein Bruder und ich waren echt sauer. Dann erfuhren wir alles: Wir würden nie mehr zurückkehren, nie mehr in unsere Wohnung, nie mehr die Spielkameraden wiedertreffen. Damals war es ein Schock für uns Kinder. Aber wir haben nie aufgehört, unseren Eltern für diesen mutigen Schritt in die geistige und geografische Freiheit dankbar zu sein.

Claudia Klode, Halstenbek, Schleswig-Holstein

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