Das Politik-Blog

Wahlpflicht? Ja, bitte!

Von 7. April 2009 um 02:07 Uhr

Der CSU-Politiker Stephan Mayer hat kürzlich die Einführung einer Wahlpflicht gefordert. Die BILD-Zeitung zitiert ihn mit der Aussage: “Es ist wichtig, dass möglichst jeder Bürger aktiv an der Demokratie teilnimmt”. Dem ist grundsätzlich zuzustimmen. Demokratie bedeutet Herrschaft des Volkes, in ihrer repräsentativen Variante bedeutet dies, dass die Bürger diese Herrschaft – zeitlich befristet – auf Abgeordnete übertragen, die sich wiederum regelmäßig zur Wahl stellen müssen, um Rechenschaft abzulegen. Für die Legitimation der Abgeordneten, aber auch ihre Rechenschaftspflicht ist es wünschenswert, wenn sich möglichst alle Bürger an diesem Verfahren beteiligen. Der Einfluss der Bürger wird nämlich nur gleich und damit fair verlaufen, wenn alle Bürger den gleichen Einfluss ausüben können und dies auch tun. “Meaningful democratic participation requires that the voices of citizens in politics be clear, load, and equal”, so haben es die amerikanischen Politikwissenschaftler Sidney Verba, Kay Lehman Schlozman und Henry E. Brady in ihrem Buch “Voice and Equality” einmal formuliert. Denn nur gleich laute Stimmen sichern demnach auch gleich starken Einfluss – Politiker sind schließlich rationale Akteure. Ihr Kollege V.O. Key hat schon 1949 ernüchtert bilanziert: “The blunt truth is that politicians and officials are under no compulsion to pay much heed to classes and groups of citizens that do not vote”.

Zugleich wissen wir aber aus zahlreichen Studien, dass die Wahlbeteiligung keineswegs gleich in der wahlberechtigten Bevölkerung verteilt ist. Arbeitslose Menschen etwa nehmen seltener an Wahlen teil. Ebenso Personen mit niedriger formaler Bildung. Sie (und ihre Interessen) sind damit im politischen Prozess weniger sichtbar. Dies ist im Fall von Arbeitslosigkeit – oder allgemeiner formuliert: im Fall von sozial Schwachen – besonders bemerkenswert, weil ihre Lebensgestaltung in überdurchschnittlichem Maße von staatlicher Regulation, aber vor allem Allokation abhängig ist. Arend Lijphart – noch ein Politikwissenschaftler – sieht darin sogar ein funktionales Äquivalent etwa zum preußischen Drei-Klassen-Wahlrecht, welches heutzutage universell als undemokratisch abgelehnt würde, und fragt daher auch: „Why then do many democrats tolerate the systematic pattern of low and unequal turnout that is the functional equivalent of such rules?”. Die Einführung einer Wahlpflicht ist für ihn die Lösung. Stephan Mayer befindet sich also durchaus in guter Gesellschaft.

PS: Die Gegenrede “Wahlpflicht? Nein, danke!” findet sich hier.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    [...] Beiträge Wahlpflicht? Ja, bitte! 7. April 2009 Thorsten FaasWahlkampfthema DDR? 6. April 2009 Viktoria KainaMünte als Allzweckwaffe [...]

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  2. 2.

    [...] Die Gegenrede “Wahlpflicht? Ja, bitte!” findet sich hier. Permalink »  Zum Seitenanfang 8 Leserbriefe und [...]

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  3. 3.

    [...] den Vorstellungen von Thießen mit 50 Euro zur Kasse gebeten werden (siehe zum Wahlpflicht auch das Pro und Contra von Thorsten Faas in diesem [...]

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  4. 4.

    Ist die Abschaffung eines “grundlegenden Rechts” zugunsten einer “Pflicht” nicht eigentlich verfassungswidrig? Denn zum Recht auf eine Wahl gehört auch das Recht auf die Verweigerung der Wahl.

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    • 10. Juni 2009 um 12:17 Uhr
    • Senf
  5. 5.

    Bitte nennen Sie einmal Ihr Argument für eine Wahlpflicht. Mir ist leider keines aufgefallen.

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  6. 6.

    Bei aller Liebe Herr Faas, wenn die “weltfremden” Politiker auch nur annähernd abschätzen würden, wie die derzeitigen Nichtwähler bei einer Wahlpflicht abstimmen könnten….

    Das wäre unter Umständen ein Fiasko für ihre und andere Parteien. Darüber würde ich mal nachdenken!

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    • 12. Juni 2009 um 00:01 Uhr
    • Hans Wurst
  7. 7.

    Ich kenne diese Diskusion aus den Jahren 1988 u 89. Ja Sie lesen richtig. 1988 u 89. Damals war ich 18 bzw.19 Jahre alt und bin aus Trotz meiner ersten Wahlmöglichkeit in der damaligen DDR ferngeblieben, weil mich die Schein-Demokratie des Systems zu tiefst (entschuldigen Sie bitte) “ankotzte”. Wie alle anderen, die wie ich dachten und handelten, bekamen wir daraufhin noch am Wahltag (ca.2h vor schließen der Lokale) Besuch von der Staatssicherheit und nat. einen negativen Eintrag in unsere “Akten”, womit jeglicher beruflicher oder gar politischer Aufstieg unmöglich wurde. Später, nach den Ereignissen im Herbst 89, beteiligte ich mich an den meissten Wahlen, meldete mich sogar freiwillig zur Armee und war auch bereit diese gewonnene Freiheit mit meinem Leben (z.Bsp. bei Auslandseinsätzen) zu verteidigen. Wenn ich jetzt diese Forderungen lese, ist das wie eine Ohrfeige. Nicht nur für mich, sondern für jeden WAHREN Demokraten. Allein die Überlegung ob es die Wahlpflicht geben sollte untergräbt bereits das Fundament einer jeden freiheitlichen demokratischen Denkweise. Wenn jemand so Politikverdrossen ist, dass er allen Parteien seine Stimme verweigert dann ist das sein freiheitlich-demokratisches Grundrecht schlechthin. Vielleicht sollte man evtl. einmal über ein Berufsverbot für Politiker, die sich über eine solche Wahlpflicht reden, nachdenken. Nur bis dieDamen und Herren “Oberdemokraten” eine Nachhilfestunde in deutscher Geschichte nehmen.

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    • 15. Juni 2009 um 03:49 Uhr
    • Rico Handta
  8. Kommentar zum Thema

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