(nach Friedrich Hölderlin, »Hyperions Schicksalslied«)
Ihr wohnet droben im Licht
Auf halben Höhen, ihr
Stadtplaner, Investoren!
Frisch umsäuseln euch
Lüfte leicht,
Ihr fahrt Mercedes.
Schicksalhaft, weil sie wissen,
Atmen die Mächtigen.
Blind bewahrt
In edelen Villen,
Erträumen sie
Zukunft.
Und ihre Augen
Blicken am Unheil
Immer vorbei.
Doch uns ist gegeben,
An keiner Stätte zu ruhn
Es fahren tief unten
Die einfachen Menschen,
Blindlings wie Rohrpost
Von Bahnhof
Zu Bahnhof geworfen,
Atmen Tunnelluft
In tiefer Station.
Im Mai 1963 wurden wir in der Evangelischen Kirche von Breithardt im Taunus konfirmiert, konnten also kürzlich goldene Konfirmation feiern. Und wir schätzen uns glücklich: Alle Konfirmanden von damals leben noch, und alle, die geheiratet haben, sind noch mit demselben Partner zusammen. Wie vor 50 Jahren stellten wir uns neben der Kirche auf und fragten uns dabei, was sich in der Zwischenzeit verändert hat. Also: In der Mitte, wo früher ein Pfarrer stand, steht jetzt eine Pfarrerin. Der große Baum im Hintergrund ist nicht mehr da. Das Schulgebäude links steht noch, wird aber nicht mehr als Schule genutzt. Die Fachwerkscheune wurde abgerissen; an ihrer Stelle steht nun ein Gemeindezentrum. Die Kirche hat neue Fenster und ein neues Dach bekommen. Am meisten haben wir uns, am wenigsten hat sich der mehr als tausend Jahre alte Kirchturm verändert.
Während eines Telefongesprächs mit einem guten Freund über Zukunftspläne, Träume und Ideen hatte ich den Artikel eines alten Magazins über meine Generation und ihre twenty something crisis im Kopf und unter dem Kugelschreiber.
»Was ist das denn?« Das Ding lag auf dem Küchentisch meiner Schwester, lang ist’s her, und stellte sich heraus als ein von einem befreundeten Hufschmied gefertigter Flaschenöffner. Er begeisterte mich sofort mit seiner bis auf den kecken Kringel schnörkellosen Schönheit und seiner perfekten Funktionalität. Weihnachten drauf hat sie ihn mir geschenkt, und seitdem öffnet er mir Flaschen, hebelt Kakao- und Teedosen auf und hält mir, quer drübergelegt, Bücher offen, ohne allzu viel vom Text zu verdecken. Dazwischen hängt er in der Küche zwischen all den durchgestylten Edelstahlutensilien, urwüchsig, schwer und ein bisschen trotzig.
Das Weihnachtslied Oh holy night (»Po Hemolele«) in der englisch-hawaiianischen Version von Willie K. Das zaubert mir Gänsehaut auf den Körper und Tränen in die Augen.
Zufällig entdeckte ich die Parallele zwischen den beiden Aufnahmen: Das Bild links zeigt meine Mutter im Jahr 1968 beim Spaziergang mit dem ältesten ihrer fünf Kinder, meiner Schwester Andrea. 2012 haben wir das rechte Foto gemacht, sie ist darauf mit dem jüngsten ihrer jetzt neun Enkel, meinem Sohn Justus, zu sehen. Dazwischen liegen 44 Jahre Lebenserfahrung. Wie froh bin ich, dass ich sie stets um Rat fragen darf – auch in allen Kinderbelangen – und liebevolle Antworten von ihr erhalte, die ganz das Wesentliche erfassen und ohne zeitgeistiges Fördervokabular auskommen. Danke, Mama!
Alex und ich kennen uns schon lange. Wir sind zusammen aufgewachsen, wohnten fast nebeneinander, besuchten gemeinsam den Kindergarten und die Grundschule.
Durch einen gemeinsamen Freundeskreis verloren wir uns auch später nicht ganz aus den Augen. Doch als ich mich dazu entschloss, in einer anderen Stadt zu studieren, fiel es uns zunehmend schwer, den Kontakt zu halten.
Im Jahr 2010 fuhr ich während der Semesterferien wieder in die alte Heimat. Auf der Geburtstagsfeier eines gemeinsamen Freundes sahen wir uns nach längerer Zeit wieder. Und es funkte. Nach mehreren Verabredungen wurden wir schließlich ein Paar. So konnten wir das Foto nachstellen, das damals auf der Treppe meines neu gebauten Elternhauses entstanden war.
Wir hoffen beide, dass es in 20 Jahren eine dritte Ausgabe geben wird. Vielleicht sogar zu dritt?
Wir, zehn Tageszeitungsvolontäre, übten in einer Hütte im Allgäu eine Woche lang Nachrichten schreiben und redigieren. Es begann mit einem Duplo. Am Anfang stand es in der Packung auf dem Tisch, dann lag es in meinem Magen und ich schrieb – während ich den Worten unseres Ausbildungsredakteurs lauschte – d-u-p-l-o auf meinem Zettel. Nach und nach kamen andere Kritzeleien hinzu: Bilder, Namen, die Ergüsse der Volontäre und des Redakteurs. Was man aufschreibt, merkt man sich besser, sagt man. Also will ich hoffen, dass ich von jetzt an Synonymitis und Pluralitis vermeide und den Konjunktiv mag …
Der gemeine Schweinehund: Dieses weitverbreitete und doch selten künstlerisch dargestellte Tier erstand ich nach einigem Feilschen im Suk von Marrakesch. Still, aber unerbittlich ermahnt der Schweinehund mich nun seit der Rückkehr aus Marokko, ihn nicht nur zu tolerieren, sondern auch ein wenig zu mögen – und manchmal überliste ich ihn sogar… Es würde mich freuen, die Spezies, über deren Haltung und Zähmung nur wenig bekannt ist, auf diesem Wege auch anderen ZEIT-Lesern näherzubringen.