Das ZEITmagazin-Blog

Proust-Fragebogen für Blogger (49)

Von 3. Januar 2013 um 17:43 Uhr

Sara Schahrour lebt derzeit in Berlin und studiert Kulturwissenschaften. Neben ihrem Studium schreibt die 24-Jährige einen persönlichen Tagebuch- und Lifestyle Blog über Hiphop und Lebenserfahrungen – DragstripGirl – Girl gone wide. Das englischsprachige Stadtmagazin FindingBerlin gründete sie 2010, um die Hauptstadt Deutschlands aus einer Perspektive zu präsentieren, die in keinem Touristenführer zu finden ist. Gemeinsam mit verschiedenen Autoren und Fotografen geht sie in ihrer Wahlheimat auf Entdeckungsreise und teilt mit Besuchern aus aller Welt ihre Eindrücke.

Was ist für Sie das vollkommene Blog? Eines, das “Der Blog” heißt.

Mit welchem Blogger identifizieren Sie sich am meisten? Einen Blog macht man oft deshalb, weil man sich mit bereits bestehenden Publikationen nicht identifizieren kann. Also: Mit niemandem. Abgesehen davon identifiziere ich mich lieber mit Inhalten als mit Menschen – alles andere würde es sowohl zu schwer als auch zu einfach machen.

Was ist online Ihre Lieblingsbeschäftigung? Mich darüber aufzuregen, dass manche Menschen übrig gebliebener Generationen immer noch den Fehler machen Online und Offline als Aggregatzustände, Parallelwelten oder expansion pack zu sehen.

Was ist offline Ihre Lieblingsbeschäftigung? Mich darüber aufzuregen, dass manche Menschen übrig gebliebener Generationen immer noch den Fehler machen Online und Offline als Aggregatzustände, Parallelwelten oder expansion pack zu sehen.

Bei welcher Gelegenheit schreiben Sie die Unwahrheit? Meine Antwort auf diese Frage ist eine Lüge.

Ihr Lieblingsheld im Netz? Der Typ, der den Ad-Blocker erfunden hat.

Ihr Lieblingsheld in der Wirklichkeit? Auch der Typ, der den Ad-Blocker erfunden hat. Und natürlich Batman.

Welche Eigenschaften schätzen Sie an Menschen, denen Sie im Netz begegnen? Dass sie keinen Unterschied zwischen Netz und “Wirklichkeit” ziehen müssen, um sich selbst in ihrer Welt zurecht zu finden.

Welche Eigenschaften schätzen Sie an Menschen, denen Sie in der Wirklichkeit begegnen? Dass ihnen mein beleidigender Sarkasmus nicht entgeht, wenn ich ihn mit ganzem Körpereinsatz vermitteln möchte.

Was mögen Sie im Netz am wenigsten? Leute, die das Netz weiterhin als expansion pack des biologischen Lebens und nicht als Teil einer stetigen Veränderung unserer Gesellschaft wahrnehmen.

Was stört Sie an Bloggern am meisten? Wenn sie nicht aufhören können über das Bloggen an sich zu reden.

Was stört Sie an sich selbst am meisten? Hauptsächlich meine Frisur, meine Rechtschreibung und dass ich – dank meiner Sucht nach Süßigkeiten und Zitronen – wahrscheinlich schon mit Ende 20 mein erstes falsches Gebiss brauche.

Ihr glücklichster Moment als Blogger? Wenn man mich nicht auf mein Dasein als Blogger reduziert.

Was halten Sie für Ihre größte Errungenschaft als Blogger? Als ich 17 war, habe ich über den Trailer zum Film “Borat” gebloggt und dazu geschrieben, dass ich ihn unbedingt sehen muss. Daraufhin hat mich die zuständige PR-Agentur ins Kino eingeladen. Ich durfte fünf Freunde mitnehmen und wir konnten uns unbegrenzt an der Popcorntheke bedienen. Noch heute reden meine Freunde darüber, dass ich mit 17 berühmt war und deshalb den roten Teppich in irgendeinem Frankfurter Kino ausgerollt bekam. Das war 2006 und in Deutschland war Social Media, Word-Of-Mouth und Bloggermarketing noch nicht so hoch im Kurs wie jetzt. Der Film war Bombe.

Über welches Talent würden Sie gern verfügen? Ich würde echt gerne Krumpen können. Die meisten halten das für einen totenTrend. Ich finde aber, dass Krumpen – eine Mischung aus Bodypaint und Unterleibsschmerzen, die man auch tanzen kann – eine reine Form der emotionalen Alltagsbewältigung sein kann. Leider habe ich weder das Talent zum Malen, noch zu einheitlichen Körperbewegungen, es reicht also nur zum Bloggen.

Als welcher Blogger möchten Sie gern wiedergeboren werden? Wenn ich schon wiedergeboren werden muss, dann bitte als Mathe-Genie, Stimmtalent oder Präsidentin der Welt. Bloggen kann ich dann immer noch nebenbei.

Ihre größte Extravaganz? Ein exorbitanter Dispokredit. Irgendwann werde ich wegen irgendetwas angezeigt und werde verlieren. Das nötige Kleingeld will ich dann bereit halten.

Ihre gegenwärtige Geistesverfassung? Im Geistesexil, halb-beschleunigt und medium-rare.

Ihr Motto? YALLA STATT YOLO – meine persönliche Petition dafür, den 1. Platz des Jugendwortes 2012 mit dem 3. Platz auszutauschen.

(c) privat

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Ich glaube ich hab mich verliebt! Tolle Frau

    • 4. Januar 2013 um 13:39 Uhr
    • LiA
  2. 2.

    [...] Ich bin die Nummer 49 beim Proust-Fragebogen für Blogger auf der ZeitOnline Webseite. Richtig witzig: die Fragen könnten aus dem Jahr 1995 sein, als man noch nicht genau wusste, wie sehr das Internet und die “Bloggerkarriere” eigentlich die Gehirnzellen beschädigen können. Damals, als noch nicht klar war, dass Blogger keine Hexen sondern normale Menschen sind. Ich verdrehte leicht die Augen, beschloss aber dann doch, mitzumachen und endlich über meine tiefsten Wünsche zu schreiben. Falls ihr mich vorher nicht für einen witzlosen Idioten gehalten habt, werdet ihr es mit diesem Interview hoffentlich checken und mich endlich in Ruhe lassen. [...]

  3. 3.

    Gibt es denn Nichts außer Mode- und Berlin-Blogs in der deutschsprachigen Blogosphäre? Wo sind die Blogger, die noch Geschichten erzählen, oder gar Literatur machen (wie einst Rainald Goetz mit seinem Internettagebuch)? Was hier vorgestellt wird, sind doch zumeist hochprofessionalisierte Onlinemagazine, für die sich doch überwiegend PR-Agenturen interessieren. Schade.

    • 13. Januar 2013 um 01:50 Uhr
    • Lotta
  4. Kommentar zum Thema

    (erforderlich)

    (wird nicht veröffentlicht) (erforderlich)

    (erforderlich)