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Absturz

(nach Detlev von Liliencron, »Herbst«)

Fußball ist ein goldner Garten,
Jedes Spiel ein Sonnenpfeil.
Doch muss den Abstieg man erwarten,
Wirkt Fußball wie ein Henkerbeil.

Düster werden alle Mienen,
Leere Blicke schweifen um.
Gesten, die dem Troste dienen,
Machen hilflos, machen stumm.

Spieler bilden Abwehrmauer:
Sinnbild der Vergeblichkeit.
Fußballfreude, Fußballtrauer,
Gestern Aufstieg, Absturz heut.

Lothar Rehfeldt, Lübeck

 

Vom Pollen benommen

(nach Emanuel Geibel, »Der Mai ist gekommen«)

Der Mai ist gekommen, die Pollen schwirren aus.
Da bleibt, wer vernünftig, mit Kleenex zu Haus.
Wie die Wolken auch wandern am himmlischen Zelt,
es gibt kein Entrinnen in der blühenden Welt.

Der Mai ist gekommen, den Apotheker es freut:
»Oh wie lieblich und lohnend ist die Heuschnupfenzeit.«
Frischauf drum, frischauf, es blühet das Gras.
Es kribbelt, es krabbelt, es läuft manche Nas.

Der Mai ist gekommen. Du lustiger Spielmann du,
Ergreif deine Fiedel, ich nies den Takt dazu.
Und find ich keine Ruhe, so lieg ich zur Nacht
mit tränenden Augen und halte die Wacht.

Im Wind rauscht die Linde, schließlich schlafe ich ein,
und mein Traum lässt mich sacht im September schon sein.

Susanne Steinhagen, Dortmund

 

Mutters Morgenlied

(nach Mascha Kaléko, »Langschläfers Morgenlied«)

Mein Smartphone singt. Der Song von Katy Perry
Reißt mir den schönsten Teil des Traums entzwei.
Kind eins guckt schon am iPad »Tom und Jerry«.
Mann äußert, dass es Zeit zum Aufsteh’n sei.

Die fröhliche Familienfrühstücksrunde
Hat sicher nur das Lesebuch erdacht.
Ich dreh’ mich um: »Nur noch eine Sekunde!«
Kind zwei hat sich schon schwarzen Toast gemacht.

Mir ist vor Supermüttern immer bange:
Wer kann um sechs Uhr morgens munter sein?
Ein guter Mensch schläft meistens gern und lange.
Ich bild’ mir diesbezüglich etwas ein …

Mein Smartphone singt. Kind eins weckt mich mit Küssen
und fordert Schokomilch mit Milchschaum drauf.
Ich träume von ganz anderen Genüssen…
Und dennoch steh’ ich alle Morgen auf.

Nora Imlau, Leipzig

 

Billiges Geld

(nach Stefan George »Komm in den totgesagten park«)

Auch du: nimm doch vom vielen geld und bau
Bei solchen zinsen dir palast statt kate
Dumm ist der mieter der investor schlau
Im speck sitzt er wie eine fette made

Geh hin zu deiner bank und trau
Dich – noch ist fern der nächste supergau
Es lockt doch alle der milliarden glanz
Ums goldne Kalb beginnt der nächste tanz

Doch schade kein kredit für dich du armer wicht
Wer nichts hat kriegt nichts denn so ist das eben
Nur wer schon hat dem wird gegeben
Der super­markt er braucht die kleinen nicht.

Kurt Wagner, Bonn

 

haralds drama

(nach Ernst Jandl »ottos mops«)

harald mag anna
harald fragt: mag anna harald
anna lacht
harald: anna was

harald zahlt armband
harald macht lamm
harald macht salat
harald schnappt anna
anna: lass das harald lass

harald plagt gram
harald klagt: anna kalt
anna macht kaba
anna sagt: anna mag hans
harald: achannaachanna

Marion Birkenfelder-Linn, Essen

 

Schlüsselblumen

(nach Johannes Kühn, »Sonnenblumen«)

Schlüsselblumen,
das sind die Lebensretterinnen
aus Kindertagen,
wenn die Nachbarin stirbt
und der Himmel gerade zuhat.
Das sind die Kussmünder des Frühlings,
von Mädchenhänden getragen
zur Maiandacht,

Glockenröcke
goldgelber Feiertage,
dampfgebügelt
aus Mutters zärtlicher Hand.

Durstlöschende Kelche
erinnern mich,
weiterzureichen
den Frieden stiftenden Wein.

Doris Franziska Franz, Andelsbuch, Österreich

 

Die Zeitumstellung

(nach Friedrich Schiller, »Die Bürgschaft«)

Zum Winter, dem kalten Tyrannen, schlich
der Frühling, die Sonn im Gewande.
Doch sein Anschlag verlief leider im Sande.
»Was wolltest du mit der Sonne, sprich!«,
Fragt ihn gar finster der Wüterich.
»Die Welt von der Kälte befreien!«
»Das sollst du bei Hagel bereuen!«

»Ich bin«, spricht der Lenz, »zu frieren bereit,
Und flehte nicht um ein paar Tage,
Hätt ich nicht ’ne wichtige Frage …
In einigen Tagen ist es so weit,
Da wechseln die Menschen zur Sommerzeit,
Und ich muss die Uhren umstellen,
Und ihnen den Abend erhellen.
Ich lass als Garant dir die Sonne,
Schmeiß sie, wenn ich fehl, in die Tonne!«

Da lächelt der listige Winter und spricht:
»Die Zeit, die will ich dir schenken,
Da habe ich keine Bedenken.
Doch erscheinst du am Morgen bis acht Uhr nicht,
So erlebt diese Erde nie wieder das Licht,
Denn dann werd ich die Sonne vernichten
Und mit Schnee alles Leben beschichten!«

Und der Lenz spricht zur Sonne: »Verzweifele nicht,
Ich erscheine pünktlich am Morgen,
Da mach dir mal keinerlei Sorgen!«
Und derweil er zu seiner Reise aufbricht,
Erfüllt die Sonn ihre Bürgenpflicht
Und bleibt bei dem Winter, dem kalten,
Um den Menschen den Lenz zu erhalten.

Und nach einigen Tagen ist es so weit,
Und es erscheinen zum nächtlichen Feste
Herbst und Sommer als fröhliche Gäste.
Sie begrüßen voll Freude die Sommerzeit,
Denn sie sind dunkle Abende elendig leid!
Und so feiern die Freunde mit Hochgenuss,
Und der Lenz vergisst, dass zum Winter er muss,
Bis die Uhr schlägt zur achten Stunde …
Da erschallt es aus seinem Munde:
»Ach weh, ich trink auf das Morgenrot
Und bringe damit der Sonne den Tod!
Ich eile zurück, ich werde mich sputen
Und hoffe, es wendet sich alles zum Guten!«

Und der Lenz kommt zum Winter, und es ist ihm bang,
Sieht die Sonn, die am ganzen Leib zittert,
Sieht den Winter – verdutzt – ganz verbittert,
Wie er lugt um den Bettvorhang
und gähnet – heftig und lang …
»Es ist«, spricht der Winter, »erst kurz nach sieben,
Ich hoffte, du wärest länger geblieben,
Berauscht von der nächtlichen Feier,
So nimm halt die Sonn, hol’s der Geier!«

Und das Antlitz des Frühlings sich erhellt:
»Der Depp hat noch nicht die Uhr umgestellt!«
Und er schnappt sich die Sonne und rennt und rennt,
Derweil der Winter für Monate pennt …

Rotraud Hellhake, Berlin

 

Der Frühling packt die Koffer aus

(nach Peter Hacks »Der Herbst steht auf der Leiter«)

Der Frühling ist grad heimgekehrt
und packt die Koffer aus.
Er ist uns lieb, er ist uns wert:
Jagt doch den Winter raus!

Er füllt die kahlen Lande hier
nimmt aus den Koffern Stück für Stück:
die Blätter, Blüten, Käfertier’
und setzt sie in die Welt zurück.

Die Tanne mault den Frühling an:
»Den andern färbste zart das Laub,
doch meine Nadeln komm’ nicht dran,
bei mir, da bleibste taub!«

Des Frühlings Koffer sind bald leer,
die Welt wird wieder munter.
Das Leben ist nicht mehr so schwer,
jetzt ist es wieder bunter!

Ute Malkowsky-Moritz, Berlin

 

Der Fußballer

(sehr frei nach Rainer Maria Rilke Der Panther)

Die einen (wie Ronaldo und Pele) be­-
neidet und verehrt in dieser Fußballwelt,
die anderen im Dunkel, als ob es sie nicht gäbe:
Beim Publikum zählt einer nur: der Held.

Gebroch’ne Knochen? Wer wohl nicht d’ran litte,
das bisschen Ruhm von einst ist rasch verweht.
Erinn’rung bleibt an all die Fouls und Tritte,
die Schienbeinwunden, dutzendfach genäht.

Wie schmeckt sie, diese bitter­saure Pille,
noch jung, schon alt und aussortiert zu sein?
Was nützen denn die hart verdienten Mille,
bei Kreuzbandriss und einem steifen Bein?

Kurt Wagner, Bonn

 

Gebet

(nach Rainer Maria Rilke, Herbsttag)

HERR: es ist Zeit, der Horror ist so groß.
Leg deine Hände auf das Weltgeschehen,
und schicke deine Friedensboten los.

Du bist allein der Schöpfer dieser Welt;
befiehl den bösen Mächten aufzugeben.
Noch ist nur Rache, Hass und Machtbestreben,
was mancher für das Ziel des Lebens hält.

Leg deine Hände auf dein Werk, die Erde,
dass wir dich nicht verdrängen, auf dich hören;
dass unser Leben hier gerechter werde,
dring tief in aller Menschen Seelen ein.
Sonst werden wir uns selber bald zerstören,
wird außer Dunkelheit und Leere nichts mehr sein.

Dorothea Jakob, Hamburg