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Finanzmärkte und soziale Gerechtigkeit: Die Fieberkurve des Duells

 

2002 und 2005 war es vor allem das Thema „Irak“, das die Zuschauer der TV-Duelle bewegte. Und dieses Mal? Echtzeitmessungen der 90 Debattenminuten zeigen, dass den Menschen dieses Mal vor allem die Wirtschafts- und Finanzkrise sowie das Thema der sozialen Gerechtigkeit unter den Nägeln brannten.

Die mit Abstand stärkste Zustimmung erhielt SPD-Kanzlerkandidat Steinmeier in der 24. Minute mit seiner Aussage zu den Mindestlöhnen: „Ich sage, wir müssen diese Lohnspirale nach unten aus mehreren Gründen aufhalten: Erstens, weil hier auch der Aspekt von Würde von Arbeit bedroht ist. Wer den ganzen Tag arbeiten geht, muss von seinem Einkommen aus Arbeit auch leben können. Wirklich leben können.“ Zustimmung fand er damit nicht nur im eigenen Lager, sondern auch bei den Unabhängigen und sogar bei den Unions-Anhängern. Auch seine Verknüpfung der Entlassung einer Kassiererin wegen eines eingelösten Pfandbons mit den Entschädigungen für Spitzenmanager fand die Zustimmung der Teilnehmer der Studie.

Die Kanzlerin brachte die Zuschauer – sowohl des SPD-, als auch des Unions-Lagers und die Unabhängigen – mit folgender Aussage in der 12. Minute auf ihre Seite: „Und jetzt sage ich: Wir brauchen Regeln für die internationalen Finanzmärkte und wir brauchen auch einen Export der Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft. Davon bin ich zutiefst überzeugt.“ Auch für Angela Merkel zahlte sich ein Rekurs auf Themen sozialer Gerechtigkeit aus. Ihre Aussage: „Ich finde: Leistung und Bezahlung müssen in einem vernünftigen Verhältnis zueinander stehen. Deshalb habe ich mich am Beispiel von Arcandor darüber aufgeregt: 6 Monate Arbeit und 5 Jahre Gehalt, das halte ich für nicht vertretbar. Ja, das halte ich für unanständig“ stieß ebenfalls auf Zustimmung.

Die Fieberkurve des TV-Duells 2009

kurve

Auseinandersetzung fand selten statt. Am stärksten polarisierte Steinmeier mit der Aussage zur Atompolitik in seinem Schluss-Statement: „Schwarz-Gelb wird bedeuten, dass eine Rückkehr zur Atomkraft stattfindet. Das ist nicht mein Weg.“ Hiermit fand er Zustimmung bei den SPD-Anhängern und bei den Unabhängigen. Die CDU- und die FDP-Anhänger lehnten diese Position ab.

Nur selten fanden sich Unterschiede zwischen den Zuschauern in den alten und in den neuen Bundesländern. Während Angela Merkels Warnung vor einem Bündnis der SPD mit der Links-Partei von den Stuttgarter Zuschauern befürwortet wurde, stieß sie bei den Zuschauern in Jena auf wenig Gegenliebe. Gleiches gilt für die Kritik Frank-Walter Steinmeiers an der Position der Links-Partei zur Afghanistan-Politik: Seine Kritik wurde in den alten Bundesländern geteilt, in den neuen Bundsländern hingegen nicht.

Zur Methode
480 Bürgerinnen und Bürger waren eingeladen, das Fernsehduell an den Universitäten Koblenz-Landau, Stuttgart, Mannheim, Kaiserslautern und Jena live zu verfolgen. Während der Debatte konnten sie Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier permanent bewerten oder mit Hilfe von Fragebögen ihre Bewertung abgeben; die obigen Auswertungen basieren auf den Angaben aus Stuttgart, Landau und Jena. Die Untersuchung wird in Kooperation von den Universitäten Koblenz-Landau (Prof. Dr. Michaela Maier, Prof. Dr. Jürgen Maier), Hohenheim (Prof. Dr. Frank Brettschneider) und Mannheim (Prof. Thorsten Faas) durchgeführt. Sie ist Teil des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projektes „German Longitudinal Election Study“.

13 Kommentare


  1. Insgesamt sah das mehr aus wie ein Duett als ein Duell, – Steinmeier war ziemlich blass und kam mit ganz komischen Argumenten, z.B. daß die Banken mehr an die CDU spenden würden als an die SPD… da hätte er auch gut monieren können, daß CDU-Bundestagsabgeordnete immer mehr Seife beim Händewaschen verbrauchen 🙂 So wird der nie gewinnen.


  2. Was soll denn nun dieses Kommentar?

    Es ging hierbei schließlich um den Lobbyismus! Dass die Banken gerne auf Dr. Merkel vertrauen, da diese ohnehin nicht viel ändern wird. Beziehungsweise durch Spenden genötigt wird eben nichts zu ändern.
    Freie Fahrt für freie Banken ist hier das Motto.

    Eine Seifenlobby ist derzeit nicht bekannt.


  3. Selbst bei einem langweiligen Austausch von Fakten lernt man gelegentlich etwas Interessantes, z.B. dass Steinmeier die Kanzlerin heute noch „Sie“ nennt, während er sich mit Schröder, Münte etc zweifellos duzt.


  4. Ich bin zwar kein SPD-Mitglied aber soweit ich weiß, duzen sich die „Genossen“ grundsätzlich. Sprich, man „dürfte“ auch als kleinstes Mitglied des hintersten Ortsvereins Schröder, Münte und Co. duzen.

    Und außerdem denke ich, selbst wenn Frau Merkel und Herr Steinmeier sich wirklich duzen würden, würde sie es kaum in der Öffentlichkeit machen und schon garnicht bei einem TV-Duell.
    BTW: Es gibt manche Angestellte bei Unternhmen, die duzen sich selbst nach 20 Jahren noch nicht, obwohl sie das selbe Büro teilen…


  5. Ich kann es nicht verstehen. Ganz Deutschland regt sich darüber auf, dass das TV-Duell, ja sogar der ganze Wahlkampf, zu langweilig sei. Und da wagt Herr Steinmeier einmal ein etwas „giftigeres“ Argument, und es passt wieder nicht.

    Außerdem finde ich es nicht uninteressant, von welchen Gruppen die Parteien gesponsort werden. Der Vergleich mit der Seife halte ich dabei für lächerlich.

  6.   fracaso

    „Fieberkurve des Duells?“

    na, dann müssen die wohl die schweinegrippe gehabt haben.
    die fiebrkurve war eher eine flatline

  7.   Falk

    »Insgesamt sah das mehr aus wie ein Duett als ein Duell«

    Wie einfallsreich, den Spruch habe ich ja noch gar nicht gehört …

    Den Hinweis auf die Spenden aus dem Bankenumfeld fand ich auch sehr wichtig; so etwas wird meines Erachtens viel zu selten thematisiert im Wahlkampf.

  8.   rainer paschvoß

    Die Meinungen von Zuschauern, die sich ausschließlich aus Universitätsstädten rekrutiert wurden, können nicht repräsentiv sein.
    Wie würde das Ergebnis aussehen, wenn nur Bewohner aus Ortschaften unter
    zehntausend Einwohnern oder nur Menschen im Ruhrgebiet befragt worden wären?

  9.   rainer paschvoß

    Die Meinungen von Zuschauern, die ausschließlich aus Universitätsstädten rekrutiert wurden, können nicht repräsentiv sein.
    Wie würde das Ergebnis aussehen, wenn nur Bewohner aus Ortschaften unter
    zehntausend Einwohnern oder nur Menschen im Ruhrgebiet befragt worden wären?

  10.   Heinrich Simon

    Alles, nur nicht mit der FDP und CDU eine Koalition; Neoliberalismus wäre angesagt .

    Ich war immer der Meinung, alle zur Wahl zugelassenen Parteien bewegen sich auf dem Boden des Grundgesetzes. Warum werden von vorne herein Koalitionen mit kleineren Parteien ausgeschlossen ?

    Wir Wähler wissen doch, welche Klientel die FDP vertritt. Machen wir uns nicht´s vor, es ist die Loppy-Partei der „Besserverdienenden“ ( Reichen).

    H.S.