Das Politik-Blog

Das grüne Wahlprogramm von 2009 – Vorbereitung für eine neue Regierungsbeteiligung?

Von 12. Mai 2009 um 10:53 Uhr

Politische Parteien müssen zwangsläufig Wandlungsprozesse durchlaufen, um sich an veränderte Präferenzen in der Wählerschaft anzupassen. Nur so können sie ihre Erfolgschancen wahren und erhöhen. Auf keine Partei trifft dies mehr zu als die Grünen, die in ihrer noch relativ jungen Geschichte wohl die stärksten Veränderungen erfahren haben. Dies gilt zunächst für die Parteiorganisation und die Wahlkampfführung. Es gilt aber auch, wenn man sich die Veränderungen in der Haltung der Bündnisgrünen zum bundesdeutschen Staat im Allgemeinen und den Wandel der ideologisch-programmatischen Ausrichtung der Grünen im Besonderen anschaut. So wandelte sich die grüne „Anti-System-Partei“, die sogar noch von Teilen der SPD bis Mitte der 1990er Jahre als nicht koalitionsfähig angesehen wurde, zu einer staatstragenden politischen Kraft, deren Regierungsvertreter die ersten Kampfeinsätze der Bundeswehr in internationalen Friedensmissionen mitgetragen und befürwortet haben.

Dieser Wandel in der Grundausrichtung der Partei ist auch in deren Wahlprogrammen erkennbar. Insbesondere während der 1980er Jahre nahmen die Grünen eine explizit linke Position auf dem ideologischen Spektrum ein, die auch in den 1990er Jahren noch beibehalten wurde. Dies änderte sich nach der Regierungsübernahme der rot-grünen Koalition. Zu den Wahlen 2002, in die die Bündnisgrünen als Regierungspartei zogen, zeigt sich ein deutlicher Wandel hin zu einer moderaten Position, die der des Koalitionspartners SPD sehr nahe kam. Zu den vorgezogenen Neuwahlen 2005 setzte wiederum eine Bewegung in Richtung des linken ideologischen Spektrums ein, der sich – zumindest auf Grundlage des vorläufigen Wahlprogramms – im Jahr 2009 offenbar fortsetzt.

Links-Rechts-Positionierung der Wahlprogramme 1980-2009

Eine ähnliche Bewegungsrichtung ist auch im Fall des FDP- und insbesondere des SPD-Wahlprogramms sichtbar, was dazu führt, dass Sozialdemokraten und Grüne eine ähnlich geringe ideologische Distanz trennt wie zur Wahl 2002. Lediglich die Linkspartei nimmt – gemessen auf der Grundlage ihres Wahlprogrammentwurfs – nach ihrem deutlich links ausgerichtetem Programm zur Wahl 2005 wieder eine leicht moderatere Position auf der allgemeinen Links-Rechts-Achse ein, was zu einer recht geringen ideologischen Distanz eines potentiellen Linksbündnisses aus SPD, Grünen und der früheren PDS führt. Dies stellt – koalitionstheoretisch betrachtet und unter der Bedingung einer Mandatsmehrheit – eine optimale Voraussetzung für die Bildung einer stabilen Koalitionsregierung dar – wenn nicht die Sozialdemokraten unter Führung von Müntefering und Steinmeier eine Koalition mit der „Linken“ explizit ausgeschlossen hätten. Inwiefern diese „negative Koalitionsaussage“ der SPD gegenüber den Sozialisten auch nach der Bundestagswahl im September gilt, werden das Wahlergebnis und die Resultate der Sondierungsgespräche zwischen den Parteien zeigen. Die Bündnisgrünen haben zumindest auf ihrem Parteitag vom vergangenen Wochenende ein solches Linksbündnis nicht a priori ausgeschlossen.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Schade, dass Sie in diesem Blogeintrag (anders als in früheren, in denen etwa das Programm der SPD und der FDP verortet wurden) nicht einmal mehr angeben, mit welchen Methofen Sie die Verortung auf der Links-Rechts-Skala vornehmen. Ich nehme mal an, dass Sie auch hier auf die etwas zweifelhafte Wordscores-Methode zurückgegriffen haben.

    Mindestens ebenso schade, dass Sie kein Wort darauf verwenden, dass die klassische eindimensionale Unterscheidung zwischen “linken” und “rechten” Parteien heutzutage in der Politikwissenschaft als reichlich unzulänglich gilt, da zahlreiche Themen nicht anhand eines solchen Schemas eingeordnet werden können. Das Minimum ist ein zweidimensionales System, das die wirtschaftliche Kategorie links/rechts um die gesellschaftliche Kategorie libertär/autoritär ergänzt. (Mit einem solchen zweidimensionalen Schema arbeitet etwa Political Compass, die die deutschen Parteien 2005 auf der Linkr-Rechts-Skala in der Reihenfolge Linke-Grüne-SPD-CDU-FDP, auf der Libertär-Autoritär-Skala dagegen in der Reihenfolge Grüne-Linke-FDP-SPD-CDU verorteten, siehe http://www.politicalcompass.org/germany2005.)

    Doch auch ein solches zweidimensionales Schema greift verhältnismäßig kurz und kann die Komplexität von Wahlprogrammen nicht wirklich erfassen. Die programmatische Nähe zweier Parteien (und damit ihre, wie Sie das nennen, “koalitionstheoretische” Bündnisfähigkeit) ist daher nicht mithilfe einfacher Zahlenwerte zu ermitteln, sondern verlangt doch auch ein klein wenig qualitative Analyse.

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    • 12. Mai 2009 um 14:07 Uhr
    • Boccanegra
  2. 2.

    Nach dem Parteitag der Grünen war in verschiedenen Medien zu lesen, die Partei rücke nach links. Dieser Blogbeitrag veranschaulicht sehr schön, dass diese Meldung zwar nicht falsch ist, allerdings in Relation zu den politischen Wurzeln der Grünen gesehen werden muss. Die Partei rückt zwar aktuell ein wenig nach links, ist aber nach wie vor eben staatstragend und nicht mit den “frühen” Grünen vergleichbar. Umso erstaunlicher ist, dass im abgebildeten Links-Rechts-Schema eigentlich kein Unterschied zwischen der heutigen grünen Position und der im Jahr 1983 zu erkennen ist. Haben sich da die bundesdeutschen Koordinaten generell verschoben?

    Jedenfalls stimme ich Boccanegra in dem Punkt zu, dass diese Links-rechts-Einordnung nicht erschöpfend ist, sondern sicher nur der Orientierung dienen kann und soll.

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    • 13. Mai 2009 um 10:52 Uhr
    • Zuschauer
  3. 3.

    Die Grafik stimmt nicht mit ihrer Interpretation in dem Beitrag überein. 1983 waren die Grünen der Grafik zufolge genauso “links” wie 2009. Sind die Grünen heute also wieder eine Anti-System-Partei oder ist die Messung nicht valide?

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    • 13. Mai 2009 um 22:32 Uhr
    • Max
  4. 4.

    [...] meines Erachtens schon deutlich cleverer als ihr sozialdemokratischer Partner an: eine eindeutige Koalitionsaussage auf Bundesebene wird vermieden, ein Linksbündnis wird nicht kategorisch [...]

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  5. 5.

    [...] Grünen nicht von vorneherein ausgeschlossen wird (Analysen der Programme finden sich hier für die Grünen und hier für die SPD). Dies ist gegenüber der bisherigen Strategie der Liberalen, wie sie etwa [...]

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  6. Kommentar zum Thema

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