Das Politik-Blog

Merkel macht’s: Eine Prognose zum Wahlausgang

Von 20. Juli 2009 um 13:00 Uhr

Bei der Bundestagswahl im Herbst zeichnet sich eine neue Mehrheit ab unter Leitung der amtierenden Regierungschefin. Die Deutschen mögen Merkel. Die aktuellen Popularitätswerte der ersten Kanzlerin in der Geschichte der Bundesrepublik sind im Vergleich zu denen ihres Herausforderers, Frank-Walter Steinmeier, auf einem historischen Hoch. Seit der Wiedervereinigung war der Abstand zwischen den Popularitätswerten eines amtierenden Kanzlers und des Herausforderers noch nie so groß gewesen. Sofern die Popularitätsraten der Spitzenkandidaten vom Frühjahr stabil bleiben, wird Merkels Popularität entscheidend sein, um einer von ihr geführten CDU/CSU-FDP-Koalition eine absolute Mehrheit der Zweitstimmen zu sichern.

Diese Einsicht verdanken wir einem von uns entwickelten Prognosemodell, das sich bei den letzten beiden Bundestagswahlen bewährte. Abgeleitet von theoretischen Ansätzen zur Erklärung von Wahlverhalten haben wir ein statistisches Modell entwickelt, das bereits im Sommer vor den letzten beiden Bundestagswahlen 2002 und 2005 exakte Vorhersagen liefern konnte und auf den richtigen Sieger tippte, während die Ergebnisse der Meinungsforschungsinstitute, basierend auf den Umfragewerten der Parteien, daneben lagen. Unser Verfahren lieferte einen Monat vor der Wahl sogar genauere Werte für die Regierungskoalitionen als alle etablierten Meinungsforschungsinstitute, einschließlich deren 18-Uhr-Prognosen am Wahlabend selbst.

Für die Entwicklung unseres Vorhersagemodells fragten wir uns, was wir aus den zurückliegenden Bundestagswahlen in der Geschichte der Bundesrepublik lernen können. Uns interessierte dabei besonders der gemeinsame Stimmenanteil der jeweiligen Regierungskoalition. Dies verwandelt die Wahlentscheidung zwischen beliebig vielen Parteien in zwei handliche Hälften: die Wahl für oder gegen die Regierung. Weil die amtierende Regierung sich selbst als Notlösung sieht, nachdem keines der politischen Lager 2005 eine Regierungsmehrheit auf sich vereinen konnte, sagen wir für die kommende Bundestagswahl den Stimmenanteil der von der Kanzlerinnenpartei präferierten Regierungskoalition bestehend aus CDU, CSU und FDP voraus.

Ob auf einen Sieg einer solchen Koalition gehofft werden darf, erklären wir mit dem Zusammenwirken von lang-, mittel- und kurzfristigen Einflussfaktoren. Da ist zunächst erstens der langfristige Wählerrückhalt der Regierungsparteien – gemessen als durchschnittlicher Wahlerfolg bei den vorangegangenen drei Bundestagswahlen. Hinzu kommt zweitens der mittelfristig wirksame Prozess der Abnutzung im Amt – gemessen durch die Zahl der Amtsperioden der Regierung. Drittens geht die Popularität des amtierenden Kanzlers ein, gemessen als mittlerer Wert jeweils ein und zwei Monate vor einer Bundestagswahl. Mit Hilfe statistischer Analyseverfahren können wir das Zusammenwirken dieser drei Faktoren und deren Gewichtung für die Stimmabgabe zu Gunsten einer Regierungskoalition äußerst genau bestimmen.

Bis auf den Wert der Kanzlerunterstützung kurz vor der Wahl liegen alle benötigten Modellwerte bereits vor. Es ist jedoch noch nicht möglich, schon heute eine exakte Prognose für den Ausgang der Bundestagswahl im Herbst zu erstellen. Die kann es nach der Logik unseres Modells erst Mitte August geben. Allerdings können wir auf Grund hypothetischer Popularitätswerte der Bundeskanzlerin, die sie kurz vor der Wahl im Vergleich zu Ihrem Herausforderer genießen könnte, schon heute sehen, welches Ergebnis unser Modell dann vorhersagen würde.

Nach den letzten veröffentlichten Politbarometern vom Mai und Juni, bereinigt um die Unentschlossenen, liegt die Zustimmungsrate für Merkel bei 65 Prozent. Steinmeier rangiert dagegen nur bei 35 Prozent. Bliebe es dabei, würde unser Prognosemodell komfortable 50,6 Prozent für das schwarz-gelbe Lager vorhersagen. Damit würde es für einen Regierungswechsel für eine CDU/CSU-FDP-Koalition nach der Wahl im September reichen.

Leser-Kommentare
  1. 1.

    Nachgefragt:

    Bricht die Berechnung für diese Wahlen nicht erheblich aus dem Prognosemodell aus, weil der Beliebtheitswert der Kanzlerin (als einziger veränderlicher Faktor im Zuge des Wahlkampfs) im unveränderten Modell auch an die Leistung der Regierungskoalition geknüpft ist?

    Die Erwartungssicherheit des Wählers ist doch in Hinblick auf eine schwarz-gelbe Koalition längst nicht im gleichen Ausmaß gegeben wie in der den Wähler bekannten schwarz-roten Koalition.

  2. 2.

    Wahlprognose…

    Thomas Gschwend hat im Zeit-Blog “Wahlen nach Zahlen” die erste Wahlprognose nach seinem Primary-Modell veröffentlicht. Vorläufig bis zu einer genaueren Prognose Mitte August sagt das Modell vorher, dass CDU und FDP auf einen gemeinsamen Stimmantei…

  3. 3.

    Ist das wahr? Der durchschnittliche Wahlerfolg bei den vorangegangenen drei Wahlen, die Zahl der Amtsperioden der Regierung und die Umfragenbeliebtheit des Kanzlers sind die drei Faktoren, die bestimmen, welche Milch die Wahlkühe geben? Es war uns ja schon lange klar, dass politische Inhalte oder gar Wahlprogramme für die Parlamentswahl unerheblich sind, aber dass die Sache so einfach ist…

    Im Übrigen ist Küchenkabinetts Einwand natürlich völlig berechtigt. Das Modell ist letztlich auf ein Zwei-Lager-System angelegt, wo es eine klare Regierung und eine klare Opposition gibt. Wenn man annehmen darf, dass die Regierungsleistung der letzten Legislaturperiode eine Auswirkung auf das Wahlergebnis hat, dann muss diese im Modell durch die Kanzlerbeliebtheit (den einzigen “beweglichen” Faktor des Modells) ausgedrückt werden. Bei einem Zwei-Lager-System ist das einigermaßen plausibel: War die Regierung “gut”, ist der Kanzler beliebt, war sie “schlecht”, ist er unbeliebt. Wenn aber die wichtigste Herausfordererpartei wie die SPD selbst an der Regierung beteiligt ist, dann verwischen diese Grenzen: Vielleicht fand ein FDP-Wähler Frau Merkel in den letzten Jahren zu sozialdemokratisch? Vielleicht fand ein Freund der Großen Koalition sie gut, wählt aber trotzdem SPD?

    Und auch mit der Abnutzung (gemessen in Amtsperioden) ist es so eine Sache: Ist die SPD als Juniorpartner in der Großen Koalition wirklich noch dieselbe Regierungspartei wie unter Schröder? Und ist eine potenzielle CDU-FDP-Koalition nun schon eine Legislaturperiode “abgenutzt” (da Frau Merkel ja seit vier Jahren im Amt ist) oder ist sie noch völlig “unverbraucht”, wie die FDP? Verhalten sich die Wähler nicht möglicherweise überhaupt anders, wenn eine Regierungschefin ankündigt, nach der Wahl in einer anderen Koalition weiterregieren zu wollen als bisher?

    Nicht, dass die Prognose einer knappen CDU-FDP-Mehrheit ganz unrealistisch wäre – 50,6% für das bürgerliche Lager, das ist ja auch ziemlich genau das, was die aktuellen Umfragen so zu Tage bringen. Aber sowohl die eine als auch die andere Methode erscheinen mir allzu unsicher, als dass man die Wahl im September heute schon abhaken könnte.

    • 21. Juli 2009 um 17:31 Uhr
    • Boccanegra
  4. 4.

    [...] nach der nächsten Bundestagswahl könnte sich hieran nur wenig ändern. Die aktuelle Prognose zur Bundestagswahl geht klar von einer schwarz-gelben Mehrheit aus. Damit wird der Streit um die [...]

  5. 5.

    Als Ökonom finde ich es interessant, dass Politikwissenschaftler mittlerweile auch versuchen Prognosemodelle aufzustellen. Ich halte den Einwand, dass das Modell eher für einen Lagerwahlkampf geeignet scheint, (in dem das eine Lager regiert, das Andere die Opposition stellt) für berechtigt. In einer großen Koalition weis ich nicht so recht wie z.B. die Abnutzung der Regierung gemessen werden soll.

    • 27. Juli 2009 um 19:10 Uhr
    • Lukkas
  6. 6.

    Kann man eigentlich irgendwo nachlesen wie ihr Modell genau funktioniert, oder lassen sie sich ähnlich wie die Macher von Umfragen nicht in die Karten schauen? Dann würde mich auch interessieren ob sie nur Ergebnisse für die Lager prognostizieren oder auch die Aufteilung auf einzelne Parteien?

    • 27. Juli 2009 um 19:27 Uhr
    • Lukkas
  7. 7.

    [...] – aber ohne Umfragedaten geht es wohl nicht Von Andreas Wüst | 11:05 Letzte Woche hat Thomas Gschwend in diesem Blog eine vorläufige Prognose für den Ausgang der Bundestagswahl 2009 abgegeben. Gemeinsam mit seinem [...]

  8. 8.

    [...] die SPD in Umfragen bei mitunter deutlich unter 25% der Stimmen. Thomas Gschwend sagt anhand seines Prognosemodells einen Stimmenanteil für Union und FDP von 50,6% und damit eine – wenn man das auf die [...]

  9. Kommentar zum Thema

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