Ihre Notizen, Gedichte und Bilder für die gedruckte ZEIT
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Mein Wort-Schatz
Eben habe ich es gehört – das Wort Firlefanz lebt! Firlefanz kann alles sein. Er ist überflüssig und vielleicht deshalb oft liebenswert. Er ist überall, vom Dachboden bis zum Keller, im Auto, im Essen, in der Mode, in Texten und Liedern. Firlefanz ist die perfekte sprachliche Krimskrams-Schublade für alles aller Art, dabei unterscheidet er sich deutlich vom Schnickschnack – auf ihn verzichtet man gerne.
Susanne Berthold, Horn, Niederösterreich
Obwohl ich seit beinahe 60 Jahren fast nur noch hochdeutsch spreche, gehören einige plattdeutsche Ausdrücke immer noch zu meinen Lieblingswörtern, zum Beispiel Radioproter (»Radiosprecher« – mein erster Berufswunsch) oder das neuere Wort Mientje Dientje (»Meins Deins«), womit der Trennstab zwischen den Waren an der Kasse im Supermarkt gemeint ist.
Christine Arens, Achim, Niedersachsen
Es ist nicht unbedingt mein Lieblingswort, aber eines, das ich regelmäßig verwende: das Adjektiv lidschäftig. Ein alter, wackeli- ger Stuhl ist lidschäftig oder ein fahruntüchtiges Fahrrad – und auch der eine oder andere Freund ist mittlerweile ein wenig lidschäftig geworden…
Erstaunt war ich aber, als ich im Gespräch mit Menschen aus anderen Regionen Deutschlands damit Unverständnis erntete. Das ist doch nur Dialekt, bekam ich dann zu hören – das gibt es nur bei euch in Franken. Nichtsdestoweniger ist es ein schönes Wort, das den beschriebenen Zustand sehr gut veranschaulicht – ich kann es nur empfehlen.
Hans Christof Riedmann, Lohr am Main, Franken
Ein Wort, das ich poetisch finde und sehr liebe: Augenweide. Mein Großvater sagte – vor über 60 Jahren – häufig zu mir, dem bezopften kleinen Mädchen: »Dodi, du bist meine Augenweide.« Unwillkürlich verband ich das Wort seinerzeit mit dem Bild, das in mir entstand, wenn er mir den 23. Psalm vorlas: »Er weidet mich auf einer grünen Au und führet mich zum frischen Wasser.« Mein Opa, ein alter Pastor, extrem kurzsichtig, die Bibel dicht vor die Augen haltend, las diesen Psalm mit seinem vokaltiefen baltendeutschen Akzent. Seither verbinde ich mit dem Wort Augenweide eine schöne Vorstellung: Erquickung für Großvaters müde, durch dicke Brillengläser strapazierte Augen.
Dorothea Braun-Ribbat, Heilbronn
Oft standen wir im Stau auf dem Weg zu den deutschen Ostseebädern, Schilder hingen an den Häusern: Fremdenzimmer. Das waren Zimmer, die man vermietete an Fremde, die dann oft mit Familienanschluss in den deutschen Ostseebädern Urlaub machten. Manches Mal wurden aus Fremden Freunde. Das Wort Fremdenzimmer erzählt von der Bereitschaft, sich dem anderen zu öffnen, ihn zu beherbergen, ihm zu vertrauen.
Dorothea Lindow, Eutin, Schleswig-Holstein
Das Gabelfrühstück, das ehrwürdige hanseatische Kaufleute nach den ersten Arbeitsstunden im Kontor des Handelshauses gegen elf Uhr zu sich nahmen. Inzwischen ist daraus das neudeutsche »Brunch« geworden! Man stelle sich vor, Thomas Mann hätte den Konsul und den Senator im Gehrock und mit Spazierstock zum Brunchen gehen lassen – schrecklich!
Hubert Schröder, Lippstadt
Ein Wort, das mich seit Kindertagen begeistert hat, vor allem weil es mit einer besonderen Aufmerksamkeit meiner Großmutter verbunden war, ist die »Wegzeerum«. So jedenfalls hatte ich es als Kind verstanden und fand es von mystischer Tiefe, geradezu rätselhaft. Das lag wohl an der Endung auf -um, die sich nicht recht einordnen ließ. Später wurde mir klar, dass eigentlich die Wegzehrung gemeint war, was meine Zuneigung für dieses Wort jedoch in keiner Weise schmälerte. Da es vom Aussterben bedroht scheint, propagiere ich es nach Kräften. Wie viel besser ein Butterbrot auf einer Wanderung als Wegzehrung schmeckt denn als schnöder Proviant, sollte jeder einmal ausprobieren!
Claus Wurst, Heilbronn
Eigentlich bin ich fast 84 Jahre lang heiter durchs Leben gegangen. Aber seit Kurzem geht mir ein Wort nicht mehr aus dem Kopf, das meine Gefühlslage exakt beschreibt: mutterseelenallein! Ich wünschte mir so sehr, dass sich die Stimmung bald wieder aufhellt, damit ich meinem 91-jährigen, blinden Mann wieder fröhlich vorlesen kann.
Ursel Bräuning, Germering
Vor Kurzem hatten wir eine lustige Begegnung mit einem Wort, das man heute nur noch selten hört. Wir waren am Ende einer wunderschönen Wanderung auf dem Rheinsteig, als ich in der Wegbeschreibung las, wir müssten »zu einem Abzweig mitten im Wald, von dem aus man flugs hinab nach Osterspai gelangt«. Flugs kommt vom mittelhochdeutschen vluges »im Fluge, eilend« – schwer vorstellbar nach dem stundenlangem Auf und Ab. Irgendwie verlieh uns die durch das Wort ausgelöste Heiterkeit dann aber doch noch Flügel. Nun haben wir ein neues Lieblingswort, wenn beim Wandern die Füße schwer werden: Jetzt geht es flugs hinab!
Evelin Engert-Buder, Solms, Hessen
Oft hört man: »Wir sehen uns sowieso morgen.« Aber uns können wir höchstens im Spiegel sehen. Deshalb ist mein Lieblingswort einander. »Wir sehen einander ohnedies morgen.« Das Wort klingt wunderschön, und es gibt einen auf den anderen bezogenen Gehalt – wechselseitig. Probe: Wir lieben sich? Wir lieben uns? Wir lieben einander! Ist doch schöner!
Herbert Haller, St. Georgen, Kärnten, Österreich