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Proust-Fragebogen für Blogger (54)

Von 13. April 2013 um 07:00 Uhr

Stefan Mesch - heiter bis glücklich

Einem Schriftsteller ins Gehirn sehen und mitverfolgen, wie er die Erzählfäden eines Romans spinnt, das wünschen sich viele. Auf stefanmeschwordpress.com kann man das: Stefan Mesch, freier Autor und Buchkritiker gibt Einblicke in den Entstehungsprozess und die Einflüsse seines ersten Romans. Auch sonst ist sein Blog so etwas wie sein erweitertes Notizbuch: hier werden Inspirationen und Arbeitsschritte offen gelegt, Gedanken zu aktuellen Themen fixiert und debattiert. Seine Themenbeiträge und Verlinkungen sollen aber nicht nur Literatur- und Kulturgeeks ansprechen sondern auch Leser, die Online-Portal-Kundenbewertungen misstrauen. Stefan Mensch liest bis zu 200 Bücher im Jahr und kommentiert und bespricht sie ausführlich und unterhaltsam. Beim Beantworten der Proustschen Fragen hat er gleich wieder lauter Links gesetzt. Welchen Blog man unbedingt lesen muss. Welche Bücher man nicht lesen sollte. Etc. Usw. Usf. Aber lesen Sie selbst.

Was ist für Sie der vollkommene Blog?

Für mich wäre der perfekte Blog: Eine Auflistung aller Filme, die ich nicht sehen muss, aller Bücher, die ich nicht lesen muss, Produkte, die sich nicht lohnen, Fragen, die sich nicht stellen, Sorgen, die zu nichts führen: Anti-Empfehlungen, aufgelistet von einer Gruppe kluger Menschen.

Mit welchem Blogger identifizieren Sie sich am meisten?

Zum Beispiel mit Stefan Niggemeier, zehn Jahre weiter als ich – aber mit ähnlichen Prioritäten, Themen, Lebensfragen. Oder mit Mark Frauenfelder : euphorisch, dilettantisch, hat das Herz am rechten Fleck… aber macht oft Fehler, bei denen ich merke: “Uff. der Patzer unterläuft mir selbst!”

Was ist online Ihre Lieblingsbeschäftigung?

Buchtipps geben, Artikel und absurde Links auf Facebook teilen, neue Bücher finden.

Was ist offline Ihre Lieblingsbeschäftigung?

Mit einem wechselnden Gegenüber reden. Von Angesicht zu Angesicht: Am Tisch. Bei Kaffee oder Essen.

Bei welcher Gelegenheit schreiben Sie die Unwahrheit?

Wenn ich erklären soll, warum ich jemanden mag, was ich an Freunden mag. Freunde, die ich – im Großen – für die tollsten, besten, interessantesten Teile meines Lebens halte, sind – im Kleinen – oft verkracht, frustriert, super-kompliziert. Ich mag komplexe Romanfiguren. Ich mag komplexe “echte” Menschen. Aber muss ich sagen, warum ich jemanden mag, klingt es oft wie blanker Rufmord. Mich interessieren Schwächen, Widersprüche, Konflikte.

Ihr Lieblingsheld im Netz?

Kein Tag vergeht, an dem ich nicht an Bradley Manning denke. Und traurig werde. Großen Respekt habe ich unter Anderem vor Randall Munroe und Anita Sarkeesian

Ihr Lieblingsheld in der Wirklichkeit?

Clark Kent, Autor und Journalist.

Welche Eigenschaften schätzen Sie an Menschen, denen Sie im Netz begegnen? 

Geduld. Klarheit und Mühe, auch Nicht-Experten gut zu erklären, worum es gerade geht.

Welche Eigenschaften schätzen Sie an Menschen, denen Sie in der Wirklichkeit begegnen?

Energische, hungrige, alberne, laute Leute reißen mich mit: zum Beispiel Schmunzel-Autor John Updike (er lächelt auf fast jedem Foto!), Aktionismus-Pony Rainbow Dash, Youtube-Euphoriker Michael Buckley, Stehauf-Detektivin Veronica Mars.

Was mögen Sie im Netz am wenigsten?

Die GMX-Startseite. Spiegel Online. Websites, auf denen kluge Autoren billige Polemik-Tricks nutzen, um ihren Lesern Angst zu machen und sie zu verbittern.

Was stört Sie an Bloggern am meisten?

Wie deutlich das Alter von Bloggern ihren Blick bestimmt: Wer von sich selbst erzählt, erzählt auch sein Milieu, seine Lebenswelten, seine Generation. Wenn Leute mit Ende 20 schreiben: „Heute mache ich Spargel-Kartoffelsalat für meine Verlobte. Dann schauen wir Tatort!“, wenn junge Eltern im Plural sprechen, Thomas Lehr für „Männerrechte“ kämpft oder Harald Martenstein gegen Rauch- und „Denkverbote“, höre ich keine mutige Einzel-Texte einer Minderheit. Sondern Sehnsüchte und Abwehrbewegungen bestimmter Altersgruppen und Schichten. Dass ich kaum Blog-Texte über die GEZ, Videospiele, Integration oder Apple lesen kann, ohne Alter, Geschlecht, Milieu und Lebens-Ängste des Autors erraten zu können, macht Blogs oft langweilig.

Was stört Sie an sich selbst am meisten?

Ich bin Experte für Literatur, Superheldencomics und ein paar Netz- und Kulturthemen. Im Alltag aber, bei praktischen Fragen, bin ich zu nichts gebrauchen: Mein Wissen wächst. Meine Kompetenzen wachsen nicht.

Ihr glücklichster Moment als Blogger?

Wenn Leute meinen Buchempfehlungen folgen – und tatsächlich Spaß haben.

Was halten Sie für Ihre größte Errungenschaft als Blogger?

Ab und zu blogge ich furchtbar lange Texte über Nischen-Themen – nicht netz- und mainstream-freundlich. Doch über Monate fruchtet der Aufwand manchmal: Leser bedanken sich, Experten verlinken mich. Und ich werde irrsinnig glücklich, dass jemand ein, zwei Stunden mit meiner Arbeit verbracht hat. Das Leben ist kurz. Leser? Danke für das Vertrauen!

Über welches Talent würden Sie gern verfügen?

Alltagskompatibilität: Ich brauche 8 Stunden Schlaf. Kann keine Gesichter erkennen. Habe noch nie einen Geschirrspüler bedient – aus Angst, ihn zu ruinieren..

Als welcher Blogger möchten Sie gern wiedergeboren werden?

Da gibt es einige: Entweder als Roger Ebert oder Cory Doctorow, als TV-Journalist wie Oprah Winfrey, Craig Ferguson oder Rachel Maddow . Oder als jemand mit besonders spannendem, absurdem Alltag: Lucy Lawless oder Colby Keller – ein Pornostar und Endlos-Blogger, der belesener ist als ich.

Ihre größte Extravaganz?

Täglich vier, fünf Stunden zu lesen und neues Zeug zu lernen.

Ihre gegenwärtige Geistesverfassung?

Zerknirscht: Seit 2009 lebe ich drei, vier Monate im Jahr in Toronto. So auch gerade. Den Rest der Zeit auf dem Land, bei Heidelberg. Das Hin und Her macht Spaß – doch ich bin ständig am Tschüß-Sagen und Vertrösten. Egal, wo ich gerade bin – zwei Drittel meiner Lieblingsmenschen sind woanders.

Ihr Motto?

Im offiziellen “Big Brother”-Magazin von RTL II beantwortete die Kandidatin Manuela Schick 2000 die selbe Frage mit: “Kein Schwanz ist so hart wie das Leben.” Sobald das Wort “Motto” fällt, denke ich an Manu und „Big Brother“. Vergesse die Ausgangsfrage. Und schaudere ein paar Minuten lang.

Bislang haben unseren Proust-Bloggerfragebogen Cosima Bucarelli, Johanna Moers, Jill AdamsSiems LuckwaldtKatja HentschelKatya MoormanJulia StelznerKatharina CharpianThomas KnüwerMarlene Sørensen und James CastleMary ScherpeJuliane Duft und Anna Katharina BenderRichard GutjahrAnna dello RussoPeter GlaserFrederik Frede und Jessica Weiß ausgefüllt.

Kategorien: Allgemein
Leser-Kommentare
  1. 1.

    “Was ist für Sie der vollkommene Blog?”
    Schon in der ersten Frage der Kapitalfehler; heißt es nicht DAS Blog?
    Ich hab dann nicht mehr weiter ge….

    • 23. April 2013 um 10:03 Uhr
    • Klaus
  2. 2.

    Man kann das oder der Blog sagen: http://www.duden.de/rechtschreibung/Blog

    • 23. April 2013 um 15:16 Uhr
    • Sophie
  3. Kommentar zum Thema

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