ZEIT der Leser

Ein Blog mit Ihren Notizen, Gedichten und Bildern für die gedruckte ZEIT

Selbander: Mein Wort-Schatz

Von 28. Oktober 2014 um 18:00 Uhr

»Wir gingen Selbander«, dieser heute nicht mehr gebräuchliche Ausdruck kam mir bei einem Spaziergang an der Ostsee in den Sinn. Er vermittelt eine vertraute Zweisamkeit, auch Zuversicht, die »wir gingen miteinander« nicht haben kann. Miteinander kann man zu vielen sein, miteinander kann man streiten. Die Geborgenheit, die in selbander mitschwingt, ist nur noch im festen Begriff der »Anna selbdritt« zu spüren. Die Darstellungen der fülligen Großmutter mit ihrer Tochter Maria und dem Jesuskind im Schoß flößen mit der Würde der reifen Frau das Vertrauen ein, dass diesem Kindchen nie etwas Böses widerfahren könnte – auch wenn man weiß, dass es ganz anders kam.

Ellen Börner, Heilbronn

Kategorien: Mein Wort-Schatz

Was mein Leben reicher macht

Von um 16:00 Uhr

In Erwin Strittmatters Tagebüchern zu lesen: »Das Fenster ist ein zivilisiertes Loch, der Stuhl ein zivilisierter Stein und der Schrank ist eine zivilisierte Vertiefung im Gefels. Der Teller ist die Nachbildung der Hand, die Schüssel eine Nachbildung zweier aneinandergehaltener Hände, und auch die Gabel ist eine stilisierte Hand mit gespreizten Fingern.«

Anton Reyntjes, Recklinghausen

Der Steinwald

Von um 14:00 Uhr

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In der Curio Bay auf der neuseeländischen Südinsel haben vor 180 Millionen Jahren vulkanische Schlammlawinen einen Wald begraben. Die versteinerten Stämme hat die Meeresbrandung inzwischen freigelegt, und sie sehen immer noch wie Holz aus. In den abgebrochenen Baumstümpfen kann man jeden Jahresring zählen. Die Bäume ähneln deutlich den heutigen neuseeländischen Koniferen – es gibt sie dort offenbar schon lange.

Andreas Kern, Hamburg

Kategorien: der Baum, Mein Freund

Was mein Leben reicher macht

Von um 12:00 Uhr

Der Purz! Und das seit seiner Geburt am 27. Mai an jedem einzelnen Tag.

Daniela Tayari, Lauchringen, Baden-Württemberg

Lied von der Maut

Von 27. Oktober 2014 um 18:00 Uhr

(Nach Heinrich Heine, »Lied von der Loreley«)

Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,
Dass ich so traurig bin;
Eine Nachricht aus diesen Zeiten
Die geht mir nicht aus dem Sinn.

Die Luft ist dick, und es regnet,
Und holprig fließt der Verkehr.
Und wer sich darin begegnet,
Der lächelt schon lange nicht mehr.

Die Straßen sind schlecht und die Brücken.
Und ständig steht man im Stau.
Es gibt mehr Wagen als Lücken
Zumal bei Straßen im Bau.

Die Fahrer in ihren Autos
Sind viel Kummer gewöhnt.
Sie ärgern sich nur noch lautlos,
Als es im Radio tönt:

»Die Maut wird Besserung bringen
Und sie ist kostenlos!«
Die Fahrer beginnen zu singen
Vor Freude, fassungslos.

Sie lassen das Steuer fahren,
Sie stellen das Radio laut.
Und bums! sind sie aufgefahren
Und das nur wegen der Maut!

Johannes Kettlack, Heek, Nordrhein-Westfalen

Was mein Leben reicher macht

Von um 16:00 Uhr

Die alljährlichen Orgeltage im Dom zu Merseburg, meiner früheren Heimatstadt. Musik, die Herz und Seele aufschließt, das Wiedererkennen von Gesichtern. Und die Erinnerung an eine glückliche Jugend, in der diese Orgel bereits einen Platz hatte.

Thomas Drescher, Mansfeld, Sachsen-Anhalt

Verplempern: Mein Wort-Schatz

Von um 14:00 Uhr

In Zeiten der Rezession gilt es als unverzeihlich, seine Zeit zu verplempern. Immer wieder wird man daran erinnert, wie wichtig es wäre, optimal Nützliches zu tun. Dabei vergisst man, dass vergeudete Zeit, in der man jemandem geduldig zuhört und ihn ermuntert oder, auf einer Wiese liegend, den Himmel betrachtet, sehr viel ertragreicher ist, als an einer verbogenen Schraube zu drehen.

Eva Schwarz, Berlin

Kategorien: Mein Wort-Schatz

Was mein Leben reicher macht

Von um 12:00 Uhr

Frühmorgens unter der Dusche zu stehen und durchs Fenster das Morgenrot zu sehen, welches sich gerade am Himmel über der Schwäbischen Alb bildet.

Lothar Matt, Esslingen

Mauergedicht

Von um 09:00 Uhr

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Auf diese DDR-Papiertüte hat meine Mutter, Herlinde Todt, als junge Frau ihre Gedanken zum Mauerbau gekritzelt. Ihre beste Freundin studierte in den sechziger Jahren Medizin und arbeitete während der Semesterferien an der Berliner Charité. Meine Mutter besuchte sie manchmal dort. Bei einem dieser Treffen erzählte ihr die Freundin, Erika, dass sie vom Fenster des in unmittelbarer Nähe der Mauer gelegenen Krankenhauses beobachtet habe, wie ein Flüchtling erschossen wurde. Auf der Heimfahrt nach Köthen versuchte meine Mutter, das Unmenschliche in Worte zu fassen – und hatte offenbar nur diese Tüte zur Hand.
Erika versuchte später selbst, mit ihrem westdeutschen Freund über Bulgarien in den Westen zu fliehen. Die Flucht misslang. Erika kam ins Gefängnis und verließ es als gebrochene Frau. Auch meine Mutter hat gegen den Unrechtsstaat DDR rebelliert und wurde 1968 – weil sie gegen den Einmarsch der Russen in die Tschechoslowakei war – vom Lehrerstudium exmatrikuliert.
Die Freundinnen haben sich leider nie wieder gesehen, denn wenige Jahre, nachdem Erika aus der Haft entlassen und in den Westen abgeschoben worden war, nahm sie sich das Leben. Vermutlich hat meine Mutter die alte Tüte mit dem Mauergedicht deshalb so lange aufgehoben.

Die Stadt der Mauer
Wer kennt sie nicht
Und ihre Erbauer (…)
mit dem Friedensgesicht!
Ein Schutz der Freiheit,
die keine ist!
Mit welcher Gemeinheit
man Menschen erschießt.
Dann lässt man sie liegen,
verbluten im Sand.
Doch nie wird der siegen,
der mißbraucht seine Hand.
Das Wagnis zu fliehen
ist unheimlich groß,
wenn vergebens das Mühen
(droht) ein (…) bitteres Los.
Wie sinnlos das Streben
wenn man bedenkt,
was getan wird für das Leben,
das eine Mutter schenkt.

Anja Sabel, Osnabrück

Kategorien: Wiedergefunden

Zeitsprung: Das Salettl

Von 26. Oktober 2014 um 18:00 Uhr

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Manches alte Haus kann nur noch ein Freilichtmuseum retten. Für das Salettl von Passau-Mariahilf, 1881 an der frequentierten Straße nach Schärding errichtet, schien nach 129 Jahren das Ende gekommen. Ein Stützgerüst bewahrte es gerade noch vor dem Einsturz.
Getrunken und getanzt wurde in diesem lichten Sommer-Tanzsaal zuletzt im Kriegsjahr 1915. Als die benachbarte Schule 1918 zum Lazarett wurde, verlegte man den Unterricht in den Tanzsaal. 1924 zog eine Autolackiererei ein, die 1976 schließen musste. Zuletzt diente das Gebäude dem zugehörigen Wirtshaus noch als Brennholzschuppen. Dann stand das Salettl – so werden in Bayern dergleichen Sommerbauten genannt – jahrzehntelang leer und verfiel.

Von der bayerisch-österreichischen Grenze ist es nun an die bayerisch-böhmische Grenze gewandert: Die Zimmerer des Freilichtmuseums Finsterau haben Balken für Balken abgetragen, kaputte Bauteile ersetzt und am neuen Ort alles wieder aufgebaut. Ein Wirtshaus samt Biergarten mit hochgewachsenen Linden gab es da schon, direkt daneben steht jetzt das Salettl. Die kunstvoll maserierten Türen wurden restauriert, ein Kirchenmaler hat die reiche Farbfassung an den Wänden und Balken erneuert.

Seit ein paar Monaten wird wieder gefeiert im Salettl von Passau-Mariahilf.

Martin Ortmeier, Finsterau im Bayerischen Wald

Kategorien: Zeitsprung