‹ Alle Einträge

Ein klares Ja für strikteren Nichtraucherschutz in Bayern – eine erste Analyse

 

Am Sonntag waren Bayerns Bürger aufgerufen, in einem Volksentscheid über den Nichtraucherschutz abzustimmen. Das Ergebnis fiel deutlich aus. Über 60 Prozent der Stimmen wurden für die Ja-Seite abgegeben, knapp 40 Prozent für die Nein-Seite. Solch klare Kräfteverhältnisse zeichneten sich bereits seit Ende Mai, als die Befragung der Universität Bamberg zum Volksentscheid begann. Die Kampagnen der Ja- und der Nein-Seite konnten an dieser Kräfteverteilung in der Zwischenzeit wenig ändern.

Das Thema Nichtraucherschutz, obgleich als emotional geltend, scheint bei vielen Bürgern nicht gezündet zu haben. Ablesen lässt sich das etwa daran, dass bis in die vergangene Woche hinein weniger als zehn Prozent der Befragten wussten, dass Sebastian Frankenberger, der führende Kopf der Ja-Seite, für den Gesetzesentwurf „Für echten Nichtraucherschutz!“ eintritt. Kaum besser war es um das Wissen der Bayern über die Position des „Aktionsbündnis Freiheit und Toleranz“ bestellt. Ein Wahlkampf, der viele Stimmberechtigte nicht erreicht, geschweige denn fesselt, kann kaum große Verschiebungen auslösen.
Insbesondere konnte die „Bayern sagt nein“-Kampagne nicht das Ziel erreichen, im Laufe des Wahlkampfes immer mehr Nichtraucher auf ihre Seite zu ziehen. Sie machen etwa 70 Prozent der bayerischen Bevölkerung aus, während rund 30 Prozent der Bürger zu den Rauchern zählen. Der Nein-Kampagne gelang es, im Laufe der Zeit die Bereitschaft der Raucher zu steigern, am 4. Juli mit Nein zu votieren. Das konnte allerdings nur ein Teil einer erfolgreichen Strategie sein. Darüber hinaus hätte die Nein-Seite auch immer mehr Nichtraucher für sich gewinnen müssen. Aber das gelang ihr nicht. Eher stieg der Anteil der Nichtraucher, die sich für ein Ja entscheiden wollten. Strategisch geschickt hatte sich die Nein-Seite als ein „Aktionsbündnis Freiheit und Toleranz“ organisiert, suchte sich also zum Anwalt nicht nur der Raucher, sondern des bayerischen „Leben und leben lassen“ zu machen. Allerdings vermochte sie diesen Anspruch kaum einzulösen, wie die Analyse des Stimmverhaltens zeigt.

Die Klarheit des Ergebnisses und die Schwierigkeiten, auch einen beträchtlichen Teil der Nichtraucher gegen einen strikten Nichtraucherschutz zu mobilisieren, sprechen dagegen, dass wir in Bayern bald ein Volksbegehren gegen den strikten Nichtraucherschutz erleben werden. Allerdings könnte das bayerische Vorbild andernorts Schule machen. Auch in anderen Bundesländern könnten Bürger versuchen, auf dem Wege der Volksgesetzgebung striktere Regeln für den Nichtraucherschutz durchzusetzen. Der bayerische Volksentscheid könnte somit ein Kapitel in einer längeren Geschichte zu direktdemokratischen Verfahren und dem Nichtraucherschutz in Deutschland bilden.

101 Kommentare

  1.   Ferdinand Stoll

    Diversity ahoi?
    Was für ein Tag. Vielen Dank an alle Nichtraucher, die für „Nein“ gestimmt haben. Sie achten andere Lebensstile und Lebensentwürfe. Für „Diversity“, die Wertschätzung für „Anderes“, war heute schlechter Tag. Die vielen Nichtraucher haben es den Rauchern gezeigt! Weiter so! Wer ist der nächste?

  2.   Hans-Peter Blume

    Als früherem starken Raucher und jetzigem jahrelangen Nichtraucher bleibt mir nach wie vor unverständlich, was es mit Nichtraucherschutz
    zu tun haben soll, wenn Gäste in Lokalen rauchen, in denen der Wirt
    es erlaubt. Wen der Rauch stört, braucht ja dort nicht einzukehren.
    Wenn ich keine Homosexuellen um mich haben will, gehe ich auch nicht
    in Schwulenkneipen. Die Welt wird immer verrückter.

  3.   Süßmann

    Ich bin heilfroh über das Ergebnis da ich ein absoluter Gegner vom Rauchen allgemein bin. Es kostet viel Geld, macht den Körper kaputt, verändert Menschen oft negativ und raubt Zeit. Und das schlimme ist das Suchtmittel Nikotin. Man kann nur sehr schwer wieder aufhören. Ich weis nicht wie das ist, da ich mein ganzes Leben ein Nichtraucher war und es auch immer sein werde. Natürlich habe ich mal probiert zu rauchen… fand es aber trotz allem ekelhaft und verstehe nicht, wie man damit überhaupt anfangen kann. Ich würde das Rauchen komplett verbieten. Privat und Öffentlich. Genau wie Kokain, Haschisch und sowas verboten ist. Jetzt fühlen sich manche ihrer Freiheit in Sachen Rauchen geraubt, aber mit der Zeit, wenn sie zum Rauchen aufhören müssen, da sie eben meist öffentlich rauchen wird ihnen bewusst werden, was für eine Last das Rauchen eigentlich war und warum sie es einfach nicht lassen konnten. Dann sind sie froh über so einen Volksentscheid wie heute am 4. Juli 2010
    B.Süßmann

  4.   Stefan

    Also ich finde es gut, auch wenn ich strikt gegen übertriebene Einmischung vom Staat und immer mehr Regeln und Gesetze bin. Die Zigaretten industrie macht uns doch seit Jahren kaputt und gezielt abhängig, dumm wer drauf reinfällt. ABER JEDEM DAS SEINE.

    Nur, wer im Restaurant oder sonst wo sitzt und nicht raucht tut keinem weh, aber wer raucht tut den anderen weh. Sollte nicht so sein, erst recht nicht wegen unseren Kindern. Umso weniger Menschen rauchen, erst recht öffentlich, umso weniger ist das für unsere Kids „normal“…

    Schöner Tag heute…

    Viele Grüße an alle…

  5.   stefan

    Die geringe Wahlbeteiligung zeigt das der vielbeschworene „Krieg“ zwischen Rauchern und Nichtrauchern überhaupt nicht stattfindet und stattfandet und sich selbst die Raucher – sofern es klare Regeln gibt – gerne ans Rauchverbot halten.

    In der Bevölkerung wird das Thema also sehr viel pragmatischer, und weniger ideologisch als in den Medien oder von der Tabaklobby, gesehen.

    Die Mehrheit der Gäste interessiert und interessierte sich mehr für die Qualität von Bier, Athmosphäre, Stimmung und Gästen als die Rauchfrage: selbiges kann man in Irland, Frankreich oder Norwegen erleben wo die Rauchfrage schon kurz nach Inkrafttreten der Rauchverbote kein Thema mehr war. Man trank weiterhin sein Bier, wie man es schon immer getan hat, und schüttelte nur noch kurz den Kopf über was man sich denn solange gestritten hat.

    Insgesamt ist die Entscheidung des Volkes eine Entscheidung pro Selbstbestimmung, denn nun kann in Bayern jeder autonom entscheiden ob er mitrauchen will doer nicht, und die Raucher dürfen weiterhin ihren Tabak konsumieren.

    Auch die Wirte haben endlich Planungssicherheit, ihr Wettbewerb wird nicht mehr verzerrt, auch zehntausende Euro an Kosten für Umbauten oder Lüftungsanlagen fallen weg. Die Stimmung in Lokalen wird nicht mehr durch die Trennung der Gäste verdorben.

    Letztlich wird die Entscheidung auch zu einem Mehr des Miteinander zwischen Raucher und Nichtraucher führen: wo diesen vorher Ihre „Unterschiedlichkeit“ auch noch durch Kennzeichnungen, Hinterräume und Glaswände verdeutlicht wurde, können sich beide Gruppen zukünftig im gleichen Raum sozialisieren, ohne getrennt zu sein, sich getrennt zu fühlen, ohne über Glaswände kommunizieren zu müssen.

    Schlussendlich sollte auch nicht vergessen werden dass das Rauchverbot am Ende einer Kette einer 10-jährigen Entwicklung stand wo weder freiwillige Regulierungen von Wirten und Rauchern akzeptiert, noch individuelle Toleranz praktiziert wurde: Nicht der Nichtraucher ist Verursacher und Initiant eines gesetzlichen Rauchverbots.

  6.   stefan

    Warum ist Trunkenheit am Steuer dann verboten? Reicht doch wenn sich die PKW-Inhaber Ihr Auto entsprechend kennzeichnend, woraufhin jeder „gewarnt“ ist, und sich dann nicht beschweren kann Opfer eines Unfalls geworden zu sein!

  7.   stefan

    „Sie achten andere Lebensstile und Lebensentwürfe.“

    Nur kleine Anmerkung: auch in Bayern, und auch mit dem aktuellen und neuen Entwurf kann sich jeder Bürger seinen Lebensstil mit Tabak selbst auswählen. Er kann frei entscheiden welche Marke er raucht, wieviel er raucht, er kann lediglich nicht mehr entscheiden in den Lebensstil und Lebensentwurf anderer einzudringen.

    Was ist eigentlich mit dem Lebensentwurf von alkoholisierten Autofahrern? Es sollte dort doch auch eine Ausnahmeregel, und tolerante Gesetzgebung geben, die es auch Alkoholikern erlaubt ihre individuelle Lebensplanung mit Alkohol im und am Auto auszuüben, nicht? Da sollte man mal nicht so kleinlich sein und ein bisschen Freiheit walten lassen…

  8.   Medman

    Wer der nächste ist? Der oder das nächste ist etwas, was ein Mensch tut aber nicht nur diesen Mensch selbst sondern auch noch Dritte unmittel- und nachweisbar gesundheitlich schädigt. Wenn wir jetzt aml die vielzitierten Autoabgase außen vor lassen (da gibts ja auch Umweltzonen) – machen Sie einen Vorschlag!

  9.   Pele

    Juhu, endlich klann man die Stammkneipe ohne Qualm geniessen und wird auch nicht verunglimpft, wenn man dies einfordert.
    Toleranz ist es die Rechte des Anderen zu Achten und deshalb freut es mich, daß nun auch dir nicht-toleranten, gezwungen werden Toleranz zu zeigen. Wenn wir auf einender zu gehen, kann man auch draussen ein Schwätzchen gemeinsam geniessen und anschliessend wieder rein gehen. Mich freuen diese neuen Möglichkeiten und es wird dadurch bei gegenseitiger Rücksichtnahme für alle besser und interessanter.

  10.   H.S.

    Wenn Diversity bedeuten soll, dass eine gross Mehrheit auf ihr Recht auf körperliche Unversehrtheit verzichten soll, dann war heute ein großer Tag für die Equality.
    Das von der Tabaklobby etablierte Raucherargument „Leben und leben lassen“ wirkt lächerlich angesichts der Tatsache dass die Raucher, die nach diesem Grundsatz leben, das Rauchen ganz bleiben lassen sollten, ganz zu schweigen vom Rauchen in der Öffentlichkeit.

    Langfristig wird dieses Rauchverbot auch für unser Gesundheissystem ein klarer Pluspunkt sein!